Norwegen: Hundeschlittentour

Eine Hundeschlittentour in der norwegischen Region Finnmark? Das klingt nach erhabenem Gleiten durch weiße Pracht. So ist es nicht ganz – aber trotzdem wundervoll

Was tun, wenn der Russe kommt? Und wenn er auch noch Hunger hat? Bei Kåre Tannvik klopfte vor ein paar Tagen nicht nur ein hungriger Nachbar an die Tür, sondern gleich eine ganze Trawlerbesatzung von jenseits der nahen Grenze. Mit Appetit, aber ohne Geld. Weil Kåre mit seinen russischen Nachbarn grundsätzlich prima auskommt, hat er sie bewirtet. "Drei Tage später hupt es vorm Haus", erzählt Kåre, "dann lädt der Fahrer ab: zehn Tonnen gefrorenen Hering – die Russen haben in Naturalien bezahlt." Seitdem gibt es für Kåres 70 Huskies täglich Fisch. Pelzige Kraftpakete sind seine Hunde, perfekt geeignet für den Einsatz im Schlittengespann. Kälteresistent und gierig. Aber die Heringsdiät scheinen sie nicht zu vertragen: Der Zweite in meinem Sechsergespann läuft schon wieder so komisch steif und breitbeinig. Und dann spritzt in vollem Galopp das aus ihm heraus, was normalerweise ein Hundehaufen wäre. Um das Thema sofort wieder abzuschließen: Es ist einfach erfreulich, dass man auf dem Hundeschlitten steht und nicht sitzt. So ist die Nase hoch über dem Geschehen, und der Blick kann in die Ferne schweifen.

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Volle Kraft voraus: Mit 24 Pfotenstärken rast die Truppe auf ein lichtes Winterwäldchen bei Kirkenes zu

Finnmark: der größte und bevölkerungsarmste Teil Norwegens

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Nein, der will nicht spielen. Der will rennen. Dieser blauäugige Bursche gehört zum Team, das unser Autor Jörg Spaniol gezogen hat

In der Finnmark, der nordöstlichsten Landschaft Norwegens, stellen sich den Gespannen vor allem felsige Buckel und dürre Birken in den Weg. Unser Startort Kirkenes liegt etwa auf dem gleichen Längengrad wie St. Petersburg und somit weiter östlich als fast ganz Finnland. Ergebnis: Hier, im hohen Norden, ist es trockener, kälter und noch einsamer als an der Westküste. Die Finnmark vereint zwei Superlative auf sich, mit der sich ihr rauer Reiz sogar in Zahlen ausdrücken lässt – der Bezirk ist gleichzeitig der größte und der bevölkerungsärmste Norwegens. Den wenigen Bewohnern sagt man einen seltsamen Humor und einen Hang zu derben Flüchen nach. "Eigentlich haben hier eher Rentierschlitten Tradition", hatte Kåre erklärt, "aber die Leute, die mit Rentieren umgehen können, können nicht mit Touristen umgehen."

Also rutsche ich mit sechs Alaska-Huskies und unter Anleitung zweier französischer Saisonkräfte durch die Tundra. Stephanie und Solveig haben für den Winter bei Kåre angeheuert. Ihre Anweisungen sind knapp und leicht verständlich: "Nicht loslassen, auch wenn der Schlitten umfällt. Die Hunde laufen sonst bis Russland." Der Tourist als Wurfanker. Also lieber nicht umkippen, auch wenn es den Hunden egal ist, ob der Schlitten zwischen den Birken durchpasst, ob er die Kurve kriegt oder gegen einen kürbisgroßen Brocken rumpelt.

Mittelmaß kennen die Tiere nicht : entweder Vollgas oder Stillstand

Die Tiere rennen einfach. Eins oder Null, Vollgas oder Stillstand. Keine Nuancen, keine Reaktion auf Kommandos. Der erste Hund im ersten Gespann ist der Chef, und wo der entlangrennt, ziehen alle weiteren Schlitten ihre Spur. Ein Schlenker im Elchtest-Stil, mitten auf dem zugefrorenen See? Den machen alle nach. Dem menschlichen Anhängsel bleibt nur die Gewichtsverlagerung und sich mit ganzem Gewicht auf eine Art Pflug zwischen den Kufen zu stellen. Dann staubt der Schnee. Nicht, dass die Hunde das als Kommando verstehen würden – sie geben weiterhin alles. Aber es verlangsamt die Fuhre. Ungebremst erreicht so ein Sechsergespann 12 bis 15 Stundenkilometer. Mit Fahrer. Ist die hechelnde Sechserbande den losgeworden, dürfte sie kaum einzuholen sein.

Entsprechend schnell sind wir am Tagesziel. Rotgestrichene norwegische Wochenendhütten an einsamen Seeufern sind ein derartig bekanntes Idyll, dass man sie nicht näher beschreiben muss. Das Ganze im winterlichen Abendlicht übertrifft dann aber an Zauber und Schönheit jedes Klischee. Weitere Zutaten: Rentier-Eintopf und ein kollektives Wannenbad mit Dosenbier und Wollmütze unterm Sternenhimmel. Man ist fröhlich. Es wird spät.

Und dann beginnt Tag zwei so früh so hell, dass die Huskies draußen längst vor lauter Renn-Tierhaftigkeit um die eigene Achse kreisen. Unser Job: die Hunde anzuschirren. Sie in einen Brustgurt einzufädeln erweist sich als erstaunlich einfach. Man nimmt den Hund zwischen die Schenkel, hebt eine Vorderpfote hoch und steckt sie durch eine Schlaufe, dann die andere Pfote, und ab an den Stammplatz im Gespann. Sie knurren nicht einmal.

Tag zwei: ein souveräner Start

Als der stählerne Anker endlich den Schlitten freigibt, geht der pelzige Sixpack ab wie ein Trupp Sprinter im Endlauf. Aber nach den gestrigen Lehrstunden fühlt sich das heute gleich ganz anders an. Souveräner. Wir tänzeln auf dem Schlitten, legen uns in die Kurven. Ein leichter Rückenwind neutralisiert die Fahrtwindgeräusche. Die Kufen gleiten lautlos, auf hartem Schnee tapsen und trommeln 24 Pfoten, hecheln sechs Raubtiere mit flatternden Zungen heimwärts. Manchmal glaube ich fast, die Fuhre steuern zu können. Übermütig drehe ich mich langsam zurück, um das rote Häuschen am See verschwinden zu sehen. Aber da ist Stephanie im Bild. Sie steht in voller Fahrt entspannt auf einer Kufe und raucht lässig wie ein Skilehrer im Lift eine selbstgedrehte Zigarette. Wahrscheinlich hat sie sie während der Fahrt gedreht. Freihändig. 

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