Istanbul: Eine schizophrene Stadt

Traum aus 1001 Nacht oder täglich wiederkehrender Überlebenskampf: Beides liegt in der Metropole am Bosporus nah beieinander. Das Stadtviertel Kadirga wurde pünktlich zum Kulturhaupstadt-Jahr herausgeputzt. Hinter den frisch gestrichenen Fassaden aber leben die Menschen in Armut

Auf dem großen Platz vor dem Eingang zur Hagia Sophia, Istanbuls größter Touristenattraktion, stehen die Menschen Schlange. Von hier aus sind die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu Fuß problemlos erreichbar: die Blaue Moschee oder der Topkapi Palast mit dem berühmten Harem. Wer zum großen Bazar möchte, fährt fünf Minuten mit der Straßenbahn. Sie folgt der Straße Divan Yolu Caddesi, dem Weg des Diwans. Auf beiden Straßenseiten kämpfen Restaurants und Imbisse mit bunter Leuchtreklame um die meist westliche Kundschaft. Auf jeden Touristen kommt ein Einheimischer, der ihm etwas verkaufen will: Eine Sightseeing-Tour, ein drei Gänge-Menü, eine Taxifahrt oder einfach eine Packung Taschentücher - je nach Gewerbe. Die Händler schreien ihr Angebot in mindestens fünf Sprachen über die Straße. Wer am lautesten brüllt, verkauft am meisten. Das ist Sultanahmet, das Herz der historischen Altstadt. So wie diesen Stadtteil stellen sich Touristen das Leben in ganz Istanbul vor: Wie ein modernes Märchen aus 1001 Nacht. Jede orientalisch oder arabisch aussehende Frau ist in ihren Augen eine türkische Sheherazade, bloß eben mit iPod und Universitätsabschluss.

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Die Hagia Sophia gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Istanbul und steht nur einen kurzen Fußmarsch entfernt vom Armenviertel Kardirga

In Kardiga platzt der Touristentraum

Doch keine zehn Gehminuten von der Hagia Sophia entfernt ist von dem bunten orientalischen Touristentraum nichts mehr übrig. Jedes zweite Haus ist verfallen, die Fensterscheiben gesprungen, die Vorhänge schmutzig. Die Häuser stehen dicht gedrängt, viele Fenster sind vernagelt, einige Gebäude ausgebrannt. In den Seitenstraßen ist kaum jemand unterwegs. Wer in Sultanahmet auf der Straße Touristen anspricht, wohnt meist hier: in Kardirga, einem Viertel des muslimisch geprägten Stadtteils Fatih, der an Sultanahmet grenzt.

In der Gasse Behram Cavus Sokak, benannt nach einem türkischen Botschafter aus der Zeit Sultan Süleymans des Prächtigen, liegt die Wohnung von Kawin. Doch anders als rund um die Hagia Sophia ist bei dieser Straße nur der Name glanzvoll. Kawin heizt mit Holz, es riecht beißend nach Qualm, eine Zentralheizung gibt es nicht. Ihre Küche ist eine kleine Nische ohne Wasseranschluss. Es gibt nicht mehr als ein paar Regale und einen Gaskocher. Kawin ist Kurdin aus dem Südösten der Türkei, ihr Mann verkauft Gebetsteppiche auf der Straße. "Er arbeitet bis neun, manchmal bis zehn Uhr abends. Meistens verkauft er kaum etwas, das ist das Problem.", erlärt Kawin. Das Geld reiche kaum für das Essen. Ihre fünf Kinder müssen sich eines der beiden Zimmer teilen. Kawin spricht kein Türkisch, sondern kurdisch, deshalb, sagt sie, bekomme sie keine Arbeit. Außerdem ist sie eine Shafi, ein Mitglied einer erzkonservativen sunnitischen Sekte. Als solche hat sie es in der Stadt besonders schwer.

Stimmenverkauf gegen Arbeit

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Hinter bunt angestrichenen Fassaden kämpfen die Menschen von Kardiga ums Überleben

Dr. Mutay Öztemiz den Butter von der Istanbuler Marmara Universität kann erklären, warum. Sie führt in Kawins Viertel Feldforschung durch um zu verstehen, warum hier, inmitten Istanbuls, bittere Armut herrscht. Dazu untersucht sie ein ganzes Bündel von Faktoren. Einer davon ist die Religionszugehörigkeit. "Der Glaube der Shafis ist mit den Herausforderungen des urbanen Lebens kaum vereinbar. " Frauen seien nach Auffassung der shafitischen Rechtsschule Menschen dritter Klasse - nach männlichen Freunden der Familie. "Wäre ich ein Mann und würde eine Shafi-Frau lüstern anschauen, müsste die Frau streng genommen getötet werden", sagt Öztemiz den Butter. Kein Wunder, das Kawin arbeitslos ist.

"Kadirga ist ein Einwandererviertel.", erklärt den Butter weiter. "Hier leben Griechen und Armenier, Kurden und einige Russen. Die Fluktuation der Bevölkerung ist sehr hoch, deshalb ist die Einwohnerzahl schwer zu schätzen." Viele von ihnen seien illegal hier. An die 10.000 Menschen lebten in schwerster Armut. Arbeit gebe es kaum: "Die meisten Einwohner sind Handwerker, stellen, wie Kawins Mann, einfache Dinge wie Gebetsteppiche her."

Deshalb sind viele Einwohner Kadirgas auf zusätzliche Einnahmen angewiesen. Viele verkaufen ihre Stimmen gegen Arbeit, eine Wohnung oder Essen. "Bei Wahlen bekommen sie Mobiltelefone, mit denen sie ihr Kreuz auf den Stimmzetteln fotografieren müssen.", erzählt Öztemiz den Butter. Wer sich nicht an die Abmachungen halte, müsse mit Prügelstrafen oder Schlimmerem rechnen.

Die Stadtverwaltung hat jahrelang weggeschaut - jetzt, wo Istanbul Kulturhaupstadt Europas geworden ist, ist das nicht mehr möglich. Dazu liegt das Viertel zu nah an den üblichen Touristenattraktionen. Daher wird versucht, die Vorderseiten der Häuser mit frischen Anstrichen freundlicher zu machen. Orange, rote und gelbe Fassaden unterbrechen seitdem das Grau in Grau des Straßenbilds. Drinnen jedoch bleibt das Elend bestehen.

Zwei Straßenecken von Kawins winziger Kellerwohnung entfernt, im Art Production Center Kadirga, geht die Besuchercouch im geräumigen Empfangsbereich etwas verloren. Auf dem Beistelltisch: Ein Hochglanzprospekt über ein Design-Projekt in Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Akademie in Weimar. Hier sind die Wände weiß, die Einrichtung ist spärlich und modern. In den weiten Fluren hallen die Schritte von Deniz Erbas lange nach. Sie ist stellverstretende Direktorin des Departments für Visual Arts, das sich um alles kümmert, was in Istanbul im Jahr 2010 in Sachen Kunst stattfindet: Workshops, Ausstellungen, Kunstprojekte. Dass sie ausgerechnet in einem armen Viertel wie Kadirga ein Luxus-Gut wie moderne Kunst vermarktet, hat eher "technische Gründe", sagt sie.

Mit Armut lässt sich kein Geld verdienen

Die Stadtteilverwaltung von Fatih hat ihr das Gebäude zur Verfügung gestellt - mit Tagungsräumen, Büros und einer Bibliothek insgesamt gut 1000 Quadratmeter. Trotzdem ist sie sich ihrer manchmal komplizierten Rolle im Viertel bewusst. "Viele Anwohner sehen das Gebäude noch immer als das Stadtteilkulturzentrum, dass es einmal war. Und kommen zu uns, weil sie im Saal im Obergeschoss Hochzeiten feiern wollen." Dann muss sie vermitteln: erklären, was ihre Aufgabe hier ist und auf die Kunst- und Theaterworkshops hinweisen, die sie für Schüler und Lehrer der drei Grundschulen im Viertel anbietet. "Wir haben uns diesen Ort nicht ausgesucht, aber wir sind uns seiner Realität durchaus bewusst. Wir wollen kein Satellit eines anderen, wohlhabenderen Istanbuls sein, der hier kurz Station macht und am Ende des Jahres wieder verschwindet."

Der Widerspruch, den das Art Production Center in Kadirga darstellt, ist typisch für Istanbul. Existentielle Nöte und teure Shoppingmalls liegen örtlich häufig nahe beieinander. "Istanbul ist eine schizophrene Stadt" - so formuliert es Öztemiz den Butter. Für ihr Forschungsprojekt findet sie kaum Fördermittel, weil sich mit der Erforschung von Armut kein Geld verdienen lässt. Dennoch will sie weitermachen. Für sie ist die Situation in Kadirga nicht Teil eines nationalen türkischen, sondern eines internationalen Problems: "Wenn Menschen wie in Kadirga hier in der Türkei keine Arbeit finden, wandern sie ab in andere europäische Länder. Wenn wir diese Menschen alleine lassen, werden wir dafür in der Zukunft einen hohen Preis bezahlen müssen. Wir müssen zusammenarbeiten, um dieses Problem zu lösen."

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