Grönland: Bei einer Inuit-Familie in der Arktis

In der tiefgefrorenen Wunderwelt der Arktis - wo das Eis nie schmilzt und Wale leben - wohnte GEO Saison-Redakteurin Katja Senjor bei einer Inuit-Familie
In diesem Artikel
Erste Eindrücke
Nur 3500 Menschen leben im ewigen Eis Ostgrönlands
Einsamkeit, Alkohol und Hunger bestimmen den Alltag

Erste Eindrücke

Barbies in Seehundfellhosen lächeln vom Regal, auf einem ausgetretenen Schneewittchenteppich liegt eine Gitarre mit drei Saiten. CDs und Videos stapeln sich neben einem alten Commodore-Computer. Damenbinden, mit Herzchen und schnörkeliger Mädchenschrift verziert, hängen neben Britney-Spears- und Jesusbildchen an den Dachschrägen. Vor dem Fenster, nur wenige Meter entfernt, schwimmen Eisberge auf dem tiefschwarzen arktischen Meer. Der hohe Sommerhimmel strahlt in Pastelltönen, auf der anderen Seite der Bucht glitzern die Gletscher. Nebel streichelt die Schneekappen der Berge. Mehr als 80 Kilometer streckt sich der Sermilik-Fjord Richtung Süden. An seinem Ufer liegt die Siedlung Tiniteqilaaq, bewohnt von 104 Inuit. Einige haben sich entschieden, in ihren winzigen Häusern hin und wieder Platz für Touristen zu machen. Deshalb bin ich hier. Für eine Woche überlassen mir zwei Enkel von Paulus Larsen ihr Zimmer unterm Dach. Sie scheinen viele Verehrerinnen zu haben. Auf Damenbinden schwört man sich an der Ostküste Grönlands wohl die Liebe.

Erste Eindrücke

Ich liege auf dem Bett und versuche die ersten Eindrücke zu begreifen: Wie der 61-jährige Paulus mich mit dem Boot am Flughafen in Kulusuk abholte, wir durch den Nebel an Eisbergen vorbei Richtung Tiniteqilaaq fuhren. Wie wir durch das Dorf liefen: Wäsche flatterte vor den verwitterten Holzhäuschen, Fische trockneten neben Strümpfen, Schlittenhunde dösten an ihren Ketten. Eine tote Robbe trieb an der Boje nicht weit entfernt vom Hubschrauberlandeplatz, abgelegte Kleidung lag auf den Wegen. Dann öffnete sich die Tür zu einem roten Haus mit der seltsamen Hausnummer B 1134. Eine mollige Frau im übergroßen T-Shirt mit einer Ananas auf der Brust umarmte mich herzlich, führte mich in einen engen, mit Fotos und Bildern tapezierten Flur: Thomasine, die 60-jährige Frau von Paulus. Mikael, 7, und Lars, 13, schoben Häkeldeckchen, Kuscheltiere und die Plastikblumen, die zwischen den Sofaritzen steckten, zur Seite und machten Platz. Der Fernseher lief in dröhnender Lautstärke: Hans Moser, dänisch untertitelt, von einem grönländischen Sprecher übertönt, unterbrochen von Bootsmotoren-Werbung. Ich setzte mich dazu, als ob es das Normalste der Welt sei, bei einer Inuit-Familie zu Gast zu sein und dort einen österreichischen Heimatschinken zu gucken. Schon in meiner eigenen Straße in Hamburg würde ich bei Fremden nicht einfach durch die Tür spazieren und eine Woche bleiben.

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Inuit-Uhren gehen anders: Die Larsens planen ihre Tage nicht, nehmen sich Zeit für Schabernack, schlafen, wenn es regnet, jagen, wenn das Wetter passt

Für die Inuit eine Einkommensquelle, Touristen erwartet ein Naturerlebnis

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Budenzauber: die Häuser von Tiniteqilaaq in der Arktis

Aber ich wollte es nicht anders. Ich bin zwei Bootsstunden vom nächsten Flughafen entfernt. Kein Reiseleiter filtert die Eindrücke. Kein Dolmetscher interpretiert. Keine gemeinsame Sprache hilft beim Miteinander. Komme ich nicht zurecht, kann ich nicht ins nächste Hotel. Es gibt keines. Gefällt es mir nicht, könnte ich nur Anders Stenbakken anrufen, dass er mich vorzeitig abholt. 2007 quartierte der dänische "Eastgreenland Tourism"-Direktor das erste Mal Touristen bei den Inuit ein. In Seminaren erklärte er den Grönländern, was Gäste erwarten, die von weither anreisen, wie sie trotz Besuch ihren Alltag aus Jagen, Beerenpflücken und Lachsfischen organisieren können. Die Inuit hatten viele Fragen: Dürfen wir uns die Finger abschlecken, wie wir das immer machen, wenn es uns schmeckt? Und wie kommen die Urlauber damit zurecht, dass wir nicht wie die Inuit im Museum aussehen, dass wir ganz normale Fleece-Kleidung tragen und Plastikkajaks benutzen? Und werden unsere Gäste akzeptieren, dass wir Tiere schießen, kein fließendes Wasser haben und die Kloeimer nur alle paar Tage geleert werden? Nur fünf Familien an der ostgrönländischen Küste stufte Anders als zuverlässig genug ein, weil sie tatsächlich zu den verabredeten Zeiten am Flughafen sind und nicht auf dem Weg dorthin doch lieber Robben jagen. Weil sie ihre Häuser in Ordnung halten, nicht trinken und ihnen das Besondere ihrer Kultur bewusst ist. Den Inuit versprach Anders eine Einkommensquelle, den Urlaubern "unvergessliche Naturerfahrungen" und "authentische Erlebnisse".

Der Heimatfilm endet, die Familie schickt sich an, ins Bett zu gehen. Zähneputzen? Die Zahnbürsten der Familie stehen an einer Plastikwaschschüssel, die Reste des Abendessens kühlen unter dem Waschtisch, die Schuhe liegen zum Trocknen daneben. Wasser? Den Kanister finde ich in der Ecke. Das hölzerne Minihaus in der Wildnis erinnert an einen Wohnwagen. Paulus’ Frau Thomasine nimmt mich an die Hand, simuliert, was zu tun ist. So wird das die ganze Woche gehen. Was ich verstehen muss, schaue ich ab. Fragen kann ich nicht, Paulus’ Englisch besteht aus vier Wörtern. "Yes", "No", "Tomorrow", "Sailing". Und mein Grönländisch-Lexikon kennt nur die Sprache der Westküste.

Nur 3500 Menschen leben im ewigen Eis Ostgrönlands

Die meisten der 56 000 Grönlander wohnen in Westgrönland, hier liegt Nuuk, die Hauptstadt des Landes, das zwar unter dänischer Krone steht, aber autonom regiert wird. In Nuuk sind die wenigen Straßen der Insel, weiterführende Schulen, eine Universität, einige Hochhäuser. Zwischen Nuuk und dem Osten Grönlands wölbt sich eine drei Kilometer dicke Eisdecke, auf einer Fläche, größer als Deutschland, Polen, Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Ein Flugticket in den Osten der Insel kostet in der Regel mehr als eines nach Amerika. Das Packeis, das der Polarstrom heranträgt, blockiert die Ostküste sieben Monate im Jahr. Auf dem 2600 Kilometer langen Felsstreifen zwischen Eis und Ozean leben nur 3500 Menschen, sie sprechen eine eigene Sprache, waren über Jahrhunderte isoliert. 1894 kamen die dänischen Pfarrer, im zweiten Weltkrieg die Amerikaner mit ihren Luftwaffenbasen. Spätestens dann verloren die Inuit wie so viele Urvölker auf der Welt ihre Wurzeln – und ihre Identität. Jetzt drängen die Geologen nach Grönland. Die Schatzsucher vermuten unter den schmelzenden Gletschern Öl und Gold und planen erste Minen.

Angelausflug in die leere Landschaft

"Sailing", sagt Paulus am ersten Morgen, schiebt unsere Frühstücksreste, Käse- und Brotverpackungen, Kaffeetassen und Limodosen zur Seite und breitet eine Karte aus. Er zeigt auf den Fjord neben dem Dorf. Paulus geht voraus zum Hafen, ich trotte hinter ihm her, springe von den Felsen auf das kleine Boot, ducke mich, um mir an der Kabine nicht den Kopf zu stoßen, setze mich auf den Platz neben ihm. Wie lange fahren wir? Paulus nickt ratlos. Er schleust das Boot zwischen den Eisbergen durch, wirft die Angel aus. Die Fische beißen im Minutentakt. Angelzeug liegt überall auf dem Boot herum. Darf ich? Paulus versteht nicht. Ich nehme die Spule, entheddere die Schnur, mache es wie er, lasse den Blinker auf und nieder tanzen, angele Tang und Algen, wenig später einen armlangen Kabeljau, den ich stolz in den Bottich am Heck werfe. Paulus bricht ab, gibt Gas. Wohin? Keine Ahnung. Manchmal habe ich das Gefühl, selbst der Inuit weiß es nicht. Und langsam ist es mir auch egal, weil ich merke, dass das Nichtreden zu dieser stillen, leeren Landschaft passt, wo Stimmen weit tragen und Geräusche ewig reisen.

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Skulpturen auf Zeit: Gletscher klaben in die 80-Kilometer-Bucht. Ganz langsam treiben die Eisberge Richtung Atlantik

Auf einer Fahrt ohne Ziel bleibt dem Passagier nur eines. Der Blick aus dem Fenster: Auf dem Sermilik-Fjord treiben hunderte Eisberge langsam Richtung Atlantik. Skulpturen sind es, vom abschmelzenden Wasser in weiche Formen modelliert, manche groß wie Häuserblocks, andere von Staub und Erde verfärbt oder durchdringend blau und von der Sonne zu Juwelen geadelt, einige erinnern an den Nippes in den Inuit-Wohnzimmern, kitschige Miniaturen, durchsichtig wie Murano-Glas. Plötzlich höre ich ein lautes "Pffffff", dann noch mal. Zwei Buckelwale schwimmen hinter einem Eisberg hervor, holen Luft. Einer der Wale hebt den Kopf, schaut mit seinem großen Auge zu uns herüber. Er taucht ab, hinterlässt kreisförmige Wellen, die sich ganz langsam im zähen Eiswasser ausbreiten. Die Begegnung klingt lange nach. Das war keine Whale-Watching-Tour, wo man die Wale erwartet. Der Auftritt der Riesensäuger hat mich völlig überrascht. Und vielleicht deshalb so beeindruckt?

Stille

Wir legen an. Die Ebbe hat auf dem Strand Eisschollen wie kleine weiße Tische abgelegt, ein See oberhalb der Felsen nährt einen kleinen Bach. Paulus spannt ein Netz auf. Für die Lachse. Setzt sich auf einen Stein und nascht von den Moorbeeren, die in großen Matten zwischen den Felsen wachsen. Nichts Schroffes hat diese Landschaft, eher etwas Außerirdisches: Das schwere Eis hat die Ecken und Kanten der Felsen geschliffen. Die Linien der Gesteinsschichten laufen über hunderte Meter parallel am Boden entlang. Das meiste Leben ist am Himmel. Die vielen Flugzeuge, die auf dem Weg von Europa nach Amerika Grönland überqueren, hinterlassen Spuren, weiße Kratzer auf dem blauen Grund.

Ich setze mich auf einen Fels, atme die kalte Luft und mache eine Entdeckung. Das Land riecht nicht, nicht die Erde, nicht der Fels, nicht die Luft. Selbst die Ohren haben fast nichts zu tun. Nichts ist da, was im Wind rascheln könnte, kein Busch, kein Baum, nur ein paar lilafarbene Glockenblumen stehen am Seeufer. Plötzlich höre ich Rufen, Keckern, es müssen Raben sein, ich sehe die Vögel nicht, dann tauchen sie am Rand des Fjords auf. Ihre Stimmen werden lauter, sie fliegen dicht über mich hinweg, verschwinden langsam, nur noch ihr Rufen höre ich, minutenlang. Was für ein Auftritt. In dieser Stille werden Vögel zu Stars.

Ein mannshoher runder Fels in der Nähe des Strandes weckt meine Neugier, unter dem natürlichen Dach liegen Flechten, verwitterte Knochen. Ich will mehr wissen. Zurück im Dorf organisiere ich einen Dolmetscher, Erik, ein dänischer Zimmermann, der gerade die Schule renoviert, kann leidlich Ostgrönländisch. "Ich erinnere mich an die große Zeit der Jäger", bestätigt Paulus: "Wir waren tagelang unterwegs, schliefen manchmal auf den Flechten unter dem großen Felsen." Zwölf Jahre war er alt, als seine Eltern das Nomaden- und Jägerleben und ihre Erdhäuser aufgaben und in die Siedlung Tiniteqilaaq zogen. Paulus war Zeuge aller großen Veränderungen im Dorf: der erste Wintersturm, der die leichten Holzhäuser umzupusten drohte, die erste Ölheizung, der erste Fernsehabend, irgendeine dänische Komödie.

"Sage Brigitte, wir haben Hunger"

Vier Kinder haben Thomasine und Paulus großgezogen. Auch sie teilen das Schicksal vieler Inuit. Zwei der Kinder sind tot, eine Tochter trinkt. Zwei der neun Enkel fanden bei den Großeltern ein neues Zuhause. Mit der Jagd allein könne er seine Familie nicht mehr ernähren, sagt Paulus. Seit Brigitte Bardots Kampagne gegen den Pelz sank der Preis von 500 auf 275 Kronen, etwa 34 Euro. "Sage Brigitte, wir haben Hunger", erzürnt sich Paulus: "Wir haben nie Robbenbabys gejagt." Zusätzliches Geld verdient er - wie die Hälfte aller Grönländer - beim Staat. Er betreut die Jugendlichen, die sich abends im Versammlungshaus treffen, ist der Hausmeister von Rathaus und Gemeinschaftshaus, vertritt Tiniteqilaaq im Gemeinderat der nahen Stadt Tasiilaq, kämpft dafür, dass die 27,3 Millionen Euro, mit denen Grönland die fünf kleinen Ostküstensiedlungen unterhält, weiter auch in sein Dorf fließen. Während ältere Inuit wie Paulus und Thomasine noch wissen, wie man autark in der Wildnis überleben kann, sind die jungen abhängig von den dänischen Lebensmitteln, Öl, Benzin und Schnaps: "Wenn das Versorgungsschiff nicht mehr kommt, ziehen die meisten weg." Paulus sieht erschöpft aus. Er dreht den Fernseher laut, zeigt auf meinen Platz auf dem Sofa zwischen den Plastikblumen. Genug der Worte.

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Augenzeuge: Als Junge wohnte Paulus im Erdhaus, zusammen mit seinen Eltern und seinen sieben Geschwistern. Bis zu dreißig Menschen teilten sich Topf und Bett

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Robbenfellhosen und Kamikstiefel: Bürgermeister Otto Nakinge und seine Familie tragen ihre Tracht

Am nächsten Morgen regnet es. Paulus und seine Familie schlafen noch. Die hungrigen Schlittenhunde rund um das Haus jaulen so laut, dass Liegenbleiben keinen Sinn mehr hat. Ich tapere über den Dorfplatz, am Wassertank, an der Schule vorbei, zum Gemeinschaftshaus. Dort sind die einzigen Duschen des Dorfs. Dort kann man im Internet surfen, wird Kaffee für kleines Geld verkauft. Ein Junge hat sich als Batman verkleidet und macht die Veranda des Hauses zu seiner Bühne. Er begleitet mich zum Friedhof mit den weißen Holzkreuzen, zum Öllager, dem Hafen, geht mit mir in den dänischen Shop, der jetzt im Sommer gut gefüllt ist mit Robbenfleisch, Gewehren, Milch, Äpfeln, Tabasco, Hundefutter, Maschinenöl, Fußballschuhen. Batman hilft mir, als ich auf dem robbentrangetränkten Felsen zwischen den Häusern ausrutsche. Er stellt mich auch der Kindergärtnerin Lia vor, die morgens im Hauptraum des Versammlungshauses einen Berg Legosteine vor den Dorfkindern auskippt. Wir kommen an der Krankenstation vorbei, die wie fast immer geschlossen ist - der Arzt kommt nur viermal im Jahr. Auf der Straße treffen wir Atli Hansen, den neuen Lehrer.

Einsamkeit, Alkohol und Hunger bestimmen den Alltag

Spiderman, er heißt eigentlich Ole, ist einer von Atlis 15 Schülern, die auf das Ende der Sommerferien warten. Atli streicht ihm über den Kopf. Seit neun Jahren unterrichtet der Däne Englisch, Physik und Mathematik "auf Grönländisch. Aber das ist die Sprache der Westküste. In der Inuit-Sprache der Ostküste kann man nur bis 20 zählen. Sie hat sich nicht modernisiert. Zu wenig Menschen", sagt Atli. Der Lehrer kommt gerade aus dem Kanarenurlaub. Lichttanken vor dem Winter. Nervennahrung: "Haben Sie schon mal versucht, hungrige und verwahrloste Kinder zu unterrichten? Der Alkohol in den Familien ist mein größter Feind." Atli muss los, der Fußboden in seinem Haus werde heute Abend noch verlegt. Ein neuer Boden wäre eigentlich nicht nötig gewesen, sagen die Bauarbeiter, aber vielleicht bleibt Atli dann etwas länger als der vorherige Lehrer, der mit der Einsamkeit nur schlecht zurechtkam.

Das Wetter bestimmt den Lebensrythmus der Inuit

Am späten Vormittag hört es auf zu regnen. Thomasine füllt die Kaffeekanne, packt Brote in eine Tüte. Wo ist das Gewehr? Wer hat das Handy? Die ganze Familie bereitet sich auf einen Ausflug vor. 20 Minuten fahren wir über den Fjord bis zur Insel Qertartivatsiaq. Mit Eimern, Tüten und der Kaffeekanne verlässt die Familie das Boot, setzt sich in die sonnenwarmen Flechten, fängt an zu pflücken, winzige schwarze Beeren perlen in die Plastikschüsseln. Später führt uns Thomasine zu Ruinen, kleinen bewachsenen Erdwällen. Bis in die fünfziger Jahre stand hier ein Inuit-Dorf: ihre Heimat. Dem kleinen Mikael wird langweilig, und er verteilt seine Spucke in Mustern auf den Felsen. Paulus steht auf, wortlos, die anderen folgen. Alle verstehen das Signal für die Abfahrt. Langsam beginne ich, diese Menschen zu begreifen. Tage, Wochen haben keine feste Struktur. Das sicherte der Inuit-Kultur das Überleben, seit 4500 Jahren. Sie tun ihre Arbeit, aber dann, wann sie wollen, wann das Wetter es zulässt. Gegessen wird, wenn man Hunger hat, geschlafen, wenn es regnet. Im Larsen-Haus hängen sieben Uhren, jede geht anders. Paulus steuert auf einen Felsen zu, wirft den Anker und springt an Land. Ein Fluss plätschert durch die Felsen. Paulus, Thomasine, Mikael und Lars krempeln die Ärmel hoch, versenken die Arme bis zur Schulter im Eiswasser und tasten unter den Steinen. Lars schreit, zieht einen Fisch aus dem Wasser, jubelt. Er hat einen Lachs gefangen - mit bloßen Händen!

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Gigantisches Kühlelement: Im Tasilartik-Fjord schrumpfen Boote auf Spielzeuggröße

Touristen reden so viel ...

Abends essen wir den Fisch mit Moorbeeren. Thomasine holt ein Stück getrocknete Robbe aus dem Schuppen. Ich lutsche die Fischgräten, fiesele das schwarze, zähe Robbenfleisch mit Fingern von den Knochen, es schmeckt erst tranig, nach zwei Bissen wie eine herzhafte Wildsalami. "Mamakkaaju", stöhnt Paulus, "lecker". Er holt sein Ostgrönländisch-Englisch-Lexikon aus dem Regal. Stören Touristen beim Jagen und Fischen? Paulus blättert in den Seiten: "Sie reden so viel. In diesen Tagen habe ich so viele Sätze sagen müssen wie sonst in einem ganzen Winter."

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