Garmisch-Partenkirchen Brettspiele im Zugspitzland

Mit dem selbst gebauten Snowboard auf die Piste - das ist das Ziel eines Wochenend-Workshops im bayrischen Farchant. Redakteurin Julia Großmann hat sich unter die Snowboard-Bauer und auf die Piste begeben
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Mit Blick auf das idyllische Garmisch-Partenkirchen soll es am Ende mit dem selbstgebauten Snowboard bergab gehen, ob das gelingt?

Von einer Staubdecke überzogen, liegt mein Werkzeugset im Hamburger Wohnzimmer. Zum Bohren oder Lampenaufhängen lasse ich stets Kumpels anrücken, die mit Bier entlohnt werden. Da ist es schon verwunderlich, dass gerade ich mir nun ein Snowboard selbst bauen möchte. Zumindest sehen das meine handwerklich geschickten Freunde so. Sie haben bereits Wetten abgegeben, wie weit mich der Eigenbau tragen wird, bis er auseinanderfällt. Das Höchstgebot: drei Abfahrten.

Damit ich mindestens vier schaffe, begebe ich mich zum Snowboardbau in geschulte Hände – nach Garmisch-Partenkirchen zu Matthias Schmidlechner von "Build2Ride". Kerngeschäft der kleinen Firma sind Wochenendseminare für Wintersportler, die sich Ski oder Board unter Anleitung selbst bauen möchten. Vom Tiefschneefan bis zum Gelegenheitsfahrer findet sich an diesem Samstagmorgen eine bunt gemischte Truppe vor der Werkstatt ein. Der holzvertäfelte Flachbau steht in der 3600-Seelen-Gemeinde Farchant bei Garmisch-Partenkirchen (www.gapa.de, www.bayern.by). Perfekte Ausgangslage für eine anschließende Testfahrt in Deutschlands höchstem und einzigem Gletschergebiet: auf der Zugspitze, deren mächtige Zacke ihren Schatten vorauswirft – über Weiden, Bauernhäuser, Bäche und die Olympia-Skisprungschanze von Garmisch-Partenkirchen. Die Kleinstadt selbst ist ein bayerisches Vorzeigestück. Entlang alter Gassen ziehen sich restaurierte Häuser mit aufwendigen Freskenmalereien und ausladenden Balkonen. Alles glänzt, keine Bausünden, und noch dazu wurde der Ort als "Heilklima-Kurort" ausgezeichnet. Aufdringlich kommt dieser Hang zum Perfektionismus nicht rüber, eher glaubwürdig. Auf dem zentralen Marienplatz mischen sich Trachtenträger mit hippen Wintersportlern, aus den Lokalen dringt der Duft zünftiger Küche, und aus jeder Himmelsrichtung grüßt die Alpenlandschaft.

Doch wir sind ja nicht wegen des Bergidylls hier. Jeder Teilnehmer bekommt einen Werkzeugkasten und Plastikbeläge ausgehändigt. Letztere haben Matthias und seine Kollegen bereits vor unserer Ankunft gefertigt. Sie basieren auf einem Fragebogen zu unseren Fahrkünsten, bevorzugten Gebieten und Statur. "Die Wintersportindustrie richtet ihre Produkte auf einen Durchschnittsfahrer aus. Wir hingegen können jedes Detail auf den Teilnehmer abstimmen", erklärt Matthias. Erste Aufgabe: Wir bauen uns eine "Kante". Dünne, unhandliche Stahlelemente sollen um die Beläge gespannt werden. Ich biege und schnaufe. Matthias überprüft meine Arbeit, zuppelt ein wenig und überlässt mich dann wieder meiner Fummelei. Irgendwann sitzt die Stahlkante, und ich versenke 20 Muttern in einer Holzplatte – die künftige Bindungshalterung meines Boards. Auch das eine Spezialanfertigung für mich.

Noch habe ich Schwierigkeiten, mir das Wirrwarr an Einzelteilen vor mir auf dem Tisch als ein Snowboard vorzustellen. Doch ich vertraue darauf, dass die drei Jungs wohl nicht so erfolgreich wären, wenn die Qualität nicht stimmte. Ich schreie nach Harz. Die klebrige Masse kommt auf den nun stahlumspannten Plastikbelag. Es folgen Glasfaser, Holzkern und mein Design, das ich in Form eines Textildrucks mitgebracht habe, sowie eine abschließende Plastikschicht. Der klebrige Haufen wandert dann gemeinsam mit den anderen in den Ofen. Dort wird er die Nacht über bei 60 Grad schmoren und hoffentlich zu einem Board heranwachsen.

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Axel Forelle, Mitbegründer von Build2Ride, hilft den Teilnehmern beim Harz auftragen. Doch nur die wenigsten Handgriffe übernehmen die Profis selbst. Sie erklären jeden Schritt so einfach wie möglich und überlassen den Rest den Teilnehmern - für das Erfolgserlebnis am Schluss

Mit Spannung starren sechs Augenpaare am nächsten Morgen auf die Ofentür. Als ich den gebackenen, nun nicht mehr so klebrigen Haufen entgegennehme, muss ich ihn nun irgendwie noch in Form schneiden. "Mit der Stichsäge," sagt Matthias. Kurzer Panikanfall, dann stehe ich an der Werkbank. Einfach an der Kante entlang solle ich sägen. Falls ich diese allerdings tangierte, wäre dann auch die Fahrtüchtigkeit meines Boards in Mitleidenschaft gezogen. Ich denke an die Wette meiner Kumpels und lege los. Nose und Tail sind eine besondere Herausforderung, sonst klappt es erstaunlich gut. Entzückt betrachten die anderen Teilnehmer ihr fertiges Endprodukt. Ich hingegen schulde mir und meinen Freunden noch die Testfahrt. Ziel ist das Skigebiet Garmisch-Classic. Das Wetter ist mürrisch, ich bin fest entschlossen. Langsam trägt mich die Gondel den Berg hinauf, aus der Nebeldecke, die das Tal umhüllt, ragen die beiden Kirchtürme von Garmisch-Partenkirchen. An der Bergstation sind sie ganz verschwunden. Seufzend gibt der Schnee unter dem Brett nach, schnell und leicht geht es talwärts. Ich warte auf den ersten Riss, das erste Knacken. Aber das Board hält, und was soll ich sagen, Jungs – es waren mehr als drei Abfahrten.

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Einer der letzten Handgriffe: Das fertige Board von Späneresten befreien und für die Abfahrt fit machen

Erleben

Bulid2Ride

Die Wochenend-Seminare finden zwischen September und Mai statt. Von Pistenski bis Splitboard ist alles möglich. www.build2ride.de, 2 Tage inkl. Basis-Material 690 €

Skigebiet

Hausberg, Kreuzeck und Alpspitze bilden Garmisch-Classic. 40 Pistenkilometer aller Schwierigkeitsstufen machen das Gebiet besonders familientauglich. Mehr Höhe und das einzige Gletschergebiet im Land bietet das Skigebiet Zugspitze, www.zugspitze.de

Wandern

Wilde Wasserfälle und Stromschnellen bahnen sich seit Jahrhunderten ihren Weg durch die Partnachklamm. Die Fackelwanderungen an Winterabenden verleihen der Szenerie eine besonders romantische Stimmung, www.partnachklamm-info.de

Essen & Trinken

Hobi's Backstube

Die besten Semmeln der Stadt. Der weitgereiste Besitzer gibt ihnen kuriose Namen wie "Die da", weil viele Kunden mit ausgestrecktem Zeigefinger und eben diesen Worten ihre Teigwaren bestellen. Zugspitzstr. 2, www.facebook.com/hobis-backstube

Wildkaffee

Leonhard Wild tauschte das Eishockeytor erfolgreich gegen die Kaffeeröstmaschine. Seine Bohnen sucht er sich weltweit zusammen, genießen kann man sie in seinem 2014 eröffneten Café. Bahnhofstr. 40, www.wild-kaffee.de

Gasthof Frauendorfer

Urig und mit einer jahrhundertealten Tradition serviert er typisch bayerische Küche, ob zur Brotzeit oder zum zünftigen Abendessen. Die Fassade verzierte Freskenmaler Heinrich Bickel mit einer Bauernhochzeit. Ludwigstr. 24, www.gasthof-fraundorfer.de

Schlafen

Landgasthof Kirchmayer

Herzlich bayerisch mit eigenem Restaurant und nahe zur Werkstatt in Farchant. Farchant, Hauptstr. 14, www.hotel-kirchmayer.de, DZ/F 85 €

Hotel Zugspitze

Mitten in Garmisch, aber dennoch ruhig. Nach getaner Arbeit wird hier im Heubad oder im großzügigen Spa-Bereichs entspannt. Klammstr. 19, www.hotel-zugspitze.de, DZ/F ab 154 €

Vitalhotel Staudacherhof

Die familienbetriebene Unterkunft legt viel Wert auf Kulinarik und Wellness. Garmisch-Partenkirchen, Höllentalstr. 48, www.staudacherhof.de, DZ/HP ab 260 €

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