Myanmar: ja oder nein?

Seit Jahren geistert die Debatte durch die Medien: Soll man nach Myanmar reisen und damit womöglich das Militärregime unterstützen – oder das Land boykottieren? Der Burma-Kenner Martin H. Petrich hat eine eindeutige Meinung

Ausreichend Gründe nicht nach Myanmar zu reisen, gibt es viele. Seit 1988 steht das ehemalige Burma unter der Herrschaft des militärischen Staatsfriedens- und Entwicklungsrates (SPDC). Menschenrechtsverletzungen scheinen seitdem an der Tagesordnung, von Zwangsarbeit, Folter und Einsatz von Kindersoldaten ist die Rede. Erst jüngst hat das Militärregime erneut seine Macht im Staat demonstriert: Die seit Jahren unter Hausarrest stehende Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi wurde zu weiteren 18 Monaten Arrest verurteilt, weil sie vermeintlich gegen ihre Auflagen verstoßen hatte.

Suu Kyi hat eine ziemlich eindeutige Einstellung zum Tourismus in ihrem Land. Sie rief zu einem Boykott auf, der so lange dauern solle, bis es Demokratie im Land gäbe. Befürworter halten dieses Vorgehen für sinnvoll, fließt so immerhin kein Geld in die Taschen der Junta. Doch andere halten einen Boykott für falsch. Ihr Argument: Die Bevölkerung würde durch das Wegbleiben von Touristen zusätzlich gestraft. Nicht nur, weil Gäste nötige Devisen ins Land brächten, sondern auch, weil die Menschen auf unzensierte Informationen von Besuchern angewiesen seien. Was nun richtig oder falsch ist - eine klare Antwort gibt es darauf nicht. Kürzlich soll selbst Suu Kyi ihren Aufruf zum Boykott gegen den Fremdenverkehr zurückgenommen haben.

Der Buchautor Martin H. Petrich (44) reiste schon rund 25 Mal durch das Land und verfolgt seit Jahren die politischen Entwicklungen:

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Stupas von Mrauk-U, Myanmar

GEO.de: Bei der ganzen Diskussion um den Tourismus-Boykott, wäre es interessant zu wissen: Wie hat sich der Tourismus überhaupt in den letzten Jahren entwickelt?

Martin H. Petrich: Der Startschuss das Land für den Tourismus zu öffnen fiel 1996. Damals wurde die "Visit Myanmar"-Kampagne gestartet. Aber richtige Massen haben sich seitdem trotzdem nicht in das Land verirrt, verglichen mit Ländern wie Vietnam, Thailand und Kambodscha. Bis zum Jahr 2007 stiegen die Besucherzahlen stetig, und 2007 war wohl auch das bislang beste Jahr für den Tourismus. Als dann aber der Aufstand der Mönche durch die Medien ging, war auch das wieder vorbei. Mittlerweile haben sich die Besucherzahlen bei rund 150 000 Touristen insgesamt eingependelt, darunter etwa 20 000 Deutsche jährlich.

Sollte man als Tourist nicht lieber ein Zeichen setzen und Myanmar-Reisen absagen?

Ich habe in den letzten Jahren mit vielen Burmesen gesprochen, auch mit Menschen, die unter dem Militärregime leiden und Leuten, die inhaftiert waren. Und von diesen Menschen begrüßt niemand einen Tourismus-Boykott. Die Oppositionsführerin Suu Kyi mag ihre Meinung haben: 'Kommt erst her, wenn im Land Demokratie herscht' – das ist ihre Meinung, aber nicht die einzige im Land. Die Menschen in Burma profitieren eindeutig von den Besuchern. Daher kann ich nur raten, das Land zu bereisen.

Aber muss man nicht befürchten, dass das Geld in den Taschen der Generäle landet?

Das ist in der Tat eine Grauzone; mafiöse Strukturen gibt es aber in vielen Ländern dieser Welt, da ist Burma nicht allein. Trotzdem kann man etwas tun für die Menschen vor Ort. Früher gab es eine Menge Hotels, die in staatlicher Hand waren, aber mittlerweile sind auch in touristischen Gebieten wie Shan-Staat 99 Prozent der Gästehäuser und Restaurants in Privatbesitz. Daher muss man nicht, wie viele oft raten, ausschließlich in kleine Gästehäuser und Restaurants gehen.

Sollte man als Gast auf Märkten bewusst mehr zahlen, um die Menschen mit Geld zu unterstützen?

Nein, man sollte typisch asiatisch handeln. Also den Preis wie in anderen Ländern auch herunterhandeln. Der Händler wird trotzdem noch genug Ausländeraufschlag verdient haben. Auch Kindern sollte man keinesfalls etwas geben. Weder Geld noch Süßigkeiten, das verleitet sie nur zum Betteln. Viel besser ist es, wieder zurück in der Heimat Geld an Hilfsorganisationen zu spenden.

Ein Pro-Burma-Argument lautet: Durch Touristen kämen auch Informationen aus dem Westen ins Land. Wie kann ich das als Reisender fördern?

Eines sollte man auf jeden Fall nicht: Den Burmesen erklären, was Menschenrechte sind und Demokratie. Das weiß jeder im Land. Trotzdem meinen einige Reisende manchmal, mit missionarischem Eifer aufklären zu müssen. Das brauchen die Burmesen sicher nicht. Vielmehr sind sie hungrig nach Informationen. Viele verfolgen Medien wie etwa "Voice of Burma", ein Internetdienst, der von einer Gruppe Exilburmesen in Norwegen betrieben wird. Aber auch Sender wie BBC werden geschaut. Der Durst nach Bildung ist da, aber Bücher gibt es kaum, die Universitäten verdienen ihren Namen nicht. Daher mein Rat: Bringen Sie Bücher mit, vielleicht einen Roman oder ein Buch über Geschichte auf Englisch oder Tageszeitungen aus Thailand. Damit schafft man eine wichtige Verbindung zum internationalen Gedankengut und hilft den Menschen aus der Isolation zu kommen.

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Martin H. Petrich

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