Haute Route: Königsweg aller Skiwanderungen

Die Viertausender rund um Zermatt sind nicht nur aus der Ferne faszinierend. Auf einer Wanderung mit Tourenskiern zeigen sie sich mal berauschend, mal beängstigend
In diesem Artikel
Klares Ziel: Dufourspitze
Die erste Etappe: die lockerste
Warm anziehen, früh aufstehen

Klares Ziel: Dufourspitze

Es regnet, es ist kalt, und eigentlich könnten wir jetzt gemütlich in einem Elektrotaxi sitzen oder auch in einer Pferdekutsche. In Zermatt dürfen nämlich keine Benzinautos fahren. Aber wir laufen. Weil Tourengeher auch auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel ihren Stolz haben: Wenn wir schon jetzt schlappmachen, wie sollen wir dann in den nächsten beiden Tagen die Aufstiege schaffen?

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Höhenrausch auf der Dufourspitze. Vom höchsten Schweizer Gipfel dauert die Talabfahrt drei Stunden

Einige tausend Höhenmeter wollen wir bewältigen, bergauf und bergab, alles zu Fuß auf Tourenskiern, mit dem Gepäck auf dem Rücken – das aber in der schönsten und abenteuerlichsten Gebirgsregion, die Bergfreunde in Europa erleben können. Die Haute Route zwischen dem französischen Chamonix und dem Schweizer Saas Fee ist für Wintersportler das Nonplusultra: Zwischen den rund 30 Viertausendern der Region lassen wir uns auf einer Teilstrecke von den höchsten Bergen der Alpen verzaubern – dem Montblanc, dem Matterhorn und dem Monte Rosa.

Unser Ziel: die Dufourspitze im Monte-Rosa-Massiv, mit 4634 Metern der höchste Gipfel der Schweiz und der dritthöchste der Alpen. Tiefschneefans geraten schon beim Klang des Namens ins Schwärmen. Der Königsweg aller Skitouren ist allerdings auch für Trainierte eine Herausforderung. Zwischen Chamonix, Zermatt und Saas Fee bewegen sich die Tourengeher zumeist in Höhen zwischen 3000 und 4000 Metern, sie passieren Gletscherspalten, queren im Gänsemarsch am Seil über Steilhänge und kurven bei Haute Route abschüssigen Abfahrten um Felsblöcke herum. Vorausgesetzt, das Wetter macht mit, die Kondition reicht aus und niemand fällt in eine Spalte. Um Letzteres auf jeden Fall zu vermeiden, nehmen wir Markus Wey von der Bergschule Uri mit, der 250 Tage im Jahr im Gebirge unterwegs ist – mal auf Skiern, mal mit Lawinensuchhunden, mal zu Fuß mit Seil und Steigeisen. Auch Tanja Hofmann ist dabei, eine extrem fitte junge Sportlerin, und Robert Bösch, ausgebildeter Bergführer und Fotograf.

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Erleuchtung auf dem Gornergletscher, 2795 Meter über Normalnull im Monta-Rosa-Massiv. Im Spot der Morgensonne strahlt das Matterhorn

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Windige Etappe auf dem Breithornplateau, einer riesigen Schneefläche unterhalb des Viertausenders

Normalerweise gehen Skisportler die Traumtour in sieben Tagesetappen durch die Montblanc-Gruppe und die Walliser Alpen, von Argentière nach Saas Fee. Drei Winter lang haben wir versucht, eine geeignete Woche zu finden, in der alle Teilnehmer der Expedition Zeit haben, die Lawinengefahr gering ist und das Wetter passt. Vergeblich. Nun haben wir uns für eine Kurz-steil-hoch-Variante entschieden, die zwar auf drei Tage begrenzt ist, aber dafür höher hinaus führt als die klassische Haute Route, deren höchster Punkt bei 3800 Metern liegt. Beim Frühstück besprechen wir den Plan: Von Zermatt aus auf das knapp 4000 Meter hohe Klein Matterhorn, hinüber zum Schwarztor, von dort aus hinunter auf den Gornergletscher und über die Monte-Rosa-Hütte auf die Dufourspitze. Zwei Tage werden wir unterwegs sein, und, wenn alles gut geht, am Schluss aus 4600 Meter Höhe bis nach Zermatt auf Skiern abfahren können, fast 3000 Höhenmeter. Es ist Ende April, der Schnee liegt noch bis oberhalb des Ortes.

"Hier", sagt Markus Wey, "sollten wir die Tour nicht beenden." Wir kommen gerade am Zermatter Bergsteigerfriedhof vorbei. Der Bergführer zeigt auf einen Grabstein. "I chose to climb", steht auf der Gedenktafel für Stephen Williams, der unbedingt klettern wollte und 1975 am Breithorn abgestürzt ist. Ein anderer Stein erinnert an Herbert Lothar B. Braum, vor 85 Jahren am Matterhorn verunglückt, auf der Hochzeitsreise mit seiner Frau Anni. Auch die deutsche Alpinistin Eleonore Noll-Hasenclever, 1925 an der Weißhorn-Ostflanke von einer Lawine verschüttet, hat hier ihr Grab gefunden: eine gute Adresse, um die Ehrfurcht vor Viertausendern zu vertiefen.

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Spartanisches Quartier in grandioser Kulisse: Monte-Rosa-Hütte

Die erste Etappe: die lockerste

Die erste Etappe unserer Tour ist die lockerste, denn sie führt mit der Seilbahn auf das Klein Matterhorn. Wir wollen mit der ersten Gondel um halb neun Uhr auf den Gipfel, um möglichst früh auf dem Gletscher unterwegs zu sein. Später wird es warm sein, der Schnee weicht dann auf, und das Risiko von Spaltenstürzen steigt. An der Gipfelstation, knapp unterhalb der magischen Viertausendermarke, drängeln sich die Skifahrer durch einen Fußgängertunnel hindurch auf die Südseite des Berges. Alle paar Meter steht eine Ruhebank – die Luft ist dünn hier oben, und es wäre töricht, sich gleich am Anfang zu überanstrengen. Zumal der Rucksack gar nicht so leicht ist. Die Ausrüstung für die Tour passt gerade so hinein und wiegt gut zwölf Kilo: mehrere Paar Handschuhe, Jacken und Hosen für verschiedene Temperaturen, Klebefelle für die Tourenskier, Thermosflasche, Lawinenpiepser, Schaufel, Sonde, Stirnlampe, Proviant, Ersatzsocken, Gletscherbrille, atmungsaktive Wäsche. Dazu noch die Skier und die Skistiefel. Das ist das Mindeste, was man für so ein Vorhaben braucht.

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Dickes Fell: Über die Skier werden Felle gezogen, damit sie guten Halt auf glatten Wegen bieten

Langsam schiebt sich unsere Vierergruppe über das Plateau unterhalb des Breithorns. Der Wetterbericht hat sich gut angehört, doch nun pfeift eisiger Wind von Norden her. Eiskristalle bohren sich in die Haut, das Gesicht fühlt sich bald an, als würde es von heißen Nadeln gepiekst. Wir lehnen uns gegen den Wind. Die Klebefelle unter den Tourenskiern verhindern, dass der Sturm uns zurückschiebt – sie wirken wie ein Streifen Teppichboden, der den Skiern Halt gibt. Beim Sattel zwischen den eisbedeckten Viertausendern Breithorn und Pollux wird es etwas angenehmer. Der Wind lässt nach, unten schimmert der gewaltige Monte-Rosa-Gletscher blaugrau in der Sonne.

Die Abfahrt durch den Gletscherbruch macht klar, warum so eine Tour ohne einen ortskundigen Guide Wahnsinn wäre. Markus Wey fährt voraus und sucht einen sicheren Weg durch das Eislabyrinth, eine fantastische Welt mit haushohen, bläulich glänzenden Bergen aus Eis und Schnee, so genannten séracs. Dazwischen klaffen schwarze Löcher. Überall könnten unter der oberen Schneeschicht Spalten verborgen sein, zehn, zwanzig, dreißig Meter tief. Wir tragen Hüftgurte: Würden wir in ein Loch fallen, könnte uns Markus mit seinem Seil retten. Lieber aber halten wir uns exakt auf den Spuren seiner Skier. Zumal er mit Kennerblick noch ein paar Stellen im ziemlich zerfahrenen Steilhang mit unverspurtem Pulverschnee entdeckt.

1000 Meter tiefer, auf dem Gornergletscher, ist es auf einmal ziemlich warm. Wir ziehen die Pullover aus und stapfen wieder bergauf, in Richtung Monte-Rosa-Hütte. Wegen der vielen Spalten gehen wir angeseilt. Wahrscheinlich sieht unsere Viererseilschaft von fern aus wie eine dieser Holzraupen, die Kinder an einer Schnur hinter sich her ziehen. Der Rhythmus, mit dem wir die Skier in der Spur voranschieben, das gleichmäßige Atmen und die Ruhe ringsum lullen uns ein in eine glückliche Trance. Ewig könnten wir so weitersteigen, immer höher, immer weiter.

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Eiszauber der Gornerschlucht

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Aufstieg zur Dufourspitze. Vorneweg: Bergführer Markus

Bei der Ankunft an der Monte-Rosa-Hütte dämmert es schon, und mit der Ruhe ist es erst mal vorbei. Ungefähr 150 Tourengeher hatten das gleiche Tagesziel, die Lager sind ausgebucht. Im Keller sortieren die Skifahrer ihre Ausrüstung. Skistiefel, Eispickel und Rucksack bleiben unten, Zahnbürste und trockene Wäsche dürfen in einem Körbchen mit in die gute Stube. Dort duftet es nach Orient: Der Hüttenwirt Horst Brantschen rührt in der Küche das Curry um – in einem Topf, so groß wie eine Waschmaschine. Beim Essen fachsimpeln wir über die besten Varianten der Haute Route. Fest steht: Von März bis Mai ist die beste Zeit. Dann sind die Schneebrücken über den Gletscherspalten fester und sicherer. Was ist schöner: von Chamonix nach Zermatt und Saas Fee zu laufen oder in die Gegenrichtung? "Die meisten Leute wählen die klassische Route von Chamonix nach Zermatt", sagt Markus Wey, "deshalb gehe ich lieber andersherum, sonst stehst du zu oft im Stau." Skifahrer, die heute schon auf der Dufourspitze waren, berichten von "grenzwertigen Erfahrungen". Und damit meinen sie nicht die Grenze zwischen der Schweiz und Italien, die über den Berg verläuft, sondern Sturmböen, 15 Grad minus und hart vereisten Schnee.

Warm anziehen, früh aufstehen

Gern würden wir vorm Schlafen noch heiß duschen. Doch selbst fließendes Wasser ist auf knapp 2800 Meter Höhe nur ein schöner Traum. Das Plumpsklo ist in einem kleinen Steinhaus etwas abseits untergebracht. Der Weg dorthin führt über ein paar Stufen und ist vereist. Wer länger auf einer Ski-Hochtour unterwegs ist, braucht außer Unerschrockenheit und Kondition übrigens auch eine Portion Nächstenliebe, denn im Schlaflager liegen die verschwitzten, schnarchenden Sportler dicht an dicht. Um zehn ist Hüttenruhe, das Licht geht aus, aber die meisten Gäste sind so erschöpft, dass sie schon vorher im doppelstöckigen Lager liegen. Um vier geht das Licht wieder an: Wer auf die Doufourspitze will, muss sich warm anziehen und früh aufbrechen. Jeder schaufelt schweigsam und schnell ein Müsli in sich hinein und schnappt sich seinen Rucksack. Es ist noch dunkel, als wir aufbrechen, vor uns im Schnee flackern die Lichtkegel unserer Stirnlampen. Es ist wie beim Sankt-Martins-Umzug: Da oben leuchten die Sterne, da unten leuchten wir.

Vor uns winden sich Dutzende von Tourengehern den Hang hinauf – begleitet vom metallischen Kratzen der Harscheisen, die für die steilsten Passagen unter der Bindung befestigt sind. Als sich das Matterhorn langsam rosa färbt, haben wir schon 600 Höhenmeter geschafft. Schritt für Schritt schieben wir uns auf die Viertausendermarke zu, die Beine werden schwer, die Luft wird dünner, der Kopf schließlich leer. Markus nimmt uns wieder an die lange Leine, weil er Löcher unter der weißen Fläche vermutet. Plötzlich ruft Robert, der Fotograf: "Stopp! Keiner bewegen!" Unter ihm hat sich ein Spalt geöffnet, direkt zwischen seinen Beinen, etwa 30 Zentimeter breit, undefinierbar tief. Wir steigen mit großen Schritten vorsichtig darüber.

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Im Eislabyrinth des Schwarzgletschers, unweit des Breithorns. Abfahrer müssen aufpassen: Unter der Schneeschicht verstecken sich oft tiefe Spalten

Am Nordsattel, kurz unter dem höchsten Gipfel des Monte-Rosa-Massivs, wird es sehr steil. Wir sind über 4400 Meter hoch, jeder Schritt ist jetzt ein Kraftakt. Wir schnallen die Skier ab und stapfen zu Fuß weiter. Mit Hilfe von Eispickeln kämpft sich unsere Gruppe die Westflanke hinauf. Oben auf dem Grat pfeift uns der Wind eiskalt ins Gesicht. Wir beschließen, nicht mehr bis zur Dufourspitze zu kraxeln. Also rasten wir nur kurz und blicken hinüber zum Gipfel des Matterhorns. Wir sind sogar ein Stückchen höher! Die Abfahrt ist anstrengend – und atemberaubend. Es geht aus gut 4500 Meter Höhe drei Stunden lang bergab, immer mit Blick auf das Matterhorn, durch Gletscherbrüche, über sanfte Hänge und durch steile Schluchten bis hinunter nach Zermatt.

Anfangs schwingen wir noch durch feinen Pulverschnee, weiter unten wird es eisig und hart, dann brüchig, zuletzt fahren wir durch Matsch und Pfützen. In der Gornerschlucht fließt schon Schmelzwasser im Bergbach, wir kurven um Eisblöcke und Felsen herum. Unsere Knie sind weich, aber hier müssen wir noch einmal alle Konzentration aufbieten. Von oben droht Steinschlag, dauernd liegen Felsen im Weg – und in den Bach fallen sollte man auch nicht. Ein paar Schwünge noch, und wir sind im Tal. Aber irgendwann, das wissen wir jetzt alle, geht es auch wieder aufwärts. Und dann die gesamte Haute Route entlang.

Info:

Wer sich auf die Haute Route wagt – auch, wie unser Team, nur auf eine Teilstrecke –, braucht beste Kondition, sehr gute Skitechnik-Kenntnisse und ausreichende Erfahrung mit Steigeisen und Seil. Schließlich gilt sie als "alpine Meisterprüfung" auch für ambitionierte Tourengeher.

Extratour

Die Haute Route verläuft zwischen Zermatt und Chamonix. Unsere Reporter sind auf dem Schweizer Teil geblieben und haben zusätzlich noch die 4634 Meter hohe Dufourspitze im Monte-Rosa-Gebiet bestiegen.

Geführte Touren

Die Bergschule Uri bietet u. a. Touren auf die Dufourspitze und geführte Haute-Route-Touren für Gruppen (4 bis 7 Pers.) an.

Die klassische HAUTE-ROUTE-Variante von Zermatt nach Chamonix dauert sechs Tage: Vom Klein Matterhorn über das Breithorn (4164 m) zur Schönbielhütte (2694 m); über den Col de Valpelline (3562 m) zur Vignettes-Hütte (3194 m); weiter zum Pigne d’Arolla (3770 m) und über den Glacier du Brenay zur Chanrion-Hütte (2462 m); Fenêtre de Durant (2797 m); zuletzt vom Pt. Heilbroner ins Vallée Blanche zur längsten hochalpinen Abfahrt der Alpen. www.bergschule-uri.ch

Monte-Rosa-Hütte

Wichtigster Ausgangspunkt für Touren am Monte Rosa. www.section-monte-rosa.ch

Lesen

In der kleinen Schweiz, sagt unser Fotograf Robert Bösch, findet jeder Alpinist sein Traumziel. Wer mehr aus seinem Blickwinkel sehen möchte: Der Bildband "Schweiz alpin. Die schönsten Touren in Fels und Eis" verspricht extremen Genuss zwischen Matterhorn und Dufourspitze, Jungfrau, Mönch und Eigernordwand.

Auskunft

Tourismusbüro Zermatt, Bahnhofplatz, www.zermatt.ch

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