Norwegen: Lofoten im Winter

Rote Häuser, blaues Meer, zackige Berge - die Lofoten befeuern die Sehnsucht nach Norwegens Norden. Im Winter haben die Inseln Schneeköniginnen-Charme
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Auf der Jagd nach Polarlichtern
Wilde Berge und Eispanzer

Auf der Jagd nach Polarlichtern

Wenn es nach Rob Stammes ginge, könnte die Gemeinde Laukvik die Straßenlaternen ganz abschalten – oder wenigstens das orangefarbene Licht in ein neutrales, gern ein wenig dunkleres Weiß ändern. Es ist nicht so, dass man sich im Winter in Laukvik vor grellem Licht schützen müsste. Die meisten von Robs Nachbarn sind sogar froh, wenn es nach einmonatiger Polarnacht wieder so hell ist, dass die dünnen Birken der Talsenke Schatten werfen. Doch Rob Stammes und Therese van Nieuwenhoven haben sich vernarrt in die Dunkelheit des norwegischen Nordens – und vor allem in ihre dramatischste Würze: das Nordlicht, die Aurora borealis. Je dunkler es draußen ist, desto deutlicher zeichnen sich die kosmischen Entladungen am Firmament ab.

Vor zwei Jahren folgten Stammes und Nieuwenhoven ihrer Leidenschaft, verließen die Niederlande und richteten sich im ehemaligen Gemeindesaal von Laukvik an der Westküste der Lofoten ein. Allein die Elektronik ihres polarlightcenter dürfte einen Umzugscontainer gefüllt haben, aufeinander gestapelt nimmt sie eine Wand des Raumes ein. Was die Apparate – sie dienen der Sonnenbeobachtung, der Feldlinienvermessung, dem Abhören der Atmosphäre und und und – einfangen, verdichtet Stammes zur Nordlicht-Vorhersage. Per E-Mail oder SMS informiert er seine Kunden, wenn in der Nacht die farbigen Leuchtschleier über den Horizont tanzen. Ein zuverlässiger Hinweis auf die bedeutendste nächtliche Touristenattraktion der Lofoten. Stammes und Nieuwenhoven bieten auch Nordlicht-Führungen an, dann sieht man sie mit ihren Gästen, in dicke Thermokleidung gepackt, durch den Schnee stapfen für eine lange Nacht abseits der Straßenlampen.

Mit seinem struppigen grauen Bart wirkt der Polarlichtforscher inmitten der Apparate wie ein verrückter Professor. Doch der gelernte Elektroniker liefert gute Gründe, warum es ihn hierhin zog: "Nordlichterscheinungen in der Atmosphäre gibt es rund um den magnetischen Nordpol. Dort liegen Mittelgrönland, Sibirien, Alaska, Kanada – und die Lofoten. Und die sind in dieser Auswahl ganz klar der gemütlichste Platz."

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Moskenesøy: im südlichen Teil der Lofoten

Durch einen silbriggrauen Wintertag hat sich unser Hurtigruten-Schiff gestern der Inselgruppe genähert. Obwohl feiner Schneegriesel die Gesichter sandstrahlte, hatten viele Passagiere die Panorama-Lounge verlassen und sahen von Deck in Richtung Lofotwand, die sich als Zackenlinie gegen den Himmel abzeichnete. Die imposante Felswand ist das Icon dieser Inselgruppe, deren Name auch für unsere Sehnsucht nach dem Norden steht.

Lofoten im Winter - fast wie die Schweizer Alpen

Die Lofoten im Winter kann man sich ungefähr so vorstellen wie die Schweizer Alpen, die jemand dreitausend Meter tief im Meer versenkt hat. Täler, Almen und Wälder sind weg, nur noch die Gipfel schauen heraus. Schwarzes Urgestein, geformt zu tausend Meter hohen, vereisten Zacken in einem blauschwarzen Ozean. Nördlich schließen sich die etwas weicher geformten Vesterålen an. Die rund 55 000 Einwohner der Archipele haben ihre bunten Häuser dicht am Wasser gebaut, vorzugsweise an den geschützteren Ostküsten.

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Pause muss sein: Das Fischerboot wartet auf den nächsten Einsatz

Fünf Häfen laufen die Hurtigruten-Schiffe auf den Lofoten und den Vesterålen an. Die Inseln sind ein Highlight, man sieht, wie die Passagiere von dieser Landschaft fasziniert sind, wie sie ihre Bücher vernachlässigen, hinausschauen, über das Leben in dieser Winterwunderwelt sinnieren. Wir haben in Svolvær das Schiff verlassen und uns einen Ort empfehlen lassen, an den man sich zurückziehen kann, wenn es einem in der Hauptstadt der Lofoten mit ihren immerhin 4164 Einwohnern zu hektisch wird: Sommarhus.

Im gelblichgrauen Licht eines dünnen Schneeschauers rollen wir auf Schotterstraßen die Westküste entlang. Das große Weiß rundum nagt an den Seiten der schmalen Spur. Als der Automotor endlich ausgeht, erstirbt das letzte Geräusch am winterlichen Strand des Morfjords. Die Stille pfeift wie ein drohender Tinnitus. Vor einem der wenigen Holzhäuser von Sommarhus hängt betonstarre Wäsche. Die Schuhe durchbrechen knisternd die dünne Eiskruste des Strandes, auf dem sich unsere Fußabdrücke bald im Dunst verlieren. Die Luft ist klar, konzentriert und geschmacklos wie feinster Wodka. Einzelne Schneeflocken lösen sich im dunkel spiegelnden Wasser des Fjords auf. Wahrscheinlich könnte man sie vergehen hören – so still ist es hier –, hielte man es nur lange genug mit angehaltenem Atem in der Kälte aus.

Die Bewohner? Romantische Patrioten

Die Bewohner dieser rauen Inseln sind keine Schwätzer. Ein kurzes Kopfnicken – wenn überhaupt – ersetzt ausufernde Begrüßungsformeln. Doch wenn es um die Vorzüge ihrer Heimat geht, outen sich viele als romantische Patrioten. Der Koch, der Kellner, der Bergführer, die Hotelmanagerin – alle haben sie schon "im Süden" (also irgendwo unterhalb des Polarkreises) gearbeitet. Und alle sind sie zurückgekommen zu den magischen Plätzen ihrer Kindheit. Zur Stille, die die Sinne schärft. Zwischen Mitte Juni und Mitte August stürmt der "Süden" mit Autos, Schiffen, Wohnmobilen die Inseln. Wer im Tourismus arbeitet, muss in dieser kurzen Zeit den Jahresumsatz sichern, muss rackern, reden, rasen. Und bleibt zufrieden zurück, wenn die Massen wieder südwärts ziehen.

Anders Alvik aus Kabelvåg gehört zu dieser Spezies der überzeugten Insulaner. Der etwa dreißigjährige Sportfreak organisiert Wanderungen, Kajaktouren, Kletterpartien oder Skitouren und hat schon viel von der Welt gesehen. Aber den Blick von einem einsamen Lofotengipfel hält er für das Größte. "Fast jeder Sommergast fragt nach der Dunkelheit und wie man damit klarkommt. Aber der Winter ist mir heilig, bei schönem Wetter ist das Licht so blau wie in der Dämmerung. Wenn ich dann mit den Skiern in die Berge gehe, muss ich morgens vielleicht mit einer Stirnlampe loslaufen. Mittags schaut aber bereits die Sonne über den Horizont – es ist wie ein stundenlanges Alpenglühen. Bist du schon mal auf purpurnem und orangem Schnee ins Tal gefahren?" Nach Frühjahrsbeginn sind die Tage hier oben länger als weiter südwärts. Zehn Minuten mehr ringt das Licht täglich der Dunkelheit ab, bis ab Ende Mai für mehrere Wochen die Sonne gar nicht mehr untergeht.

Wilde Berge und Eispanzer

Anders erzählt von wilden Bergen, zu denen man nur per Boot kommt, von Eispanzern, die der Wind an hohe Gipfel schmiegt, von den Freuden des Skifahrens in den langen Apriltagen. Und dann runzelt er die Stirn: "Aber es ist ganz schön voll hier zurzeit. In Henningsvær ist ein Extremski-Festival." Was wohl ein Lofotenbewohner unter "ganz schön voll" versteht? „So um die 200 Leute!“ Grob geschätzt, stehen da pro Mensch mehrere unberührte Gipfel zur Auswahl.

In Henningsvær ist am nächsten Tag wenig von Festivalgedränge zu spüren. Zwei Werbefähnchen einer Skiwachsfirma zappeln im Wind, über der Straße baumelt diskret ein Banner. Kein Extremsportler, nirgends. Männer in Ölzeug hängen längsgespaltenen Kabeljau zum Trocknen, Fischkutter laufen ein. Auf manchen stehen Fischer und blicken prüfend in die Weite.

Heike Vester kennt sie alle. Die Fischer jedenfalls. Bei den Walen arbeitet sie noch daran: Die gebürtige Deutsche ist Bioakustikerin. Seit zehn Jahren lebt sie im Norden Norwegens und erforscht die Sprachen der großen Säuger. Ein Mammutprojekt, denn noch ist die Wissenschaft weit davon entfernt, die Unzahl verschiedener Laute jeder Spezies zu verstehen. "Manche Gruppen reden beim Fressen unablässig, andere geben kaum einen Laut von sich", sagt die Forscherin. Es gebe zwar wiederkehrende Geräuschmuster und ein eigenes Repertoire jeder Art, doch das Meiste liege noch als Geheimnis im Dunkel des Atlantiks.

Geheimnisvolle Töne aus der Unterwasserwelt

Vester klickt eine ätherisch-klagende Melodie aus der Klangbibliothek ihres Computers. "Zwei Buckelwale", flüstert sie, "die sind hier eher selten." Es sind Klangvorhänge im blauschwarzen Ozean – so eine Art akustisches Polarlicht. Im Sommer, wenn ihre Klang-Jagdsaison beginnt, wird sie wieder hinausfahren und Hydrophone ins Wasser hängen. Dann nimmt sie zahlende Gäste an Bord, die vier Stunden mit ihr im Motorschlauchboot in den Wellen schaukeln. Wenn in deren Kopfhörern die geheimnisvollen Töne der Unterwasserwelt an- und abschwellen, beobachtet Vester eine Verwandlung in den Gesichtern. Der rastlose Erlebnishunger weicht dann Andacht, Ehrfurcht und tiefer Entspannung.

Es scheint, dass die Norweger sehr genau um diese Wirkung ihrer Natur wissen. Unsere Rückreise in die durchbeschleunigte Welt führt über den Flughafen Oslo-Gardermoen. Da stehen neben Laufbändern und Mitnehmkaffeebuden seltsame Duschen. Etwa drei Meter hoch und mit einem Ein-Meter-Duschkopf. Auf dem Steinboden darunter ist ein Kreis. Wer sich länger als zwei Sekunden hineinstellt, wird verzaubert: Ihn umhüllt allseitig der Klang einer zaghaften Brandung wie in einem Lofoten-Fjord.

Der Klang macht den Reisenden zum Pawlow’schen Touristen. Licht und Klarheit der Inselwelt ploppen aus der Erinnerung nach oben: Noch einmal sehen wir uns im Hurtigruten-Schiff langsam auf Svolvær zufahren, sehen uns im Auto einsamen Inselstraßen folgen durch eine bizarre Welt aus Fels und Eis, noch einmal hören wir Rob, den Polarlichtforscher, über die Faszination des Nordens reden: "Die Leute haben Jobs in großen Städten. Sie verlieren den Kontakt zur Welt. Sie wollen sich klein fühlen, überwältigt von einer unfassbaren Natur. Manche Menschen weinen, wenn sie zum ersten Mal das Nordlicht sehen." Dann knallt neben dem Zauberkreis der Geräuschdusche ein Koffer von einem Gepäckwagen. Es ist, als schnippte ein Hypnotiseur mit den Fingern. Der Zauber verpufft. Die Zeit läuft. In zwanzig Minuten geht der Flieger. 

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