Costa Rica: Leben im Urwald

Der Student Matthias Maier aus Höslwang am Chiemsee verbrachte drei Monate im Regenwald in Costa Rica. Vollkommen abgeschieden von der Zivilisation lebte er in einem Zelt, durchforstete die Umgebung, wurde tagein, tagaus von Mücken und Zecken zerstochen und ernährte sich von Früchten aus dem Urwald. Seine Aufgabe: im Rahmen eines Praktikums Wanderkarten mit GPS-Daten für einen touristischen Anbieter erstellen. Von seinem Abenteuer berichtet er im Interview:

GEO.de: Herr Maier, wenn Sie im Urwald aus Ihrem Fenster schauten, was sahen Sie dann?

Matthias Maier: Ich hatte gar keines, ich wohnte im Zelt. Es stand auf einer Holzplattform, etwa einen Meter über dem Boden - auf Stelzen gebaut. Das macht man so, damit die Insekten einen nicht vollends überlaufen und der Boden trocken bleibt. Wenn ich aus dem Zelt schaute, waren vor mir nur der Urwald, ein kleiner Bach und neben mir die Hütte des Costaricaners Don Rafa, einem Aussteiger, der sich hier als Selbstversorger bewusst niedergelassen hat. Er war mein einziger Nachbar weit und breit.

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Der Ausblick aus dem Zelt. Schon früh morgens waren die in den Baumkronen wohnenden Brüllaffen zu hören.

Was genau haben Sie tagsüber gemacht?

Ich habe morgens meinen Tagesrucksack gepackt und bin mit meinem GPS-Gerät durch den Urwald gelaufen, um das Gebiet für den Reiseveranstalter Aiko-logi-Tours zu vermessen. Daraus sollen später Wander- und Übersichtskarten für Touristen entstehen.

Allein?

Anfangs war noch mein Nachbar Don Rafa dabei, ohne den hätte ich mich vermutlich niemals zurechtgefunden. Aber dann bin ich alleine unterwegs gewesen, was nicht immer einfach war. Der Regenwald ist hügeliger als man denkt. Ich musste teils steile Hänge hinaufklettern und mich auch mal mit einer Liane an einem Wasserfall vorbeihangeln.

Ist das nicht ganz schön gefährlich? Handy-Empfang gab es sicher nicht.

Tatsächlich habe ich mich am Anfang noch in Rufweite zu Don Rafas Hütte aufgehalten. Aber im Laufe der Zeit wurde ich mutiger und habe größere, mehrstündige Runden gedreht. Ich bin ein Naturmensch – schon immer gewesen – und fühle mich in so einer Umgebung wohl. Ich muss aber schon zugeben, dass ich zum Teil etwas unvorsichtig war. Ich habe mich nach einer Weile etwas zu sicher gefühlt.

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Luxusmahl: Auf einem improvisierten Grill aus einer alten Autofelge köchelte Matthias Maier manchmal Reis mit Bohnen (das Nationalfrühstück in Costa Rica, genannt Gallo Pinto).

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Frisch abgebraust der "grünen Hölle" lauschen. Die Open-Air-Dusche lag direkt dahinter: ein Wasserfall.

Was war mit giftigen Tieren? Hatten Sie keine Angst, gebissen zu werden?

Ich habe mich vor der Abreise sehr gut vorbereitet. Denn wenn man schon gebissen wird, sollte man wenigstens wissen, was für ein Tier da zugeschnappt hat. Sonst ist der Weg zum Arzt sowieso umsonst.

Sind Sie mal in eine brenzlige Situation geraten?

Ja, allerdings nicht in Bezug auf Tiere. Ich bin an einem Tag auf Steinen oberhalb eines Wasserfalls ausgerutscht, konnte mich aber glücklicherweise noch an einem dünnen Zweig festhalten. Als ich heruntersah, war unter mir ein ziemlicher Abgrund. Ich konnte mich zum Glück wieder schnell ans Ufer retten.

Wie haben Sie Ihre Abende verbracht?

Mein abendliches Ritual sah so aus: Ich bin zum Bach gelaufen, habe mich abgeduscht und dann rund 20 Minuten für die Suche nach den winzigen Zecken gebraucht. Es war schon fast Routine, die kleinen Tiere mit der Pinzette herauszupulen. Vor allem am Rücken gestaltete es sich als schwierig. Insgesamt bin ich während meiner Urwaldwochen rund 300 Mal gebissen worden.

300 Mal?

Ich bin tagsüber viel durchs Gras gelaufen, dort sitzen sie dann und lauern. Viele kann man sofort abstreifen, aber einige kriechen weiter nach oben. Moskitostiche hatte ich noch mehr. Rund 500 habe ich gezählt. Ich hatte das Gefühl, als würden sie fremdländische Menschen bevorzugen. Allein an den ersten beiden Tagen hatten mich an jedem Fuß rund 50 gestochen. Als ich dann mitten in der zweiten Nacht vom Brüllaffengeschrei wach wurde, hatte mich das unerträgliche Jucken fast wahnsinnig gemacht. Ich hätte die Stiche am liebsten alle mit dem Messer herausgeschnitten. Nach einigen Tagen hatte sich mein Körper irgendwie daran gewöhnt. Das scheint ein körperliches Phänomen zu sein. Der Juckreiz wurde einfach weniger.

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Dies war der trockene Unterschlupf für drei Monate, um mehr oder weniger insektenfrei sitzen und schlafen zu können.

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Bei der Arbeit: Bewaffnet mit dem GPS-Gerät und einer Machete ging es in den Dschungel.

Was kam nach der Zeckenschau?

Ich habe mir etwas zu essen gemacht. Meist habe ich mich von Früchten aus dem Urwald ernährt, etwa vom "Manzana de agua", einem Wasserapfel, der "Fruta de Pan", der Frucht des Brotfruchtbaumes. Außerdem standen jede Menge Avocados, Papayas und Bananen auf dem Speiseplan. Dann habe ich Tagebuch geschrieben und manchmal mit meinem Nachbarn Don Rafa auf der Holzplattform gesessen. Er hat Gitarre gespielt und dazu gesungen. Das war schön. Leider konnten wir uns meist nur mit Händen und Füßen unterhalten, mein Spanisch war zu schlecht. Unvergesslich war auf jeden Fall die Dämmerung. Dann fängt es in den Bäumen an, grün zu blinken. Etliche Glühwürmchen tauchen auf - das war wirklich unglaublich. Manchmal habe ich sogar eines in meinem Untersuchungsglas gefangen. Das reichte, um wenigstens die Umrisse im Zelt zu erkennen. Die Mücken fliegen dieses natürliche Licht nicht so sehr an wie das künstliche Licht meiner Stirnlampe. Das bedeutete weniger Stiche.

Haben Sie sich nicht manchmal einsam gefühlt?

Auf jeden Fall! So alleine denkt man über alles Mögliche nach. Doch dann hat man auch irgendwann alles durchdacht. Da kommt man dann an einen Punkt der Leere. Ich habe in diesen Stunden Tiere skizziert, die ich tagsüber gesehen habe und Tagebuch geschrieben. Aber tatsächlich geht einem die Beschäftigung irgendwann aus. Wenn es gar nicht mehr ging, bin ich am Wochenende ins nächste Dorf gegangen, etwa zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Da habe ich mich auch mal in das ansässige Hotel eingemietet und bin abends auf einen Drink rausgegangen.

Wie war die Reise zurück in die Zivilisation?

Schwierig. Als ich den Urwald unter mir sah, flossen die Tränen. Der Abschied fiel mir doch sehr schwer. Auf meinem Zwischenstopp in New York war die Trauer schon etwas verflogen. Dort habe ich als Erstes einen Burger gegessen. Das war ein Riesen-Erlebnis. Zurück in Deutschland haben mich meine Eltern zuerst gar nicht wiedererkannt. Ich hatte 12 Kilogramm abgenommen und einen Vollbart. Aber zu Hause hat man mich ganz gut wieder aufgepäppelt und sämtliche Lieblingsgerichte hintereinander gekocht.

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Auf seinen Streiftouren entdeckte Matthias Maier jede Menge Tiere, unter anderem diesen Stirnlappenbasilisk.

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