Brasilien: Vorfreude auf 2016

In Rio de Janeiro finden die olympischen Sommerspiele 2016 statt. Wie die Stimmung dazu im Land ist und warum Brasilianer eine angeborene Berufung zum Glücklichsein haben, berichtet GEO.de-Brasilien-Bloggerin Verena Rateike

Die stundenlange Anspannung ist vorbei, tausende Gesichter scheinen gleichzeitig zu schreien: "Rio, wir lieben dich!", als die Entscheidung des Internationalen Komitees gefallen ist: Rio ist Olympia-Stadt! Wie eine Welle schwappt die Begeisterung über den Atlantikstrand, wo hunderttausende Bewohner Rios im Konfettiregen stolz die Arme in die Luft reißen und den Freudentränen freien Lauf lassen.

Die unbändige Leidenschaft der brasilianischen Sportfans begeisterte die Welt. Stimmen aus allen Ländern beglückwünschten ein Land und seinen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, welcher nicht müde wird sein Land in einem besseren Licht zu präsentieren, als bei der gescheiterten Kandidatur für die Spiele 2012. Kritik gab es damals und gibt es auch heute wieder. Die schlechte Infrastruktur und die Gewalt in den Straßen Rios dominieren dabei die Diskussionen. Doch neben all dem berechtigten Zweifel, ob das Schwellenland Brasilien der richtige Gastgeber der Spiele 2016 ist, vergeht den Brasilianern die Euphorie nicht. Dem erwähnten Zweifel folgt deshalb die berechtigte Frage: Warum kann ein Land, das auf dem siebtletzten Rang von 124 Ländern bezogen auf die ungleiche Einkommensverteilung rangiert, trotzdem mit soviel Optimismus und Vertrauen in die Zukunft schauen? In den kommenden sieben Jahren wird sich Rio voraussichtlich in eine riesige Baustelle verwandeln und viel Geld wird nicht nur zum Vorteil der Bevölkerung fließen.

Berufung zum Glücklichsein

Der Korrespondent Juan Arias hat eine Erklärung. Er schreibt in der spanischen Zeitung El País von der "angeborenen Berufung der Brasilianer zum Glücklichsein". In seinem Artikel enträtselt Arias dieses Phänomen, welches jeglichen Brasilienreisenden in seinen Bann ziehen wird. Das kritische Argument der Gewalt in den Favelas entkräftet er schlicht mit den Worten: "Die beste Waffe des Brasilianers bleibt immer noch sein Lächeln."

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Und dieses Lächeln sieht man in diesen Tagen bei den Brasilianern im ganzen Land: Beim Staatspräsidenten Lula etwa, der nach der Bekanntgabe durch den IOC-Präsident Jacques Rogge unter Freudentränen sagt: "Heute ist ein ganz großer Tag. Wenn ich jetzt sterbe, stürbe ich glücklich." Ein Lächeln selbst auf den Gesichtern der Erzfeinde Rios, den Einwohnern Sao Paulos: "Ich denke, dass die Spiele in Rio dem ganzen brasilianischen Volk zu Gute kommen werden", schreibt ein Brasilianer aus Sao Paulo. "Ein Ort mit einer fantastischen Szenerie, welcher unser Land endgültig in den Status einer weltweit wichtigen Nation heben wird. Ich unterstütze Rio, diese wundervolle Stadt, für wundervolle Spiele […]", kommentiert der Schreiber weiter seine Unterstützung.

Eine neue Ära für die Stadt

Ein Lächeln, wie als Beweis dafür, dass selbst ein Land, das als Motto "Ordnung und Fortschritt" auf seiner Nationalflagge verkündet - und noch lange nicht verwirklicht hat - vielleicht trotzdem ein guter Gastgeber sein kann. Denn der Stolz der Brasilianer ist groß. Ein Stolz, der sich bei der Verwirklichung der in Kopenhagen vorgestellten Pläne effektiv auswirken kann. Ist der Alltag nach den vielen Siegesfeiern in Rio wieder eingekehrt, so finden sich bereits erste Anzeichen der kommenden Spiele. Neben den glücklichen Brasilianern sind das vor allem die beginnenden Restaurationen und Neubauten in der Stadt. Die Motivation ist enorm, die dem Komitee in Kopenhagen vorgestellten Pläne auch einzuhalten. Diesmal soll es zu keinen unvollendeten oder gar unnützen Bauprojekten kommen, wie bei den PAN-Spielen 2007 in Rio. Der Journalist Juan Arias erklärt in seinem Artikel weiterhin, dass dem Brasilianer das Glücklichsein mehr bedeute als Arbeit und Geld. So muss man dann auch die beachtliche Summe von 14 Milliarden Dollar verstehen, die für die Spiele investiert werden sollen. Geld, das Rio in eine Infrastruktur investieren möchte, die nicht nur die Erwartungen des IOC erfüllen, sondern auch eine neue Ära für die Stadt einleiten soll. Alle geplanten Projekte zielen nicht nur auf die kommenden Sport-Events ab, sondern sollen kontinuierlich für ein Wachstum der Sozialwirtschaft sowie der öffentlichen Sicherheit der Stadt und damit für eine bessere Lebensqualität in Rio sorgen.

Die Brasilianer sehen den Investitionen und besonders den versprochenen Arbeitsplätzen mit großen Erwartungen entgegen. Die Chance, der Welt ein tatkräftiges und wirtschaftlich starkes Brasilien zu zeigen, soll genutzt werden. Auf der offiziellen Seite der Spiele schreibt ein brasilianischer Mitbürger begeistert: "Brasilianer, lasst uns mit der ganzen Welt vereinen für dieses große Projekt Rio 2016, welches mit Sicherheit eine der schönsten Olympiaden sein wird, die wir je gesehen haben. Ohne Gewalt, mit viel Frieden und einer Vereinigung aller Völker dieser Erde". Die Euphorie über die Spiele schließt allerdings eine kritische Haltung der Brasilianer nicht aus. So berichtet der Brasilianer Marco André Braga aus Rio: "Ich bin ein wenig vorsichtig, obwohl ich bei einer Party im Viertel Barra da Tijuca bei der Bekanntgabe unseres Sieges emotional total bewegt war. Ich bin etwas besorgt, wie mit dem vielen Geld verfahren wird."

Ansteckende Glückseligkeit

Seine Befürchtung bleibt nicht unbegründet: "Die Korruption ist ein ständiger Begleiter einiger unserer Politiker und die Spiele sind eine gute Möglichkeit, um unerlaubte Geschäfte abzuwickeln", schreibt er weiter. Und berichtet, dass sich viele Einwohner Rios fragen, warum erst jetzt mit den Spielen so viel Geld in eine neue Infrastruktur gesteckt wird und nicht bereits vorher in dringende Projekte investiert wurde. "Würde es eine seriöse Arbeit unseres Staates geben, dann wäre das Land immer bereit, solche Events zu beherbergen." Doch rein kritische Gedanken kennt der Brasilianer nicht: "[…] Probleme? Vielleicht; doch wer hat die nicht? Es ist Zeit das gesamte Potential Brasiliens der Welt zu zeigen und nichts ist gerechter, als das dies in der schönsten Stadt Brasiliens geschieht", schreibt ein Brasilianer auf der Internetseite optimistisch. Ein anderer fügt dem enthusiastisch hinzu: "Wie unser Christo erwarten wir Euch mit offenen Armen!" Optimismus spricht aus all diesen Kommentaren und eine Glückseligkeit, die ansteckend ist, wie der Journalist Juan Arias am Ende seines Artikels schreibt. Wenn dem so ist, dann sollte auch die Welt den Spielen 2016 in Rio optimistisch und offen entgegen blicken.

Als Auswanderin erlebt Verena Rateike so einige Überraschungen in ihrer derzeitigen Wahlheimat Brasilien. In ihrem Blog schreibt sie über kulturelle Unterschiede, die schönsten Orte des Landes und die Tücken des Alltags - wie den jüngsten Stromausfall im Land
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