Kanada: Opfer des Klimawandels

Ihre eisige Lebensgrundlage schmilzt ihnen regelrecht unter den Füßen weg - weshalb sich die Inuit zu einem ungeheuerlichen Schritt gezwungen sahen
In diesem Artikel
Neue Worte für neue Bedrohungen
Im Zeitraffer in die Moderne
Petition: Recht auf Kälte
Hundeschlitten sind Vergangenheit
Kinder des Eises
Wetter und Tiere spielen verrückt
Goldgräberstimmung im Tauwetter
Noch hat Jagen Vorrang

Neue Worte für neue Bedrohungen

Silaup asijjipallianinga – ein Wort, das niemanden kaltlässt. Weder im Nordterritorium Nunavut noch in der kanadischen Hauptstadt Ottawa und ebenso wenig in den Schaltzentralen anderer Länder. Es ist die neueste Wortschöpfung eines kreativen Volkes, das von seiner Sprache behauptet, in ihr offenbare sich die Art und Weise, ein Inuit zu sein, ein "Wesen mit Seele", ein Mensch. Silaup asijjipallianinga ist ein Wort, das eine neuartige Gefahr umschreibt. Übersetzt heißt es: "der sich schrittweise vollziehende Wetterwechsel". Klimawandel, sagt die übrige Welt.

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Pangnirtung: Wenn der Permafrostboden auftauen sollte, könnten die Stelzenhäuser ins Meer driften

An diesem Frühlingsmorgen, 20 Grad minus, 46 Kilometer südlich des Polarkreises, scheint alles gut zu sein. Wie früher, als die melodische Sprache "Inuktitut" noch keinen Begriff für die neue Bedrohung kannte.

Alukie Metuq, vierfache Mutter, sitzt auf ihrem Schneemobil, Ungeduld im Gesicht. Eine Welt aus drei Farben umgibt sie. Tiefblau der arktische Himmel, glühendweiß das Eis des Meeres, granitschwarz die Felsen der schroffen, 800 Meter hohen Berge in ihrem Rücken. Angelruten und Gaskocher sind eingepackt, die Freundinnen warten auf ihren Motorschlitten bereits unten am engen Fjord, der tief in die Baffin- Insel in Kanadas Norden schneidet. Nichts und niemand darf sich ihnen heute in den Weg stellen, keine Kinder, keine Männer, keine Sorgen. Raus. Hinaus aufs Eis. Die Fische warten. Jagen und Fischen bedeutet nicht nur, Tiere zu töten und Nahrung zu beschaffen, hatte Alukie Metuq am Abend zuvor gesagt. Dabei schnitt sie rohe Belugawalhaut in Würfel, rühmte deren Kokosnuss-Aroma und Vitamin-C-Gehalt. Als wir uns danach die zartrosafarbenen Stücke der handdicken Walfettschicht im Mund zergehen ließen, lobte sie auch diese: "Reich an guten Fettsäuren."

Rund 1200 Menschen leben wie Alukie Metuq im kleinen Ort Pangnirtung, kurz Pang. Es sind fast ausschließlich Inuit, früher "Eskimos" genannt, "Rohfleischesser". Regelmäßig geht Metuq, die auch mit 35 noch davon träumt, einmal ein College besuchen zu können, mit ihrem Mann Noah auf Seehund-, Walross- oder Karibu-Jagd. Das Fischen ist in ihrer Heimat seit jeher Domäne der Frauen. "Für uns bedeutet Jagen nicht Arbeit", sagte sie. Es sei Reflex, Bedürfnis, Leidenschaft und Therapie – der Inbegriff der Inuit-Kultur. Mit der Jagd begebe sie sich auf eine Zeitreise: zum Leben ihrer Eltern und Großeltern, die von Eisbären das Beutemachen lernten und von der Meeresgöttin Sedna Robben in Empfang nahmen. "Wenn wir jagen", sagt Alukie Metuq, "sind wir ganz bei uns." Wie mag es wohl für jemanden wie sie gewesen sein, in einer künstlichen Siedlung wie Pangnirtung aufzuwachsen, in einem Ort, dessen kurze Geschichte eher von Entfremdung als von Selbstfindung erzählt? Zwar trocknen hier noch Eisbär- und Robbenfelle vor den Häusern, hängen Fische wie rote Fahnen an Leinen. Doch längst tragen die Menschen pralle Einkaufstüten aus dem Supermarkt. Lastwagen bringen Wasser und saugen Kloaken ab, weil der gefrorene Boden jegliche Kanalisation verhindert. Und die Propellerflugzeuge landen nach einem halsbrecherischen Anflug auf der Schneebahn mitten im Ort.

Im Zeitraffer in die Moderne

Pangnirtung, seit den 1950er Jahren von kanadischen Planern als Mustersiedlung ausgebaut, ist zum Sammelbecken für ehemalige Nomadenfamilien geworden, die bis zu ihrer Umsiedlung Veränderungen von der Langsamkeit eines uralten Gletschers erfahren, die isoliert und als Selbstversorger auf der Baffin-Insel gelebt hatten.

Zur Sesshaftigkeit genötigt, sahen sie sich einem steten Strom von Beratern und Erziehern ausgesetzt. Auch die sechsköpfige Familie Metuq in ihrem 70-Quadratmeter-Haus lebt heute, wie jeder zweite Bewohner Nunavuts, von Sozialhilfe. "Wir sind im Zeitraffer in die Moderne gestürzt", hatte Alukie Metuq abends am Holztisch in ihrer billigen Einbauküche gesagt, als wir nach dem Essen schwarzen Tee aus Bechern schlürften. Die Frau mit den scharfen Augen der Jägerin hatte einen Blick auf ihre Kinder geworfen: zwei Mädchen, die auf das Fernsehgerät starrten, und zwei Jungen, die am Computer virtuelle Feinde beschossen. Das einzig Stabile in ihrem Leben seien die Familie und das Jagen, seufzte die Mutter. Doch nun schmilzt selbst die Verlässlichkeit alter Konstanten dahin. Während Wissenschaftler und Politiker noch um Treibhausgase und Emissionszertifikate feilschen, sind die Auswirkungen von silaup asijjipallianinga für Alukie Metuq und ihre Familie längst spürbar. Vor Kurzem haben selbst die Gletscher im nahen Nationalpark Auyuittuq – "dem Land, das niemals schmilzt" – begonnen, sich zurückzuziehen. Seither ahnen alle hier, dass sie gewissermaßen im Brennpunkt jenes irdischen Fiebers leben, das die Welt als Treibhauseffekt kennt. Im zerbrechlichen Ökosystem um den Nordpol schreitet die Erderwärmung schneller als auf dem übrigen Planeten voran. Für ein Volk, dessen Kultur auf Kälte beruht, ist Klimawandel zum Menschenrechtsthema geworden.

Petition: Recht auf Kälte

Im März 2007 starteten die Ureinwohner der Arktis deshalb eine spektakuläre Aktion. Nach einer Serie von Unfällen – kaum eine Ortschaft in Nunavut, in der nicht Jäger samt Schlitten im dünn gewordenen Eis eingebrochen wären – machte sich eine Delegation auf den Weg nach Washington, um vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte gegen die Klimapolitik der USA zu demonstrieren.

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Wann immer es das Wetter zulässt, treibt es die Inuit aufs Eis. Männer jagen Robben, die Frauen fischen

In einer einzigartigen Petition hatten sie ein "Recht auf Kälte" gefordert. Obwohl bisher nicht mehr als eine Anhörung folgte, hat die Protestaktion viele zum Nachdenken gebracht. Ist der Cha­rakter der Inuit doch sonst eher von emotionaler Zurückhaltung geprägt, vom schicksalsgläubigen Hinnehmen jeder Widrigkeit.

Wer einen Vertreter des Volkes kennenlernt, trifft zunächst auf kalt-spröden Charme. Kaum ein Wort des Willkommens und des Abschieds, des Dankens oder Bittens. Blickkontakt genügt, keine großen Gesten, nur das Wesentliche zählt: Taten. Schweigen und Toleranz gelten als Strategie des Überlebens. Ein Verhalten der perfekten sozialen Kontrolle, bestimmt vom Ziel der Konfliktvermeidung, perfektioniert über die Jahrhunderte, in denen isolierte Clans auf engstem Raum und intimste Weise zusammengeschweißt für viele dunkle Monate miteinander auskommen mussten, in Iglus oder Zelten aus Fell und Walknochen. Was muss also passiert sein, damit ein solches Volk seine Stimme erhebt?

Das Bewusstsein für die Bedrohung tritt wenigstens an diesem Frühlingsmorgen im April zurück. Wetter und Licht perfekt, Jagdbedingungen bestens – das bringt die heiße Komponente des kühlen Gemüts zur Entfaltung, angefacht vom wohl härtesten Lebenskampf aller menschlichen Gemeinschaften. Nichts scheint diese Menschen so sehr zu beleben, wie die Aussicht auf vitaminreiches Fleisch und Wärme spendendes Fett der Beute. "Steig auf!", fordert Alukie Metuq. Leicht gesagt, schwer befolgt – derart eingehüllt in die Haut und den Geruch von Tieren. Die traditionelle Hochwinterkleidung der Inuit zwingt zu steifbeinigen Roboterbewegungen. Mehrschichtige, schwere Jacke. Handschuhe aus Robbenfell. Feste, bis an die Oberschenkel reichende Stiefel mit Eisbärfell und Doppelschichten Karibu-Fell am Schaft – ein handgearbeitetes Kunstwerk zum Schutz vor Spitzentemperaturen bis minus 40 Grad Celsius. Metuq lächelt milde, als sie die unbeholfenen Bewegungen ihres Gastes sieht. Für sie sind die Wetterbedingungen optimal. Minus 20 nennt sie "frühlingshaft warm", ihr selbst genügt ein leichter Anorak.

Hundeschlitten sind Vergangenheit

Die kleine Frau legt sich stromlinienförmig über die Lenkstange ihres Schneemobils, im Gebrüll der Motoren stieben wir durch den flaumweichen weißen Untergrund. Hinaus aus dem schützenden Fjord aufs Meer der Kristalle. Das Licht tut weh, Fahrtwind zerreißt die Haut, Holpern verkrampft die Muskeln, nur der Klammergriff der Schenkel hält den Körper auf dem Plastiksitz. Jede gefrorene Welle ein Stoß in den Rücken – kein Wunder, dass Ärzte seit der Einführung der "Skidoos", wie Kanadier die Motorschlitten nennen, bei den Inuit gestauchte Wirbelsäulen feststellen. Und dennoch gilt das Benzin fressende "Etwas, das mit Krallen am Boden kratzt" den Inuit ausnahmsweise als "gute Errungenschaft des Südens". Keiner beschwert sich über den röhrenden Lärm, das versickernde Motorenöl oder die für immer konservierten Schlittenskelette auf wachsenden Schrotthalden.

Das gemächliche Reisen mit dem Hundeschlitten ist für die meisten Inuit von Nunavut Vergangenheit, wie so vieles. In Pang scharren noch die Hundegespanne von zwei Familien mit den Pfoten im Schnee. Alle anderen Haushalte schwören auf Motorschlitten, schon kleine Kinder rasen mit Miniaturausgaben durch die Straßen. Inzwischen benötigt man zu den einige Buchten entfernt liegenden Fischseen, die wir erreichen wollen, zwei Stunden. Früher war es ein ganzer Tag. Kolosse aus türkisfarbenem Eis säumen unseren Weg. Die ächzende und knarzende, vom Gezeitenwechsel bewegte Hartschicht unter uns ist mehr als einen Meter dick; seit langer Zeit war der vergangene Winter endlich wieder einmal kalt. Die Frauen fahren trotzdem im Konvoi, denn der Untergrund ist unberechenbar. Der Anstieg der Lufttemperaturen um etwa drei Grad Celsius in den vergangenen 50 Jahren lässt die Polkappen in besorgniserregender Geschwindigkeit schmelzen.

Kinder des Eises

"Wir sind Kinder des Eises", sagt Alukie Metuq, als gäbe ihr das gefrorene Wasser Führung, Halt und Schutz. In einem Territorium, das fast sechsmal so groß ist wie Deutschland und knapp 30000 Inuit Heimat bietet, in dem sich gerade einmal 21 Straßenkilometer befinden und dessen Siedlungen nur mit dem Flugzeug zu erreichen sind, ist die Schicht über dem Meer nicht nur Jagdrevier, sondern auch Hauptverkehrsweg. Begannen die Straßen der Eiswelt früher Anfang Juni zu tauen, kann es mittlerweile bereits Ende April tückisch werden. Metuqs Eltern wussten noch genau, wo Schwachstellen lauerten, Untiefen und Strömungen.

Heute verliert das traditionelle Wissen um die Natur seine Bedeutung. Selbst erfahrene Jäger wie Metuqs Mann sind vor Einbrüchen nicht mehr sicher, bei zwei Grad Wassertemperatur ein schneller Tod. Auf dem See Avataqtuu, "dem alten Fischplatz", ist das Eis noch stabil. Wie Verkehrspolizisten bewegen Dutzende von ansonsten reglosen Menschen langsam ihre Arme auf und nieder, in den Händen Holzstäbe, von denen Leinen in Eislöcher reichen. Lacher hallen an Bergwänden wider, Begeisterungsschreie, wenn ein großer Saibling an Land zappelt, Verwünschungen, wenn der Fisch vom Haken geht.

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Noah Metuq lehrt schon seinen jüngsten Sohn, auf dem Eis zu überleben

Alukie Metuq betrachtet lustvoll ihre Beute. Die berüchtigt gute Anglerin hat nach wenigen Stunden 30 Fischleiber im Schnee aufgereiht. Der Gaskocher faucht, Schneewasser brodelt, ein Saibling gart schon im Topf. Wir knien auf dem Eis, Kissen unter den Beinen. Pangnirtung mit all seinen Problemen erscheint weit weg. "Wir leben noch", sagt eine von Alukies alten Tanten, "trotz allem." Sie ist von einer ihrer Töchter in einem Holzschlitten auf den See gefahren worden, thronend auf bunten Kissen und kostbaren Fellen. Jetzt ruht sie im Kreis der Frauen und erzählt von der Zeit, als ihr Clan während der Fischsaison in Iglus Schutz suchte. Doch der vom Wind stetig gepresste besonders dichte Schnee für die Winterhäuser, die sie damals vor allem während der Reisen in Windeseile aufbauten, ist heute kaum noch zu finden.

"Wir können das Wetter nicht mehr lesen", sagt die alte Frau, die es früher für Tage vorausgesagt hatte. "Es verändert sich dramatisch schnell." Sie schaut in den Himmel. An einem Tag Südsturm – der "maskuline warme Wind", der das Eis brechen kann. Und gleich darauf "kalter weiblicher Nordwind", der den Iglu-Schnee perfekt machen würde – wenn er denn länger anhielte.

Auf Plastiktüten dampft das rosa Fleisch des Saiblings. Daneben ein Ketchup-Fleck, in den selbst die Alten ihre köstlichen Fischbrocken tunken. "Gute Nahrung", ruft Alukie Metuq, country food, da schade auch die Tomatensoße aus der Tube nicht. Aber viele Familien lebten von zu viel schlechtem white food, obwohl die eingeflogenen Waren teuer seien und es, angeblich seit die ersten Läden geöffnet haben, in Pang Herzinfarkte, Bluthochdruck und Fettleibigkeit gibt. "Aber auch unsere traditionellen Speisen sind gefährlich geworden", weiß Alukies Tante und schließt ihren Anorak über der fülligen Figur. Die Nichte nickt: Nirgendwo ist Muttermilch heute so belastet wie in der Arktis. Durch Meeres- und Luftströmungen aus dem Süden herangetragen und aufgrund der Kälte nicht abgebaut, konzentrieren sich organische Schadstoffe und Pestizide vor allem im Fett der arktischen Säugetiere.

Wir trinken die heiße Brühe, eine Welle wohliger Wärme verteilt sich im Körper. Alukie Metuq pult mit einem Messer Fischaugen aus den Saiblingsköpfen und steckt sie einem Neffen als Leckerei in den erwartungsvoll aufgerissenen Mund. Noch gilt der Fisch in den Seen als sauber. Aber wie lange werden die Menschen des Eises ihn fangen können?

Wetter und Tiere spielen verrückt

"Nicht nur das Wetter, auch die Tiere spielen verrückt", sagt Alukie Metuq. Unbekannte Arten tauchen im Norden auf, für die das Inuktitut noch keine Namen hat. Neue Fischspezies aus dem Atlantik verdrängen den arktischen Kabeljau, von dem sich Robben und Eisbären ernähren. Rotkehlchen oder Schwalben halten Einzug. Karibus verändern ihre Wanderwege. Sie können nicht mehr unter dem Schnee nach Nahrung suchen; dicke, scharfkantige Eiskrusten, die besonders durch häufige Gefrier- Schmelz-Zyklen entstehen, verletzen ihre Läufe. Und die Lemminge, Hauptspeise des Polarfuchses, machen sich rar.

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Moderne und alte Werte zu vereinen, ist das Ziel des Ehepaars Metuq. Seine Kinder gehen auf die höhere Schule und zum Jagen

Auf der Suche nach Packeis zieht die Jagdbeute der Menschen weiter nach Norden: Denn ohne Eis haben Robben keine Bänke mehr, auf denen sie ihre Jungen zur Welt bringen. Eisbären geht die Nahrung aus. Und Walrosse finden keinen Platz auf Schollen, wo sie rasten und ihre Muschelmahlzeit verdauen könnten.

Goldgräberstimmung im Tauwetter

Viele Umweltprobleme verstärken sich auch noch gegenseitig, beschleunigt von der Goldgräberstimmung, die mit dem polaren Tauwetter eingezogen ist. Erdöl, Gold, Diamanten, Kohle, Uran – der Rückzug des Eises macht die Bodenschätze der Arktis plötzlich zugänglich. Schon rangeln Anrainerstaaten um Bohr- und Schürfrechte und die Kontrolle der neuen eisfreien Seewege (siehe Seite 135). Ob der Reichtum ihres Landes aber wirklich die versprochene Hoffnung für die Inuit bringt? Alukie und ihre Freundinnen glauben kaum daran. Zahlreich und unwiderstehlich sind die "Gifte aus dem Süden", die seit Langem ihre Gemeinschaft zersetzen. Gier, Drogen, Glücksspiel und imialuk, das "überwältigende Wasser", der gefährlichste Feind überhaupt, sagen die Frauen. Ihr Heimatort gehört zwar zu den dry communities, in denen sowohl der Verkauf als auch der Verzehr von Alkohol verboten sind. Dennoch kauern Jugendliche besinnungslos vor dem Supermarkt. Und das Schlimmste: Auch viele der Verantwortlichen trinken. Jeder kennt die Dealer. Keiner greift ein. "Wie in einem Boot, bei dem Segel und Ruder in verschiedene Richtungen ziehen", sagt die Tante. Darin, erklärt sie weiter, säßen viele junge Männer, verloren im Niemandsland zwischen Vergangenheit und Zukunft. Einst Jäger mit höchstem Status, versinken sie in tiefer Leere, richten ihre Aggression nicht selten gegen sich selbst: Die Suizidrate bei den Inuit, vor allem den männlichen, ist elfmal höher als im übrigen Kanada. "Frauen reden wenigstens über Probleme", sagt Alukie Metuq, "wir durchbrechen die Kultur des Schweigens." "Teach the men", heißt es daher in den Behörden Nunavuts. Den Männern muss geholfen werden.

Motorengeräusch durchdringt die Stille. Alukies Mann, Noah Metuq, und der 14-jährige Gordon steigen vom Schlitten: Der Vater mit Wind, Kälte, Sonne und Zurückhaltung im Gesicht, der Sohn mit den hübschen Zügen der Mutter und blond gefärbter Stoppelfrisur. Den ganzen Tag haben sie an einer Eiskante verbracht, das Gewehr in einer Hand, den Fanghaken in der anderen, reglos über Atemlöcher gebeugt, die Robben sich zum Luftholen offen halten.

Noch hat Jagen Vorrang

Doch wieder kein Glück gehabt. Der Jagdschlitten ist leer. Schnell über das Meer ziehende Streifenwolken haben sie zum Aufbruch gemahnt. Südwind könnte aufkommen, er bricht das Eis. Den Fehlschlag nehmen sie mit Gelassenheit. Auch früher gingen sie leer aus. Doch nun passiert das häufiger, sagt Noah Metuq und reicht dem Sohn einen Becher heißer Brühe. "Nur starke Männer sind liebevolle Männer", flüstert Alukie, ohne dass ihr Mann es hören kann. Nach ihrem ersten Verlobten, einem gewalttätigen Trunkenbold, hat sie mit Noah einen zuverlässigen Jäger gewählt, berühmt für seine Geschicklichkeit beim Walfang. Harter Geist, weiches Herz, kein Alkohol. "Ein großartiger Vater", sagt sie. Seine Kinder lehrt er die alten Tugenden des erfolgreichen Jägers: nicht nur das richtige Maß an Kontrolle, sondern auch Hartnäckigkeit, Mut, Geduld, Stärke und vor allem Widerstandskraft gegen Frustration und Stress. Die Lehrer in der höheren Schule von Pang haben den Wert dieser Ausbildung längst erkannt: Wenn Gordon mit dem Vater aufs Eis geht, ist er automatisch entschuldigt. Jagen ist Prävention, Jagen ist Therapie.

Noah Metuq lehrt sogar an der Schule, wie man im Eis Beute macht. Der Sohn baut im Unterricht ulus für seine Mutter, jene Halbmond-Messer, mit denen Fett von Robbenhäuten geschabt wird. Aus dem Radio hallen Aufrufe an die Mädchen: "Kommt Fellkleidung nähen", das alte Überlebenshandwerk der Frauen gegen Kälte. In der Grundschule sprechen Lehrer nur Inuktitut; künftig, wenn genügend Inuit ausgebildet sein werden, soll es auch in der Highschool so sein. Alukie Metuq rollt ihre Leine auf. "Wir müssen weitergehen", sagt sie, "wir können nicht mehr zurück." Sie drängt zum Aufbruch, verschenkt einen Teil ihrer Beute an weniger glückliche Anglerinnen – eine uralte Sitte der Inuit. Es muss doch möglich sein, das Beste aus den Welten des Nordens und Südens zu vereinen, überlegt sie laut. "Können meine Kinder nicht Berufe erlernen und trotzdem Jäger bleiben?" "Wir haben den Kompromiss im Blut", nimmt ihr Mann den Gedanken auf. Und dann erzählt er von seiner vagen Hoffnung, die sich aus der Anpassungsfähigkeit der Lebewesen in der Arktis speist.

"Vielleicht gewöhnen sich die Robben eines Tages an weniger Eis und nehmen dafür die Felsen an, so wie es die Walrosse schon tun", sagt er. "Die Eisbären könnten in den Fjorden jagen und weniger auf dem Packeis. Sie werden sich anpassen, so wie wir Menschen uns anpassen müssen." In der Zeit von silaup asijjipallianinga hat ein anderes Wort an Bedeutung verloren: ayornamat, "nichts zu machen". Und als wir auf dem Rückweg im Konvoi durch die scharfe Schönheit des Nordens rasen, kommt uns ein Jäger entgegen und bringt schlechte Nachrichten. Eine Schwägerin ist durchs Eis gebrochen. Musste mit dem Seil herausgezogen werden. War sofort mit einer Eiskruste überzogen. Kämpft jetzt gegen die Unterkühlung. Der Motorschlitten samt Jagdbeute ist verloren.

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