Südengland: Jagd auf Dinosaurier-Fossilien

Wenn die Wellen an den Klippen von Lyme Regis anbranden. Und der Regen sie aufweicht und ins Rutschen bringt: Dann werden die Dinosaurier-Fossilien freigelegt, die hier seit ungefähr 200 Millionen Jahren liegen
In diesem Artikel
Die Jurrasic Coast birgt Unmengen von fossilen Schätzen
Der Regen legt die Dinossaurier, Ammoniten und versteinerten Tintenfische frei
Die Klippen sind gefährlich, denn jederzeit können ganze Platten von der Wand abrutschen
Friedhof der Ammoniten

Es war einer dieser herabgefallenen Saurier, der die kleine Mary Anning rettete. Ihr Vater starb, als sie gerade zwölf Jahre alt war, und ließ Mary, ihren Bruder und ihre Mutter ohne Erspartes zurück.

Kein schönes Los in England im Jahre 1811 – an manchem Abend hatte die Familie nichts zu essen. Doch dann kam der Saurier. Ein Ichthyosaurier war es, ein Fischsaurier mit großen Augen, einer langgezogenen Schnauze und höckerigen Paddeln. Mary fand ihn am Strand zwischen ihrem Heimatort Lyme Regis und dem Nachbarstädtchen Charmouth. Genauer gesagt: Sie fand seine Knochen – das erste komplett erhaltene Skelett eines Ichthyosaurus. In einer Zeit, in der man glaubte, alle Tierarten seien unverändert, seit Gott sie am fünften und sechsten Tag der Schöpfung entworfen hatte, war dieser seltsame Fisch mit dem Krokodilskopf eine Sensation.

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An den Klippen der West Bay studieren Geologen aus aller Welt die Spuren der Erdzeitalter

Die Jurrasic Coast birgt Unmengen von fossilen Schätzen

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Freizeitforscher entdeckten einen riesigen Ammoniten, ein schneckenförmiges Fossil

Aus London reisten gelehrte Männer an und bestaunten den Fund. Seit einigen Jahren war das Sammeln von Fossilien in Mode gekommen. Einer der Sammler, Thomas Birch, war so gerührt von der kleinen, tapferen Mary, dass er seine Fossilienkollektion verkaufte und den Erlös von 400 Pfund Sterling den Annings überließ. Die Familie war fürs erste gerettet. Der Ichthyosaurier sollte nicht Marys einziger Saurierfund bleiben. Zehn Jahre später entdeckte sie das Skelett eines gewaltigen Meeresreptils: Plesiosaurus dolichodeirus. Es war das erste und ist bis heute das am besten erhaltene Exemplar seiner Art. Mit 29 Jahren schließlich entdeckte sie noch einen Dimorphodon, einen Flugsaurier. Heute ist ein Tag, an dem Mary Anning wahrscheinlich im Bett geblieben wäre: einfach zu schön, um einen Dinosaurier zu finden. Der kleine Fischerort Lyme Regis an der vom Golfstrom umspülten Südküste Englands bereitet sich auf die Sommerferien vor. Aus ganz England werden bald Touristen hierher strömen, an die Jurassic Coast. So heißt ein rund 160 Kilometer langer Küstenabschnitt zwischen Studland Bay in Dorset und Exmouth in Devon, dessen steile Klippen einen Querschnitt durch 190 Millionen Jahre Erdgeschichte zeigen.

Viele Besucher kommen, um einfach Ferien zu machen

Einige, um Dinosaurier oder andere Fossilien zu suchen. Die meisten kommen für beides. Familien mit Kindern bevölkern die Hauptstraße. Auf Klappstühlen vor dem Teehaus sitzt ein Ehepaar in Wanderstiefeln. Er liest in dem Buch "Fossil Hunting around Lyme Regis", sie das Blättchen "Hello!". Vor dem Fossilienshop lässt eine Gruppe Mädchen in kurzen Röcken und Hotpants neu erstandene Kettenanhänger vergleichend in der Sonne glänzen. Über dem Buchladen pendelt das handgemalte Holzschild sanft in der Brise und knarrt dabei leise. Die Sonne funkelt silbrig auf dem Wasser des Kanals, kleine Wellen dümpeln an den Strand. Nein, kein guter Tag, um einen Dinosaurier zu finden – viel zu sonnig, zu trocken, zu idyllisch.

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Fossiliensucher am Strand sehen immer gleich aus - den Kopf gesenkt und den Blick konzentriert auf den Boden gerichtet

Der Regen legt die Dinossaurier, Ammoniten und versteinerten Tintenfische frei

Dafür ist es ein guter Tag für eine Wanderung mit Dr. Colin Dawes. Der Strandführer ist einer der besten Kenner der Küste, dazu Ornithologe, Buchautor und ein kauziges Original. Aus den Klippen der Jurassic Coast bröckeln nicht nur große Tiere, sondern auch viele kleine Kreaturen der Urzeit: tintenfischartige Tiere mit schneckenförmigem Gehäuse (Ammoniten), so genannte "Perlboote" aus der Klasse der Kopffüßer (Nautilide), Gryphaea (eine ausgestorbene Muschelart, mit unseren heutigen Austern verwandt) und Donnerkeile, auch Teufelsfinger oder Belemniten genannt. Dies alles regnet bei Erdrutschen aus dem Kliff; es braucht dann aber seine Zeit, bis die Wellen die versteinerten Schalen der Tiere sichtbar auswaschen. Bei jeder Flut werden sie wie in einer gigantischen Waschtrommel zusammen mit den Strandkieseln durcheinandergewirbelt. Geht die Flut zurück, liegt jedesmal das Unterste zu oberst – genau richtig, um von eifrigen Suchern gefunden zu werden.

Jeder hat hier die Chance den Fund seines Lebens zu machen

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Das beste Reisesouvenir ist ein selbst gefundener Fossilienschatz

"Wir wandern hier gerade über unzählige Tonnen Schutt aus der Jura und der Kreide", erklärt Colin Dawes mit der Haltung und dem Tonfall eines Theaterdirektors, bevor der Vorhang hochgeht. "Diese Stücke sind etwa 65 bis 200 Millionen Jahre alt. Ihre Chance, eine spektakuläre Fossilie zu finden, ist genau so groß wie die eines jeden anderen – vorausgesetzt, Sie verfügen über gleiches Wissen und ähnliche Beobachtungsgabe." Mit diesen Worten scheucht Dawes uns fort. "So, ich brauche jetzt meine Ruhe und will eine Zigarette rauchen. Wir gehen bis zu dem Baumstumpf dort hinten. Dann schaue ich mir an, was Sie auf dem Weg alles gefunden haben."

Den Blick immer konzentriert auf den Boden gerichtet

Was wir finden, werden wir behalten dürfen. Die Jurassic Coast gehört zwar zum Welterbe und steht unter dem Schutz der Unesco. Aber nicht einmal die Kulturhüter der Vereinten Nationen können ihre Denkmäler vor den Launen der See schützen. Fossilien, die nicht während der Ebbe von Sammlern eingesteckt werden, spült eine der nächsten Fluten unweigerlich ins Meer. Nur außergewöhnliche Funde sollten im Heritage Center im Nachbarort Charmouth gemeldet und abgegeben werden – wobei die Außergewöhnlichkeit im Auge des Betrachters und Finders liegt. Trotzdem bleibt noch genug übrig für die nächsten Generationen von Fossilienjägern und Geologiestudenten aus aller Welt, die hierher kommen, um die Erdzeitalter vom Trias bis zur Kreide fein säuberlich in den Klippen aufgeschichtet zu studieren.

Nach und nach sind alle aus der Gruppe beim Baumstamm angekommen, die Taschen voller Steine. Dawes spießt seinen langen Wanderstock in den Sand und beginnt mit der Examination. Etwa drei Viertel unserer Fundstücke fliegen in hohem Bogen zurück ins Wasser: bedeutungslos.

Aber schon sind die ersten Ammoniten dabei, dann die Schale einer Gryphaea, ein Belemnit. Letztere sind spitz zulaufende Steinröhrchen, die am Strand zwischen Lyme Regis und Charmouth häufig zu finden sind. "Im Bürgerkrieg, als 1644 die Stadt von den Royalisten belagert wurde, nannte man sie Cromwell-Kugeln", sagt Dawes. "Viele alte Leute erzählen noch, dass sie als Kinder Pfeile aus Ästen geschnitzt haben, mit Belemniten als Spitzen darauf. Damit haben die Jungsbanden dann Krieg gegeneinander geführt."

Ammoniten so groß wie Frisbeescheiben

Nun wird’s ernst. Alle müssen ihre Kameras griffbereit in die Hände nehmen. "Wir gehen jetzt den nächsten Strandabschnitt entlang", deklariert Dawes. "Wer einen Ammoniten findet, bleibt stehen und ruft, so laut er kann: ,Ammonit!‘ Dann kommen wir alle dazu, und jeder macht ein Foto." Keine 30 Sekunden sind vergangen, als es zum ersten Mal "Ammonit!" über den Strand schallt. Da liegt, groß wie eine Frisbeescheibe, ein wunderschönes Exemplar, eingebettet in einem Kalksteinbrocken. Den kann niemand wegschleppen – deshalb die Fotosafari. Im Minutentakt geht es weiter: "Ammonit!" – "Ammonit!" Wir spazieren genau an der Grenze zwischen den Grafschaften Devon und Dorset entlang. Sie ist unmarkiert, aber bei der Größe der Ammoniten, die wie abgeriebene Wagenräder am Strand liegen, kann es durchaus sein, dass einer von ihnen mit einer Hälfte in Devon liegt und mit der anderen in Dorset.

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Der Geologe und Strandführer Colin Dawes kennt jeden Zentimeter der Jurassic Coast und weiß alles über Trias, Jura und Kreide

Die Klippen sind gefährlich, denn jederzeit können ganze Platten von der Wand abrutschen

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Regis in Dorset, ist vor allem in den Sommermonaten ein beliebtes Ferienziel. Hier werden Fossilienjäger garantiert fündig, denn die Steilküste bröckelt unaufhörlich

Nur zu nahe an die Klippen dürfen wir nicht herangehen. Die sehen selbst im Sonnenschein ungemütlich aus. Obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat, ist der Fels glänzend und glitschig. Jeden Augenblick kann sich ein Brocken lösen. Das Wasser sickert durch das poröse Gestein ins Innere der Klippen. Trifft es dort auf eine Tonschicht, staut es sich auf. Der hohe Wassergehalt macht das Gestein schwerer – bis es schließlich der Schwerkraft nachgibt und den Hang hinunterpoltert. Am 6. Mai 2008 kollabierte die 95 Meter hohe Klippe zwischen Lyme Regis und Charmouth auf einer Länge von 400 Metern. Einen Ichthyosaurus finden möchte wohl jeder gern, aber bitte nicht von einem erschlagen werden.

Für die Suche nach Ammoniten sind die Klippen auch ein denkbar ungünstiger Ort, wie Dawes erklärt. Auf dem Strand liegen sie flach, gut erkennbar. Aber in den Klippen sieht man von den Ammoniten nur die Schmalseite. "Dort zu suchen", sagt Dawes, "das ist, als wollte man eine Nadel im Heuhaufen finden, von der nur die Spitze zu sehen ist."

Friedhof der Ammoniten

Inzwischen haben wir alle die Chips unserer Kameras voll fotografiert, die Hosentaschen beulen sich von Baby-Ammoniten, Belemniten und Gryphaea. "Und jetzt", senkt Dawes seine Stimme, "bitte leise. Wir kommen zu einem Friedhof." Er setzt eine wichtige Miene auf und macht eine Kunstpause. "Zum Friedhof der Ammoniten!" Vor uns liegt eine freigespülte Kalksteinfläche. Darin stecken dicht an dicht Ammoniten in allen Größen. Einige ragen ein paar Zentimeter aus dem Boden heraus, die meisten aber liegen flach in ihrem steinernen Bett. Wie groß der Friedhof ist, weiß niemand. Er kommt aus den Klippen hervor und verschwindet zur anderen Seite ins Meer, wo nicht einmal bei Ebbe sein Ende abzuschätzen ist. Was brachte den Ammoniten den Tod? Eine Naturkatastrophe? Eine plötzliche Erwärmung des Wassers? Oder kamen Generationen von ihnen gezielt zum Sterben an diesen Ort, wenn sie ihr Ende nahen fühlten? Vielleicht war dieser Strandabschnitt vor 200 Millionen Jahren auch nur eine Bucht, in welche die Meeresströmung die leichten Schalen von toten Tieren hineinschob. Ein Stück östlich des Golden Cap – mit 191 Metern der höchste Punkt der Jurassic Coast, ja, der gesamten englischen Südküste –, liegt eine Höhle namens Dead Man’s Cove. Hier hinein drückt die Flut seit Jahrhunderten die Leichen von Seemännern, die vor den Klippen Schiffbruch erlitten haben. Ein ähnlicher Sammelplatz für tote Ammoniten könnte dieser Ort in der frühen Jura gewesen sein.

Welle um Welle verschwindet nun ein Ammonit nach dem anderen im Wasser

Die Flut läuft auf – Zeit, umzukehren. "Außerdem macht die Fossiliensuche sehr durstig", verkündet Dawes, "ich gehe jetzt in den Pub!" Entschlossen dreht er sich um, holt mit weiten Schwüngen seines Wanderstocks aus und eilt Richtung Lyme Regis. Ein kaltes Bier im "Royal Standard" an der Strandpromenade klingt in der Tat verlockend. Der vierjährige Paul, der Kleinste der Gruppe, merkt auch jetzt noch nicht, wie viele Kilometer über unwegsames Geröll seine kurzen Beine heute zurückgelegt haben. Während wir hinter unserem durstigen Führer her eilen, übt er den Zungenbrecher, den Dawes ihm beigebracht hat: "She sells sea shells by the sea shore." Diesen Satz möglichst schnell dreimal hintereinander auszusprechen, das versuchen englische Kinder, seit Mary Anning an diesem Strand ihre versteinerten Schätze verkaufte – glaubt man zumindest in Lyme Regis.

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