Kulturhauptstadt 2016 Breslau - Kein Aber an der Oder

Zwischen Prachtbauten der Renaissance und des Barocks wurde bereits Polens modernster Konzertsaal eröffnet. Und auch die Promenade an der Oder hat sich hübsch gemacht
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Vom kulturellen Erbe, das die Deutschen in Breslau hinterließen, erzählt vor allem der zentrale Platz Rynek

Einstimmen und Ansehen

Wie der Resonanzkörper eines riesigen Streichinstruments mutet das wuchtige neue Nationale Forum der Musik mit seiner rötlichbraun vertäfelten Holzfassade an (Plac Wolności 1, www.nfm.wroclaw.pl). Der im September eröffnete modernste Konzertsaal Polens ist das sichtbarste Zeichen des bevorstehenden Kulturhauptstadtjahres. Zwölf polnische Städte hatten um den Titel konkurriert. Breslau – auf Polnisch Wrocław – gewann, weil es eine Stadt ist, die eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen hat, wie es in der Bewerbung hieß. Denn unter den an dramatischen Schicksalen nicht eben armen polnischen Städten ragt die Hauptstadt Niederschlesiens (www.wroclaw.pl) noch einmal besonders hervor. Einst die drittgrößte Stadt Deutschlands, wurde ihre Einwohnerschaft infolge des Zweiten Weltkriegs komplett ausgetauscht: Die vertriebenen Deutschen wurden durch gleichfalls vertriebene Polen ersetzt, vor allem aus dem Osten des Landes. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die neuen Bewohner das Fremdeln ablegten – und die Furcht, die Deutschen könnten doch noch eines Tages zurückkehren. Erst durch den Kampf gegen die Oderflut 1997, so das gängige Gefühl, haben die Wrocławer begonnen, sich mit der Stadt zu identifizieren – auch mit dem reichen kulturellen Erbe der Deutschen.

Von ihm erzählt der Prachtplatz der Stadt, der Rynek mit seinem filigran verzierten gotischen Rathaus (Ratusz) und den Patrizierhäusern aus Renaissance und Barock, deren Fassaden in freundlichstem Pastell gestrichen sind, von Pfirsich bis Pistazie. Nur der seltsam verkleidete, wie maskiert anmutende Turm der Elisabethkirche überragt das Idyll mit einer eher düsteren Präsenz (Świętego Mikołaja). Zu seinen Füßen geht es märchenhaft zu: "Hänsel und Gretel" werden zwei schmale, durch einen Bogen verbundene Barock-Häuschen genannt. Vor ihrer Tür findet sich der (für Menschen verschlossene) Eingang zum Reich der Krasnoludki: kleiner Bronzezwerge (li.), die markante Orte der Stadt bevölkern. Mehr als dreihundert Stück gibt es mittlerweile – und ihre Geschichte führt geradewegs in die jüngere Historie: In den Achtzigerjahren tauchten an vielen Wänden rätselhafte Zwergen-Graffiti auf – immer an Stellen, an denen die Stadt Solidarność-Parolen hatte überpinseln lassen. Sie waren Teil von Aktionen der dadaistisch-absurden Widerstandsgruppe "Orange Alternative", die mit ihren humorvollen Interventionen die Staatsmacht ein ums andere Mal düpierte. Die Bronzeversion der Wichtel hat sich mittlerweile zum Symbol des kreativen Breslaus gemausert. Nur ein paar Minuten entfernt befindet sich in einem damaligen Treffpunkt der "Orangen Alternative" das offizielle Kulturhauptstadt-Infozentrum: die Bar Barbara, von außen zu erkennen an den bunt behäkelten Pfeilern, von innen an der ebenso farben- wie formfrohen Stuhl-Sammlung, perfekt zum Verweilen und Nachdenken über das Herumsitzen (Kazimierza Wielkigo/Świdnicka, Programm unter www.wroclaw2016.pl).

Wer solche Orte, nur mit etwas weniger offiziellem Anstrich, liebt, spaziert ein paar Minuten weiter zum Art Café Kalambur, das eine glorreiche Historie als Theater- und Performance-Bar aufweist. Heute können Besucher tagsüber im Nachkriegs-Art-déco-Interieur bei dezentem Gypsy Swing oder Live-Pianomusik Tee trinken, während abends DJs das Etablissement in einen wilden Studentenclub verwandeln. Der Ort ist nicht zu verfehlen: Ein riesiges Bronze- Krokodil rekelt sich vor dem Eingang (Kuzniecza 29 a, www.kalambur.org). Wer Ruhe sucht, geht weiter zum Oderufer mit seiner neu gestalteten Promenade. Ein kurzer Abstecher in die Markthalle von 1908 lohnt sich – wegen des bunten Warenangebots und der für damalige Verhältnisse revolutionären Konstruktion aus Stahlbeton, wie sie später auch in der Jahrhunderthalle Furore machte (Hala Torgowa, Piaskowa 17). Vom gegenüberliegenden Ufer grüßen die schlanken, spitzen Doppeltürme der Kathedrale St. Johannes der Täufer und der Turm der Heiligkreuzkirche. Sie liegen auf den Oderinseln, zu denen zwei uralte, rot und blau lackierte Eisenbrücken führen. Nach der quirligen Innenstadt ist die klösterliche Ruhe auf den Kircheninseln ein Segen, besonders, wenn die Backsteinfassaden in der untergehenden Sonne glühen. Vom Anleger der Sandinsel aus fährt jede halbe Stunde ein Boot (www.statekpasazerski.pl) zu einem der spannendsten Baudenkmäler der Stadt: der Jahrhunderthalle. Die multifunktionale "Hala Stulecia" des Stadtarchitekten Max Berg trägt ihren Namen zu Recht: Auch 102 Jahre nach der Eröffnung wirkt ihre gigantische, schmucklose Kuppel aus Stahlbetonbögen noch immer futuristisch (ul. Wystawowa 1, www.halastulecia.pl). Das ausgezeichnete interaktive "Entdeckungszentrum" (www.centrumpoznawcze.pl) erzählt die Baugeschichte des Weltkulturerbes, zu dem auch der frisch renovierte Vier-Kuppel-Pavillon gehört, im Hauptstadtjahr ein Ausstellungshaus für moderne Kunst.

Essen und Trinken

Das Toleranzviertel rund um die nach einem Wirtshaus benannte Synagoge zum weißen Storch (Pawła Włodkowica 7), rühmt sich nicht nur seiner christlich-jüdischen Geschichte, sondern immer mehr auch seiner multikulturellen Gastronomie. Das Restaurant Steinhaus etwa bietet Klassiker der (ost-) polnischen, schlesischen und jüdischen Küche in moderner (also etwas weniger fettbetonter) Ausführung (Pawła Włodkowica 11, www.steinhaus.pl). Nachmittags kann man sich in Cafés wie dem spärlich von Kerzen beleuchteten Mleczarnia (PawłaWłodkowica 5, www.mle.pl) bei köstlichem Käsekuchen entspannen, abends brodelt in den Hinterhöfen des Viertels das neue Club-Leben. Wie zwiespältig sich die deutsch-polnische Vergangenheit selbst ins Nachtleben mischt, zeigt sich ein paar Gehminuten entfernt, wo sich ausgerechnet in der "Straße der Opfer von Auschwitz" eine Reihe fröhlicher Kneipen etabliert hat, zum Beispiel die Craft-Beer-Bar Kontynuacja (Ofiar Oświęcimskich 17).

Schlafen

Nostalgisch und künstlerisch-verspielt ist die Einrichtung im Art Hotel, das nur wenige Meter vom Rynek an der Elisabeth-Kirche liegt (Kiełbaśnicza 20, www.arthotel.pl, DZ ab 50 €). Außen üppiger Neobarock, innen mondäner Marmor, die Zimmer dagegen angenehm schlicht: Das geschichtsträchtige Hotel Monopol von 1892 ist ohne Zweifel das erste Haus am Platz. Auch Nichtgästen bietet sich von der Dachterrassenbar ein grandioser Blick auf die Oper und die Altstadtdächer (Heleny Modrzejewskiej 2, www.monopolwroclaw.hotel.com.pl, DZ ab 120 €).

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