Südafrika Südafrika: Der Park ohne Grenzen

Im Naturschutz geht Südafrika neue Wege: Die Nationalparks sollen über Ländergrenzen hinweg zu großen Schutzgebieten zusammenwachsen. Im Kgalagadi Transfrontier Park kann man die Freiheit der Natur bereits erleben
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Spurenleser im Kgalagadi
Schakale und Angst ums Grillfleisch

Spurenleser im Kgalagadi

Das Frühstück muss warten. Jaco will die Spur der Löwen aufnehmen, so schnell wie möglich. Die halbe Nacht lang haben sie gebrüllt. "Wahrscheinlich sind es zwei Brüder. Ich kenne sie. Sie können nicht weit sein." Schnell verstaut er unser Gepäck in seinem VW-Bus. "Je früher wir aufbrechen, desto größer ist unsere Chance." Wir haben gerade noch Zeit für einen schnellen Kaffee mit rusks, einem Trockengebäck, halb Zwieback, halb Kuchen. Nach der kühlen Nacht tut das heiße Getränk gut. Es ist Winter in der Kalahari, da kann die Temperatur schon mal von 25 Grad am Nachmittag gegen null am frühen Morgen fallen.

Punkt halb acht zieht ein Ranger das Tor des Nossob-Camps auf. Wir sind die ersten, die sich auf den Weg machen. Die Dunkelheit löst sich bereits auf, aber die Sonne ist noch nicht über den Horizont gestiegen. Auf dem Beifahrersitz reibe ich mir die Hände warm. Jaco lässt den Minibus langsam, fast im Schritttempo, über eine Sandpiste im Tal des Nossob- Flusses rollen. Was heißt schon Fluss – die weite Senke, die wir durchfahren, ist staubtrocken. Mächtige Akazien stehen in großen Abständen. Einzelne Gnu-Bullen sind im Zwielicht auszumachen, bewegungslos wie Statuen. Am flachen Hang weiden Gemsbok-Antilopen, gut zu erkennen an ihren langen, spitzen Hörnern und den schwarz-weiß gemusterten Gesichtern. Nossob und Auob, die Flüsse im Süden des Kgalagadi-Nationalparks, führen nur alle 20 bis 50 Jahre Wasser, nach außergewöhnlich starken Regenfällen.

In der Sprache der Tswana, die hier einst siedelten, bedeutet Kgalagadi "großer Durst" (das Wort Kalahari ist davon abgleitet). Immerhin hält sich im Sandboden der Flusstäler genug Feuchtigkeit, dass – im Gegensatz zur Dünenwüste – eine beständige Vegetation gedeiht. Wenn man also in den Weiten der südlichen Kalahari irgendwo Weidetiere findet, dann hier. Und wo so viel lebendes Futter herumläuft, sind die Raubkatzen nicht fern.

Unser Guide ist das perfekte Beispiel, wie man Hobby zum Beruf macht

Jaco Powell starrt entspannt, aber konzentriert auf die Piste vor uns. Er trägt kurze Hosen und eine ärmellose Fleece-Weste über dem T-Shirt – die Morgenkälte scheint er gar nicht zu spüren. Auf dieser Tour ist er mein Guide, Fahrer, Koch und Alleinunterhalter, und es ist schwer zu sagen, was ihm am meisten liegt. Wenn man von jemandem behaupten kann, er habe sein Hobby zum Beruf gemacht, dann von Jaco. Als Guide und ehrenamtlicher Ranger führt er Gäste durch die Nationalparks Südafrikas, und von allen mag er den trockenen, sandigen Kgalagadi-Park am liebsten: "Die Wüste ist meine große Leidenschaft." Wenn er gerade mal keine Gäste hat, packt er dennoch seine Ausrüstung in den Wagen, fährt einige hundert Kilometer von Kimberley nach Norden in den Park. Eine Kamera mit riesigem Teleobjektiv hat der passionierte Tier- und Naturfotograf immer dabei. Dann rollt er stundenlang über die Pisten, sucht mit geübtem Blick die Landschaft ab und fiebert jeder Begegnung mit Löwen, Geparden und Leoparden entgegen. Kaum ist es hell, findet Jaco die Löwen. Im Sand der Straße haben sie mehrere Reihen von Spuren hinterlassen. Große Tatzen und kleine. "Ganz frisch", sagt Jaco. "Sie sind erst vor kurzem hier durchgekommen".

Kalahari-Löwen, lerne ich von ihm, sind nicht nur größer und stärker als ihre Vettern aus der Savanne; sie sind auch unermüdliche Wanderer. Pro Nacht legen sie bis zu 20 Kilometer zurück, immer auf der Suche nach Beute. Dann sehen wir die Tiere, sie trotten neben der Straße entlang. Wir schließen zu ihnen auf. An brummende Autos, die ihnen auf den Pelz rücken, sind sie gewöhnt; sie ignorieren uns. Mit schnellen Handgriffen steckt Jaco seine Kamera am Autofenster auf ein selbstgebautes Stativ. Doch er fotografiert nicht. Er sieht sich irritiert um: "Wo sind die Männchen?" Da draußen sind nur zwei Löwinnen. In einigem Abstand kommt ein Junges hinterher. Eine der Löwinnen blutet am Hinterlauf. Auch am Hals hat sie eine frische Wunde. "Sie hatte zwei Junge. Sechs Monate alt. Ich habe sie erst letzte Woche gesehen. Aber wo ist das Mädchen?"

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Male bonding - Kumpelausflüge unter Löwen

Jaco beobachtet das Rudel seit Langem. Es wurde angeführt von zwei großen Löwen, etwa fünf Jahre alten Brüdern. "Das sind starke Kalahari-Löwen", sagt er, "die lassen sich nicht einfach vertreiben." Er grübelt, und allmählich kommt er darauf, was passiert sein könnte: Die Männchen haben das Rudel für eine Weile verlassen. Das tun sie regelmäßig, vor allem, wenn mehrere Brüder sich ein großes Gebiet mit ihrem Rudel teilen. Sie streifen dann umher, jagen zusammen – Verhaltensforscher sprechen von male bonding, der Pflege männlicher Bindungen. Doch während sie weg waren, hat wahrscheinlich ein aggressiver Einzelgänger das Rudel angegriffen, ein rogue male. Die verletzte Löwin hat ihre Jungen verteidigt. Daher ihre Wunden. Und eines ihrer Kleinen hat den Angriff nicht überstanden. Immerhin, für die Mutter gibt Jaco Entwarnung: "Es sind nur oberflächliche Wunden. Sie bewegt sich normal und wird sich erholen." Nichts mögen Löwen weniger als Schwächlinge. Ein Weibchen, das nach einer Verletzung nicht mehr mitjagen kann, ist zum Hungertod verurteilt.

Abends sitzen wir vor unserem Bungalow im Camp Twee Rivieren beim braai, dem Barbecue. Immer noch beschäftigt uns die Geschichte. Fast alle Besucher des Camps sitzen um diese Zeit vor ihren Bungalows oder Wohnwagen am Feuer und grillen: Steaks, Wild und boereworst. Jaco kennt viele hier. Er erzählt von der verletzten Löwin und dem verschwundenen Jungen. Ihr Schicksal interessiert jeden, obwohl Löwen längst nicht die einzigen Raubtiere sind, die einem hier buchstäblich über den Weg laufen. Da war die afrikanische Wildkatze, die uns so interessiert musterte; selbst Ranger bekommen diese ungeheuer scheuen Katzen – kaum größer als unsere Stubentiger zu Hause – nur selten zu sehen. Oder die Gepardin mit ihren vier Jungen, etwa anderthalb Jahre alt und fast ausgewachsen: "Eine Wahnsinns-Mutter", schwärmte Jaco voller Bewunderung, "so viele Junge durchzukriegen". Da waren die Hyänen, die Adler und Geier, und die bat eared foxes, die auf Englisch zwar Füchse heißen, aber eigentlich kleine Wildhunde sind – deutsch "Löffelhunde". Sie leben von Insekten, und mit ihren Riesenohren hören sie, wie Fledermäuse, genau, wo ihre Beute krabbelt und knistert.

Schakale und Angst ums Grillfleisch

Und da sind die Schakale. Man braucht sie nicht zu suchen. Im Camp streichen sie uns praktisch um die Beine. Überall hängen Warnungen, sie nicht zu füttern – dennoch streifen die flinken, nervösen Burschen zwischen den Häusern und Zelten umher und wagen sich ganz nah an den gedeckten Tisch heran. Sie lauern auf einen Moment der Unachtsamkeit.

Deshalb passe ich auf das Grillfleisch auf, während Jaco das Feuer schürt. Sobald er eine schnelle Bewegung macht oder mit dem Schürhaken ausholt, huschen die Schakale blitzschnell in die Dunkelheit. Gleich darauf sind sie zurück. Draußen in der Wüste fressen sie meist das, was Raubkatzen von einem großen kill übrig lassen. Einen allerdings haben wir beobachtet, der lebendfrische Beute vorzog: Er buddelte mit den Vorderläufen ein Loch, rasend schnell warf er den Sand nach hinten. An dieser Stelle war der Wüstenboden durchlöchert, voller Gänge, Röhren und Höhlen, in denen Erdhörnchen, Ratten und Mäuse lebten. "Wie will er dort etwas finden?", fragte Jaco. "Die Verstecke sind endlos!" Aber der Schakal war sich seiner Sache sicher. Bis zum Schweif war er in dem Loch verschwunden, und noch immer flog der Sand. Jaco wollte weiterfahren. Da sprang auf einmal der Jäger hoch, in seinem Fang baumelte ein fettes Hörnchen. Er schüttelte es durch und fing auf der Stelle an, es aufzufressen. "Alle Achtung", sagte Jaco, "schönes Stück Arbeit. Der Bursche hat meinen vollen Respekt." Das Gebiet, auf dem der Schakal jagte, lag schon in Botswana. Jaco zeigte auf den weiß gestrichenen Grenzstein, der vielleicht 50 Meter hinter uns lag. Kein Zaun trennt hier die Staaten; im trockenen Flussbett des Nossob mäandert der Fahrweg zwischen den Markierungssteinen hin und her: Kgalagadi ist ein Transfrontier Park – ein Nationalpark, der sich von Südafrika nach Botswana erstreckt und von beiden Ländern gemeinsam verwaltet wird. Wer im Empfangscamp von Twee Rivieren eingecheckt hat, darf auch durch botswanisches Gebiet fahren.

Diese Offenheit verdankt sich der Einsicht, dass die Natur keine Staatsgrenzen kennt – dass also auch ihr Schutz nicht an einem Schlagbaum enden darf. Schon seit 1948 kooperieren die beiden Staaten in der Verwaltung des Parks. In den 1990er Jahren machte das Modell Schule: Auf Initiative unter anderem des südafrikanischen World Wildlife Fund wurden weitere Schutzgebiete in Südafrika mit angrenzenden Parks in den Nachbarstaaten vereinigt. Einen neuen zugkräftigen Namen bekamen die Transfrontier Parks auch: "Peace Parks".

Grenzüberschreitende Projekte werden gefördert

Der bekannteste ist Great Limpopo – bestehend aus dem Krüger-Nationalpark, dem Limpopo-Park in Mosambik und mehreren Reservaten in beiden Ländern und in Simbabwe. Die Vereinten Nationen fördern solche Zusammenlegungen. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts wird auch mit deutscher Entwicklungshilfe kräftig in die grenzüberschreitenden Projekte investiert. Und die Natur profitiert: Seit auf mosambikanischer Seite des Great Limpopo 70 neue Ranger patrouillieren, ist die Wilderei auch im direkt angrenzenden Krügerpark deutlich zurückgegangen. Weiter nordwestlich, im Dreiländereck von Südafrika, Simbabwe und Botswana, fallen auch die Grenzen zwischen Natur und Kultur: Die ausgegrabenen Siedlungen und Kultstätten des vor rund 700 Jahren untergegangenen Königreichs Mapungubwe – 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt – werden Teil eines Naturparks im Gebiet der Flüsse Limpopo und Shashe.

Unter Naturschützern gilt das Konzept als Leitmodell für das 21. Jahrhundert: Aus voneinander getrennten Flächen sollen riesige, geschützte Territorien werden, in denen sich Herden frei bewegen können und afrikanische Wildnis sich regeneriert oder neu entsteht.

Ursprünglichkeit soll erhalten werden, nur selten sind sanfte Eingriffe notwendig

Im Kgalagadi Peace Park ist durch die Zusammenlegung eine Fläche von rund 38 000 Quadratkilometern entstanden, doppelt so groß wie der Krügerpark. Seine Aufgabe ist es, die südliche Kalahari-Wüste in ihrer ursprünglichen Form zu bewahren. Bisweilen allerdings sind sanfte Eingriffe notwendig: In den Flusstälern wurden Wasserlöcher angelegt; Pumpen – meist mit Sonnenenergie betrieben – sorgen dafür, dass etwa die Gnus, hier Blue Wildebeest genannt, immer genug Wasser vorfinden und nicht mehr abwandern müssen. Im Park sind nicht nur die Grenzzäune gefallen, verschwunden sind auch die Zäune, die der Mensch um sich selbst herum gezogen hat. Sechs der neun Camps im Park liegen in der freien Wildbahn. Die Hütten im Dünencamp von Bitterpan etwa stehen zwar auf Stelzen, doch die Wände sind aus Stroh und Leinwand. Dennoch muss sich bei der Kaffeepause oder beim Lunch niemand fürchten, erklärt Jaco: "Löwen meiden uns, wo es geht. Für eine Löwennase riecht es in den Camps viel zu sehr nach Mensch."

Nach dem Abendessen gesellt sich ein älterer Besucher zu uns. Bei einem Bier am verglühenden Barbecue-Feuer erzählt er von seinem schönsten Erlebnis in der Kalahari: Er übernachtete im kleinen, offenen Kieliekrankie Camp, in den roten Dünen zwischen den Flusstälern. Ein halbes Dutzend Bungalows steht dort auf einer Anhöhe. Morgens öffnete er die Tür seines Cottage, um etwas aus dem Auto zu holen – und zog sie sofort wieder zu. "Ein Löwenrudel spazierte ein paar Meter vor mir vorbei zur Wasserstelle. Ich habe sie dann von der Terrasse aus beobachtet. Sie waren so nah, ich konnte es nicht glauben. Vor lauter Aufregung habe ich alle Fotos vermasselt. Aber die Erinnerung kann mir niemand nehmen."

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