Polen: Trabi-Trip durch Nowa Huta

Eine Sightseeingtour der besonderen Art: Wolf Reiser ließ sich mit dem Trabi durch Nowa Huta, eine Industrievorstadt von Krakau fahren, aß Salzgurken und trank Wodka. Viel Wodka

Im "Café Rio" lärmt die uralte Kaffeemaschine wie eine Motorsäge, und die frisch gemahlenen Bohnen entfalten ihr Aroma in dem kleinen, recht kahlen Raum, in dem nur

ein paar alte Ölbilder schief an den Wänden hängen. Baskenbemützte Studenten und Professoren der nahen Kunstakademie sitzen auf Hockern und mustern mit geübter Skepsis die Zeitungsseiten. In Krakau geht der Besucher auf Zeitreise, und all die Antiquariate, die Habsburger Zuckerbäcker-Konditoreien, die altmodischen Galerien und Eisdielen, die melancholischen Frauen mit Hund und Pelz versetzen ihn in einen Fin-de-Siècle-Rausch.

In der Floria&#x0144ska stoßen wir auf das Büro von "Crazy Tours". Ein Plakat preist "Communism de Luxe"-Trips nach Nowa Huta an. Ich habe schon viele, lustlos heruntergespulte Sightseeing-Touren mitgemacht und bin irgendwann dem selbstgerechten Glauben verfallen, am besten nur der eigenen Nase zu folgen. Doch das Plakat macht neugierig, und wir kaufen zwei Tickets. Wir sollen einen Moment warten, heißt es. Dann steht ein junger Pole im Stahlarbeiter-Outfit in der Tür, in fließendem Deutsch stellt er sich als unser Guide vor – sein Name: Qba, sprich Kuba.

Knatternd durch das jüdische Viertel

Unser schwarz-rot lackierter 26-PS-Trabant 601, vermutlich Baujahr 1985, knattert – grauschwarze Rauchwolken ausstoßend – durch das jüdische Viertel, vorbei an der Wawel-Silhouette, über die Weichselbrücke und durch Suburb-Wiesen, auf denen die Quader der in Europa inzwischen obligatorischen Baumärkte stehen. "In 22 Sekunden auf 100?", fragt Kuba an einer Ampel. Wir winken lachend ab. Also erzählt er uns im Stakkato über die erfolgreiche Geschäftsidee der verrückten Krakau-Crew. Sein Chef, der Ex-Nachtportier Mike Ostrowski, hatte im Juni 2004 aus reiner Verlegenheit zwei amerikanische Touristen durch den Arbeiterstadtteil Nowa Huta geführt und dies so witzig und lebendig absolviert, dass er am selben Abend – in die Hand – 1000 Dollar Startkapital erhielt für eine neue, innovative touristische Variante der Citytour.

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Sie zögern, zu diesen Herren ins Auto zu steigen? Keine Sorge, die Crazy Guides sorgen für Spaß

Nowa Huta, die neue Hütte, ist ein Geschenk Stalins an Polen aus dem Jahre 1949. Das architektonische Mammutprojekt war gedacht als proletarisch-sozialistischer Gegenentwurf zum bourgeoisen, kaum zehn Kilometer entfernten Krakau. Bereits damals existierte in dieser Musterstadt das "Stylowa", eine Mischung aus Milchbar und Restaurant. Gegen 15 Uhr sitzen dort vor Gummibäumen, nikotingelben Brokatvorhängen und nostalgischen Reklame-Lithos einige Damen beim Klatsch, während an der Rundbar zwei Trunkenbolde aneinander vorbeimonologisieren. Zu polnischer Radiomusik wirft eine Lichtorgel ihre dottergelben Strahlen über die Streifentapete. Es riecht nach Bigos-Eintopf und einem antiseptischen Pfirsichspray. Kuba legt uns zwei Bildbände zum Thema Nowa Huta vor und holt zu einem profunden Vortrag aus. Im Zentrum der Reißbrettsiedlung befand sich einst das Eisenhüttenkombinat, in dem zu den produktivsten Phasen fast 40 000 Kumpels jährlich sechs Millionen Tonnen Edelstahl produzierten. Rund um die Dreckschleuder wurden Arbeiterpaläste errichtet, im italo-sowjetischen Renaissance-Stil, mit sternförmig abgehenden Alleen, inklusive einer Leninbüste, zwei Sportstadien, einem Motodrom und einem künstlichen See nebst Sandstrand.

Eingelegte Heringe, Zwiebeln und Bier

Die Kellnerin serviert eingelegte Heringe, Zwiebeln, Gewürzgurken, Bier und &#x017Bubr&#x00F3wka-Wodka. Wir fragen, und Kuba bleibt keine Antwort schuldig – Wojtył, der vorletzte Papst, ein Krakauer; die Gewerkschaft Solidarno&#x015B&#x0107, die in Nowa Huta besonders stark war; das Kriegsrecht von Jaruzelski und Lech Wałesa; die Wende, das Ende, das neue Polen, der Tourismus, das Nachtleben. Noch eine Runde Wodka, dann fahren wir zum Ronald-Reagan- Platz, dem Mittelpunkt der für 100 000 Einwohner geplanten Siedlung. Heute leben 250 000 Menschen in diesem größten Stadtteil Krakaus. Die Hüttenwerke gehören zum internationalen Arcelor-Mittal-Konzern, produzieren noch ein Viertel der einstigen Menge. Ein paar schlecht gelaunte Jugendliche drücken sich in Hauseingängen herum, Rentner sitzen in Erwartung der Abenddämmerung auf Bänken, Mütter schieben Kinderwagen nach Hause, die Shuttlebusse eines riesigen Carrefour-Supermarkts fahren wie Spielzeugautos durch ein Industriemuseum.

In der so genannten Schulsiedlung hat "Crazy Tours" eine 50 m² große Wohnung gemietet und mit Möbeln der sechziger Jahre ausgestattet: Ausziehsofa, Marienbilder, graue Heizungskörper, Schwarzweißfernseher, absinthgrüne Zimmerpflanzen. Wieder wird Wodka gereicht – mit Salzgurken. Nach knapp vier Stunden stehen wir auf der Rückfahrt in die Stadt im abendlichen Verkehrsstau. Immer wieder muss Kuba den Trabi neu starten, weil der Motor abstirbt. Wesentlich flüssiger ist sein Redeschwall über die "Crazy-Touren", bei denen sich etwa ein Kollege als KGB-Offizier verkleidet, abends in die Kneipe stürmt und stilecht einen der ahnungslosen Gäste verhaftet. Oder wenn man für besonders witzige britische Klienten den De-luxe-Trabi in Begleitung einer Unbekleideten organisiert.

Info

Crazy Guides, Tel. 0048-500 09 12 00, www.crazyguides.com ; Touren ab 30 € p. Pers.

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