Chicago: Architektur erleben

Ob Wrigley Building, Willis oder Trump Tower - Chicago ist seit über hundert Jahren ein Spielplatz der weltbesten Architekten. Als Besucher staunt man über die innovativen Türme der City. Ideal zum Wolkenkratzer-Sightseeing ist eine walking tour
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Architektur-Highlights

Dichter Verkehr flutet an dem rotbraunen Bau vorüber, den Lynne Hensel, unser Walking-Guide von der Chicago Archtecture Foundation, jetzt ins Visier nimmt: "Hier am Monadnock Building sind die Grundelemente der damals noch ganz neuen Wolkenkratzer-Architektur gut zu sehen. Rechts die dicken Ziegelwände des Baus von 1891, zwei Jahre später wurde 1893 hier links schon ganz anders gebaut - mit viel dünneren Wänden."

Aha – tatsächlich, der Fenstersims rechter Hand ist gut eineinhalb Meter dick. Daneben sind es am Fenster des neueren Baus nur 30 Zentimeter. Deshalb gilt Chicago als Wiege der Wolkenkratzer, und bei der walking tour mit Lynne werden uns architektonischen Analphabeten die Augen geöffnet. Das revolutionär Neue der Bauweise nach 1890 war nämlich, dass die tragenden Elemente der hohen Häuser nicht mehr die Masse der Ziegel und die Dicke der Wände waren, sondern ein Eisenskelett, das die nun viel dünneren Wände verstärkte. Nach diesem Prinzip werden die Hochhäuser bis heute gebaut.

Wir haben einen Bummel durch die Geschichte der modernen Baukunst gebucht - und keine Stadt würde sich besser dafür eignen als Chicago. Besser sogar als New York. Denn hier haben alle großen Architekten Amerikas zuerst gebaut. Hier haben sie ihre Ideen zuerst ausprobiert: Louis Sullivan und Daniel Burnham gegen Ende des 19. Jahrhunderts, später kamen Frank Lloyd Wright und Ludwig Mies Van der Rohe. Und danach zeitgenössische Baumeister wie Helmut Jahn und Frank Gehry. Ein Stück weiter, noch tiefer in den urbanen Canyons von Chicago, sehen wir uns mit Lynne den nächsten Bau an: The Rookery. Hier hat Frank Lloyd Wright einen der schönsten Innenräume der Stadt geschaffen. Ein filigranes Kunstwerk aus Dachstreben und geschwungenen Treppen, die scheinbar schwerelos im Raum schweben. "Achtung, nicht auf die Treppe setzen, der Marmor könnte Flecken bekommen", mahnt der Wachmann. Die Chicagoer passen auf ihre Schmuckstücke auf.

Weiter geht es über Washington und State Streets nach Nordosten. Dort stehen am Ufer des Chicago River einige der schönsten alten und einige der neuesten Wolkenkratzer: Das Wrigley Building von 1920 mit seinem Zuckerbäckerturm oder der brandneue Trump Tower zum Beispiel, jetzt das zweithöchste Gebäude in Chicago. Das Penthouse (bestimmt mit einem grandiosen Panoramablick) wäre für rund 30 Millionen Dollar noch zu haben, meint Lynne. Seit der Rezession liefen die Apartmentverkäufe leider wohl nicht mehr so gut.

Auch das neueste Beispiel für den architektonischen Spieltrieb der Chicagoer zeigt uns Lynne noch auf der Tour: den Millenium Park. Zur Jahrtausendwende vor zehn Jahren hat sich die Stadt diese Park-Extravaganza neben dem Art Institute geleistet. Wasserspiele vor gigantischen Videowänden locken hier die Kinder an, eine typische, im Frank Gehry-Stil dekonstruierte Freiluftbühne die Musikfans von Blues bis Heavy Metal.

110 Tonnen polierter Stahl stehen im Zentrum des Parks: Das Cloud Gate, eine Art überdimensionierte Bohne aus der Designerhand des indisch-britischen Künstlers Anish Kapoor. Und dem ist hier wirklich ein Meisterwerk gelungen, das jeden fasziniert, der einmal davor steht. Es ist einfach zu schön, sich und die Welt im Abbild der schimmernden, blanken Riesenbohne zu erleben. Hochzeitspaare und herausgeputzte Highschool-Abgänger, Eltern mit ihren Kindern, Touristen, junge Pärchen stehen, laufen, springen davor, fotografieren sich und spielen mit den Spiegelungen. Typisch Chicago, meint Lynne.

Chicago: Architektur erleben

Trump Tower: Chicagos neuester Superlativ-Turm mit 92 Stockwerken und 423 Metern Höhe ist unten Hotel und oben Apartment-Turm

Chicago Architecture Foundation

Die renommierte Tourfirma bietet täglich eine Reihe von Führungen zu den architektonischen Highlights der City. Am interessantesten: "Historic Skyscrapers", "Downtown Deco" und die sehr zu empfehlende Bootstour, die "Architecture River Cruise", auf dem man in 90 Minuten einen ausgezeichneten Überblick bekommt. Führungen beginnen im Santa Fe Building, 224 South Michigan Avenue. Hier gibt es auch ein sehr gutes, großes Modell der Stadt. Tel. (312) 922-3432, www.architecture.org

Architektur-Highlights

Willis Tower (Jackson/S. Franklin St.) Früher hieß das höchste Gebäude Chicagos (und ganz Amerikas) mal Sears Tower. Aber das einstige Kronjuwel der kränkelnden Kaufhauskette Sears, gehört heute einer englischen Investmentfirma. Und die drückte dem immer noch höchsten Gebäude der USA (das fünfthöchste der Welt) ihren Namensstempel auf. Patriotismus hin oder her: Wer zahlt, schafft an, das gilt auch in der Architektur. Die Fahrt auf den 442 m hohen Turm zum Skydeck lohnt sich vor allem am Spätnachmittag und zu Sonnenuntergang. Wirklich toll: Die gläsernen Erker ganz oben, in denen man sich wie frei schwebend hoch über der Stadt fühlt. www.theskydeck.com

Trump Tower (Wabash Ave. am Chicago River) Chicagos neuester Superlativ-Turm mit 92 Stockwerken und 423 Metern Höhe ist unten ein Edel-Hotel und oben ein ebenso edler Apartment-Turm. Schön: die Lichtspiegelungen an den silbrig schimmernden Glasfronten des gerundeten Wolkenkraters, der derzeit im Rang als zweithöchste Gebäude der USA liegt.

Hancock Tower (Michigan Ave.) Der mächtige schwarze Turm im Norden der Innenstadt wurde schon 1968 auf 100 Stockwerke hoch gezogen – damals ein Rekord. Dank der Beinahe-Alleinlage nicht weit dem Ufer des Lake Michigan haben Sie von der Aussichtsterrasse den schönsten Blick auf Chicago, den See und den Wald der anderen Hochhäuser. www.hancockobservatory.com

Monadnock Building (Jackson/Dearborn St.) Historisch eines der interessantesten Gebäude: die beiden Hälften des Baus sehen ähnlich aus, sind aber komplett unterschiedlich konstruiert. Die 1891 vollendete Nordhälfte weist die traditionell dicken Wände eines Stein-/Ziegelbaus auf, die 1893 gebaute Südhälfte hat schon das Bahn brechend neue Eisenskelett, durch das spätere Wolkenkratzer erst möglich wurden.

Wrigley Building (Michigan Ave.) Der vielleicht schönste Wolkenkratzer Chicagos ist könnte man sagen aus Kaugummi gebaut: Herr Wrigley, der mit dem Spearmint gum, wählte persönlich das Grundstück auf der Nordseite des Chicago River aus und ließ 1920 für seine Firma einen prachtvollen Zuckerbäckerbau hinstellen.

Palmer House Hilton (Wabash Ave./Monroe St.) Schauen Sie sich die Lobby dieses alten Grandhotels an – ein Traum in Gold und Plüsch. Das ist die Welt aus der Paris Hilton stammt – oder zumindest ihr Geld…

Marquette Building (Dearborn/Adams St.) Ein Klassiker der „Chicago School“ von 1895. Besonders schön: die von Tiffany gestaltete Lobby. Die großartigen Mosaike sind einem der ersten weißen Entdecker in der Region von Chicago gewidmet: dem französischen Jesuitenpater Jacques Marquette.

The Rookery (South LaSalle St./Jackson Blvd.) Das massige Gebäude stammt aus dem Jahr 1888, doch die Lobby wurde 1905 von Frank Lloyd Wright umgestaltet. Ein echtes Meisterstück.

James R Thompson Center / State of Illinois Building (Randolph/Clark St.)

Das von Helmut Jahn 1985 erbaute Verwaltungsgebäude des Staates Illinois nimmt einen kompletten Straßenzug ein und ist Postmoderne pur: Bunte Farben, verspielte Glasfassaden und ein schwungvoll gekrümmtes 16stöckiges Atrium, das einem den Atem verschlägt.

Federal Center (Dearborn/Adams St.) Bauhaus comes to America. Mies van der Rohe schuf diese minimalistischen, fast bedrohlich wirkenden Wolkenkratzer in den 1960er Jahren. In wunderbarem Kontrast zu den kühlen schwarzen Klötzen steht davor die knallrote Calder-Skulptur „Flamingo“.

Aqua Building (Columbus Dr./Lake St.) Der neuester Wolkenkratzer—dessen

die Fassade verlegt den lake Michigan in den Himmel und sieht aus, als würden die Balkone wie aus spiegelndem Wasser ragen..

Millenium Park (Michigan Ave./Washington St.) Das Jahrtausendprojekt Chicagos wurde zwar erst 2004 fertig (und fast eine halbe Milliarde Dollar teuer), hat sich seither aber zu einer der beliebtesten Attraktionen der City gemausert. Unbedingt sehenswert: die spiegelnde Bohne „Cloud Gate“ von Anish Kapoor, die Konzertbühne des Pritzker Pavillon von Frank Gehry und die Wasser sprühenden Video-Installationen des Spaniers Jaume Plensa.

Oak Park (15 km westl. der Innenstadt) Frank Lloyd Wright lebte von 1899 an zwanzig Jahre lang in diesem Vorort Chicagos. Hier begann seine Karriere als der heute wohl berühmteste Architekt der Neuen Welt - und hier entwickelte er den Prai¬rie-style, seinen tpischen Baustil, der mit langen Horizontalen und flachen Dächern den organi¬schen Bezug zur Prärieland¬schaft symbolisieren sollte. Für sein eigenes Haus entwarf er Möbel, Lam¬pen und sogar die Kleider seiner Frau, damit alles stilgerecht passte. Heute ist es ein Pilgerziel für Architektur-Fans. www.gowright.org

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