Deutschland neu entdecken Ostwestfalen-Lippe: Geheimnis im Grünen

Stolz und stur: Das unaufgeregte Land rund um den Teutoburger Wald und Städtchen wie Detmold paart kulturellen Wagemut mit Bodenständigkeit. Unsere Autorin, dort aufgewachsen, lernte es erst jetzt richtig kennen
Ostwestfalen-Lippe: Geheimnis im Grünen

Der Exterstein-Dino im teutoburger Wald liegt formvollendet an der Wiebecke. Augen und Ausguck schlugen Menschen in den Sandstein

Spätestens um zehn hat dieser Tag ein Trinkgeld verdient: der Himmel poliert, der Liebste da und unser Wanderweg schlicht wunderbar. Seit dem frühen Morgen schon marschieren wir mit dem Naturführer Wolfgang Peters auf dem Hermannsweg quer durch den Teutoburger Wald. Es ist ein hellblauer Frühsommertag, die Luft riecht frisch, auf Gräsern und Bäumen liegt noch der Morgentau. Es geht vorbei an den sagenhaften Externsteinen, die aussehen, als hätte sich ein ungeschicktes Riesenbaby im Turmbau probiert. Wir passieren Buchen- und Tannenwälder. Auf einer Anhöhe verengen Heidelbeer-Teppiche den Pfad; ich pflücke mir die Finger blau darin. "Schön hier, was?", fragt Wolfgang Peters, regionaltypisch knapp. Ich schweige. Schwelge. Schlucke schlechtes Gewissen hinunter … Für solche Anblicke bin ich schon um die halbe Welt geflogen. Zweiundreißigeinhalb Jahre vergingen, ehe ich meine Heimat Ostwestfalen-Lippe kennenlernte – dabei hatte ich weit mehr als die Hälfte meines Lebens dort verbracht. Nach der Schule wollte ich nur noch weg: Raus aus dieser bäuerlichen Provinz, die zwar mitten in Deutschland liegt und doch ab vom Schuss. Raus aus meinem 500-Seelen-Dorf mit dreistelligen Telefonnummern, Misthaufen und Schützenfest. Es mag am angeborenen Fluchtinstinkt liegen, den man den Ostwestfalen nachsagt. In der Region heißt es, ich komme hier "weg", nicht "her".

Irgendwann las ich ungläubig in der Zeit, Deutschlands wagemutigstes Literaturfestival "Wege durch das Land" finde in Ostwestfalen-Lippe statt. Bald darauf reisten Hamburger Bekannte zum Wandern dorthin, erzählten von wunderschönen Landschaften entlang eines "Top Trails". Meine Heimat kam mir immer mehr wie ein unbekanntes Stückchen Erde vor. Die Region Ostwestfalen-Lippe ist nicht historisch gewachsen, vielmehr eine Erfindung der Verwaltung kurz nach dem Krieg. Eine Zwangsverheiratung der Stadt Bielefeld und sechs sehr stolzer, auch sturer Landkreise zwischen Gütersloh, Paderborn und Detmold, die bis heute lieber Eigenheiten als Gemeinsamkeiten feiern. Im Rest des Landes kennt man Ostwestfalen-Lippe, wenn überhaupt, abgekürzt: als OWL. Was dem Tourismusbeauftragten gar nicht gefällt: "Schreiben Sie lieber vom Teutoburger Wald. OWL klingt so nach Krankenkasse oder Busunternehmen …"

Oder nach einem eigenwilligen, unentdeckten Zwischenland. Wirtschaftsleuten ist die Gegend längst ein Begriff. Es gibt hier viel erfolgreichen Mittelstand. In stillen Städtchen namens Herford, Harsewinkel, Bielefeld oder Gütersloh sind sogar Weltmarken groß geworden: Dr. Oetker, Melitta, Miele, Bertelsmann. Dieses kleine Ostwestfalen-Lippe trägt zum deutschen Bruttoinlandsprodukt fast so viel bei wie Bremen und Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Tourismusverbände können bislang nicht mit solchen Erfolgen aufwarten – wohl weil die Landschaft nicht strotzt. Weit versprengt liegen die Dörfer, die sich Bruchsteinkirchen, Blumengärten und Bauernhöfe samt geschnitzter Deelentore bewahrt haben; meist schließt sich mittlerweile ein nüchterner Schweinestall an. Es gibt viel wilden Wald und wellige Flure, die wie Flickenteppiche an die Ortschaften ragen: gelbe Getreide-, lila Rotkohlfelder, Wiesen mit Kühen drauf und Kopfweiden, die Punkfrisuren tragen. Es ist eine unaufgeregte, ja unspektakuläre Landschaft.

Ostwestfalen-Lippe: Geheimnis im Grünen

Das Baumhaus auf dem Nieheimer Kunstpfad ist eins der Bauwerke des internationalen Kunstprojekts. Alle Objekte sind ortsbezogen und sollen die Natur so wenig wie möglich verändern

Brigitte Labs-Ehlert beschreibt die Landschaft lieber als "unscheinbar reich". Die Leiterin des Literaturfestivals "Wege durch das Land" ist eine schöne, schmale Frau in Schwarz, wie ich sie in Hamburger Museen erwarte und nicht unbedingt in einem alten Schafstall. In dem schmucklosen Bruchsteingebäude, in dem Mönche der Benediktiner-Abtei Marienmünster einst ihre Tiere hielten, hat die 62-Jährige lange Stuhlreihen stellen lassen. Die Übersetzer-Kabine: funktioniert. Die Programmhefte sind verteilt. Zwei junge Stararchitekten aus Finnland werden gleich erzählen, warum die Natur der beste Baumeister ist. Die beiden Herren sind bereits eingetroffen. Die Cellistin, gebucht für den zweiten Teil des Vormittags, sucht noch. Navigationssysteme tragen im Kreis Höxter, dem am dünnsten besiedelten Kreis Nordrhein- Westfalens, zur Entschleunigung bei.

Brigitte Labs-Ehlert kam vor fast 25 Jahren erstmals nach Ostwestfalen, ein lange aufgeschobener Verwandtenbesuch. Drei Stunden hatte sie für die Strecke ab Frankfurt am Main einplant. Sie brauchte viel länger. Sie schlich über die gewundenen Wege. Immer wieder hielt sie am Straßenrand, genoss den Blick über die Weizenfelder, auf das hügelige Land, die vielen Abteien, Klöster, Burgen und Schlösser. Eine tiefe Sommersonne ließ das Land funkeln. "Verzeihen Sie das Pathos", sagt die Festivalleiterin: "Aber ich spürte sofort: Dies war der Ort, nach dem ich gesucht hatte." Einige Zeit schon hatten sie und ihr Mann davon geträumt, ein eigenes Kulturfest auf die Beine zu stellen, "irgendwo abseits der Stadt, wo alles gleich Event sein muss".

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Das Barockschloss Corvey ist UNESCO Welterbe und eine Austragungsstätte beim Literaturfestival "Wege durch das Land"

Wenig später lernte sie die Besitzer und Erben der Herrschaftshäuser kennen, die gern ihre Türen und Gärten öffneten. Darunter Schloss Corvey in Höxter – der barocke Bau mit 600 Zimmern und überquellender Bibliothek war vor kurzem Unesco-Weltkulturerbe geworden. So entstand das Literatur- und Musikfest "Wege durch das Land", das nun seit 17 Jahren jeden Sommer gefeiert wird.

Klaus Maria Brandauer las im Stadttheater Gütersloh aus den Werken von Dietrich Bonhoeffer, Autor und Rennsport-Freund Clemens Meyer rezitierte auf dem Gestüt Ebbesloh seine Texte. Martina Gedeck und Ulrich Noethen gaben auf Gut Böckel, das schon der Dichter Rainer Maria Rilke liebte, dessen Lieblingsdichter Tolstoi zum Besten.

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Das "Glass Cube" der Glasfirma Leonardo ist ein leuchtendes Beispiel für westfälischen Ideenmut

Bekannte Künstler kommen mittlerweile gern und gerne wieder, weil es bei diesem Literaturfest um die Kunst geht und nichts sonst. Sämtliche Spielorte sind nie nur Kulisse, sie haben eine Verbindung zum Autor, zum Geschriebenen. In den langen Pausen werden Brote und Bier gereicht, kein Champagner. Brigitte Labs-Ehlert stößt Neuübersetzungen an oder gräbt so lange in Archiven, bis sie auf einen überraschenden Text stößt. "Wissen Sie", sagt die Festivalleiterin, "diese Region biedert sich nicht an. Sie zeigt ihren Reichtum erst, wenn man genau hinschaut."

GEO SAISON Nr. 06/2016 - Frühlingstrips in Europa

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