Südafrika Safari mit Kindern

Für Kinder geht in Südafrika manchmal ein Traum in Erfüllung: Sie erwachen mitten in einem Tierfilm, in dem Paviane und Elefanten den Weg kreuzen und Löwen bei Fuß gehen. Eine unvergessliche Safari
In diesem Artikel
Wintersaison: perfekte Reisezeit
Fledermausbesuch und andere Tiere

Wintersaison: perfekte Reisezeit

Die Löwen sind los - und Ross, der Ranger, hat ein Gewehr dabei, für alle Fälle. Leise, ganz leise pirschen wir uns mit dem Jeep an die drei wilden Tiere heran, die so furchtbar wild allerdings gerade nicht sind. Auf dem staubig grauen Boden im Wildpark Tshukudu lungern sie unter einem Baum herum, der seine dürren Arme in die Höhe reckt, und schauen dabei zu, wie der rote Sonnenball hinter die Drakensberge plumpst. Ist es erst einmal finster, verwandeln sich die Faulpelze in grimmige Jäger. Es wird schnell dunkel in Südafrika, und die Kälte schleicht heran. Deshalb beeilen wir uns auf dem Weg zurück in die Lodge. Als in den Siebzigern "Daktari" im Fernsehen lief, hatten mein Mann Siamak und ich uns in den damals so fernen Kontinent verliebt. 20 Jahre später waren wir zum ersten Mal in Südafrika - im Dezember, der Hochsaison im Westen des Landes.

Diesmal sind wir mit unseren Söhnen Nima (9) und Navid (6) gekommen, im August, der perfekten Jahreszeit für Familien. Im Norden und Osten des Landes ist es dann warm, aber nicht heiß - und ruhiger und billiger sowieso. Gut, auf der nackten, nashornfarbenen Erde wächst kein Gras, nur die seichten Flüsse sind von schmalen Schilfgrünstreifen gesäumt. Dafür schwirren in der Trockenzeit auch keine Malariamücken herum, und große Tiere können sich nicht hinter hohem Gras verstecken. Auf einer 2000 Kilometer langen Route, die den Krügerpark mit dem Indischen Ozean verbindet, wollen wir Landschaften entdecken, Tiere beobachten und Menschen treffen. Aber nicht gleich vier Millionen. Deshalb lassen wir Johannesburg links liegen und sind erleichtert, als auch die Monotonie der Hochebene hinter uns zurückbleibt. Kurz vor den Drakensbergen geht sie in die grünen Hügel der Region Highlands Meander über, wo Flüsse sich nicht zähmen ließen und die Buren einst rote Backsteinkirchen bauten. Navid schaut nachdenklich aus dem Fenster und fragt, ob wir schon in Südafrika seien. Klar doch, wieso fragst du?

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Noch niedlich, später ein Raubtier erster Klasse

Touristenfolklore - oder ein erster Eindruck vom ursprünglichen Afrika?

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Ein Mann vom Zulu-Stamm zeigt Touristen seine traditionelle Tracht

"Ich dachte, hier sei Winter." In seinem Winter sitzt man eben nicht im klimatisierten Auto, während draußen Menschen in kurzen Hosen Sonnenhüte verkaufen. Ich sehe was, was er nicht sieht: Die Geschäfte preisen "Winter Specials" an.

Vormittags sind wir durch das Kulturdorf Botshabelo gelaufen. Im Gebiet des Ndebele-Stamms haben zwei Berliner Mitte des 19. Jahrhunderts eine Missionsstation errichtet, seitdem sind die Ndebele Lutheraner. Geometrische Figuren in leuchtenden Farben zieren ihre Rundhütten. In grün-blau-rote Decken gehüllt, sitzen Frauen um ein Feuer und fädeln Perlen auf. Sie tragen Ringe an Hälsen und Beinen, Eheringe. Doch sie sind unter sich, ihre Männer verdienen in den Städten Geld. Heute machen sie das freiwillig, anders als damals, als sie von der Apartheid-Regierung zwangsumgesiedelt wurden und erst zurückkehren konnten, nachdem Nelson Mandela 1994 Präsident geworden war.

Wir hatten gezögert, uns das Dorf anzusehen, Touristenfolklore erwartet und dann doch angehalten, um den Kindern einen ersten Eindruck vom ursprünglichen Afrika zu geben: So viele Traditionen sind durch Kriege, Apartheid, Vertreibungen und Urbanisation verloren gegangen, dass nur noch in den Museumsdörfern ein Teil der südafrikanischen Stammeskultur überlebt hat, Handwerkskunst etwa und die Musik. Den Jungs gefällt der poppige Stil der Ndebele.

Sie rennen in den Souvenirshop und kaufen zwei bunt und zackig bemalte Becher. "Für den Kakao", sagen sie, als wären sie noch zu Hause, wo es abends heiße Schokolade gibt. Der erste Tag endet mit einer zweiten Zeitreise. In Pilgrim’s Rest, einem Goldgräber-Museumsort in den Drakensbergen, ist das viktorianische England noch lebendig. Im Hotel hängen alte englische Landschaftsbilder, die Wanne in unserem Cottage steht auf Klauenfüßen, vor der Veranda halten Hortensien Winterschlaf. Und das Personal trägt Spitzenhäubchen.

"Und wo sind die Tiere?"

Als wir den ersten Pass erreichen, macht Siamak ein anderes Erbe der Briten zu schaffen: der Linksverkehr. Serpentinen, die ihren Namen wirklich verdient haben, schlängeln sich durch die bis zu 3500 Meter hohe Kette, die sich vom Norden bis in den Süden des Landes zieht. "Wand der aufgestellten Speere“ nennen die Zulu – eine der vielen Volksgruppen der Regenbogennation – die Zinnen und Kämme aus Basalt. Das Panorama auf der Panoramaroute ist alle paar Minuten ein anderes. Erst liegt Geröll auf grünen Wiesen wie in den schottischen Highlands. Kurz darauf kommen wir uns vor wie in Sizilien im Spätsommer. Dann fühlt sich Siamak an seine Heimat, den Iran, erinnert, wo karges, rotbraunes Gestein in der Sonne leuchtet. An Bourke’s Luck Potholes, einer bizarren Formation aus rotem Sandstein mit Wasserlöchern darin, spucken die Jungs von der Brücke in einen Canyon und hüpfen barfuß von Stein zu Stein. Schließlich stehen wir zwischen Farnen, Moos und Bäumen, die sich mit langen Wurzeln am Bach besaufen. Der kleine Regenwald thront über dem Aussichtspunkt God’s Window, wo die Berge steil ins Lowveld abfallen, die blassgrün schimmernde Tiefebene. Zu unseren Füßen liegt der Krügerpark und am Horizont Mosambik. Neben uns stürzt ein Wasserfall herab. Siamak und ich sind richtig ergriffen von so viel Schönheit, uns fehlen die Worte. Die findet Navid.

"Und wo", fragt er, "sind die Tiere?" In diesem Punkt kommen der Ranger aus Tshukudu ins Spiel und die drei gar nicht wilden Löwen. Die 5000 Hektar große private Game Reserve kurz vorm legendären Krügerpark ist bekannt dafür, dass sich hier die "Big Five" gern zeigen: Löwen eben, Elefanten, Büffel, Nashörner und Leoparden. Auf unserer ersten Safari fährt Ross uns im offenen Jeep durch sein Revier. Wir sind kaum unterwegs, als er runterspringt, nach Dung greift und erklärt: Groß und schwarz bedeute Rhinozeros, groß und rot Elefant, klein und weiß Hyäne. "Was hat er gesagt?", fragt Navid. Während Warzenschweine durch die Dornbüsche laufen und sich am Horizont Büffel blicken lassen, übersetze ich. Die Jungs kichern. Fährtenlesen mit Dung finden sie komisch.

Plötzlich macht Ross den Motor aus und flüstert: "Da, eine Elefantenkuh mit Baby . . .". Wir hören, wie es knistert. Die Tiere essen Elefantenchips – die trockenen Blättertaler der Dornbüsche. Ihre Schritte sind nicht zu hören, dafür gehen Elefanten viel zu sanft. Unvermittelt stehen Mutter und Kind vor uns. "Ist das nicht toll?", fragt Siamak aufgeregt. Doch mehr als ein "Boh" ist bei den Kindern nicht drin. Sie staunen still.

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Navid (6) und sein Bruder Nima halten Ausschau nach Krokodilen und Flusspferden

Alle "Big Five" in nur drei Stunden

Gleich darauf sehen wir einen anderen Koloss, der gleichgültig vor sich hin kaut, sein Baby, mit einem Horn, so klein wie eine Stupsnase, stets im Blick. Da Weiße Nashörner mit ihren breiten Mäulern Graslandschaften beim Futtern bevorzugen, müssen sie das notgedrungen meist öffentlich tun. Ihre "schwarzen" Brüder zupfen mit spitzen Mäulern im Busch die Blätter von den Bäumen und sind daher seltener zu sehen. Siamak ist noch dabei, den Kindern den Unterschied zwischen Black und White Rhino zu erklären, als Giraffen auftauchen. Wie schüchterne Teenies stehen sie da, mit ihren dünnen Beinen, dem langen Hals und den üppigen Wimpern, die aussehen wie in Mascara gebadet. Und ganz in der Nähe der Aufzuchtstation für Leoparden liegt Savannah unter einem Baum. Die Gepardin ist das wilde Haustier der Game Reserve, großgezogen mit der Flasche.

Die Jungs wollen, dass wir sie mit dem schnellsten Säugetier der Welt fotografieren – und haben ihre erste Trophäe. In weniger als drei Stunden haben wir alle "Big Five" gesehen. Doch Tshukudu hält noch eine Steigerung bereit. Das jüngste Waisenbaby der Lodge ist ein sechs Monate alter Löwe, der morgens, kurz vor unserer Abfahrt, ausgeführt wird, damit er sich an das Leben in Freiheit gewöhnt. Aquila schnurrt, maunzt und wirft sich auf den Rücken. Doch Mitspielen ist tabu, weil uns das Löwenkind verletzen könnte. Mittags erreichen wir das Phalaborwa-Tor, das etwa in der Mitte des 300 Kilometer langen Krügerparks liegt. Zwei Tage lang wollen wir den größten Nationalpark des Landes Richtung Süden durchstreifen. Zum Schutz von Tier und Mensch dürfen wir die Straßen nicht verlassen und nur an markierten Stellen aussteigen. Aus dem Boden wachsen meterhohe Termitenhügel, aber kaum ein Halm. Die silbrig schimmernden Bäume wirken fast transparent. Tiere lassen sich vorläufig nicht blicken. Nach der Mitmach-Safari ist der Krügerpark zunächst eine Enttäuschung, Autokino eben. Die Jungs langweilen sich und fangen an zu streiten. Und ich werde langsam nervös, weil das Camp bald schließt. Plötzlich tritt Siamak auf die Bremse. Eine Elefantenherde kreuzt die Straße, langsam, ganz langsam. erade noch rechtzeitig erreichen wir das Camp am Olifants River, der sich als leuchtendes Smaragdband durch die dürre Weite windet. Von der Terrasse hoch über dem Strom sehen wir Flusspferde, die durchs Wasser marschieren, als seien sie auf dem Hippo-Highway unterwegs. Dabei scheinen sie sich Mühe zu geben, nicht auf die Krokodile zu treten, die reglos auf Sandbänken lauern.

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Fast zum Anfassen nah: Eine Elefantenfamilie zieht vorbei

Fledermausbesuch und andere Tiere

Um sieben ist es dunkel. Siamak bezieht mit Navid die eine Zweipersonenhütte und liest ihm aus Nelson Mandelas Lieblingsmärchen vor, die der ehemalige Präsident aus vielen Ländern Afrikas zusammengetragen hat. Nima und ich teilen uns die Hütte nebenan. Ich bin froh, dass sein Englisch nicht ausreicht, um den Hinweis an der Tür zu verstehen: "We are currently experiencing bats in the bungalows": Manche Hütten bekommen Fledermausbesuch, und zwar drinnen. Dass morgens Paviane auf dem Strohdach herumhüpfen, finde ich schon lustiger.

Am Tag darauf überrascht uns der Krügerpark mit einem 1-a-Tierfilm: Herden von Kudus, Impalas und Streifengnus stehen am Wegesrand. Die Kinder entdecken Zebras; Giraffen blockieren die Straße und knabbern Baumkronen leer. Ein alter Elefant rupft Schilf aus und dreht es ein wie Spaghetti. Auf einer Sandbank liegt wie hingegossener Pfannkuchenteig eine Hippo-Familie. Später wird die Fototapete in meinem Kopf endlich lebendig: Sonnenuntergang an einem Wasserloch.

Auf einem morschen Ast hockt ein Graureiher, im Sand döst ein Krokodil, auf dem Hügel steht eine Büffelherde. Auf unserem Weg ans Meer liegt Swasiland, die kleine Monarchie mit Grenzen nach Südafrika und Mosambik. Ein Soldat stempelt Visa in unsere Pässe. Über ihm hängt ein Bild von König Mswati III. Swasiland hat die höchste Aidsrate der Welt, doch der Herrscher lebt nicht nur luxuriös, während sein Volk arm dran ist, sondern auch mit 13 Ehefrauen. Die Polygamie gibt Aids viele Chancen, und Mswati III. geht mit schlechtem Beispiel voran. Die Kinder freuen sich auf ein echtes Königreich. Dass es hier alles andere als märchenhaft zugeht, darauf kommen sie von ganz alleine. Ab und an bleiben wir hinter einem Laster hängen, der waghalsig hoch Zuckerrohr geladen hat. Auf den Straßen sind vor allem Menschen unterwegs, Schulkinder in Uniformen, Alte, Mütter mit Babys auf dem Rücken. Am Wegesrand verkaufen Familien Obst und Brennholz. Ihre Hütten sind kaum größer als ihre Stände. Navid schaut den Kindern nach, die zwischen diesen Bretterbuden spielen. Ich kann seine Gedanken lesen: So einen tollen Abenteuerspielplatz hätte er auch gerne.

Ein neues Spiel: Räuber und Gendarm auf Afrikanisch

Nima fallen Kinder in Lumpen auf, später sagt er: "Ich möchte nicht König sein. Da hat man so viel zu bestimmen und muss immer die richtige Entscheidung treffen."

Zwei Autostunden hinter der südlichen Grenze liegt der warme Indische Ozean. Im Badeort St. Lucia springen die Jungs von den Dünen, rennen in die Brandung und spielen am kilometerlangen Strand "Löwe und Antilope" – Räuber und Gendarm auf Afrikanisch. St. Lucia ist für uns wie ein Löschblatt, das man auf die Eindrücke legt, damit sie nicht verwischen. "Kommt jetzt endlich die Zulu-Lodge?", fragt Navid, als wir nach drei Tagen Strandurlaub auf dem Weg nach Simunye sind, wo wir die letzte Nacht verbringen. Das spannendste Mandela- Märchen, findet er, spielt im Zululand, und nun will er endlich Zulus kennenlernen – die Bewohner dieses einst mächtigsten Königreichs Südafrikas.

Wir müssen das Auto stehen lassen. Keine Straße führt zum Dorf, das heute als Lodge betrieben wird. Das Gepäck transportiert ein Ochsenkarren. Wir entscheiden uns fürs Reiten, obwohl wir es nicht können. Kein Problem, meint der Pferdeführer Vuthukile und erzählt, dass sein Sohn eine Stunde zu Fuß zur Schule laufe und eine zurück. Das beeindruckt Grundschüler aus Deutschland, die Fahrräder mit Gangschaltung haben.

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Ein Freizeitpark mitten in der Natur: perferkt für kurze Spielerei

Nach einer Stunde Schritttempo auf steinigen, steilen Pfaden erreichen wir den Fluss. Auf der einen Seite liegt das Restaurant, auf der anderen das alte Dorf, dessen Rundhütten aus Bast von bequemen Steinhütten für die Gäste umzingelt werden. Die Mitarbeiter sind Zulus aus der Gegend. Sie schlüpfen für die Touristen in traditionelle Rollen, trommeln, singen und tanzen bei einer Zeremonie am Lagerfeuer. Der Häuptling hat eine Krone und einen Umhang aus Leopardenfell, seine Männer tragen Lederschurze mit Kuhschwänzen dran. Am nächsten Morgen erklärt uns der Schmied, wie man Speerspitzen formt, und der Sohn des Clan-Chefs, wie man damit Feinde tötete, damals, vor gut 200 Jahren, als Shaka, der berüchtigte, grausame Zulu-König, weite Teile Südafrikas beherrschte. Nima und Navid sind beeindruckt – und bekommen ihre zweite Trophäe: ein echtes Zulu-Schild aus Kuhfell.

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