Reiseexperiment Reiseexperiment: Natürlich Manchester

Mit 150 Euro in der Tasche reiste Lea Wrobel, GEO.de-Mitarbeiterin, nach Manchester und in den Peak-District-Nationalpark. Sie erlebte ein aufregendes Wochenende zwischen Industrie und Schafherden
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Spartipps für England

Jetzt sitze ich hier, außer Atem, mit dem Rücken an einer Steinmauer. Ich konnte ihnen gerade noch entkommen. Meine Verfolger, fünfzig Schafe, lauern hinter mir, grüne Hügel und steile Felshänge erstrecken sich vor mir. Dass ich vor 24 Stunden noch in Hamburg war, kann ich kaum glauben.

Ein Reise-Experiment: Ich soll mit nur 150 Euro in der Tasche raus aus dem Land, möglichst weit weg und ein Wochenende mal etwas ganz anderes erleben. Schon früh beschloss ich, zu fliegen, und das am besten übers Wasser. Die beste Möglichkeit, schnell so weit wie möglich weg zu kommen. Ich wollte ja keine wertvolle Zeit verlieren. Ich fand einen passenden Flug - nach England, Manchester.

Ein einfacher Städtetrip nach Manchester war mir aber doch zu öde. Wenn ich schon ein Angebot einer Billig-Airline nutze und mein schlechtes Gewissen aushalten muss, will ich mehr! Ich will raus aus der Stadt und rein in die Natur. Der Plan ist geschmiedet: Nach einer Nacht in Manchester werde ich mich in den Peak-District-Nationalpark aufmachen, der sich vor den Toren der Stadt erstreckt.

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Ein Ausblick über den Peak-District-Nationalpark in der Nähe von Hathersage

Schon im Flugzeug bestärkt mich mein Sitznachbar, ein deutscher Wahl-Engländer, in meiner Entscheidung. "In Deutschland sind die Peaks, wie die Insider den Nationalpark liebevoll nennen, leider kaum bekannt, obwohl man echt gut hinkommt." Er selbst ist Paraglider und schwärmt von den Flugbedingungen und der wunderschönen englischen Landschaft. "Ich habe ein paar Freunde, die hat’s jetzt auch erwischt, die kommen immer wieder her – zum Fliegen und Klettern." Kurz vor der Landung wirft er einen prüfenden Blick aus dem Fenster neben mir. "Schade, dieses Wochenende wird’s wohl nichts." Die Wolken sähen nach zu starkem Wind aus.

Altindustrielle Romantik und schicke Bars

In Manchester sprinte ich vom Gate zum Zug. Die Fahrkarte habe ich im Voraus online gekauft. So ist es viel günstiger und ich benötige bloß meine Bankkarte und eine Pin, um das Ticket am Automaten abzuholen. Schon auf der 15-minütigen Fahrt in die Innenstadt wird es richtig englisch. Durch das Zugfenster sehe ich die ersten Schafweiden, unendliche Ketten von Backstein-Reihenhäusern und tief hängende, graue Wolken.

Zum Glück habe ich einen Bekannten, dazu überreden können, mir eine schnelle Abendtour durch seine Stadt zu geben. Er ist ein waschechter Mancunian, wie die Einwohner Manchesters genannt werden. Laut Alex erwartet mich "die beste Bar- und Clubszene Englands", ich bin gespannt. Bisher verbinde ich mit Manchester Industrie und Fußball. Aber es kommt ganz anders.

Die altindustrielle Romantik verfolgt mich zwar auf unserem Spaziergang durch die Stadt, aber vor allem sehe ich an jeder Ecke Skulpturen, urbane Kunst und unglaublich trendige Bars. Nach einem Gang durch die Innenstadt führt mich Alex in Richtung Northern Quarter: "Das In-Viertel schlechthin, da müssen wir einfach hin."

Ich bin begeistert. Das Northern Quarter hält Alex’ Versprechungen stand. Mit einem Cider in der Hand grinst er mich stolz an. Seine Stadt hat zumindest in den wenigen Stunden, die ich in ihr weilte, überzeugt.

Trotzdem mache ich mich am nächsten Morgen nach Tee und Toast auf in den Nationalpark.

Die Flucht auf den Berg

Eine Stunde Zug- und Busfahrt später stehe ich Mitten im Nirgendwo. Millers Dale ist ein verschlafenes Nest und liegt in der Nähe von Buxton, das gut mit dem Zug zu erreichen ist. Irgendwo hier soll meine Jugendherberge sein. Ich gehe eine lange Allee entlang, an deren Ende mich ein altenglisches Herrenhaus erwartet. Von außen sieht es bezaubernd aus: Säulen, prächtige bunte Fenster und ein riesiger Garten. Das muss es sein.

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Die Jugendherberge Ravenstor liegt nahe der Ortschaft Millers Dale und bietet einen fantastischen Ausblick über das Wye-Flusstal

Trotz vieler offener Kamine im Inneren ist der Zauber schnell verflogen. Das altenglische Flair weicht modernem Neon-Ambiente. Jedes Zimmer ist in einem anderen grellen Farbton gestrichen, meine acht Quadratmeter sind pink. Am Empfang bekomme ich Tipps zu Wandertouren und Kletterwänden. Ich blättere durch einige Kartensammlungen und entscheide, dass der höchste sichtbare Punkt der Umgebung mein erstes Tagesziel sein soll. Teile meines Weges liegen auf dem bekannten Monsal Trail, einer alten Bahnlinie.

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Unzählige Schafherden sind im Peak-District-Nationalpark beheimatet

Der Aufstieg ist steiler als erwartet. Einige Meter vor dem Gipfel beschleunige ich unfreiwillig mein Tempo. Eine vorerst weit verstreute Schafsherde sammelt sich und rennt auf mich zu. Einen Schulterblick später haste ich über Wiese und Geröll. Gerade noch schaffe ich den Sprung über eine Steinmauer und lasse mich auf den nächsten Hügel fallen. In der Ferne bauen sich dunkle Wolken auf, und ich danke im Stillen einem Freund, der mir vor meinem Ausflug die drei wichtigsten Tipps für einen Ausflug in die Peaks verriet: 1. Immer einen Regenschirm mitnehmen! 2. Keine Angst vor Schafen! 3. Nicht den vorgegebenen Wegen folgen!

Noch ein paar Schritte weiter erreiche ich den Gipfel. An diesem Tag fühle ich mich wie in einer anderen Welt. Zu allen Seiten erstreckt sich die englische Landschaft - steile Felshänge und grüne Wiesen bis zum Horizont. Ich genieße die Aussicht. Ganz klein kann ich unter mir die Jugendherberge erkennen, mitten im Grün der Felder und Hügel.

Am Abend sitze ich auf meinem Doppelstockbett. Trotz Klassenfahrt-Atmosphäre bin ich glücklich. Ich habe das Gefühl, schon tagelang unterwegs zu sein und meine Flucht vor einer englischen Schafherde werde ich nie vergessen. Das allein ist schon 150 Euro wert.

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Übernachten in den Peaks: Im Nationalpark befinden sich

Jugendherbergen, in denen man sehr kostengünstig übernachten kann. Viele liegen mitten in der Natur und ermöglichen einen direkten Einstieg in Wanderwege oder Fahrradrouten. Empfehlenswert sind auch die unzähligen Bed & Breakfast-Pensionen, die sich überraschender Weise oft in einer ähnlichen Preisklasse befinden. Eine Übernachtung für etwa 20 Euro ist keine Seltenheit.

Bahn- und Busfahrten: Im Vergleich zu Deutschland sind Bahn- und Busfahrten in England sehr günstig. Wenn man früh genug bucht, kann man sogar richtige Schnäppchen erstehen. Am besten kauft man die Tickets online und holt sie vor Ort mit der genutzten Bankkarte und einer Pin ab: www.eastmidlandstrains.co.uk In Manchester sind die Busfahrten im Innenstadtbereich sogar ganz umsonst. Einfach nach den Bussen mit dem Aufdruck "Free Bus" Ausschau halten.

Fahrrad- und Klettertouren: Im Normalfall haben die Übernachtungsstätten und Touristinformationen ausführliche Hinweise zu Touren, Wanderrouten oder Ausleihservicen parat. Eine Zusammenfassung findet man online auf: www.thepeakdistrict.info

Essen und Trinken: Der Pub ist für den Engländer sein Ein und Elles. Ein regionaler Cider und ein Ale dürfen auf einer England-Reise nicht fehlen. Jedes Dorf hat mindestens einen Pub, am besten befragen sie den Wirt und bestellen auch gleich noch etwas vom Menü. Wie wäre es mit Steak & Kidney Pie mit Pommes oder traditionellen Sausage and Mash?

Hinkommen – Flug: Manchester hat einen internationalen Flughafen. Von Deutschland aus kann man Angebote verschiedener Airlines nutzen.

Eine Alternative ist der weniger bekannte East Midlands Airport. Direkten Transfer findet man auf: www.nationalrail.co.uk und www.nationalexpress.co.uk

Die besten Ausflugsorte: Von Manchester kommt man mit dem Zug schnell nach Buxton, das sich als Basis anbietet. Von Buxton aus durchfahren verschiedene Busse den Nationalpark, so kommt man auch in entlegenere Gebiete. Der Bus 65 fährt beispielsweise von Buxton über Millers Dale, Castleton und Hathersage nach Sheffield. Unter Kletterern und Wanderern ist die Stanage Edge, eine zerklüftete Schichtstufe, die sich kilometerweit durch die Landschaft zieht, beliebt.

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