Kroatien: Wohnen mit Weitblick

Abgelegener geht es nicht: Im Süden Dalmatiens hockt das Inselchen Lastovo. Auf seinem Felsenkap thront ein Leuchtturm. Dort kann man schlafen. Wenn man gern allein ist

Von drei Seiten klatscht das Meer gegen die Felsen, auf denen wir sitzen. Eigentlich sitzen wir nicht, wir thronen: hoch oben auf den Karstklippen, die steil zum Wasser hin abfallen. Ein Logenplatz mit Rundumblick. Hinter uns erhebt sich im Licht der Morgensonne ein Leuchtturm, und vor uns steht auf einem Steintisch ein Frühstück, Kaffeeduft steigt auf - und eines ist schon am ersten Tag auf Lastovo klar: Kein Fünf-Sterne-Hotel könnte hier mithalten. Dabei hatte es zwölf Stunden zuvor richtig finster ausgesehen. In Korcula verpassten wir die Nachmittagsfähre. Schließlich durchpflügte das Schiff, das uns nach Lastovo brachte, ein nachtschwarzes Meer. Es war, als schaffe es uns aus der Welt. Das hatten wir zwar gewollt - auf eine abgelegene Insel, wo wir ein paar Tage unsere Ruhe haben würden und nichts als das. Aber nun erschien die Dunkelheit doch allzu bedrückend. Bis ein Lichtstrahl über die schwärzlichen Wellen huschte.

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Lichte Momente trotz Gewitterstimmung: Wolken hängen über der Südspitze von Lastovo

Nur eine Straße führt über die Insel

Erst einmal, dann wieder, dann in gleichförmigem Rhythmus. Das musste er sein: der Leuchtturm Struga, unser Zuhause für die kommenden Tage - unsere Laune hellte sich auf. Vom winzigen Hafen in Ubli aus konnten wir uns nicht verirren: Eine einzige Straße führt über die Insel. Sie brachte uns nach Skrivena Luka. Dort, in der Bucht, brannte im "Porto Rosso" noch Licht. Die Kellner freuten sich über die späten Gäste, der Koch zog einen empörten Hummer aus der Reuse am Kai und grillte ihn für uns. Dazu servierte er Spaghetti. Da war es weit nach Mitternacht. Wie sollten wir zum Leuchtturm finden? Der Ober kannte den Weg und fuhr vorweg, in Serpentinen eine Schotterpiste hinauf. Wir erkannten nur die Umrisse des Backsteinhauses, aus dem sich ein Turm emporreckte. Daneben stand ein bescheidenes Haus. Wir klopften, und ein Mann, Ende 40, Typ der reife Harrison Ford, öffnete verschlafen die Tür, führte uns zum Leuchtturm, steckte den Schlüssel ins Schloss, sagte: "Here is your room", und ließ uns allein. Am Morgen weckte uns der Wind, und Sonnenstrahlen fielen durch die Ladenritzen.

Genug Licht, um uns anzuschauen, wo wir gelandet waren: Kahle, weiße Wände, einfachste Betten, eine Wachstuchdecke auf dem Küchentisch, Plastikstühle. Für knapp 22 Euro pro Person, das war uns vorher schon klar, würde uns keine Edelherberge erwarten. Aber ein bisschen kuscheliger hatten wir es uns schon vorgestellt. Nada Kvinta, die Frau des Leuchtturmwärters und Vermieterin der Ferienwohnung, spürte unsere Enttäuschung, als wir zum Frühstück erschienen. "Unsere Wohnungen", sagte sie freundlich, "sind alle ähnlich eingerichtet. Unsere eigene ebenfalls." Ein Grinsen überzog ihr Gesicht. "Aber die Gäste, die zu uns kommen, mögen es so schlicht. Ihr etwa nicht? Hier ist die Natur der Luxus." Beim Frühstück mit Ausblick stimmen wir zu.

Bis 1989 war Lastovo als Militärgebiet für Ausländer gesperrt

Deshalb ist das Inselchen ganz im Süden der dalmatinischen Küste bis heute kaum erschlossen. Ein einziges Hotel gibt es, eine Handvoll Restaurants und Pensionen. Die Bewohner leben von Oliven, Obst, Weinbau und vom Fischfang. Der muss sich lohnen, das Meer ringsum zählt, wie Nada uns stolz bestätigte, zu den besten Hummergründen Europas. In den nächsten Tag gehen wir auf Entdeckungstouren. Landen in kleinen Badebuchten, schnorcheln durch das aquarium‑klare Meer. Wir wandern zwischen Kiefern, Kräutern und Macchia über die bergige Insel, entdecken Grotten und Höhlen. Das Hauptstädtchen heißt wie die Insel, Lastovo, und schmiegt sich an einen Hang. Seine skurrilste Attraktion sind die Schornsteine. Irgendwann muss unter den Bewohnern ein Wettstreit ausgebrochen sein: Wer hat den schönsten Schornstein? Ihre Fantasie durfte sich austoben: Türmchen, Blechdosen, Pyramidendächer, Obelisken - und Verzierungen, die aussehen wie aufeinandergeklebte Suppenteller oder umgestülpte Blumentöpfe.

Am liebsten aber kehren wir immer wieder zu unserem Leuchtturm zurück. Abends lädt Nada uns zu einem Gläschen selbstgebranntem Johannisbrotlikör ins Leuchtturmwärterhäuschen. Natürlich beschäftigt uns eine Frage: Wie kommt sie klar mit diesem Leben? Zwar in herrlicher Natur, aber doch so still und - einsam? Aber Nada, eine gewandte und warmherzige Frau, denkt gar nicht daran, sich zu rechtfertigen. Lieber erzählt sie. Wie sie ihren Jure kennenlernte, der viele Jahre zur See gefahren ist. Wie er Nietzsche entdeckte, den er bis heute begeistert liest. "Weil er findet, dass jeder sein eigener Gott ist." Wie entzückt sie war, als er von seiner Kindheit im Leuchtturm berichtete, wo schon die Großeltern und Eltern ihren Dienst taten. "Als Junge spielte er mit Muscheln, Krebsen und Langusten. Seine Mutter hatte viel Zeit für die Kinder. Sie zogen ihr Gemüse im Garten, hielten Ziegen und Hühner." Genau so wollte sie, Nada, auch leben.

In drei Leuchttürmen haben sie schon gewohnt, auf den noch einsameren Inseln Palagruza, Susac und Plocica. Als ein Sohn und eine Tochter kamen, zog die Familie nach Lastovo, wo es immerhin eine Schule gibt. Auch hier ist Stress ein Fremdwort für sie: "Wenn ich mal einen schlechten Tag habe, kann ich ihn einfach vertrödeln. Muße ist etwas Wunderbares." Später setzt sich Jure zu uns. Er schaut einige Male zum Turm hinauf. "Jetzt müsste er leuchten", sagt er. Das habe er im Gefühl. Und wirklich: Der Scheinwerfer flammt auf und der Strahl beginnt durch die Dämmerung zu fingern. Wie jeden Abend seit dem Jahr 1839, als Kaiser Franz Josef von Österreich den Leuchtturm errichten ließ. Jure nimmt uns die steile Wendeltreppe mit hinauf, in seinen Arbeitsraum. Früher hatten sie die Lampen erst mit Öl und dann mit Gas zu befeuern. Doch heute ist alles vollautomatisch gesteuert, er braucht nur noch ab und zu mal ein Modul auszutauschen. Aber er steigt gern in den Turm, sieht in die Weite, aufs Meer und vergisst die Zeit. Sein Hausphilosoph Nietzsche nannte Langeweile die "Windstille der Seele", was Jure als Privileg begreift. "Eigentlich", sagt der Leuchtturmwärter, "sind wir überflüssig, pure Romantik. "Aber niemand würde uns abschaffen. Denn wenn du einen Leuchtturm siehst, weißt du, dort sind Menschen. Und du bist bald zu Hause."

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Jure Kvinta erklärt die fröhliche Wissenschaft des Leuchtturmwesens: Er beherbergt Gäste, kümmert sich um den Leuchtturm und liest gern Nietzsche

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