Polnische Ostsee: Sahara am Meer

Stell dir die Sahara vor, ganz viel feiner Sand. Warmer Wind, der im Strandhafer rauscht, und dazu freundliche, triumphierend blaue Wellen. Das gibt’s nicht? Doch, fast vor unserer Haustür - an der polnischen Ostsee
In diesem Artikel
Sopot in den zwanzigern: Treffpunkt der Mächtigen und Schönen
Wässerchen statt Wodka
Sand statt Dorf
Wo Polen wie die Sahara aussieht
Info: Polnische Ostsee

Es ist, als bräuchte die Welt keine anderen Farben, um zu leuchten. Für den Moment reichen der Himmel, wenige Wolken, eine Seebrücke in die Ostsee. Vielleicht hebt es sogar das Gefühl, dass ich ein paar Zloty bezahlen musste, um über das lackierte Geländer der Brücke die Nase in den Wind zu strecken. Bestimmt aber tragen die verwegenen Komplimente von Jan Butowski zum Wohlbefinden bei, auch oder möglicherweise weil er schon mehr als 80 Jahre alt ist. Einem Jüngeren ohne weiße Kapitänsmütze und gestärktem weißem Hemdskragen hätte man den sanften Griff in die Hüftgegend übel nehmen können, mit dem er mich in Richtung Fernglas schob.

Sopot in den zwanzigern: Treffpunkt der Mächtigen und Schönen

Jan Butowski steht seit fast vierzig Jahren Tag für Tag auf der Seebrücke von Sopot, dem einstmals mondänen Seebad nordwestlich von Gdańsk. Er zückt auf Verlangen souverän eine Visitenkarte, die ihn als Filmemacher und Fotografen ausweist, verkauft in Monopolstellung auf der Brücke Postkarten und lässt die Flaneure für zwei Zloty durch seine Ferngläser aus deutschen Wehrmachtsbeständen auf die Schiffe am Horizont schauen. Für Damen ist die geldwerte Zeitspanne dabei deutlich länger. Butowski sagt, auf der Brücke könne man viel über Menschen lernen, vielleicht spricht er deswegen lieber mit den Möwen. Er erzählt ihnen Geschichten aus einer Zeit, als sich hier von der Brücke die glücklosen Spieler in die See stürzten, nachdem sie im Kasino des Grandhotels ihr letztes Geld verjuxt hatten. Die Bilder des alten Mannes lassen die Banner verblassen, die über der Brücke für moderne Kommunikationsmittel werben, und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Die Eleganz der geschwungenen Holzbänke auf den Aussichtsplattformen überlagert für eine schöne Weile die lieblos geratene Renovierung des Prachtbaus am Strand, der früher das gesellschaftliche Leben dominierte. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Grandhotel gebaut, Sopot war damals der mondänste Ferienort der ganzen Ostseeküste, ein Treffpunkt der Mächtigen und Schönen. Marlene Dietrich hat im Grandhotel geschlafen, auch Josephine Baker, Charles de Gaulle, Adolf Hitler, Fidel Castro, Omar Sharif und der Schah von Persien. Von Paul Anka liegt angeblich immer noch ein vergessener Schlafrock herum, jetzt spielen dort Neureiche und polnische Popstars gehobene Gesellschaft im eingezäunten Strandabschnitt.

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Nach jedem Sturm sieht der Slowinski-Nationalpark bei Leba ein bisschen anders aus. Aber jeder findet ganz schnell einen neuen Lieblingsplatz in den Dünen

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Bonbons, Tomaten oder eine kaltes Piwo: Der Kiosk unter den Kastanien von Leba macht Strandbummler froh. Zur Ostsee sind es nur ein paar Schritte

Jenseits der Absperrung ist der polnische Ostseesand eine reine, weiße Freifläche, selbst an den Stränden der Badeorte nicht überall zerschnitten von Dünenradwegen, Uferpromenaden und mit Strandkörben zugestellt. Mit bunten Stoffbahnen schützen sich die wenigen Gäste im späten Sommer gegen den kräftigen Wind. Rüstige Großmütter mit stark verfärbten Haaren haben sich in zierliche Klappstühle gesetzt und vertiefen sich in bunte Blätter, ihre Enkel bewerfen einander mit Sand. Ein muskelbepackter Mann badet mit lautem Getöse in der eiskalten See, keiner nimmt Notiz davon.

Wer weiter weg geht, am Meer entlang, wird so bald kein Ende finden, weil sich die größeren Orte rar machen und die kleineren jenseits der Dünen schnell vergessen sind. So wie sich vergessen ließe, dass es Häuser gibt und asphaltierte Wege, die dorthin führen. Vergessen könnte man auch, wie viel Geduld man bisweilen auf Reisen braucht, wie viel Gleichmut, um das Bild mehrspuriger Ausfallstraßen durch Vorstädte abzustreifen, das einen aus Gdańsk hinaus begleitet. Und welche Verwirrung die Masse der Souvenirläden in den Küstenorten zusammen mit Billigmärkten, Spielhallen und zu bunten Lichtern hinterlässt. Im späten Sommer zeigt sich das Land zwischen Danziger Bucht und Słowinski-Nationalpark milde. Wenn die Strandclubs in Łeba oder auf der Halbinsel Hel, die "Copacabana" heißen oder "Sundowner", ihre Türen vernageln und die Möwen ihr Terrain zurückerobern. Man sieht nur Wellen und Vögel, die in der Gischt ihre Klauen baden, und rechts und links Sand, Dünen, Schilfgras, sonst nichts.

Das Land im Inneren, die Hügel und die dazwischen aufblitzenden Seen - das Herz jener Gegend westlich von Gdańsk, die sich Kaschubei nennt - hat es schwer, gegen die Wellen der Küste anzustehen. Nur wenige suchen den Weg dorthin. Die Hitze eines letzten heißen Sommertages wärmt die Dörfer, die sich zwischen die Seeufer schmiegen. Auf der Terrasse des Pub Helena über dem Ufer des Ostrzyckie-Sees lässt die Kellnerin ihre Schritte langsamer werden, nur drei Tische sind besetzt, sie hat jetzt wieder Zeit. Am Bootssteg trocknen die bunten Segel kleiner Boote, ein paar Meter vom Ufer sprudelt ein Springbrunnen im See. Es gibt barszcz czerwony, Rote-Beete-Suppe, und flaki wołowe, Suppe aus Kutteln. Die Vergangenheit der Gegend plärrt von Ferne aus einem Transistorradio: "Mein blondes Mädel", singt eine Stimme auf Deutsch.

Wässerchen statt Wodka

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In Bialogóra sieht's immernoch so aus wie zu Großmutters Zeiten. Kirschrote Täublinge schießen ins Kraut, Flechten bedecken den Boden wie Flokatiteppiche. Ein Großteil der wilden Ostseeküste steht hier unter Naturschutz

Wenn die Sonne untergeht, breitet sich die Stille aus wie ein weiches Tuch. Auf einer Wiese am Seeufer trocknen Jeans auf der Motorhaube eines VW-Busses, ein paar Meter weiter brennt ein Feuer. Wer zufällig dort vorbeikommt, wird auf einen Klappstuhl gezwungen, die Freude der spontanen Gastgeber erlaubt keinen Widerspruch. Adam, der Maurer, und Krzysztof, der Polizist - zwei Freunde bei ihrem liebsten Wochenendvergnügen: angeln und unter freiem Himmel schlafen. Würste auf Stöcken grillen, weil noch kein Fisch angebissen hat. Der Kaffee, den sie mir anbieten, ist vielleicht den Umständen geschuldet, vor der Wende aber haben ihn hier alle so getrunken: heißes Wasser auf gemahlenen Bohnen. Auf Krzysztofs Tasse ist das Bild einer Frau gedruckt, seiner Frau, wie er zu verstehen gibt. Sie heißt Angelika, aber auf Ausflüge wie diesen kommt nur die Tasse mit. Manchmal trinken die Männer auch Wodka daraus.

Einige Kilometer weiter nördlich, unweit der Küste, bei Krokowa, sitzt Ulrich von Krockow auf einem blauen Samtsofa, in einem Schloss, das vor dem Krieg seiner Familie gehörte. "Ach", seufzt der Graf, dann schenkt auch er sich das Glas wieder voll mit Wodka, dessen Name im Polnischen schlicht Wässerchen bedeutet. "Die Menschen hier, sie sind ein eigener Schlag." Im März 1945 flohen seine Eltern nach Deutschland, seine Mutter war schwanger damals, mit ihm. Gleich nach der Wende ist er mit seinem Vater zurückgekehrt, sie haben eine Stiftung gegründet und den maroden Besitz in nur 15 Monaten saniert. Heute ist Schloss Krockow Hotel, Restaurant, Museum und vor allem Stätte deutsch-polnischer Begegnung. Es finden Tagungen und Seminare zum Thema statt, und der Graf, der früher Berufsoffizier war, verbringt mittlerweile mehr Zeit in der Kaschubei als in der deutschen Heimat. Stets tastend auf der Suche nach dem Leben des anderen Landes, das einmal auch das Land der Seinen war.

Bis heute wird die Kaschubei von einigen Nachkommen eines slawischen Volksstammes bevölkert, der eine eigene Sprache spricht, die andere wiederum als Dialekt bezeichnen. Und genau da geht der Streit um die Abgrenzung schon los. Von den Polen sowie von den Deutschen, die das Land alternierend beherrscht haben und die Kaschuben von beiden Seiten in die Mangel nahmen. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie von den Nationalsozialisten teils interniert oder umgebracht, aber auch in die Wehrmacht eingezogen, weshalb sie nach dem Krieg wiederum von den Sowjets wie Deutsche behandelt wurden. Ein örtlicher Reiseführer kaschubischer Provenienz hebt die so genannten deutschen Tugenden Ordnung und Gründlichkeit selbst hervor - vielleicht, um sich von den Polen abzugrenzen. In einem lichten Gang des Schlosses hängt in der jahrhundertealten Ahnengalerie der Krockows ein Teil des Dramas der Region: Zwei Onkel des Grafen sind dort in Öl verewigt, der eine in polnischer Uniform, der andere in deutscher.

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Wie aus der Zeit gefallen: einer von tausenden Anglern an einem von hunderten Seen der Kaschubei

Wenn Ulrich von Krockow allzu viel ins laute Grübeln kommt über die Verirrungen der Geschichte, greift Magdalena Sacha ein. Die robuste Kulturwissenschaftlerin hat mit ihm in einem Nebengebäude ein Heimatmuseum konzipiert, das sich nicht mit der willkürlichen Ausstellung historischer Alltagsaccessoires begnügt, sondern das kaschubische Leben von früher fast spürbar einfängt. Frau Sacha und der Herr Graf lachen gern und viel gemeinsam über deutsche Besucher, die häufig überrascht Sauberkeit und Ordnung der Polen loben. Manchmal aber, wenn der Graf sein Umfeld analysiert, lächelt Magdalena Sacha ein bisschen spöttisch und sagt: "Erzählen Sie wieder Unsinn über die polnische Seele?" Die Verständigungsarbeit dauert an. polnisch, sollte sich finden lassen, an der nahen, einsamen Küste beim winzigen Weiler Białogóra. Ein dichter Wald schirmt die Dünen gegen den Rest der Welt ab, den Boden bedeckt Moos, versetzt mit mintfarbenen Flechten, dazwischen schimmert violett das Heidekraut.

Sand statt Dorf

Hier und da ragt ein Fliegenpilz oder ein Täubling in die Luft. Man kann im Wald spazieren gehen und das Meer dabei rauschen hören; das ist so schön, dass man zu fürchten beginnt, der Strand dahinter könnte dagegen eine Enttäuschung sein. Doch er ist eine neue Offenbarung, feiner heller Sand vor einem aufgebrachten Meer, in der Ferne ein paar Reiter. Einige Kilometer weiter westlich könnte sich die Seele verlieren, in der Nähe von Łeba, wo sich der Sand zu einer der größten Wanderdünen Europas auftürmt. Der höchste Sandberg erhebt sich über 40 Meter, zwei bis zehn Meter legen die Dünen im Jahr zurück. Am Rand der Dünen zeugen verdorrte, bleiche Baumstämme von ihrem todbringenden Weg. Früher war dort, wo der Sand jetzt ist, das Dorf Łaczki.

Wo Polen wie die Sahara aussieht

An Sonnentagen erobern die Menschen das Gebiet wieder für sich: Die Wanderdünen werden zum riesigen Spielplatz. Ein beleibter Herr keucht die Steigung hinauf, drei Schritte vor, zwei zurück, der lockere Sand lässt sich schwer bezwingen. Seine Frau ist schon weit voraus. Ganz oben geht er ein paar Meter, blickt einmal kurz über die sandige Weite Richtung Meer und legt sich flach auf den Bauch. Er schläft auf der Stelle ein. Etwas weiter meditiert ein junger Mann im Schneidersitz, seit langer Zeit schon, er hat die Augen geschlossen, seine Zeigefinger berühren die Daumen, seine Lippen bewegen sich leicht. Dort, wo die Dünen am steilsten abfallen, lassen sich Kinder kreischend bergab rollen. Ein Paar posiert vor Himmel und Wüste. Ein kleiner Junge schaufelt voller Ehrgeiz ein Loch, in dem er selber schon fast verschwindet.

Eine junge Familie kommt über die Kante nach oben auf die Höhe des Sandgebirges, dorthin, wo allen beim ersten Mal die Augen übergehen, weil Polen plötzlich aussieht wie die Sahara, nur glänzt dort nicht am Horizont das Meer. Das Kind, ein kleiner Junge, hat wahrscheinlich gerade erst das Gehen gelernt, aber er läuft und läuft und läuft; seine Eltern rufen, er dreht sich nicht um. Er sieht dabei aus, als sei er der glücklichste Mensch der Welt. Zumindest für einen Augenblick.

Info: Polnische Ostsee

Internationale Vorwahl: 0048 Geld: 1 Polnischer Zloty = ca. 0,23 €, 1 € = ca. 4,45 Zloty Anreise: Direktflüge nach Gdańsk (dt.: Danzig) bieten Lufthansa, LOT Polish Airlines und Ryanair (ab Frankfurt/Hahn und Bremen), Mietwagen sind meist teurer als bei uns, Benzin kostet viel weniger. Man kann auch gut mit dem eigenen Auto fahren. In Polen werden entgegen allen Vorurteilen weniger Autos geknackt als zum Beispiel in England oder Schweden. Die Bahn fährt direkt über Nacht nach Gdańsk. Günstig auch die Busverbindungen mit www.touring.de

Reisezeit: Von Ende Juni bis Ende August sind Sommerferien in Polen. Anfang Juni und im September ist die Küste deutlich leerer und günstiger.

Info: www.polen.travel (offizielle Tourismusseite); www.tourismus-polen.de (sehr übersichtliche Seite eines Reiseveranstalters)

Unterkunft: Hotels und Restaurants kosten fast so viel wie bei uns, wobei der Preis nicht immer gerechtfertigt ist. Gute Alternative: die vielen Campingplätze am Strand, manche vermieten auch einfache Blockhütten oder günstige Zimmer. Infos unter www.campingpolska.de. Viele Ferienwohnungen und -häuser findet man unter www.ferienhaus-polen.net.

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