Oder und Neiße im Märchenland

Den Osten Brandenburgs nannte man zu DDR-Zeiten "Sibirien" - weil es als Strafe galt, dorthin versetzt zu werden. Eine Radtour entlang der Ufer von Oder und Neiße kommt einem heute dagegen wie eine Reise durch ein Dornröschenland vor
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Info Oder-Neisse-Radweg

Manche Ortsnamen wecken Fernweh, so wie Sansibar, oder die Fantasie wie Nischni Nowgorod. Guben zählt nicht dazu. Dass es dort prächtige Gründerzeitvillen gibt, wilde Gärten und Flussauen, dass die Lausitzer Neiße sich als grün schimmerndes Band durch eine einst geteilte Stadt windet, die seit dem EU-Beitritt Polens sichtbar zusammenwächst - das erstaunt die meisten Touristen, die sie auf dem Oder-Neiße-Radweg durchradeln. Mein brandenburgischer Freund Mark und ich fahren mit unseren Rennrädern die etwa 200 Kilometer von Guben bis nach Tantow. Offiziell beginnt der Fernradweg an der Neißequelle im tschechischen Nová Ves und endet nach 630 Kilometern an der Ostsee auf Usedom in Ahlbeck.

Wir haben uns die Etappen in Brandenburg herausgepickt, weil sie durchgängig asphaltiert und perfekt beschildert sind. Und weil Mark endlich einmal den Osten seines Bundeslandes kennenlernen wollte. Den Teil, den man zu DDR-Zeiten "Sibirien" nannte - weil es als Strafe galt, dorthin versetzt zu werden. Vom Bahnhof Guben aus, der auch einen Ausgang nach Gubin, in den polnischen Teil der Stadt, besitzt, geht es über Kopfsteinpflaster durch die frisch sanierte Innenstadt. Der Ort, früher eine der bedeutendsten Hut- und Tuchmacherstädte Deutschlands, dämmert heute dahin, das aber äußerst attraktiv. Zur Rechten mäandert der Fluss, zur Linken steigt Nebel aus den Wiesen empor. Wir gleiten über den Deich nach Ratzdorf, wo die Lausitzer Neiße, die 1997 während der großen Flutkatastrophe das halbe Dorf überspülte, schließlich in die Oder mündet. Dieses Schicksal blieb Neuzelle erspart, das eine halbe Radstunde entfernt auf einem Hügel thront. Die Zisterzienserabtei von 1286 wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg barock ausgebaut. Gelbe Fassaden unter blauem Himmel, vor den Kirchentoren eine Brauerei: 30 Kilometer nach unserem Start wähnen wir uns in Oberbayern. Bis wir am nächsten Morgen im Nebel auf die Oder zuradeln, die sich gemächlich durch grüne Auen vorwärtsschiebt.

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Der Nationalpark unteres Odertal in der Uckermark an der Grenze zu Polen bietet Ottern, Bibern und Störchen eine Heimat

Auf dem Deich ragen schwarz-rot-goldene Pfähle aus Betonringen auf: Hochwasserschutz für deutsche Grenzsymbole. In der Ziltendorfer Niederung, in der kaum Menschen, dafür aber umso mehr Tiere leben - Biber, Schwäne, Kraniche, Störche, Mäusebussarde, Habichte, Milane und, nicht zu vergessen, Millionen von Mücken -, trocknen wir im "Bauernstübchen", einer Radler-Gaststätte am Deich, die feuchten Pullover. Später, am Oderknick bei Küstrin, rollen wir in die Weite des Oderbruchs, eines Urstromtals, dem der preußische König Friedrich II. Mitte des 18. Jahrhunderts durch Verlegung des Flusslaufs und Bau von Abzugsgräben mehr als 30 000 Hektar Ackerland abringen ließ. 65 Kilometer ist diese Etappe lang. Bei Windstille ein Kinderspiel, bei Starkwind leider ein Kampf. Vorbei an Kohl- und Rübenäckern erreichen wir am Nachmittag Golzow, wo das Filmmuseum an "Die Kinder von Golzow" erinnert, die ein Dokumentarfilmer-Paar vom Mauerbau bis zum Jahr 2007 begleitete.

Im Hotel "Maschinenhaus" in Groß Neuendorf hören wir noch durch die Fensterscheiben den Flügelschlag der Wasservögel, die zu Tausenden in den sonnigen Flussauen landen. 30 Kilometer flussabwärts, auf dem Deich, der sich auf der Landzunge zwischen der Hohensaaten-Friedrichthaler Wasserstraße und der Oder erhebt, können wir plötzlich das Meer erahnen. Der Himmel scheint höher, der Blick weiter, das Land zeigt gedämpftere Farben. Eine stille Gegend, in der sich Berlin-Flüchtlinge als Eselzüchter oder Paddel-Guides versuchen. Kurz vor Schwedt lassen wir uns nach weiteren 20 Kilometern im Nationalparkhaus Criewen erklären, wie sich die Natur, die man im Nationalpark Unteres Odertal weitestgehend sich selbst überlässt, das Terrain zurückerobert. Bei Mescherin, dem letzten Ort des Brandenburgischen Abschnitts, scheint die Welt zu Ende zu sein. Die Brücke, die über die Oder nach Polen führt, ist mangels Renovierung gesperrt, hinter dem Dorf beginnen die Schilffelder. Über dicht bewaldete Hügel ächzen wir hinauf auf die Hochebene zur Bahnstation in Tantow, wo wir die Räder in den Regionalexpress hieven.

Info Oder-Neisse-Radweg

630 Kilometer lang, von der Neiße-Quelle bis nach Usedom, ist die perfekt beschilderte sowie fast durchgängig asphaltierte, autofreie und flache Modellroute des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Die beschriebenen Brandenburg-Abschnitte führen überwiegend auf dem Deich entlang und sind zwischen 30 und 70 Kilometer lang (www.oder-neisse-radweg.de). Auf www.reiseland-brandenburg.de gibt es downloads für’s GPS. Ab Juni lassen sich die Routen zudem mit der neuen Brandenburg-App am Smartphone planen.

Am Wegesrand

Kloster Neuzelle: Führungen durch Kirche, Kreuzgang, Klostergarten und Museum. Touristinfo Neuzelle, Tel. 033652- 61 02, www.neuzelle.de

Nationalparkhaus Criewen: Multimedia-Ausstellung zum Nationalpark Unteres Odertal. Criewen, Park 2, Tel. 03332-267 72 44, www.unteres-odertal.de; Eintritt frei; April bis Oktober

Flusslandschaft Reisen: Geführte Kanutouren durch die Polder zwischen West-und Ostoder mit der Geografin Frauke de Vere Bennett. Start in Schwedt, Gartz und Mescherin. Tel. 039746-2 28 91, www.flusslandschaft-reisen.de

Übernachten

Landhaushotel Prinz Albrecht: Historisches Hotel in Neuzelle mit Blick auf den Klosterteich. Großzügige, modern möblierte Zimmer. Frankfurter Str. 34, Tel. 033652-8 13 22, www.hotel-prinz-albrecht.de

Andersen Hotel Schwedt: Komfortables Altstadthotel, Gartenstr. 11, 03332-29110, www.andersen-hotel.de

Maschinenhaus: Turm auf dem Oderdeich bei LETSCHIN mit fantastischem Blick über den Fluss, Groß Neuendorf, Hafenstr. 2, Tel. 033478-38 77 10 www.maschinenhaus-online.de

Bett und Bike: Die Homepage des ADFC nennt Übernachtungsmöglichkeiten an der Strecke, auch zum Download fürs Navigationsgerät: www.bettundbike.de

Essen

Kajüte: Historischer Gasthof in Ratzdorf, heute Kulturhaus und Restaurant. Biergarten mit Blick auf das Pegelhäuschen an der Neiße-Mündung. Am Oderdamm, Tel. 033652-8 28 11, www.kajuete-ratzdorf.de

Landfrauencafé: Vom Landfrauenverein betriebene Gastwirtschaft im Letschiner Ortsteil Groß Neuendorf. Gut gemachte Hausmannskost. Straße der Freundschaft 12, Tel. 033478-49 02, Di. geschl., www.gross-neuendorf-landfrauen.de

Altes Zollhaus: Junges Gasthaus in Mescherin an der Grenzbrücke mit Bar und polnischen Gerichten wie Bigos, Pierogi oder Rote-Bete-Suppe. Terrasse am Flussufer und Zimmervermietung. Untere Dorfstr. 9, Tel. 033332-87 05 35, www.mescherin.com

Mitnehmen

Bikeline Radtourenbuch Oder-Neisse-Radweg: Esterbauer, 12,90 Euro. Reiseführer

Radwanderkarte: Oder-Neisse-Radweg, Publicpress, 8,95 Euro. Leporellokarte im Maßstab 1 : 50 000

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