Kanada: Tagebuch eines Familienurlaubs im Wohnmobil

Zwei Kinder, zwei Erwachsene und siebeneinhalb Meter Eigenheim auf vier Rädern. Familie Rademacher war in Kanadas kleiner Atlantikprovinz Nova Scotia unterwegs. Hier ist das Tagebuch ihres Abenteuerurlaubs
In diesem Artikel
Donnerstag, 19. Juli
Freitag, 20. Juli
Samstag, 21. Juli
Montag, 23. Juli
Dienstag, 24. Juli
Mittwoch, 25. Juli
Donnerstag, 26. Juli
Freitag, 27. Juli
Montag, 30. Juli
Dienstag, 31. Juli
Mittwoch, 1. August

Donnerstag, 19. Juli

Ich stehe vor einem weißen Monster mit einschüchternden Dimensionen und wähne mich im falschen Film: ein Ford-Truck, größer als meine erste Wohnung! Das siebeneinhalb Meter lange "Midi-Motorhome" soll ich gleich fahren.

Wir haben genau diesen Sommer, um uns einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: mit dem Wohnmobil Kanada zu erkunden. Sohn Leo ist fast acht Jahre alt, Tochter Julie beinahe sieben. Zuvor wären sie zu jung gewesen, und demnächst werden wir auf Fernreisen verzichten müssen - meine Frau Françoise ist im fünften Monat schwanger.

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Autor Cay Rademacher, 43, und seine Caravan-Crew. Beruflich ist er Teil einer anderen Mannschaft: als Geschäftsführender Redakteur von "GEO Epoche"

Nova Scotia sollte es sein, jene durch eine Landbrücke mit dem Kontinent verbundene Fast-Insel an der Ostküste; Kanada "en miniature": Wälder, Küsten, Seen, Tiere, Pionierstädte - alles in einer einzigen überschaubaren Provinz. Das wird den Kindern endlose Highway-Fahrten ersparen.

Eine Mitarbeiterin der Autovermietung weist uns ein: Automatikschaltung, Rangieren per Handzeichen, Frischwasserzufuhr, Abwasserleitung, Propangas-Tank, Kühlschrank, Tankanzeiger ... Ich mache mir eine Checkliste - und fühle mich dabei halb wie ein Raumfahrer, halb wie ein Hausmeister.

Auf den ersten Metern schlingert das Motorhome über den schlaglochgespickten Highway wie eine überladene Galeone. Um uns ein Meer aus Autodächern. Wir sind in die Rushhour von Halifax geraten, der einzigen Großstadt in der Provinz. Erst nach einer halben Stunde löst sich der Stau auf. Mein Adrenalinspiegel sinkt wieder auf gesundheitsungefährdende Werte. Wir folgen dem Küsten-Highway 7 in östlicher Richtung. Vorbei an bunten Holzhäusern und akkuraten Gärten, an Häfen mit Fischerbooten. Das Schiff auf Rädern lässt sich überraschend leicht durch dieses Idyll steuern.

1497 entdeckte John Cabot, ein für England segelnder Seefahrer, Cape Breton im Norden Nova Scotias. Es waren allerdings zunächst die Franzosen, die ab 1605 das Land besiedelten. Nur rund 12 500 first settlers, Indianer vom Stamm der Mi’kmaq, leben heute noch in Nova Scotia. Wenig mehr als ein Prozent der Provinzeinwohner. Unwahrscheinlich, dass wir ihnen bald begegnen.

Wir ankern schließlich auf dem Campingplatz in Spry Harbour, wo ich zum ersten Mal die Strom- und Wasserleitungen anstöpsle, sodass unser Motorhome mit Schläuchen gespickt wie ein Patient auf der Intensivstation ruht.

Leo und Julie ziehen sich in ihre Betten im Alkoven über der Fahrerkabine zurück und malen: Wohnmobile.

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Drei echte Kanoniere samt talentiertem Nachwuchs: Leo und Julie Rademacher im alten Fort von Halifax

Freitag, 20. Juli

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Mit dem Camper unterwegs in den Wäldern Nova Scotias

Um fünf Uhr morgens toben die Kinder im Alkoven umher, werfen mit Taschenlampen laserschwertartige Lichtbündel auf uns. Erstaunlich, wie ein großes Wohnmobil durch die Bewegungen zweier Knirpse ins Schaukeln gerät. Den Zeitunterschied von fünf Stunden bemerken Leo und Julie kaum.

Nach dem Frühstück fahren wir stundenlang eine traumverlorene Küste entlang: Birken- und Tannenwälder, unzählige Buchten, winzige Inseln, ab und zu ein einsames Haus. Dann erreichen wir Sherbrooke, einst Geisterstadt, heute Freilichtmuseum - und stürzen uns ins 19. Jahrhundert. Ein Schmied heizt sein Feuer an, schlägt auf dem Amboss einen Nagel zurecht und schenkt ihn Leo, der die Beute stolz davonträgt. Weiter zur Apotheke mit seltsamen Tinkturen, zur Töpferei, zur Druckerei ... Schließlich wackelt der Schmied wieder an uns vorbei: auf einem 100 Jahre alten Hochrad, das Leo "cooler" als jedes Mountainbike findet.

Abends erreichen wir Plage St-Pierre auf Chéticamp Island im fernen Nordwesten von Cape Breton, einen schönen, großen Platz zwischen Dünen direkt hinter dem Strand - nur leider komplett belegt. So müssen wir für eine Nacht auf die overflow area, eine Parkplatzwiese. Kein Service, keine Leitungen, dafür halber Preis - und Blick auf die Wogen im Sankt-Lorenz-Golf.

Samstag, 21. Juli

Chéticamp, 450 Kilometer von Halifax entfernt, ist eine scheinbar endlos lange Aneinanderreihung von Holzhäusern an der Küstenstraße. Ein Ort der Ausgestoßenen. Lange kämpften Briten und Franzosen um die Vorherrschaft in der Neuen Welt. 1755 deportierten die Soldaten Ihrer Majestät die französischen Siedler von Nova Scotia, ihre Höfe wurden von britischen Nachrückern übernommen. Nach Jahrzehnten durften die "Acadians", wie sich die Nachkommen der Einwanderer aus der Bretagne und der Normandie nannten, zurückkehren. Manche schufteten schließlich in einer Firma im entlegenen Chéticamp, nahmen Fische aus und salzten diese, bevor sie verschifft wurden. Bis 1949 führte keine Straße hierher.

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"Mama, wo schwimmen sie denn?" Vor der Küste von Chéticamp entdeckt man Wale - wenn man nur lange genug Ausschau hält

Wir parken unser Wohnmobil wieder in Plage St-Pierre - diesmal auf einem richtigen Stellplatz. Ein schwerer hölzerner Picknicktisch liegt dank meiner Manövrierkünste direkt neben unseren Anschlüssen. Und natürlich knalle ich beim Einstecken der Leitungen mehrfach mit dem Kopf gegen seine Platte.

Später schlendere ich mit Julie über den Strand. Wir bewundern Treibholz, untersuchen gestrandete, rötlich schimmernde Quallen, riesige Muscheln, tote Krabben. Irgendwo schreit eine Möwe. Da sagt meine Tochter plötzlich: "Papa, es ist toll, in fremden Ländern zu sein!"

Montag, 23. Juli

Cape Breton Highlands National Park, Kilometer 500 unserer Reise. Am Himmel kreisen Schatten: Weißkopfseeadler. Wir parken am Benjies Lake Trail, einem Trekkingpfad durch verwunschenen Nadelwald, wo ein Schild vor Elchen warnt. Leo und Julie sind ungewohnt leise. Flüsternd dringen sie ins Dämmerlicht des Waldes vor, auf der Suche nach den Tieren, die sie bisher nur im norddeutschen Wildpark gesehen haben. Im Schlamm eine Spur! Aber von wem, bleibt unklar.

Wir erreichen einen schwarzblauen See, umgeben von Schilf und Bäumen, unberührt wie am ersten Tag. Der Wind streicht über sein Wasser, es gluckert am sumpfigen Ufer. Wieder kein Elch.

Erst auf dem Rückweg hält Françoise inne. "Halt!", zischt sie. Als der Blick meiner Frau durch den Wald schweift, starrt der Wald plötzlich zurück. Augen. Sie gehören einem großen, mit zotteligem Fell behangenen Elchbullen, dessen gewaltiger Körper halb im Farn verborgen ist. Die Schaufeln seines Geweihs streifen die Tannenäste, während er langsam den Kopf bewegt - keine 100 Meter neben uns.

Julies Augen leuchten. Leo flüstert halb fassungslos, halb fatalistisch: "Jetzt ist es aus mit uns!" Die Mutter: "Der tut nichts." Der Sohn, mit neuer Sorge: "Das wird mir in der Schule niemand glauben!"

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"Das wird mir in der Schule niemand glauben!" Im Wald begegnen die Rademachers einem großen, mit zottigem Fell behangenen Elchbullen

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Leo und Julie Rademacher auf der "Bluerose"

Der berühmte Naturfotograf Cay Rademacher, der ohne seine Frau ahnungslos am kapitalen Bullen vorbeigeschlendert wäre, macht ein Foto. Minutenlang grast der Elchbulle im Schatten, erhaben und unwirklich. Dann stakst er gravitätisch davon.

Und dieser Tag hat noch mehr zu bieten: Im Fischerhafen von Pleasant Bay kommen wir auf die Minute richtig, um an Bord des Motorbootes "Double Hook-up" zu springen: Die Gewässer um Nova Scotia sind im Sommer das Revier von Grind-, Zwerg-, Finn- und Buckelwalen. Manchmal werden auch Pottwale, Orcas, gar Blauwale gesichtet.

Bald schon sehen auch wir eine schwarze Rückenflosse, die kurz aus den Wellen auftaucht und wieder verschwindet. Dann noch eine. Und noch eine. Grindwale!

Mit gedrosseltem Motor gleiten wir näher. Etwa zwölf graue, bis zu sechs Meter lange Kolosse umspielen das Boot, blasen Nebelwolken aus ihren Atemlöchern, tauchen auf und ab. Zwei Jungtiere springen gar aus dem Wasser, dann klatschen ihre Körper zurück. Aus dem Hydrophon, das zwei Forscherinnen ins Wasser halten, scheppern Stimmen. "Grindwale", bilanziert Leo, "klingen wie schlecht geölte Türen."

Zurück im Wohnmobil, schweigen die Kinder. In ihren Köpfen tausend Bilder. Wir beschließen, wild zu campen. Eine Kerze ist unser einziges Licht, als die Nacht schließlich heraufzieht.

Dienstag, 24. Juli

Leo und Julie wollen kaum glauben, dass "echte" Indianer Jeans und T-Shirt tragen wie sie. Aber so ist es: Wir sind in Wagmatcook, Zentrum von Breton Island. In dieser Gegend bauten die Mi’kmaq seit dem ersten vorchristlichen Jahrtausend kleine Siedlungen und befuhren mit Kanus aus Birkenrinde Flüsse und Seen. Heute sind sie im Alltagsleben so gut wie unsichtbar geworden - wenn man nicht eines ihrer Dörfer aufsucht.

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Zwei Sorten Besucher lockt der Leuchtturm von Peggy's Cove: Fotografen und kleine Spötter, die sich über diese lustig machen

Leo möchte unbedingt eine Lederkette mit Pfeilspitze aus Hirschhorn erstehen. Julie entscheidet sich für Räucherstäbchen aus Zedernholz. Frühe Hinwendung zur Esoterik? Vorgriff auf eine bedenkliche Nähe zu nicht legalen Rauchwaren?

Die Neuerwerbungen an Bord, fressen wir Kilometer. Es geht von Cape Breton quer durch den nördlichen Teil Nova Scotias, bis wir sechs Stunden später den Highway am Minas Basin entlangfahren. Zu unserer Linken pulsiert der wohl größte Tidenhub der Welt, um 15 bis 16 Meter hebt und senkt sich das Meer. An diesem Nachmittag herrscht Ebbe, der Ozean hat einen ockerroten, felsgespickten Boden freigegeben.

Der Glooscap-Campingplatz beim Städtchen Parrsboro liegt fast direkt am Wasser. Als wir eintreffen, versinkt sein Steinstrand, versinken bizarres Treibholz und die Steilküste dahinter bereits in grauer Suppe. Die Flut hat den Nebel gebracht; irgendwo klingt hohl ein warnendes Horn, damit auch die Fischer noch in den Hafen finden.

Mittwoch, 25. Juli

Das Nebelhorn klagt noch immer, ein guter Tag also für einen Besuch im Museum von Parrsboro. Dort steht ein giraffengroßes Saurierskelett inmitten kleinerer Fossilien. Die Region ist eine der reichsten Fundstätten für Versteinerungen in Nordamerika. Als ich den Kindern erkläre, dass viele dieser Fossilien auf dem alle paar Stunden vom Atlantik freigegebenen Meeresgrund gefunden worden sind, gibt es kein Halten mehr. Zurück zum Strand! Kurz darauf rennen Leo und Julie in die verheißungsvolle Ferne, zwei leuchtende Punkte auf rötlichem Untergrund. Sie durchpflügen den Sand. Hunderte Fossilien finden sie, zumeist der Art Juniores enthusiastica illusionata.

Donnerstag, 26. Juli

Inzwischen beherrschen wir das ballet à quatre im Motorhome, umtanzen uns im Innern, gleiten selbst schlaftrunken zwischen Nasszelle, Küchenzeile und ausziehbarem Schrank kollisionsfrei aneinander vorbei. Und der Rhythmus der Nomaden, der immer wieder zum Aufbruch drängt, ist der unsere.

Acht Stunden lang fahren wir durch eine unter einer Hitzedecke bleierne Farmlandschaft: 30 Grad. Das Wohnmobil dröhnt, seine Klimaanlage röhrt mit dem Motor um die Wette. Was das eine Aggregat an lindernder Kälte bietet, strahlt das andere an Hitze ab. Wir erreichen den Dunromin Campground am Annapolis River - dort, wo sich der Fluss an der Bay of Fundy ins Meer ergießt. Beim Abendessen umschwirrt uns ein Kolibri, surren Glühwürmchen, die Kinder spielen mit neuen Freunden. Der Mond steht zu drei Vierteln am Himmel, und ringsum prasseln die Lagerfeuer der Nachbarn. Wärme und würziger Rauch umhüllen uns - die Lagerfeuerromantik der Pioniere, wenn auch der Planwagen zum Wohnmobil mutiert ist.

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Eigenheim mit viel PS: Selbst große Wohnmobile fahren sich kinderleicht

Freitag, 27. Juli

Leo, Julie und ich mieten ein Kanu und paddeln auf den Annapolis River hinaus: Forscher auf einem unbekannten Strom. Wir entdecken den sumpfigen Zugang zu einem kreisförmigen Tümpel. Nachmittags schlendern wir zu einem Antiquitätenladen, erstehen Krimskrams - offenbar so viel, dass man uns fragt: "Suchen Sie ein Haus hier?"

Montag, 30. Juli

Morgens statt Dusche ein Bad im Kejimkujik National Park, nachmittags Lunenburg. Die Stadt an der Südküste ist von Deutschen, Schweizern und französischen Protestanten besiedelt worden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden hier die schnellsten Schoner gebaut, mit denen Fischer den Atlantik befuhren. Heute ist der Ort UNESCO-Weltkulturerbe. Aber ganz ehrlich: Die Pyramiden von Giseh sind seine rot, blau und grün leuchtenden Häuser nicht. Zu viele Souvenirshops dazwischen, zu viele Strom- und Telefonkabel.

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Passte leider nich ins Wohnmobil: der größte Schatz eines Trödelladens in Annapolis Royal

Im Hafen dümpelt als Hauptattraktion die "Bluenose II", ein Nachbau des legendärsten Fischschoners, der in Lunenburg je vom Stapel lief: Die "Bluenose" - Baujahr 1921 - gewann in den 1920er und 1930er Jahren jede Regatta. Lief jedoch 1946 vor Haiti auf ein Riff - was ihrer Popularität keinen Abbruch tat. Heute schmückt ihr Abbild die Nummernschilder Nova Scotias und die Rückseite der kanadischen Zehn-Cent-Münze.

Wir entern die schwarz lackierte Kopie aus Eiche und Mahagoni: baumhohe Masten, gereffte Segel, poliertes Messing, nasses Tauwerk. Die Besatzung beantwortet unsere neugierigen Fragen - bis auf eine. Leo will wissen, wie schnell denn der nachgebaute Schoner sinken würde, "bei einem normalen Leck".

Dienstag, 31. Juli

Feueralarm in Peggy’s Cove! Ich brate bacon and eggs - und habe vergessen, den Brandmelder unter dem Wagendach herauszudrehen. Das Ding ist so empfindlich, dass es durchgehend fiept, wann immer man kocht.

Mittwoch, 1. August

Die letzte Nacht haben wir in Dartmouth verbracht. Nur zwei Kilometer Fahrt noch bis zum Verleiher - bloß keine Schramme mehr ins Wohnmobil fahren!

Während ich im Büro des Vermieters dann meine Unterschrift auf diverse Übergabeformulare kritzele, fällt der Blick meiner Kinder auf ein strategisch gut platziertes Verkaufsregal. Dort locken unterarmlange Modelle von Wohnmobilen. Klar, dass ich davon noch zwei auf die Rechnung setzen lasse: als Souvenir unseres Abenteuers - und als Versprechen auf eine nächste Tour.

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