Syrien: 10.600 Kilometer per Anhalter

Daumen raus und los: So trampte Ralf Platschkowski aus Norddeutschland bis nach Syrien. Über 200 Leute haben ihn unterwegs mitgenommen, darunter ein Stammesfürst

GEO.de: Syrien ist nicht gerade das typische Reiseland. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ralf Platschkowski: Letztes Jahr bin ich drei Wochen lang durch Bulgarien getrampt und hatte viele Jugendliche getroffen, die durch Syrien gereist waren. Die haben alle so enthusiastisch darüber erzählt, da habe ich mich gefragt habe: Warum fahre ich nicht auch? Außerdem gibt es so viele Vorurteile über das Land, da wollte ich mir mein eigenes Bild machen.

Warum wollten Sie alles nur trampend erkunden?

Ich mag den Reiz des Trampens, man kommt in Kontakt mit der ganz normalen Bevölkerung, die dort lebt. Man unterhält sich und lernt eine Menge über das Land – je nach Qualität der Sprachkenntnisse natürlich.

Hatten Sie keine Bedenken? Das ist schließlich ein etwas unbekanntes Stück Erde?

Unterwegs achte ich schon darauf, wo ich einsteige. Wenn drei Männer im Auto sitzen, überlege ich mir, ob ich einsteige. Ich fahre gerne bei Familien, Pärchen und Alleinreisenden mit. Ich hatte zwar nie Probleme, aber schon zwei, drei Mal gesagt, 'Ne, ich fahre nicht mit'.

Wer hat Sie zum Start der Reise als Erster mitgenommen?

Daran kann ich mich kaum mehr erinnern. Aber ich glaube es war ein älterer Mann, ein Schiedsrichter. Über 200 Personen haben mich insgesamt mitgenommen. Davon stechen einige heraus, die haben so tolle Sachen erzählt, dass man sich gut daran erinnert.

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Ralf Platschkowski

Wer zum Beispiel?

Ein Stammesfürst, den ich in Aleppo getroffen habe. Er ist Oberhaupt von einem 10.000-Leute-Stamm und hat viel erzählt, welche Pflichten er in seiner Position hat und tolle Geschichten über Kamele. Er wollte mir Kamelmilch andrehen, wir hielten sogar bei lokalen Beduinen an. Das war sehr interessant.

Was für Leute halten denn überhaupt an? Gibt es da eine bestimmte Sorte Mensch?

Nein, quer durch die Gesellschaft nimmt einen jeder mit. Vor allem in Europa halten überwiegend Geschäftsleute an, die alleine im Auto sitzen und gerade von Hamburg nach München oder wohin auch immer fahren. Ab der Türkei hielten nur noch Männer an, Frauen sieht man eh selten fahren. Dort fuhr ich bei Geschäftsmännern, LKW-Fahrern, Bauarbeitern, Priestern und eben dem Stammeschef mit.

Haben Sie durchweg gute Erfahrungen gemacht?

Durchweg, ja. Nur einmal wollte einer von mir unbedingt Dollar haben. Ich habe ihm einen Euro angeboten, den wollte er nicht. Er hat partout nicht verstanden, dass ich keinen Dollar dabei habe. Da gab es ein unangenehmes Wortgefecht, aber das hörte dann irgendwann auf.

Wie reagieren die Leute, wenn ein Deutscher an der Straße steht und trampen will?

Meistens wollten sie mich zum Busbahnhof bringen, damit ich mit dem Bus weiterfahren kann. Die meisten haben sich gewundert, dass einer da draußen in der sengenden Hitze steht.

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Ralf Platschkowski

Und wenn Sie dann im Auto waren, wie war es?

Erster Satz: welcome to Syria. Diesen Satz kennt wirklich jeder. Und dann freuen sich die Leute. Die wundern sich 'Warum besuchst du unser Land, was machst du hier, hier gibt es doch nichts.' Die meisten waren erstaunt, dass sich jemand aus dem Westen mal blicken lässt. Dass ich umsonst mitfahren wollte, hat nie eine Rolle gespielt. Es war für die Menschen selbstverständlich, dass sie mir etwas ausgegeben haben. Die meisten haben ihr Bestes gegeben, um ein gutes Bild zu hinterlassen.

Was haben sie denn gegeben?

Ich wurde oft spontan eingeladen. Ich saß im Auto und dann sagte einer 'Willst du nicht zum Tee vorbeikommen? Ich wohne hier.' Und dann geht man rein und eh man sich umguckt, hat die Frau schon ein üppiges Essen zubereitet. Man kann dann gar nicht nein sagen. Ich bin wirklich oft eingeladen worden.

Wie haben Sie sich verständigt?

Viele ältere Leute sprechen Französisch, da kam ich mit meinen Brocken Schulfranzösisch durch. Die jüngere Generation lernt heutzutage ab der ersten Klasse Englisch. Die Jüngeren können alle Englisch. Und falls nicht, konnte man sich mit Händen und Füßen immer verständigen. Autostop ist außerdem den Meisten ein Begriff.

Sind Sie unterwegs mal in eine brenzlige Situation geraten?

Ja, was den Verkehr betrifft auf jeden Fall. Der ist dort komplett anders, als man ihn aus Deutschland kennt. Ich hatte oft Bedenken und klammerte mich am Sitz fest und dachte 'Oh bitte, nicht alles überholen mit deiner alten Klapperkiste'. Das war vor allem im Libanon sehr extrem. Jede Fahrbahn wurde vierspurig benutzt, da gab es einige brenzlige Situationen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Trampen in Deutschland und dort?

Ja. Dort konnte ich mich einfach in die Stadt stellen und musste nur zwei Minuten warten, bis jemand anhielt. Und natürlich sind die Autos anders, sehr alt. Man kommt langsam voran, für 400 Kilometer rechnet man einen bis einanderthalb Tage, in Deutschland würde man die Strecke in drei bis vier Stunden schaffen - hat aber auch längere Wartezeiten. Zudem gucken die Leute in Deutschland einen manchmal an mit einem Ausdruck im Gesicht, 'Oh der will mich bestimmt umbringen', in Syrien denken sich die Leute 'Oh, der braucht vielleicht Hilfe', und halten an.

Ralf Platschkowski (22) studiert Bildungswissenschaften in Enschede, Niederlande. Er ist schon einige Male alleine verreist, fast jedes Mal per Anhalter. Diese Tour führte ihn von seinem Heimatort Hörstel in Nordrhein-Westfalen über Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei bis nach Syrien, wo er einen Monat lang unterwegs war. Insgesamt trampte er 10 600 Kilometer.

Interview: Bianca Gerlach

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