Potsdam: Stadt der Wunder

Potsdam - die kleine Schwester Berlins - ist strahlend auferstanden aus Ruinen. Zu verdanken hat sie es den Bewohnern der Stadt, die nicht nur Schloss Belvedere zu neuem Glanz verhalfen
In diesem Artikel
Brandenburgs Hauptstadt blüht auf
Im Herzen ist ein Loch (noch)
Ein Kanal kehrt zurück
Dornröschens Schloss

Brandenburgs Hauptstadt blüht auf

Warum zieht es ausgerechnet die Reichen und Wichtigen nach Potsdam? Wollen sie sich im Nachschein von Preußens Glanz und Gloria sonnen? Ist es die Überschaubarkeit der Stadt am Rande Berlins, die Schönheit ihrer parkgesäumten Seen, um die sich klassische Villen reihen? Jedenfalls boomt die alte Residenz an der Havel, beflügelt von den Millionen der Prominenz. Ein Gesamtkunstwerk ersteht von neuem, das einst erdacht wurde von Preußens Königen und verwirklicht von den besten Architekten ihrer Zeit. Schloss Sanssouci und Holländisches Viertel, Stadtkanal und Belvedere, das Stadtschloss und ein ganzes Ensemble von Kirchen verliehen Potsdam einst städtebauliche Grandeur.

Im Krieg zerstört, von der DDR, die das Schloss im Herzen der Stadt wegsprengte, weiter misshandelt, blüht Brandenburgs Hauptstadt seit der Wende wieder auf. Hier engagiert sich nicht nur Elite, hier sponsern nicht nur Mäzene wie Fernsehmoderator Günther Jauch oder Softwaremilliardär Hasso Plattner, hier ergreifen auch ganz normale Bürger die Initiative. Keimzellen für Potsdams Renaissance sind bis heute zahlreiche Gruppen, die beseelt um das architektonische Erbe ihrer Stadt streiten, teilweise seit Jahrzehnten. Die Pflege der historischen Substanz – in der Hauptstadt des Bürgersinns soll sie zur Basis einer glänzenden Zukunft werden.

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Heiter und klassisch: Freiluftkonzert vor dem Aussichtsschloss Belvedere

Im Herzen ist ein Loch (noch)

Wo sich einst das Herz der Stadt befand, weht heute der Wind über eine Brache. Ein paar Archäologen sitzen auf Klappstühlen im Schutt und säubern Scherben. Die Grundfläche des Stadtschlosses ist freigelegt, ein Loch mitten im Zentrum. "Das war hier einmal die Visitenkarte der Stadt", sagt Hans-Joachim Kuke. "Und das wird es auch wieder werden", fügt Fides Mahrla hinzu.

Bislang steht lediglich das Fortunaportal einsam zwischen der Schinkelschen Nikolaikirche und dem Hotel "Mercure". Das einstige Nordtor zum Schlosshof war nur ein Gesellenstück, wie Kuke sagt. Und doch viel mehr: "Für uns ist es der Maßstab für das ganze Schloss nach Knobelsdorffschen Ansprüchen."

Hans-Joachim Kuke ist promovierter Kunsthistoriker und Vorsitzender des Schlossvereins. Seine Doktorarbeit hat er über das Fortunaportal geschrieben, als man noch nicht ahnen konnte, dass es eines Tages wiedererstehen würde. Doch dann kam 1996 Günther Jauch nach Potsdam und spendete Werbemillionen für den Wiederaufbau. "Ein Glücksfall", sagt Kuke. Auch die zugezogene Prominenz gehört zum Phänomen Potsdam: Jauch und Joop (der als geborener Potsdamer zurückkehrte), Döpfner und Dieckmann und viele andere machen Potsdam zu dem, was es schon früher einmal war: zur Residenzstadt vor den Toren Berlins, mit Villen im Grünen und Schiffchen auf den Seen.

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Harsche Potsdamer Kontraste: sozialistischer Plattenbau hier, die barocken Ringerkolonnaden dort

Der Kampf ums Schloss, er ist wohl gewonnen. Es scheint mittlerweile ausgemacht, dass der Neubau des Landtags in eine nach den Entwürfen von Baumeister Knobelsdorff rekonstruierte historische Fassade gekleidet wird, und zwar auf dem Grundriss des alten Stadtschlosses. Möglich machte dies eine 20-Millionen-Euro- Spende des Software-Milliardärs Hasso Plattner. "Das hat alles zum Positiven verändert", seufzt Kunsthistoriker Kuke erleichtert. Fides Mahrla von der Vereinigung Mitteschön, die sich für den Wiederaufbau des Zentrums engagiert, freut sich, dass endlich der "Phantomschmerz" überwunden werden könne, der viele Potsdamer seit der Sprengung des Stadtschlosses im Jahr 1960 geplagt habe. "Eine Stadt kann den Verlust ihrer Mitte nicht verwinden", sagt sie, "für uns ist die Wiederherstellung ein positives Signal, ein Kraftquell für die Zukunft." Diese Energie sollen nicht nur die Potsdamer spüren, sondern auch die Besucher.

Ein Kanal kehrt zurück

Siegfried Benn sieht alles genau vor sich, als sei die Zukunft für ihn schon heute greifbar: Wo sich im Stadtzentrum die Straßen Am Kanal und Am Alten Markt kreuzen, steht er auf einem Parkplatz und zieht mit dem Arm einen weiten Bogen: "Hier wird der Stadtkanal verlaufen, dort drüben macht er dann einen leichten Rechtsknick und fließt ein Stück weiter wieder in die Have" – wie früher, als er alles verbunden hat, einer Schlagader gleich: das Stadtschloss, die Garnisonkirche, das ganze Herz der Stadt.

Wer sich weniger intensiv mit dem künstlichen Wasserlauf aus dem 18. Jahrhundert beschäftigt hat als der "leidenschaftliche Potsdamer", dem verstellt zeitgenössische Tristesse den Blick in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Erst ein Stück weiter, an der Yorckstraße, wird klar, wofür Benn so schwärmt: Zwischen 1999 und 2001 wurde hier ein Teilstück des Kanals wieder freigelegt. Auf rund 300 Metern spiegelt sich im Wasser ein gusseisernes Geländer, wie beim historischen Vorbild, nur, dass die Pfosten moderne Gravuren tragen: "Abiklasse des Dortu-Gymnasiums Jahrgang 1952", "Matthias Platzeck", auf einem ist auch der Name "Siegfried Benn" zu lesen, der 1999 den Stadtkanal-Förderverein mitgegründet hat. Weil er Potsdamern die Möglichkeit geben wollte, sich mit "nicht ganz so großen Spendenbeträgen zu verewigen", verkaufte er 220 Kanalpfosten für 2001 Mark pro Stück.

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Schloss Sanssouci: Der Winzerberg wird mit privatem Geld renoviert, den Rasen pflegen die Schafe

Wer diesen Betrag spendete, dessen Namen steht nun auf dem Geländer am wiederbelebten Gewässer. Menschen wie Benn, die Dinge einfach anpacken, unermüdlich Geld sammeln und für ihr Projekt werben, treiben den Bürgersinn in Postsdam wie in keiner anderen deutschen Stadt voran. "Jeder hat seine eigene Vorstellung von der Zukunft", sagt Benn, in einem aber seien sich alle einig: "Wir wollen den Wiederaufbau, mit Stadtschloss, Garnisonkirche und Stadtkanal." Angst, dass sein Potsdam zum Freilichtmuseum für reiche Zuzügler aus Berlin werden könnte, hat er nicht. "Wir machen mit den Mäzenen nur gute Erfahrungen, wir zielen in die gleiche Richtung."

Er sei einst ein Betriebsleiter im Tiefbaukombinat gewesen, erzählt Siegfried Benn beim Rundgang durchs Holländische Viertel. "In den sechziger Jahren war ich für den Stadtkanal zuständig. Wir mussten ihn zuschütten, damit man Parkplätze bauen konnte."Er schweigt eine Weile, zuckt dann mit den Schultern: "Das war halt so in der DDR." Der Mann, der vor 30 Jahren den Stadtkanal verschwinden ließ, deckt ihn heute wieder auf – und nimmt jetzt die nächsten 500 Meter in Angriff. So ist Potsdam.

Dornröschens Schloss

Das Belvedere prangt auf dem Pfingstberg über Potsdam wie eine Krone auf dem Königshaupt. Es ist ein märchenhafter Bau, inspiriert von der Italiensehnsucht eines Preußenkönigs, Friedrich Wilhelm IV., mit zwei Türmen und langen Kolonnadengängen. Durch Arkaden fällt der Blick auf ein Wasserbecken und zwei Pegasusstatuen, zwischen den Bäumen erhebt sich der Pomonatempel. Von keinem anderen Ort aus lässt sich Potsdam besser begreifen als von diesem Aussichtsschloss: wie sich die Kirchen und Seen, die Villen und Parks, der Lauf der Havel und die Achsen der Residenzstadt zu einem städtebaulichen Kunstwerk fügten.

Seit Mai 2005 bietet das Belvedere wieder diese grandiose Aussicht, und es gibt kaum jemanden, den das mehr bewegt als Monika Wenzlaff. Die Potsdamer Krankenschwester hat sechs Töchter, das Belvedere, so sagt sie, sei ihr siebtes Kind. Als sie Anfang der siebziger Jahre erstmals auf den Pfingstberg stieg, kämpfte sie sich durch dichtes Gestrüpp – und sah plötzlich die bewachsenen Mauern des Schlosses. "Ich bin durch die zerbrochenen Fenster geklettert", erinnert sich die 53-Jährige. "Plötzlich stand ich in diesem Innenhof: Es war magisch, wie ein Dornröschenschloss."

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Potsdamer Perspektiven: Blick vom Dach des Schlosses Belvedere auf den Jungfernsee

Heute glänzt der Bau als Vorzeigemodell Potsdamer Bürgerinitiative. Wer die Schilderungen aus den siebziger Jahren hört, kann ermessen, was hier geleistet wurde – seit 1989, als sich ein paar Leute in den Kopf setzten, das Ensemble zu retten. Eine kleine Gruppe Gleichgesinnter, unter ihnen Monika Wenzlaff, traf sich Woche für Woche zum "Arbeitseinsatz", verkaufte selbstgebackenen Kuchen und lud zu Festen. "Das war für uns ein Grund, im Land zu bleiben. Von einem Wiederaufbau hatten wir zu DDR-Zeiten aber nicht einmal zu träumen gewagt. Wir wollten es nur nicht weiter verfallen lassen." Niemand konnte ahnen, welchen Verlauf die Geschichte nehmen sollte. Dass nach dem Mauerfall zwei Herren namens Werner Otto und Hermann-Hinrich Reemtsma, Unternehmer aus dem Westen, mit ihren Stiftungen die Initiative unterstützen würden. Mit Spenden, welche den Wiederaufbau erst ermöglichten.

Wie ein Sinnbild für Potsdams Selbstheilungskräfte thront das Belvedere nun wieder über der Stadt. Wer unten an einem der vielen anderen Wiederaufbau-Projekte zweifeln sollte, der spaziere einmal über den Pfingstberg, lausche dort Konzerten oder Lesungen, genieße den Blick über Potsdam – und sehe dann selbst, welche Macht der Bürgersinn entfalten kann.

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