Asturien Asturien: Spaniens wilder Norden

Eine kleine Region am Atlantik, einst bewohnt von unbeugsamen Kriegern, ist bis heute stolz darauf, ganz anders zu sein als der Rest des Landes. Es gibt noch Wölfe hier und frei laufende Pferde, dichte Wälder und raue Felsenküsten. Und die Menschen? Spielen Dudelsack und trinken Apfelwein
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Nur hier ist Spanien
Heimat der Feen und Dämonen

Nur hier ist Spanien

Die Pferde grasen hoch oben am Hang. Von dort reicht der Blick weit über das saftig grüne Hügelland Asturiens. In der Ferne schmiegen sich kleine Siedlungen zwischen Wiesen und Wälder. Antón Alvarez Sevilla,der Pferdezüchter, deutet auf die verwitterten Dächer und sagt: "Da drüben stehen elf Häuser – alle leer. Da neun, aber es wohnt nur noch eine einzige Familie in dem Flecken. Da hinten, 21 Häuser, zwei Familien." Viele Menschen sind fortgezogen aus dem Bergland im Nordwesten Spaniens. Die Wölfe sind nachgerückt. Seit sie in Asturien unter Schutz stehen, durchstreifen wieder an die 300 Tiere die abgeschiedenen Regionen der Provinz. Aber nicht jeder ist glücklich darüber. Antón Alvarez zum Beispiel würde liebend gern zur Waffe greifen. Vor allem dann, wenn die Wölfe wieder einmal eines seiner Pferde gerissen haben. Aber er darf nicht – und schimpft bitter auf die Beamten der Naturschutzbehörde unten in der Provinzhauptstadt Oviedo, die sich angeblich zu sehr um die wilden Raubtiere sorgen.

Als er sich den Pferden nähert, stiebt die Herde auseinander. Ein gutes Dutzend asturcones trabt mit fliegenden Mähnen hangauf – kleine, robuste Gebirgsponys, wahrscheinlich keltischen Ursprungs; schon die alten Römer schätzten sie als zuverlässige Tragtiere. Diesmal hat Alvarez die Herde schnell gefunden. Das ist nicht immer so, meist streifen seine Pferde frei über die Hügel der asturischen Sierra de Pedroriu. Irgendwo, zwei oder drei Buckel weiter, muss noch ein zweites Dutzend grasen. Hoffentlich ist auch diese Gruppe vollzählig.

Asturien: Spaniens wilder Norden

Grüne Kuppen, steile Schluchten: Berglandschaft am Rand des Nationalparks Picos de Europa bei Benia

Wenig Menschen, viele Tiere

Nur noch eine kleine, halb wilde Population von vielleicht 800 asturcones lebt auf den Bergweiden Asturiens. Die archaische Rasse ist vom Aussterben bedroht. Doch Alvarez will seine Tiere nicht in den schützenden Stall sperren. "Besser, sie leben in Freiheit und fallen dem Wolf zum Opfer, als traurig in der Box zu stehen", sagt er mit Trotz in der Stimme und fügt hinzu: "Hier draußen kann ich jede Nacht die Wölfe heulen hören." Dann wird er sarkastisch: "Ich werde eine Hütte aufmachen und Touristen herbringen, die Wolfsgeheul für wildromantisch halten. Das wäre sicher ein prima Geschäft!" Es sollte ein Scherz sein, aber wahrscheinlich wäre eine Lodge für Naturfreunde wirklich eine glänzende Idee. Jedenfalls würde sie gut in diese Gegend passen, die ihre Ursprünglichkeit nie verloren hat.

Asturien, hingestreckt an Spaniens nördlicher Küste, blieb vom Tourismus lange unberührt. Hier tost der Atlantik wild an die Küste, hier ragen die Berge schroff in den Himmel, hier mussten die Menschen stets um ihre karge Existenz ringen. Die Wölfe wie auch die wilden Pferde sind Überlebende einer vergangenen Epoche. Heute gibt es zwar weniger frei lebende Tiere, weniger Fischer, weniger Bauern. Aber die Landschaft ist geblieben, was sie immer schon war: eine großartige und dramatische Kulisse von leuchtendem Grün, mit kurzen Wegen zwischen versteckten Stränden und den Gipfeln der Zweieinhalbtausender.

Asturien: Spaniens wilder Norden

Sicherer Hafen für Fischer und Besucher: Luarca gilt als "das weiße Dorf an der grünen Küste"

Nur hier ist Spanien

Asturien hat wenig vom klassischen Spanienklischee. Es gibt keine glühenden Ebenen, keine weißen Dörfer, keine schimmernden Olivenhaine und schon gar keinen Flamenco. Statt zur Gitarre wird traditionell zur gaita, zum Dudelsack, gegriffen, statt Rot- wird Apfelwein getrunken, der hier sidra heißt. Und doch ist dies spanisches Kernland. Stolz sagen die Asturier: "Nur hier ist Spanien – der Rest ist zurückerobertes Gebiet!" Das stimmt: Als die Mauren aus Nordafrika im achten Jahrhundert nach Norden drangen, kam die Eroberungswelle erst in Asturien zum Stehen; der westgotische Fürst Don Pelayo schlug die Muslime im Jahr 722 vernichtend – mit einem Trupp von nur 300 Mann, sagt die Legende. An diese Schlacht erinnert noch heute eine populäre Wallfahrtstätte in Covadonga.

Sie birgt, spektakulär im Fels errichtet, Pelayos Grab und eine Statue der legendären Virgen de las Batallas. Mit himmlischer Hilfe, so die Überlieferung, habe diese "Jungfrau der Schlachten" die Pfeile der Mauren abgelenkt und gegen diese selbst gesandt.

Heimat der Feen und Dämonen

Auch jenseits christlicher Wunder ist das Land reich an Fabeln und Legenden. In einem Kompendium mit dem Titel Mitología Asturiana hat Alberto Alvarez Peña den ganzen Reigen aus schönen Feen, hinterlistigen Gnomen, Wolfsmenschen und Schlangendämonen für die Nachwelt erhalten. "Nicht das Christentum hat den Volksglauben ausgelöscht", sagt der Bergführer und Volkskundler aus Asturiens größter Stadt Gijón. "Die alten Mythen verschwinden erst jetzt, mit dem Niedergang des traditionellen Landlebens."

Peña steht an der Theke der Apfelweinschänke "La Galana" in Gijón, der Kellner stürzt in hohem Bogen einen Schluck sidra ins Glas. Der wird zügig gekippt, so will es der Brauch, damit der gegorene Most immer noch leicht in Wallung ist, wenn er den Hals hinunterrinnt. "Früher sind die Legenden abends am Feuer von einer Generation an die nächste weitergegeben worden", sagt Peña, während er darauf wartet, dass der nächste Schluck nachgeschenkt wird. "Aber diese Kultur existiert nicht mehr." Deshalb zieht er seit zehn Jahren von Dorf zu Dorf und sammelt Geschichten über die alten Geister, die Fee Xana oder den Kobold Trasgu. Schulen und regionale Radiosender laden ihn ein, sein Wissen weiterzugeben. Er ist optimistisch: "Es gibt ein neues Interesse an den Geschichten der Heimat."

Asturien: Spaniens wilder Norden

Pilgerstätte: das Grab des Don Pelayo, der im Jahre 722 sein Land bei Covadonga vor den Mauren rettete

Respekt vor den ozeanischen Gewalten

Gijón, mit 270 000 Einwohnern die größte Stadt Asturiens, lebt vom Hafen und von der Industrie. In der Altstadt wird der Apfelwein unter freiem Himmel genossen. An lauen Abenden kaufen die Kneipengäste ihn flaschenweise, draußen auf den verkehrsberuhigten Plätzen üben sie das traditionelle Eingießen aus großer Höhe, so weit die Arme reichen. Die Arbeit am langen, treffsicheren Strahl ist Volkssport.

Gijóns Altstadt liegt auf einer pilzförmigen Halbinsel vor dem eigentlichen Stadtzentrum, zwischen Yachthafen und Sandstrand. Zum Atlantik führt der Weg über eine grüne Wiese, an überwucherten Festungsanlagen vorbei, hin zu einem beeindruckenden Kunstwerk. "Elogio del Horizonte" heißt die riesige Betonskulpur von Eduardo Chillida, Lob des Horizonts. Als der berühmte baskische Bildhauer sie 1990 an die Steilküste stellte, gab es Unmut wegen der Kosten; Spötter prägten den Namen "King Kongs Klo". Mittlerweile ist das abstrakte Werk zum gefeierten Wahrzeichen der Stadt geworden. Man muss es allerdings betreten, dann erst offenbart sich sein wahrer Zauber: Im Halbrund der Form fängt sich das Tosen der Brandung, plötzlich klingt sie unheimlich nah. Während der Blick in die Ferne schweift, vibriert der Ozean im Körper. Ein erhabener Moment.

Gut 60 Kilometer Richtung Osten, zwischen den Hafenstädtchen Ribadesella und Llanes, inszeniert der Atlantik sein eigenes dramatisches Hörspiel: Die Bufones de Pría sind brunnendeckelgroße Löcher in der Steilküste. Das Salzwasser hat sie in den Kalkstein gegraben, vom Plateau reichen sie wohl 30 Meter bis zum Meeresspiegel hinab. Wenn die Wellen mit Gewalt gegen die Küste donnern, schießt das Wasser in die Kanäle und manchmal oben wieder heraus. Ein infernalisches Tosen ertönt in den Spalten. Stieße man das Tor zur Hölle auf, es müsste wohl ähnlich klingen. Asturiens Atlantikküste ist rau und zerklüftet, steinerne Nasen und Steilhänge umgeben die Strände, als seien die dem Meer mühsam abgetrotzt worden. Auch wenn ausgelassener Badebetrieb heute zum asturischen Sommer gehört – der Respekt vor den ozeanischen Gewalten ist dieser Landschaft und ihren Bewohnern wie eingeschrieben.

Langusten aus dem Meer und Käse aus den Bergen

Spürbar wird das vor allem in kleinen Fischerdörfern wie Cudillero oder Tazones, wo sich wuchtige Molen wie Festungswälle über die kleinen Boote erheben. Noch immer fahren die Fischer frühmorgens hinaus. Die Zeiten allerdings, in denen sie nahe der Küste Wale jagten, sind lange vorbei. Jetzt fischen sie vor allem nach Meeresfrüchten: Langusten, Tintenfischen und Seespinnen. Oder sie klauben in lebensgefährlicher Arbeit Entenmuscheln von den brandungsumtosten Klippen; als percebes stehen sie dann auf der Abendkarte teurer Restaurants.

Das klassische Gericht der Region aber kommt ohne Meerestiere aus: Die fabada asturiana ist ein Bohnentopf mit einem Stück Schinken und fetten Würsten. Die Essenz der Landküche. Ein Mahl für Bauern, deren Bergwiesen zwar nahe der Küste lagen, die aber nie ans Meer gingen. Schon weil sie die Idee "Urlaub" nicht kannten. Nun verändern die Feriengäste den Blick der Einheimischen. "Früher hatten wir ja gar keine Ahnung, wie schön Asturien ist", sagt Nancy Alonso. "Da haben uns erst die Touristen drauf gebracht." Die Arbeiterin, eine Frau von mitreißender Energie, steht in weißem Kittel und Gummistiefeln vor einer kleinen Käserei im Bergdorf Berodia und wartet darauf, dass die Milch stockt. Das Dorf riecht nach Tier, von ferne klötern Kuhglocken, in den Höfen gackern die Hühner. Zwei Bauern, die sich auf der Straße begegnen, grüßen einander mit knappen Worten. "Wird regnen heute", brummt der eine, "sieht so aus", erwidert der andere, dann gehen sie schweigend ihrer Wege. Nancy Alonso ist bei María Eugenia de Pedro angestellt, die mit ihrer Investition in die hauseigene Käserei als erste im Dorf den Schritt in die Zukunft wagte. 40 000 Kilo schafft sie im Jahr, drei verschiedene Sorten stellt sie her, darunter den auch überregional bekannten Schimmelkäse cabrales. Absatzschwierigkeiten kennt sie nicht. Viele Asturien-Urlauber kaufen Käse als Souvenir, nirgendwo sonst in Spanien gibt es eine solche Vielfalt davon.

Der Lieblingskäse der Chefin wird von einem Bauern aus Bulnes gemacht. Der zieht mit seinen Ziegen jeden Sommer hinauf zu den höchsten Weiden, direkt unter die Gipfel der Picos de Europa. Das Gras und die Kräuter dort oben, sagt María Eugenia de Pedro, geben dem Käse seine spezielle Würze. Erst nach zweieinhalb Monaten kommt der Bauer wieder herunter in sein Dorf, das abseits der Straßen liegt und nur zu Fuß auf einem Weg durch die Felsen oder per Zahnradbahn zu erreichen ist. Bulnes ist ein idyllischer Flecken, von Bergen eingefriedet, isoliert. Ein Dutzend Bewohner sind dem Ort geblieben, die meisten Häuser aber dämmern in malerischem Verfall vor sich hin. Auch die kleine Kapelle hat bessere Tage gesehen.

Asturien: Spaniens wilder Norden

Aus den Tiefen des Atlantiks: Stolz präsentiert der Fischer in Tazones eine prächtige Languste

Großstädter entfliehen hier dem Alltag

Die Landflucht wird in Asturien sicher noch andauern. Aber schon gibt es den Trend in Gegenrichtung – die Stadtflüchtlinge. Immer mehr Besucher aus Madrid oder Barcelona kommen für ein Wochenende oder länger, manche siedeln sich an. Sie durchwandern die atemberaubende Schlucht des Río Cares, posieren vor den Bergseen oberhalb von Covadonga für ein Erinnerungsfoto oder erreichen längst überwucherte Dörfer wie Vallemoro jenseits der Täler von Ponga. Und im lauschigen Weiler Os Teixóis im äußersten Westzipfel Asturiens erfahren sie, wie die Menschen einst von der Wasserkraft eines kleinen Bergbaches lebten. Die Schmiede, die Getreidemühle, die Schleiferei, die Walkmühle – all das wird nun, nachdem die ehemaligen Bewohner lange fort sind, als museale Sehenswürdigkeit vorgeführt. Zwischen grasenden Schafen, unter flirrendem Laub und am gurgelnden Bach treten die alte und die neue Zeit friedlich zusammen. Und wer weiß, vielleicht wird eines Tages auch der Pferdezüchter Antón Alvarez seinen Hass auf die Wölfe begraben und von zahlenden Gästen leben, die beim nächtlichen Geheul wohlig erschauern.

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