Chile Kochen lernen von den Ureinwohnern

Spurensuche kulinarisch: Die Mapuche-Frauen im chilenischen Curarrehue kochen traditionelle Gerichte aus dem, was Gärten und Wälder hergeben. Touristen können das nun von ihnen lernen. Mit Fotostrecke
In diesem Artikel
Politisches Menü
Service

Anita Epulef hockt in ihrem wilden Garten und pflückt Zutaten für das Mittagessen. Ein paar Blätter Sauerampfer und Amarant, einige Stengel scharfer Koriander, etwas Salbei. Vorsichtig legt sie die Kräuter in eine grob geschnitzte Holzschale, schaut sich geduldig um und geht zum nächsten Pflänzchen.

Sie trägt ein Kopftuch und ein schwarzes Kleid, das mit einem feinen Muster bestickt ist, eine Frau von Mitte vierzig mit liebenswürdigem, tiefem Blick. "Kochen heißt für mich säen, ernten und sammeln, ich schaue immer zuerst auf die Natur, sie gibt das Menü vor", sagt sie und geht hinein in die Küche ihres kleinen Restaurants Mapu Iyagl am Ortseingang von Curarrehue, ein Dorf im mittleren Süden Chiles.

Rund 80 Prozent der Bevölkerung zählen hier zu den Mapuche, einem der größten indigenen Völker Südamerikas. In Curarrehue nennen sie sich Pehuenche, Menschen der Araukarie, dieses urzeitlich wirkenden Baums, der seine stacheligen Arme wie in einer flehenden Geste zum Himmel streckt.

Epulef zerstampft die Kräuter in einem steinernen Mörser. Ihr Restaurant ist gleichzeitig eine Kochschule, Touristen können hier lernen, traditionelle Pehuenche-Gerichte zuzubereiten, die Zutaten kommen aus ihrem Garten, den Gärten ihrer Freundinnen oder dem umliegenden Wald.

02e7011536cdcb8140dc5a2bd75cd27a

Anita Epulef in ihrem kleinen Restaurant Mapu Iyagl am Ortseingang von Curarrehue

Zum Nachtisch gibt es in Honigwasser eingelegten Riesenrhabarber

Viele Pehuenche sind Selbstversorger, sie pflanzen, züchten, tauschen oder sammeln im Wald – etwa Maqui-Beeren, Riesenrhabarber, Wildspargel, Pilze oder die Samen der Araukarie. Sie kochen und trocknen sie für den Winter, verarbeiten sie zu Mehl und führen ihre Existenz darauf zurück: Es heißt, als ihre Vorfahren einst zum Sterben in die Berge gingen, ließen die Mütter der weiblichen Araukarien ihre Samen fallen und sangen für die Menschen, damit sie Fortleben konnten. "Es war wie eine Wiedergeburt", sagt Epulef.

Über ihrem Herd hängen, aufgereiht auf Schnüre, die letzten gehüteten Samen des vergangenen Herbstes. Kurz darauf serviert sie gekochte brotes de quila, die Sprossen einer chilenischen Bambusart in scharfer Vinaigrette, mit Asche gekochten Mais in einer Kräuterpaste mit Räucher-Chili und einen Amarant-Blattsalat, zum Nachtisch gibt es in Honigwasser eingelegten Riesenrhabarber.

Politisches Menü

Anders als viele Mapuche kocht Epulef rein vegetarisch und sie schaut weit über den Topfrand hinaus. "Man kann sich nicht einfach in der Küche einschließen und sich darüber freuen‚ wie lecker alles ist", sagt sie. Als Chile vor zwei Jahren zweihundertjähriges Jubiläum der Unabhängigkeit feiert, schrieb sie ein politisches Menü für die Rechte der Mapuche:

Als Aperitif ein starker Most aus Gleichheit und Respekt, als Vorspeise Anerkennung in einer Soße nach Transparenz-Art, als Hauptspeise ein gerechtes Urteil gefüllt mit Würde, zum Nachtisch Landrückgabe und Selbstbestimmung. Danach Mate.

Auch für den Umweltschutz engagiert sie sich. "Ich verstehe nicht, wie die Menschen mit der Natur umgehen können, als sei es ein lebloser Gegenstand." Ihre Großmutter lehrte sie, dass man den Geistern mit dem Kochdampf der ersten geernteten Bohnen danken und für die nguyo-Pilze singen muss, damit sie sich im Wald nicht verstecken, und sie weckte eine kulinarische Leidenschaft, die bis heute anhält. "Sie brachte mir bei, dass man durch Kochen die Gefühle der Menschen steuern kann."

Lange Zeit wurde die Mapuche-Kultur in Chile als minderwertig angesehen, nur wenige Chilenen interessierten sich für ihre indigenen Landsleute.

Das ändert sich allmählich. Noch vor ein paar Jahren reisten fast nur Ausländer nach Curarrehue, mittlerweile immer öfter auch Chilenen. Der Ort entwickelt sich allmählich zu einem gastronomischen Dorf.

130 Pehuenche-Frauen haben sich zur Kooperative Zomongen zusammengeschlossen und verkaufen seit zwei Jahren gemeinsam ihre Waldprodukte: Marmelade aus dem Samenmantel der Pflaumen-Steineibe etwa oder eingelegte Araukariensamen.

Um die 20 von ihnen empfangen neuerdings auch Touristen in ihren Küchen und Gärten. Es ist eine der Gemeinde-Touren, die das Hotel Ruka Ngen anbietet, ein großer Holzschindelbau, der Ende 2011 als erstes Hotel am Ort eröffnet wurde.

1158f19dc05f0a8c944f577c30c3d7e6

Nun können auch Touristen die traditionelle Kochkunst erlernen

Curarrehue

Hier arbeiten vor allem junge Mapuche-Frauen, die sonst keine berufliche Perspektive in Curarrehue hätten – und begleiten ihre Gäste zu den Bäuerinnen aufs Land. Etwa zu Benita Pangilef, die in der Asche ihres Feuers dicke Tortillas backt, dazu eine Pilzpfanne mit Koriandersoße serviert und Muday, ein dickes Getränk aus vergorenem Weizen.

Sie ist eine Frau um die 60 mit Kittel, Kopftuch und runzeligem Gesicht, die sagt, dass sie den ganzen Tag mit viel Liebe für ihre Familie kocht und ihr grünes Tal unter der Schnee bedeckten Kuppe des Vulkans Lanín mit nichts in der Welt tauschen würde. Oder zu María Yolanda Llancafilo in dem kleinen Dorf Quiñenahuin, die gerade einen frischen Salat aus digueñe-Pilzen zubereitet, die als weiße Knollen an den Ästen von Südbuchen sitzen.

"Die Touristen lieben diesen Ort und unser natürliches Essen", sagt sie. Ruca Kimun, Haus des Wissens, will Llancafilo ihr kleines Restaurant nennen, sobald das Geld für einen neuen Speisesaal zusammen ist. Sie musste alte Leute im Dorf fragen, um den Mapuche-Namen zu finden.

"Meine Eltern haben mir verboten unsere Sprache Mapudungun zu sprechen, weil sie nicht wollten, dass ich diskriminiert werde", sagt sie. "Wir haben viel von unserer Kultur verloren und jetzt wollen wir es zurück gewinnen, die Küche ist für mich ein Anfang."

Service

Anreise: Lan fliegt täglich von Frankfurt über Madrid nach Santiago de Chile (www.lan.com) und mehrmals in der Woche weiter nach Temuco. Von dort dauert es per Bus knapp drei Stunden bis Curarrehue, zum Beispiel mit JAC (www.jac.cl). Alternativ kann man einen Nachtbus von Santiago nach Pucón nehmen, das dauert zehn Stunden, am besten Premiumklasse buchen, ebenfalls mit JAC (ca. 55 Euro).

Übernachten: Im komfortablen Hotel Ruka Ngen der Tourismuskooperative von Curarrehue (50 Euro pro Person, Tel. 0056/83977772, www.turismorukangen.cl).

Kochen und Essen: Anita Epulefs Restaurant Mapu Iyagl befindet sich am Ortseingang von Curarrehue. Am Hauptplatz bietet Doña Elisa allerlei Eingekochtes, Griebenbrötchen, Kuchen und Mittagstisch mit regionalen Speisen (La Cocina de Elisa, Tel. 0056/1971557). Ganztägige Touren zu Bäuerinnen in der Umgebung von Curarrehue organisiert die Tourismuskooperative im Hotel Ruka Ngen (ca. 105 Euro pro Person, Tel. 0056/83977772, www.turismorukangen.cl).

Weitere Auskünfte: Zu Curarrehue unter www.ctcurarrehue.cl (auf Spanisch). Zur Kooperative Zomongen unter www.cooperativapinones.cl (auf Spanisch). Zu Chile unter www.chile.travel (auch auf Deutsch). Diese Reise wurde unterstützt von Turismo Chile. Die Reise wurde unterstützt von Turismo Chile.

GEO Reise-Newsletter