Thailand: Inseln in der Andamanensee

Vier Aquamarine in der südlichen Andamanensee, rund 800 Kilometer von Bangkok entfernt: Ko Lanta, Hai, Kradan und Muk. Auf diesen Inseln wohnt das Glück, meint Autor Johannes Strempel. Und erklärt, warum
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Ko Hai

Ko Muk: Die Lagune

Was die Pforte zum Paradies sein soll, sieht von unserem Boot aus wie der Einlass in die Unterwelt. Ein schmales Loch am Fuß der senkrechten Steilküste, von Wellen umspült, dahinter nichts als Dunkelheit. "Tham Morakot" steht auf einem Holzschild an den Klippen – Smaragdhöhle. Dahinter, hat man mir versprochen, soll einer der schönsten Strände der Andamanensee liegen. Nur frage ich mich: Wie komme ich hin zu diesem Strand?

Der Mann am Steuerruder spricht nur ein paar Brocken Englisch. Dafür lächelt er ausdauernd. Ich deute auf das Loch in der Felswand, als er den Motor unseres Longtailboots abwürgt und die lange Stange mit der Schraube, die noch ein wenig nachrotiert, aus dem Wasser hebt. Er nickt und macht pantomimisch Bewegungen mit beiden Händen. Dann reicht er mir eine Stirnlampe. Mit einem Lächeln. Schwimmen also. Ich springe von Bord in das warme Wasser und kraule auf die Küste zu. Vor dem Höhleneingang hat eine weiße Yacht Anker geworfen; verlassen schaukelt sie auf der See. Die kräftigen Wellen tragen mich direkt in das Loch im Fels, hinein in tiefe Finsternis. Der Lichtstrahl meiner Stirnlampe fingert über die niedrige Höhlendecke. Meine Füße spüren keinen Grund, also schwimme ich weiter. Fünfzig Meter, schätze ich, dann siebzig, achtzig Meter. Immer noch ist es stockdunkel. Dann macht der Tunnel eine Biegung, und als ich um die Ecke biege, fällt von vorn schwaches Tageslicht herein. Schließlich blitzen Sonnenstrahlen. Mit den letzten Schwimmstößen lasse ich den Tunnel hinter mir und finde mich in einer Lagune wieder, mit smaragdfarbenem Wasser und einem geschwungenen Sandstrand. Wie in einem Krater, der von hohen Felsen umschlossen ist.

Palmen und riesenhafte Farne werfen Schatten ins weiche Licht. So sieht es also aus, das Piratenversteck, von dem man mir vorgeschwärmt hatte. Das Stückchen Paradies, das ich unbedingt gesehen haben müsse – als wäre ich eine Figur in

"The Beach", jenem Traveller-Drama mit Leonardo DiCaprio, das vor acht Jahren die Leute erst in die Kinos und dann ins südliche Thailand gelockt hat.

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Am Strand von Ko Hai ist man die meiste Zeit für sich allein und völlig ungestört

Hinter "The Beach", dem Roman, dem Film, schließlich dem Mythos und dem Hype, verbarg sich eine ganz reale kleine Tragikgroteske: Es gab da tatsächlich einen märchenhaften, abgeschirmten Strand, auf Ko Phi Phi. Doch nachdem dort das Filmteam und danach die Paradiessucher in Scharen eingefallen waren, war der Traumstrand ruiniert. Bis – das Paradox auf die Spitze getrieben – der Tsunami Ende 2004 so viel Angst verbreitete, dass bis heute kaum noch jemand jenen Küstenstreifen ansteuert. Erst allmählich kamen die Strandfreaks zurück. Massenandrang und Beach-Kommerz, das kann hier nicht passieren. Zur Smaragdhöhle von Ko Muk gibt es nämlich nur einen einzigen Zugang vom Meer aus – und das ist die Röhre im Fels, die auch ich durchschwimmen musste. Kein Souvenirhändler, kein Getränkeverkäufer, kein Imbissbudenbesitzer wird diesen Strand für sich erobern können.

Wie lange man bleibt und was man mitbringt, darüber entscheiden die Gezeiten: Bei Flut und stürmischer See ist der Tunnel nicht zu passieren. Als ich mich in den feinen Sand lege, sind außer mir nur noch die Gäste der weißen Yacht in der Lagune. Sie lassen sich im flachen Wasser treiben, sonnen sich im Sand, und ihre Stimmen hallen wider von den Wänden – wie ein Echo des Glücks.

Ko Hai: Der Strand

Wie spät es ist? Ray wirkt einen Moment lang verblüfft, als könnte er die Frage nicht richtig verstehen. Dann blickt er mit einem Lächeln zu Boden. "Zehn Uhr", sagt er, und deutet auf seinen eigenen langen Schatten im weißen Sand. Mit seinen kräftigen Fingern malt er nun Linien durch die heiße Luft: "Hier würde der Schatten um elf Uhr stehen und hier um zwölf."

Ray ist seine eigene Sonnenuhr an diesem verlassenen Uferstreifen zwischen Palmen und Mangobäumen. Vor uns schaukelt ein gelber, schlanker Fischerkahn auf den Wellen, dahinter ragen drei schroffe Kalksteinfelsen aus dem Meer. Wer braucht schon präzise Zeitangaben auf einer winzigen Insel, die nur ein paar Bungalows und einfache Restaurants hat? Ray, der immer freundliche, rundliche Kellner, legt nachsichtig den Kopf schief. Was bedeutet: Keine Bange, das Boot wird schon kommen.

An drei thailändische Provinzen grenzt die südliche Andamanensee, von Krabi im Norden über Trang bis hinunter nach Satun an der Grenze zu Malaysia, gut 800 Kilometer von Bangkok entfernt. Vor dem Festland erstreckt sich ein Archipel aus hunderten Inseln und Inselchen, grüne Juwelen im Ozean. Die meisten sind geschützt durch die Markierungen der Nationalparks, viele unbewohnt. Inseln, so klein wie ihre Namen: Ko Rok. Ko Muk mit seiner verborgenen Smaragdhöhle. Oder das fünf Quadratkilometer große Ko Hai, wo ich mit Ray stehe und den Horizont nach einem Boot absuche.

Weit draußen haben Fischer ihre rostigen Kähne ineinander vertäut, vier, fünf in einer Reihe. Tagsüber ruhen sie sich darauf aus für die Nacht, wenn es wieder Zeit wird, auf Garnelenfang zu gehen. Eine Gruppe Schnorchler erkundet von Booten aus die Unterwasserwelt der vorgelagerten Inseln. Hier unten in der Andamanensee lässt sich tatsächlich noch etwas finden von dem Thailand-Feeling, das die Backpacker in den Achtzigern verzauberte: lange, weiße Strände, an denen die eigenen Fußstapfen die einzigen Spuren im Sand bleiben. Dichter, ungezähmter Urwald. Korallenbänke, die zu explodieren scheinen an ihrem Reichtum von bunten, tropischen Fischen. Je tiefer südlich man sich treiben lässt, desto einsamer zeigt sich diese Welt – wie unberührt. Nur zwei, drei Fahrstunden mit dem Boot entfernt, Richtung Norden, erinnern Phuket oder Ko Phi Phi an die Endlichkeit von Idyllen. Phuket, Thailands größte Insel, hat sich dem Massentourismus geöffnet, mit Multiplex-Kinos und Pubs, mit Rotlicht und dröhnenden Speedbooten. Ko Phi Phi ist der Inbegriff des verlorenen Paradieses. Chaotisch besiedelt und heute umkämpft unter Investoren und Einheimischen, Großhotel- Projekten und sanfteren Tourismusvarianten. Am leeren Stand von Ko Hai ist nur das Meckern des Nashornvogels zu hören. Dann taucht ein knatterndes Boot am Horizont auf. Als ich an Bord klettere, steht Rays Schatten auf elf Uhr.

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Eingang zum Paradies: Wer zur Lagune will, muss den Tunnel der Smaragdhöhle durchqueren

Ko Kradan: Der Dschungel

Paradise Lost Resort – Ice Cold Beer, Free Toilets" lese ich auf einem verwitterten Schild am Ufer von Ko Kradan. Sonst ist da nichts. Kein Mensch, kein Gebäude, nur gleißend heller Sand. Ich wate an Land und stehe etwas hilflos herum. Schließlich holpert mir über einen schmalen Pfad im Dickicht ein knatterndes Moped mit Beiwagen entgegen, gefolgt von einem Rudel Hunde: Mein Shuttle-Service ist da.

Weiter unten am Strand von Ko Kradan liegen ein paar Resorts, die meisten nicht viel mehr als Baustellen, sowie eine Station des Nationalparks. Der wahre Schatz der Insel aber ruht fein versteckt im Landesinneren: das "Paradise Lost Resort". Der Hüter der Anlage thront im offenen Restaurant, auf einem zarten Plastikstühlchen. Wally Sanger ist ein kräftiger 69-Jähriger mit wirrem weißem Haar, Vollbart und mit der gegerbten Haut eines Hochseeseglers. Ein Weihnachtsmann, den es nach Thailand verschlagen hat, in einem roten ärmellosen Shirt und kurzen Hosen. Über sein spannendes Leben spricht Wally Sanger nur zögernd. Geboren ist er auf Hawaii. Er war lange mit dem Schauspieler Lee Marvin befreundet. 1980 warf er seinen Job hin und segelte 20 Jahre durch den Südpazifik. Dann entdeckte Wally Kradan. Eine abgelegene, sanft gewellte Insel mit Korallenriffen, vor allem: unbewohnt. Tief im Dschungel kaufte er ein Grundstück.

"Zwei Jahre lang habe ich gerodet und gebaut", erzählt er mit tiefer Bärenstimme. Auf der Lichtung, zwischen Kokospalmen und Tamarinden, errichtete er neun einfache Stelzenbungalows aus malaysischem Hartholz; schließlich noch das Restaurant, das er zum großen Teil aus angeschwemmtem Treibgut baute. Hier führt er nun ein unkompliziertes Leben. Seine gesamte Buchhaltung passt in einen kleinen weißen Topf auf seinem Schreibtisch. "Du siehst einen glücklichen Mann vor dir", sagt er, "der seit über zwanzig Jahren keine Kreditkarte mehr besitzt."

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Hinter dem Horizont geht's wieter: Pool des "Chateau Hill Resort" auf Ko Hai

Ko Lanta: Der Hafen

Ein paar Tage später setze ich über nach Ko Lanta. Die Insel ist bergig und bewaldet. 20 000 Menschen leben hier, der Tourismus ist etabliert. Dennoch wirkt alles anders, unaufgeregter als etwa Phuket. Das Angebot richtet sich an Backpacker ebenso wie an Familien, die in Ruhe Ferien machen wollen. Einige Luxusresorts locken Filmleute und Designfans an – doch wer Phuket überlaufen findet und die Kleininseln zu einsam, der entdeckt hier das tropische Thailand seiner Träume. Die meisten Bewohner von Ko Lanta sind Muslime. Statt buddhistischer Tempel stehen Moscheen in den Dörfern; der Name allerdings stammt von den "Chao Leh", den Seenomaden, einem Volk, das verstreut in Pfahlbauten siedelt.

Monatelang leben die Chao Leh auf ihren Booten. Sie fischen, ziehen von Küste zu Küste, nur während der Monsunstürme suchen sie Schutz an Land, erneuern dann ihre Hausboote oder bauen ein neues. Heute versucht die thailändische Regierung sie sesshaft zu machen, unterstützt sie beim Hausbau, will die Kinder in die Schule schicken. Doch die Seenomaden folgen nur widerwillig. Nach wie vor pflegen sie ihre mündliche Überlieferung, von den Älteren kennt kaum jemand sein Geburtsdatum. Ihren animistischen Glauben hütet der Schamane. Zur Monsunzeit feiern sie auch ihre großen Feste. Über mehrere Tage zieht sich das hin – mit viel Thai-Whiskey. Nach durchtanzten Nächten fahren am Morgen die jungen Männer aufs Meer. Sie führen auch ein kleines Boot mit, etwa zwei Meter lang, eine perfekte Miniatur. Die Jugendlichen haben das Bötchen mit Lebensmitteln und Blumen beladen, Lichter und Kerzen darauf entzündet – Gaben aus der Chao-Leh-Gemeinde.

Eine Stunde später kommen die Männer zurück – ohne das kleine Boot. Das, erklärt uns der Sohn des Schamanen, wird draußen nun zu den Seegöttern fahren. Es bringt ihnen Essen und Blumen und Licht. Und alles Negative, alle Probleme und Schwierigkeiten nimmt es mit hinaus, trägt es davon aufs Meer, wo die Seegötter sich darum kümmern werden, dass das Böse nicht wieder zu den Menschen zurückkehrt. "Und weil du", sagt er feierlich zu mir, "mit uns gemeinsam getrunken und gefeiert hast, hat es auch dein Unglück mitgenommen. Keine Sorge, du wirst hier nur das Glück finden."

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Ein bisschen Schaukeln, ein bisschen Nichtstun: Auf der einsamen Insel Ko Kradan macht die Zeit Pause

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