USA: Krank auf Reisen

Alles, nur nicht krank werden. - Mit diesem Vorsatz starten viele Urlauber ins Ausland. Das klappt nicht immer, wie Autor Michael Streck weiß. Er hat einige Zeit in den USA verbracht - und in etlichen Arztpraxen

Wir hatten im kleinen Familienkreis beschlossen, nicht krank zu werden in Amerika. Vor allem aus Kostengründen, aber auch grundsätzlich. Krankheiten machen schon in Deutschland keinen Spaß, aber in Amerika erst recht nicht. Außerdem hatten wir uns alle in Deutschland noch mal durchchecken lassen, dental, mental, hausärztlich und sogar hautärztlich. Dem Mann wurde bei dieser Gelegenheit am Kinn eine Talgdrüse entfernt, die, wie man lernte, im Fachjargon als "Grützbeutel" bezeichnet wird, was die Töchter schon damals urkomisch fanden. Die Grützbeutel-entfernende Ärztin sagte: "Damit müssten Sie jetzt Ruhe haben", und das klang gut. (…)

Doch unser Vorsatz, nicht krank zu werden, ließ sich trotz aller Bemühungen in der Praxis nicht eins zu eins umsetzen, und den Mann erwischte es als Ersten mit einer Kinderkrankheit, welche sich durch rötlichen Ganzkörperausschlag äußerte. Es sah – vorsichtig ausgedrückt – nicht eben appetitlich aus, Frau und Töchter hielten sich vorsichtshalber fern, aber das konnte keine Dauerlösung sein. Auf diese schnöde Art und Weise endete, knapp drei Monate nach unserer Ankunft, der Vorsatz, Arztpraxen nicht zu betreten.

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Der Mund: manchmal eine Großbaustelle...

Grützbeutel? Klingt wie eine Nachspeise

Kurz darauf wuchs an der Stelle am Kinn, wo der entfernte Grützbeutel mal gewesen war, ein neuer Grützbeutel. Die Töchter fanden das abermals urkomisch, "klingt wie eine Nachspeise", aber die Hautärztin konnte mit dem Begriff herzlich wenig anfangen und taufte den schönen Grützbeutel einfach um in "epidermal cyst", was weniger heiter und eher nach richtiger Krankheit klang. Sie entfernte ihn und sagte: "Damit müssten Sie jetzt Ruhe haben." Kurz darauf brach sich die jüngere Tochter beim Ballett den Fuß, was wir allerdings zunächst als ordinäre Verstauchung abtaten. Wir zogen abends, es war Halloween, mit der Kleinen sogar noch um die Häuser. Das heißt, wir trugen sie mehr um die Häuser. Im Krankenhaus waren sie über unsere Eingangsvermutung, "bestimmt nur verknackst", wenig begeistert. Kurz darauf musste der älteren Tochter ein gewaltiger Splitter aus dem Fuß operiert werden.

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Heute gesund, morgen Doctor House

Kurz darauf schwoll mein Knie auf Handballgröße, alter Fußballschaden, und der Orthopäde verschrieb mir neben Schmerzmitteln zur großen Freude der Töchter einen Stock, "jetzt siehst du aus wie Doktor House".

Kurz darauf, und wieder grüßt das Murmeltier, war der Grützbeutel am Kinn wieder da, und diesmal lachten nicht mal mehr die Töchter. Wir gingen fortan, Kosten hin und her, sogar zu zahnärztlicher Vorsorge, nachdem sich beim Mann ausgerechnet während der "Katrina"-Tragödie in New Orleans ein längst für tot erachteter Weisheitszahn quicklebendig zurückmeldete – eine Katastrophe kommt selten allein –, was den Beginn einer Jahre währenden dentalen Odyssee einleitete. Die Fachkraft Dr. Peterson inspizierte den Rachenraum, nahm seinen Mundschutz ab und sagte: "This looks like a major operation." Das war keine leere Drohung, sondern der Beginn einer innigen Arzt-Patient-Beziehung. Etwa zwei Jahre und viele, viele Dollar später schüttelte er mir die Hand und sagte: "Wir sind einen langen, langen Weg gemeinsam gegangen." Das klang so, als hätten wir soeben gemeinsam den Mount Everest bestiegen. Es war ein langer, steiniger Weg da rauf, den Everest...

Als die provisorische Brücke zum sechsten Mal aus dem Mund purzelte und diesmal, platsch, in einer chinesischen Nudelsuppe landete, war das überhaupt nicht mehr schlimm. Niemand in "Ming’s Deli" auf der Third Avenue schaute verblüfft. Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass provisorische Brücken aus Mündern in Suppen fallen, und ich selbst hatte mich an solcherlei Imponderabilien längst gewöhnt. Der letzte dentale Notbehelf war nur zwei Wochen zuvor in einem mexikanischen Taco stecken geblieben und fand sich erst nach einigem Suchen im benachbarten Salsa-Häufchen wieder. "Über sieben Brücken musst du gehen" kommt nicht von ungefähr. Das sechste Mal war also nur Routine. Sie kannten unsere Familie inzwischen sehr gut beim Zahnarzt. Sie mochten uns dort. Die netten Damen im Vorzimmer fragten nie, was dem werten Patienten denn fehlte, sondern, wie der werte Patient zu zahlen gedenke: Cash, Kreditkarte oder Krankenkasse. Wer diese Frage zufriedenstellend beantwortet, wird behandelt. Cash ist am besten. Sie sind reizend, die Vorzimmerdamen. Unser Zahnarzt Dr. Peterson ist ein munterer Mann Ende vierzig, der entweder unablässig Witze erzählt oder von seinem letzten Urlaub, vorzugsweise Hawaii, während er Wurzeln behandelt oder Brücken und Provisorien einklebt, die ein paar Wochen später in Weichspeisen oder Nudelsuppen enden. Man hätte ihm gerne gesagt, dass er bitte ruhig sein soll, denn es war klar, dass allein unsere Kleinfamilie wenigstens eine Woche Hawaii finanzierte.

Dental-Spas: die neue Lust am Zahnarzt?

Amerikanische Ärzte gehen prinzipiell immer auf Nummer sicher, schon aus Angst, verklagt zu werden und nicht mehr nach Hawaii fahren zu können. Mein Gebiss wurde wenigstens sechsmal geröntgt, und die Gammastrahlenbelastung müsste reichen bis zum Ende meiner Tage. Obendrein neigen sie dankenswerterweise dazu, den Schmerz so klein wie möglich zu halten, weshalb solche Mengen des Narkotikums Novocain ins Zahnfleisch appliziert werden, die Polarbären einschläfern könnten. Und schließlich ist Zahnarzt nicht gleich Zahnarzt, schon gar nicht in Amerika. In unserer Nachbarstadt gibt es sogar einen "Dental Spa", eine Art Wohlfühlpalast für Zahnkranke. Man kriegt dort nach Kräutern duftende warme Lappen um den Hals gelegt, ehe die Experten in die Mundhöhlen absteigen. Kostet zwar mehr, erhöht aber den Spaß beim Bohren immens, versichern sie. Die Patienten oder besser: die Gäste in dem Zahnpalast wirken allesamt glücklich und zufrieden, als würden sie in diesem Spa ihre Flitterwochen verbringen. Vielleicht kriegen sie aber auch nur Lachgas als Betäubung. Wir sehen nie so glücklich aus, wenn wir zum Zahnarzt müssen.

Streng genommen haben wir nicht nur einen Zahnarzt, sondern vier: einen ganz normalen Zahnarzt (den mit den Witzen und Hawaii), einen für Zahnspangen (für die jüngere Tochter), einen fürs Zähneziehen (für den Mann des Hauses), einen Brückenbau-Experten schließlich für Implantate, die dort hinkommen, wo früher mal die gezogenen Zähne standen. Sehr zuvorkommende Menschen allesamt, mit netten Vorzimmerdamen, "cash, Kreditkarte oder Kasse?". Wahrscheinlich fahren alle Zahnärzte nach Hawaii.

Brückenkleben ist eine Serviceleistung

(…) Dr. Peterson klebte die provisorische Brücke wieder in den Mund und verlangte nicht mal Geld dafür. Brückeneinkleben gehört zum Service, sagte er. Ich fragte ihn vorsichtig, warum er sie nicht, nun ja, besser befestigt, anderer Kleber oder so. Und berichtete ihm von den letzten Brückenfundstellen, mexikanischen Tacos und chinesischen Nudelsuppen. Aber er hörte gar nicht richtig zu. Vielleicht war er in Gedanken auf Hawaii.

Monate später hatten wir den Everest erklommen wie Edmund Hillary und Sherpa Tenzing. Ich war fraglos Sherpa Tenzing, ich musste ja die Kosten tragen. Der Doktor schüttelte mir die Hand am Ende unseres gemeinsamen Weges. Er wünschte mir viel Glück, richtete beste Grüße auch an den Rest der Kleinfamilie aus, und dann fiel sein Blick auf mein Kinn. Er schaute besorgt und sprach: "Sie haben da was. Sieht aus wie eine Zyste. Sie sollten mal zum Hautarzt gehen."

Der Text entstammt einer Sammlung von Geschichten, die sich allesamt um den Supergau auf Reisen drehen: Krankheiten. Mehr über Wunderheiler und Wundersames von unterwegs lesen Sie in "Reisen, bis der Arzt kommt. Erste Hilfe auf Chinesisch und andere Reisegeschichten."; Verlag Malik, 272 Seiten, 14,95 Euro.

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Zuerst erschien der USA-Text in "Stars & Stripes und Streifenhörnchen"; Verlag Malik, 320 Seiten, 19,90 Euro.

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