Holland Groningen - schräg und bunt

Schräge Festivals, ein schiefer Kirchturm, eine bildhübsche Altstadt und avantgardistische Architektur: Die niederländische Studentenstadt liebt den bunten Mix
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Eine Gracht? Nein, ein Fluss namens Aa. Dahinter: Der Turm der Aa-Kirche, um 1200 erbaut und längst ein kulturelles Veranstaltungszentrum

Einstimmen

Es geht eine enge Treppe hoch in einem Klinkerbau nahe dem Bahnhof. Oben an der Wohnungstür Gedrängel, ein fröhliches Hallo. "Ich bin Kristel", sagt eine junge blonde Frau und lotst mich in ihr Zimmer. Vor dem Buchregal lehnt ein Rennrad, an der Wand hängt ein rotes Abendkleid, auf Bett und Boden hocken an die 30 Menschen und warten auf den großen Moment: In Kristel Schurinks Studentenbude, höchstens 20 Quadratmeter groß, spielt an diesem Abend "Naive Set", eine Indie-Pop-Band aus Amsterdam. Das Schlagzeug wummert los, drei E-Gitarren lassen die Luft erzittern. Konzertfeeling hautnah – und eine Philosophiestudentin als Gastgeberin: Jeden Februar öffnen in Groningen wie auch in 13 anderen niederländischen Unistädten Studenten ihre Buden für das Studentenkamerfestival (www.stukafest.nl), bei dem Konzerte, Kunstaktionen, Kabarett und Lesungen zelebriert werden. Eine Nacht voller Einblicke und Kontakte. Zum Beispiel mit Irene Wiersma, einer jungen Autorin, die auf einem alten Frachtkahn vor der Kulisse historischer Backsteinspeicher die Geschichte einer ersten Liebe liest. "Passt doch gut", meint sie, schließlich sei Groningen die Stadt der Niederlande mit dem niedrigsten Durchschnittsalter. Jeder zweite Bewohner ist jünger als 35 Jahre – dank der mehr als 50 000 Studenten, die ein Viertel der Bevölkerung stellen. Was die Autorin sonst noch treibt? "Ich mache Dinge in den Kategorien Wort, Ton und Bild, vor allem bei Festivals." Die gibt es in Hülle und Fülle, alljährlich rund 50 in und um Groningen, vom Musikfestival "Eurosonic" über ein Bierfestival bis zum Kunstevent "Noorderzon" (www.toerisme.groningen.nl/de).

Ansehen

Ringsum plattes Land, und dann dieser Kontrast: Futuristisch ragt am Stadtrand der Affenfelsen in den Himmel, die absolut asymmetrische Zentrale des Energiekonzerns "Gasunie" (Concourslaan 17). Wie aufeinandergestapelte Bauklötze wirken die Hochhäuser La Liberté des Architekten Dominique Perrault, wo das Hotel Apollo eine Bar mit Weitblick betreibt (www.apollohotelgroningen.nl). Auch in der City überrascht avantgardistische Architektur. Als Raumschiff aus anderen Galaxien könnte das Groninger Museum durchgehen, ein gleich von drei Stararchitekten entworfener Kunsttempel auf einer Grachteninsel. Schräg mit geneigten Wänden der Teil des österreichischen Architektenteams "Coop Himmelb(l)au", bunt verspielt der Pavillon des Mailänders Alessandro Mendini, cool und klar der Part von Philippe Starck. Reingehen lohnt sich übrigens auch, wegen der eigenen Sammlung und wechselnder Ausstellungen, etwa der großen (Museumeiland 1, www.groningermuseum.nl).

Gleiches gilt übrigens auch für das berühmte offentliche Pissior: Schöner pinkeln im Milchglasbau des Architekten Rem Koolhaas (Reitemakersrijge 22). Bei aller Modernität schlägt das Herz der Stadt aber im von Autos befreiten und von Fahrrädern wimmelnden histo- rischen Zentrum. "Unser Wahrzeichen bleibt der Olle Grieze", der alte graue, leicht schiefe Turm der Martinikirche (Martinikerkhof 3) aus dem 15. Jahrhundert, darauf beharrt Koos Lammers, der alle Winkel seiner Geburtsstadt kennt und Besucher als Guide an die Hand nimmt (www.toerisme.groningen.nl/de). Mich führt er zu Sehenswürdigkeiten, die von Glanz und Reichtum der ehemaligen Hansestadt zeugen, wie das Provinciehuis, dessen ältester Teil aus dem 16. Jahrhundert stammt (Sint Jansstraat 4). Oder das 1635 errichtete Goldkontor mit reich verzierter Fassade, einst Steueramt, heute Steuern einbringende Kneipe (Waagplein 1, www.goudkantoor.nl). Sie liegt am Boulevard der Märkte, der sich vom Grote Markt über den Waagplein bis zum Vismarkt erstreckt. Koos führt aber auch zu versteckten Stellen, die vom sozialen Engagement früherer Epochen berichten: Das 1405 gegründete St. Geertruids Gasthuis bot Armen und Pilgern Bett und Brot (Peperstraat 22). Heute sind die Häuschen um den grünen Innenhof begehrte Mietobjekte, obwohl abends vor dem Portal der Bär steppt: 40 Kneipen und Bars machen die Peperstraat zur Partymeile. Nahe dran: die Drie Gezusters, ein schon im nüchternen Zustand verwirrendes Labyrinth von 21 Theken und 50 Biersorten (Grote Markt 36–39, www.driegezustersgroningen.nl).

Einkaufen

Hanseatischen Kaufmannsgeist definiert Groningen heute so: Viele Geschäfte sind auch an Sonntagen geöffnet, dafür am Montagmorgen nicht. Design und Leckerbissen aus anderen Hansestädten offeriert Het Hanze Huis an der AA-Kirche (A-kerkhof 2, www.hethanzehuis.nl). Im nostalgischen Barbershop De Zwarte Raaf kann Mann sich bei Kaffee oder Schnaps Haare und Bart stutzen lassen (Folkingestraat 25, www.de-zwarteraaf.nl). Kuriositäten und Kostbarkeiten auf Vinyl warten wenige Häuser weiter bei Klinkhamer auf Entdeckung. Die erste Adresse für Käse ist van der Ley, wo sich 300 Sorten, teils groß wie Wagenräder, bis zur Decke stapeln (Oosterstraat 61–63, www.kaasvanderley.nl). Optisch eindrucksvoll ist auch der ALBERT-HEIJN-SUPERMARKT in der hohen neoklassizistischen Halle der ehemaligen Kornbörse am Vismarkt.

Essen & Trinken

Die Groninger Senfsuppe mit Sahne und Schinken muss man probieren, am besten im Weeva, einem Traditionslokal, dessen Abkürzung für "Woon- en Eethuis vor Allen" – Wohn- und Esshaus für alle – steht (Gedempte Zuiderdiep 8–10, www.weeva.nl). Gehobener und französisch kocht das Team von De Pauw (Gelkingestraat 52,www.depauw.nl). Studenten bevorzugen das Automatiek, wo man sich aus Klappautomaten belegde broodjes, Kroketten und die Lokalspezialität eierbal ziehen kann – ein mit Ragout umhülltes, hart gekochtes Ei, in Öl frittiert (Ecke Guldenstraat/Vismarkt). Köstlich, sagen die einen, schrecklich fettig, die anderen, jedenfalls als Snack zum Bier sehr beliebt.

Ausschlafen

Kontakt mit Nachbarn verspricht das Hotel Stee in Stad, ein Alternativprojekt im Wohnviertel mit zwölf von Künstlern und Studenten individuell gestalteten Zimmern in drei Wohnungen, darunter das Moulin Rouge (Floresstraat 75, www.steeinstad.nl).

Wo einst die Garde den Eingang zur Altstadt bewachte, erwacht man heute im Hotel Corps de Garde in zeitgemäß edlem Design hinter Mauern aus dem 17. Jahrhundert (Oude Boteringestraat 74, www.corpsdegarde.nl).

Royal und ruhig nächtigen Gäste im historisch-modernen Mix des Hotels Prinsenhof mit seinem "Grand Café" in einer ehemaligen Klosterkapelle und der Aussicht auf den im Renaissancestil angelegten Prinzengarten (Martinikerkhof 23, www.prinsenhof-groningen.nl). Falls man denn in Groningen überhaupt zum Schlafen kommt.

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