Lappland: Rein in den Trott!

In Lappland ist der September ein idealer Wandermonat. Unsere Autorin hat sich mit Rentieren auf eine gemütliche Tour durch Schwedens Norden gemacht

Als ich meine Finger in seinem Fell vergrabe, erschauert Sirius, der Graue. Nicht am ganzen Körper, nur an der Stelle, die ich berühre. Als wollte er eine Fliege abschütteln. Ich ziehe die Hand zurück und verschiebe weitere Kontaktaufnahmen auf den nächsten Tag, wenn wir zusammen aufbrechen in die Wildnis Lapplands und Zeit haben, einander kennenzulernen.

Im Halbkreis stehen wir, zwei Frauen und vier Männer, im hohen Gras um die härks herum. So nennt man in Schweden kastrierte und daher sehr friedfertige Rentiere. Drei davon werden unsere Reisebegleiter sein, wenn wir morgen von unserem Basislager Solberget aufbrechen.

Es ist September, höstsommar. Diese wenigen Wochen zwischen Sommer und Winter, nach den Mücken und vor dem Schnee, sind die schönsten in Lappland. In dieser Zeit treiben die Samen die Rentiere zurück in die Täler, die Sonne klettert knapp über die Baumwipfel, und ihr Nachmittagslicht glüht in jedem Winkel des Waldes. Die gelben Birkenblätter strahlen wie von innen, und nur noch vereinzelte knotts, die fiesen, kleinen Mücken, verirren sich in die kühle Luft. Es riecht nach Laub, Kiefernnadeln und dem harzigen Öl des Sumpfporsts, dessen schmale Blätter an Rosmarin erinnern. Sein ätherischer Duft, erzählt Dirk Hagenbuch, unser Gastgeber und Guide, wirkt nicht nur als Insektenschutz, sondern auch als Aphrodisiakum.

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Die Rentiere geben das Tempo vor, und zwar ein langsames. So wird das Wandern zur puren Erholung

Rasten, wenn den Tieren danach ist

Die Rentiere, zumal mit Satteltaschen beladen, lassen es ruhig angehen. Und Ihre Gelassenheit steckt an. Sickert in uns hinein. Anfangs sträube ich mich dagegen, dann beginne ich es zu genießen: Schritt um Schritt wächst der Abstand zwischen uns und dem letzten Rest der Zivilisation: einem Parkplatz, wo der VW-Bus und der Anhänger stehen, die uns und die Rentiere zum Eingang des Nationalparks gebracht haben. Der "Muddus" ist einer von vier Nationalparks, die zum Unesco-Welterbe "Laponia" gehören. Links und rechts des Weges, der in den Muddus führt, wechseln sich, passend zum Trott der Tiere, nur wenige Baumsorten ab: Birken, Kiefern, Fichten, die einen verfärbt, die anderen fedrig, die dritten dunkel und knorrig. Und zu ihren Füßen wachsen auf Moosen und Sträuchern unzählige Blau- und Preiselbeeren. Ihre millimeterkleinen Blätter schillern rot, grün und braun. Die Kulisse, der Trott, die Stille wirken wie ein großes, schwingendes Pendel auf meine Seele. Mein Gang verlangsamt, der Atem beruhigt sich, und sogar die Gedanken werden träge.

Dirk, dem die Tiere und der Hof gehören, auf dem wir uns zwei Tage an ein Leben ohne Strom und fließend Wasser gewöhnt haben, erklärt uns, wie man mit den Tieren umgeht. Zum Beispiel, dass man die Satteltaschen mit unseren Zelten und der Verpflegung auf beiden Seiten gleichzeitig befestigt, oder dass man die Tiere hinter- und nicht vor sich herführt, damit sie einen nicht unvermittelt ins Gebüsch schleifen können. Und er erläutert die recht prosaische Beziehung zwischen Mensch und Rentier: Friedliche Wesen sind es, die nie auf die Idee kämen, ihr imposantes, filzig bewachsenes Geweih gegen Menschen einzusetzen. Interesse an uns zeigen sie deshalb noch lange nicht. Nicht nur Berührung irritiere sie, auch Blickkontakt mache sie nervös, sagt Dirk, der seine Tiere selbst abgerichtet hat. Und richtig: Sirius wendet sich prompt ab, als ich ihm in die großen, braunen Augen schaue. Wir stören die Rentiere nicht unnötig, und sie lassen uns in Ruhe. So einfach ist der Deal, so überschaubar unser Verhaltenskodex: keine hektischen Bewegungen und hin und wieder sanft, aber sehr bestimmt an der Leine ziehen. Denn wenn ihnen danach ist, bleiben sie stehen, um Flechten, Pilze oder Birkenlaub zu fressen – und ihnen ist oft danach.

Trotz allem gibt es abends Rentiergulasch

Der Weg führt bergab, hinunter von dem Moränenrücken. Ein Moor tut sich auf, ein Meer aus Feuerfarben. Rot leuchtet das Sumpfgras, goldbraun das Laub von Moltebeere und Polar-Birke, einzig die kniehohen Weidengewächse sprießen noch ausdauernd grün. Nur die Hälfte des Muddus besteht aus Wald, der Rest sind Seen und Sumpflandschaften, die wir auf grob gezimmerten Bohlenwegen überqueren. Mein Blick hat Muße, die Geheimnisse der Landschaft zu erkunden, wie die hüfthohen Ameisenhaufen, die sich unter struppigen Beerengewächsen am Wegrand verbergen. Oder die schrillen, aber winzigen Muster, mit denen grüne und orangefarbene Moose die niedrigen Felsen überziehen. Gerade mal fünfzig Jahre ist es her, dass die Samen dieses Gebiet noch mit ihren Rentierherden durchstreiften. Wenn sie sich auch ihre Sprache bewahren konnten und das Recht besitzen, Rentiere zu züchten, so ist doch ihre Nomadentradition ausgestorben.

Hungrig müssen sie gewesen sein, die Männer und Frauen, die so viel im Freien unterwegs waren, und hungrig sind auch wir. Mittags holt Dirk Rauchschinken aus seinem Rucksack und eine große Tafel Schokolade. Am Nachmittag erreichen wir unser erstes Ziel: eine sauber gefegte Hütte mit je einem Plumpsklo für Damen und Herren, daneben ein Schuppen, in dem säuberlich geschichtet Feuerholz lagert. Zunächst gibt es fika, also Kaffee und Kekse, und am Abend – ja, es ist eben eine pragmatische Beziehung – kocht Dirk Rentiergulasch. Wir sitzen ums Lagerfeuer, denken an den Rotwein, den keiner mitgebracht hat, während die Flammen unsere Gesichter zum Glühen bringen und die Rücken kalt und kälter werden. Einige entscheiden sich für die Hütte. Ich will das echte Outdoor-Feeling, schließlich halten Schlafsack und Mütze auch im Zelt warm, obwohl die Temperatur bis auf den Gefrierpunkt absackt. Die Rentiere schnaufen und schnauben und käuen ihr Essen wieder. Die Müdigkeit trägt mein Bewusstsein davon. Im Einschlafen ist ganz dicht ein leises Grunzen zu hören. Ob es ein Bär war, ein Vielfraß oder nur Helmut im Zelt nebenan, werde ich nie erfahren.

Mit dem Rad an den Polarkreis

Der Morgen empfängt uns neblig, und wir folgen dem Weg an das Ufer eines birkenumsäumten Sees. Wir queren eine Holzbrücke über einen sprudelnden Fluss. Eine ganze Weile laufen wir an dessen Ufer entlang, dann wieder hinein in den Wald. Je tiefer wir in ihn vordringen, desto lebhafter setzt sich meine Fantasie in Gang. Ich sehe lauernde Krokodile, wo Baumstämme im Unterholz vermodern, halte die bemoosten Steine für Trolle und die Bartflechten an der Bäumen für Geister, die sich über die Zweige gelegt haben. Und weil die Seele Zeit braucht, ist es gut, dass wir nach der Wanderung noch zwei Tage in Solberget verbringen, wo wir ein kühles Norrlands Guld in der Sauna trinken und den Bildern der letzten Tage nachhängen.

Zum Abschied will Dirk uns zum Polarkreis fahren, der 16 Kilometer südlich von seinem Hof verläuft. Da entdecke ich beim Geräteschuppen Fahrräder. Wir überlegen nicht lange und radeln die Strecke zu dieser imaginären Linie. Eine unsichtbare Grenze, nördlich derer die Sonne im Sommer nicht unter und im Winter nicht aufgeht. Unter den breiten Reifen knirscht der Schotter und erschwert das Vorankommen. Die Lunge rackert, das Herz klopft. Nach einem langen, zähen Anstieg sausen wir wieder bergab, und die kalte Luft pfeift an unseren Ohren vorbei. Als wir schon beinahe in Solberget angelangt sind, brechen keine hundert Meter vor mir wilde Rentiere aus dem Wald, huschen über die Straße und verschwinden hinter den Bäumen. Ein kurzes Finale, für das ich mich mit einem stillen Applaus bedanke.

Anreise:

Mit der Bahn oder dem Flugzeug nach Stockholm, von dort mit dem Zug nach Nattavaara. Wer von Deutschland mit der Bahn anreist, bekommt vom Veranstalter der Rentierwanderung einen fünfprozentigen Rabatt und einen Gratis-Transfer von und nach Nattavaara. Sonst kostet der Transfer pro Strecke 110 Euro für bis zu 4 Personen. Von Stockholm aus gibt es auch eine Flugverbindung mit Nextjet nach Gällivare: www.nextjet.se

Rentierwanderung:

Die Teilnehmer brauchen eine durchschnittliche Kondition. Die Rentiere tragen Zelte, Schlafsäcke und Proviant, alles andere (max. 7 Kilo) kommt in den eigenen Rucksack. Die Reise dauert acht Tage mit vier Übernachtungen in Solberget und drei Nächten im Zelt. Informationen: Dirk Hagenbuch, Tel. 0046-970-4 01 44, www.solberget.com ; 1169 Euro inkl. Vollpension und Führung durch den Muddus-Nationalpark.

Ausflüge:

Der September ist die beste Wanderzeit. Touren bieten sich in die umliegenden Naturreservate und Nationalparks ( www.laponia.nu ) an, zum Beispiel in den nordwestlich gelegenen Padjelanta. Weitere Ausflugsziele sind das Samenmuseum in Jokkmok ( www.ajtte.com ), der Elchpark in Vittangi ( www.moosefarm.se ) und geführte Touren durch die Eisenmine in Kiruna; Tel. 0046- 980-1 88 80, www.kirunalapland.se

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