Portmeirion Das walisische Disneyland

An der walisischen Nordküste liegt das schrille Erbe eines eigenwilligen Architekten. Sir Clough Williams-Ellis erbaute nach dem 1. Weltkrieg ein buntes Küstendorf, um etwas Farbe in die zerrüttete Welt zu bringen. Und die wirkt auch heute noch
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Seit 2012 findet im Spätsommer das kleine "Festival No 6" in Portmeirion statt, ansonsten ist es hier verhältnismäßig ruhig

Hinter den wenigen Hauptstraßen Porthmadogs tut sich ein Schlund aus Bäumen und Weiden auf. Eine schmale Allee windet sich durch die Ländereien, Schieferhäuser säumen vereinzelt den Wegesrand. Und plötzlich beginnt mitten in dieser Idylle das walisische Disneyland. Doch etwas ist anders, lieblicher. Hier gibt es weder Minnie Mouse oder Goofy in Lebensgröße, auch Karussells sucht man vergebens. Hinter den Türkis lackierten Gattern, verbirgt sich vielmehr das farbenfrohe Meisterwerk des Architekten Sir Clough Williams-Ellis: Portmeirion. Und das ist so skurril faszinierend, dass jährlich über 250.000 Besucher in das kleine Waldstück am südwestlichen Zipfel des Snowdonia-Nationalparks kommen. Aus der einstigen Anlegestelle für den Schiefertransport in der Bucht von Tremadog baute sich der eigenwillige aber geniale Williams-Ellis sein eigenes mediterranes Dorf. Die bunten Malereien an den Häusern, das Kopfsteinpflaster und der Blick auf das Meer lassen die Besucher schnell vergessen, dass sie nicht an der italienischen Riviera sondern an der nordwalisischen Küste sind. Sie bereisen auf wenigen Quadratmetern mehrere Epochen und Länder. Römische Säulen stehen hier neben gotischen Pavillons, die von einer Allee aus Palmen umrandet sind. Dass seine Besucher staunen und vergessen, wo sie eigentlich sind, hatte Williams-Ellis von Anfang an geplant.

Im Jahr 1925 erwarb der exzentrische Architekt die Ländereien mit dem Ziel etwas Farbe und Leben in die Welt zu bringen, die es seiner Meinung nach dem 1. Weltkrieg bitter nötig hatte. Er baute Springbrunnen, verschnörkelte Türme und säte Palmen gegen die Tristesse. Bereits ein Jahr nach dem Kauf eröffnete das Hotel in Portmeirion. Hier erholten sich fortan Film- und Literaturgrößen wie George Bernard Shaw, Sir Kenneth Clark oder Noel Coward, der in einem der kleinen Nebenhäuser sein berühmtestes Theaterstück Blithe Spine (Geisterkomödie) verfasste. Später kamen Teile der Beatles, ihr Manager Brian Epstein bekam sogar sein eigenes Haus. Was Williams-Ellis über das Jahr mit dem Hotel und der Vermietung der Häuser einnahm, verbaute er gleich wieder.

Er spielte besonders mit Sichtachsen und optischer Täuschung. So sind viele der echterscheinenden Fenster nur gemalt und Bauten, die aus der Ferne prachtvoll und groß erscheinen, sind aus der Nähe betrachtet bedeutend kleiner. "Ich wollte ein wirklich breites Interesse für solche Dinge wie Architektur, Landschaftsplanung, die Wirkung von Farben und für Gestaltung allgemein erreichen", sagte Williams-Ellis über sein Lebensprojekt. Das gelang ihm so gut, dass er landesweit eingeladen wurde, sich an Häusern, die dem Abriss geweiht waren, für seinen Fundus zu bedienen. So lässt sich in dem dorfeigenen Rathaus beispielsweise eine Stuckdecke aus dem 16. Jahrhundert bewundern, die aus einem alten Haus in Flintshire stammt. Maler wie der in Frankfurt am Main geborene Wand- und Freskenmaler Hans Freibusch verzierten Teile der Häuser in Portmeirion.

Oberhalb des künstlich angelegten Dorfes führen kleine Trampelpfade in den rund 10 Hektar großen Wald, der mit Pavillons und kleinen Gebäuden versehen ist, aber vor allem durch seine Pflanzenvielfalt besticht. Auch hier hatte Williams-Ellis seine Finger im Spiel. Als bekennender Naturschützer war es ihm wichtig, dass Portmeirion die umliegende Landschaft nicht in Mitleidenschaft ziehen würde. So farbenreich und überzeichnet das kleine Dorf auch erscheinen mag, es fügt sich auch heute noch mühelos zwischen Meer und Wald ein. Über 50 Jahre tüftelte Williams-Ellis an seinem Lebenswerk bis es 1975 offiziell fertiggestellt war.

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Und obwohl es hier weder Karussells oder Studenten im Superheldenkostüm aufwarten, erfüllt Portmeirion bis heute die Intention mit der Williams-Ellis einst den ersten Stein legte. Die Menschen, die den Weg in den Schlund aus Bäumen und Weiden gefunden haben, laufen mit staunenden Gesichtern durch die Anlage, trinken Kaffee in der Sonne mit Blick auf das Meer oder wandeln auf einem der angelegten Wege. Sie erholen sich von ihrem tristen Alltag und den beunruhigen Nachrichten aus aller Welt, denn für die hat Williams-Ellis in Portmeirion keinen Platz gelassen.

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Sir Clough Williams-Ellis war für seine Exzentrik aber auch seine Herzlichkeit bekannt. 1975 erklärte er Portmeirion als fertiggestellt, 1978 starb er

Weitere Infos zu Portmeirion

In den südlichen Ausläufern des Snowdonia gelegen, ist Portmeirion von Manchester und Birmingham rund 2 ½ Autostunden entfernt. Ab Porthmadog fährt zwischen März und Oktober ein Bus.

Unzählige Filme und Serien wurden in Portmeirion gedreht, bekanntestes Beispiel dürfte "The Prisoner" sein. Jedes Jahr treffen sich Anhänger der 60er-Kultserie zur Prisoner Convention in Portmeirion und ganzjährig offeriert der Prisoner-Shop Souvenirs.

Die meisten der Häuser von Portmeirion lassen sich als Feriendomizilie mieten, jedes individuell eingerichtet und mit einer eigenen Geschichte.

www.portmeirion-village.com

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