Kantabrien: Strände von Santander

Ob Sportler, Faulenzer oder Romantiker - in Kantabrien gibt es für jeden den richtigen Strand. Zwar ist der Atlantik wild und das Wetter oft launisch, doch dafür ist die Gegend längst nicht so überlaufen wie die Mittelmeerküste. Hier gibt es noch einsame Strände und genügend Wellen für alle

Die Jungs kämpften plötzlich verzweifelt gegen die Fluten an, doch die Wellen wurden höher und höher, es sah böse aus. Ohne zu zögern schwamm Cioli hinaus. Er packte den ersten und schleppte ihn an Land, mit einem Reifenschlauch für die anderen beiden stürzte er sich erneut ins aufgewühlte Meer. Das waren die ersten Badenden, die Cioli vor dem Ertrinken bewahrte, drüben am Somo-Strand, Anfang der vierziger Jahre.

Inzwischen werden es um die 200 sein, schätzt der 85-Jährige. Um seinen Hals trägt er neben der Trillerpfeife Amulette, Ringe, Edelsteine und Medaillons - Geschenke dankbarer Geretteter an den "Engel der Strände von Santander". Geld hätte Cioli niemals angenommen.

Seit damals verbringt er fast jeden Tag an der Playa de la Magdalena, der Strand wurde zu seinem zweiten Wohnzimmer. Bei Wind und Wetter schwimmt der kleine, drahtige Mann mit der Elefantenhaut hinaus. Wieder an Land, hält er mit seinem gelben Fernglas Ausschau nach Menschen in Not.

Die Küste bei Santander hat eine lange Tradition als Sommerfrische. Cioli erinnert sich noch, wie der König und die Königin regelmäßig nach Santander kamen, um hier Urlaub zu machen. Die Stadt hatte ihnen eigens einen Palast geschenkt. Eine kluge Investition – mit den reyes zog die feine Gesellschaft aus Madrid nach Kantabrien, Santander glänzte. Casino, "Hotel Real", Hippodrom, elegante Chalets, Stadtpaläste – aus Stein mit Holzbalkonen und wappengeschmückt, im englischen Stil, mit Stuck und Glasgalerien. Nur ab und an ging man züchtig bekleidet hinunter zum Strand und nahm ein baño de ola, ein Wellenbad. Für die Gesundheit. Auch später, noch in den sechziger Jahren, zu Francos Zeiten, war es lediglich Touristinnen gestattet, sich im Bikini zu sonnen (und auch das nur an einem gesonderten Strand), spanischen señoritas war der Zweiteiler verboten. Sogar Cioli musste einmal Strafe zahlen: "Weil ich kein Hemd getragen habe."

Kantabrien: Strände von Santander

Nur selten trifft man auf andere Menschen beim Strandspaziergang an der Playa de Berellín

Für jeden die perfekte Welle

Dann kamen immer mehr Touristen, vor allem Einheimische aus den Städten im Süden, immer neue Hotels wurden gebaut. Vor acht Jahren noch grasten beim Mataleñas-Strand am Leuchtturm die Kühe, erinnert sich Cioli. Jetzt stehen dort Apartmenthäuser. "Wie gut, dass wir den wilden Atlantik und das launische Wetter haben, sonst wären viele kantabrische Strände zugepflastert wie die Mittelmeerküste", bemerkt Cioli und fügt hinzu: "Obwohl – auch das Wetter ist in den letzten Jahren viel besser geworden." Besonders gefällt ihm sein Magdalena- Strand: direkt in der Stadt, die Bucht fein geschwungen und geschützt, fast ohne Wellen und nach Süden hin ausgerichtet. Und immer gibt es etwas zu schauen: die Besucher, die Inseln im Meer, die Boote. Warum sollte er seine Zeit woanders verbringen? Dies ist sein Zuhause. Andere Strände, andere Bedürfnisse. In Somo bereitet sich Ivan García Lozano gerade auf eine Surfstunde vor. Für den Anfängerkurs, den er unterrichtet, ist dieser Strand bestens geeignet, findet Ivan: breit, mit sandigem Untergrund und gutmütigen Wellen. Aber auch Könner finden ihr Glück. "An großen Tagen sind wir weiter draußen schon Sechs-Meter-Wellen geritten", erzählt er voller Stolz. "Du hast die Auswahl, es gibt nicht nur die eine Welle, um die alle konkurrieren." Kein Vergleich zu den Hochburgen in Frankreich oder im nahen Baskenland, wo sich die Surfer um die Brecher balgen.

Kantabrien: Strände von Santander

Surflehrer Santiago zeigt seinen Schülern an der Playa de Somo, wie es geht – erst mal auf dem Trockenen

Wenn Ivan nicht surft, sucht er sich ein ruhiges Plätzchen in den Dünen. Oder er fährt zum Oyambre-Strand. "Kilometerweit Sand, kein Haus, nur ursprüngliche Küste und dahinter grüne Hänge, total einsam." Ein Besuch vor Ort beweist: Er hat nicht übertrieben. Nur ein paar Spaziergänger und ein Jogger sind heute an den Oyambre-Stränden anzutreffen – das Wetter lädt allerdings auch nicht gerade zum Baden ein. Javier, dem Jogger, macht das nichts aus. "Wenn die Sonne mal nicht scheint und der Wind kräftig bläst, wirkt das Wasser noch blauer", sagt er, "der Sand weißer und feiner. Und im Hintergrund leuchten die schneebedeckten Gipfel der Picos de Europa." Für Javier kommt kein anderer Strand infrage, dies ist sein Lieblingsplatz. Höchstens fährt er mal nach Berellín, wenn er Lust hat, sich zum Faulenzen in eine kleine Bucht zurückzuziehen. So ist das in Kantabrien: Es gibt Strände für jede Stimmung und jeden Bedarf.

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