Städtereisen Münster ist "Thiels Revier"

Der Kommissar geht um - und wir folgen ihm. Zu Käfigen am Kirchturm, grausigen Fundorten am Hafen, auf den Prinzipalmarkt und in eine St.-Pauli-Kneipe. Mit "Tatort"-Kommissar Axel Prahl durch Münster
In diesem Artikel
Filmkulisse: Prinzipalmarkt
Binnenhafen gegen Dom
Pinkulus und Servatiiplatz
"Thiels" Lieblingsadressen

Filmkulisse: Prinzipalmarkt

Jackenkragen hoch, Hut tief in die Stirn gezogen: Noch ein wenig zerknautscht wirkt Axel Prahl (52) morgens um neun, ein bisschen sieht er aus wie Humphrey Bogart. Er möchte nicht gleich erkannt werden, aber seine Tarnung hält keine fünf Minuten. "Moinsen, Herr Thiel", ruft ein Passant ihm auf dem Prinzipalmarkt zu.

Ein typisch norddeutscher Gruß auf dem Kopfsteinpflaster-Boulevard, der einst Schauplatz des Westfälischen Friedens war? Heute ist er vor allem das Schaufenster alteingesessener Kaufleute: Osthues, Zumnorde, Oeding-Erdel – ihre Namen prangen golden an beigefarbenen Arkaden-Fassaden. Prahl hat das "Moinsen" in seiner Rolle als Kommissar Thiel eingeführt, der aus Hamburg stammt und St.-Pauli-Fan ist. Inzwischen wird der Schauspieler mit den auffallend blauen Augen auch so gegrüßt, wenn er privat in der Stadt unterwegs ist oder als Stadtführer für ein Reisemagazin. Denn die Münsteraner sind stolz auf ihr prominentes Ermittler-Team, zu dem auch der schrullige und überaus blasierte Pathologe Professor Boerne gehört, gespielt von Jan Josef Liefers.

Münster ist "Thiels Revier"

Er gehört zu den beliebtesten Tatort-Kommissaren in ganz Deutschland: Axel Prahl alias Frank Thiel

Dem Fernsehzuschauer ist der Prinzipalmarkt mit seinen Treppengiebeln und Arkaden als Lokalkolorit-Kulisse bekannt, etwa wenn die Assistentin Nadeshda ihren mürrischen Chef zum Präsidium kutschiert und ihm den aktuellen Fahndungsstand mitteilt. Für Prahl sind die Filmaufnahmen mitten in Münster jedes Mal ein besonderer Moment. Der Schauspieler zeigt ein selbstgedrehtes Handy-Video: "Guck mal, tausende beim Dreh auf’m Prinzipalmarkt, trotzdem hörste ’ne Stecknadel fallen, so still sind die Leute!"

Dafür feiern die Münsteraner jeden neuen Tatort, denn gut 3000 bekommen ihn ein paar Tage vor der TV-Ausstrahlung im Kino zu sehen. Wie ein Hollywood-Star wird Prahl am Abend im Cineplex-Kino bedrängt. Hunderte bitten um Autogramme, als der Tatort "Summ, Summ, Summ" Premiere hat, in dem der Sänger und Wahl-Münsteraner Roland Kaiser ein Stalking-Opfer gibt.

Binnenhafen gegen Dom

Seit zehn Jahren dreht der gebürtige Ostholsteiner Prahl in Münster Tatorte. "Die Stadt hat was von Lübeck, ich fühl’ mich hier immer sehr wohl", sagt er vormittags beim Stadtbummel. "Aber leben könnt’ ich hier nicht - zu wenig Wasser." Der hübsche und zentral gelegene Aasee ist ihm "zu lütt", Restaurants und Bars am wiederbelebten Binnenhafen beeindrucken den Schauspieler nicht. Vielleicht, weil es in Berlin, wo Axel Prahl seit langem lebt, schon ewig loungige Restaurants und Beachclubs mit Blick auf rostige Gleise und Kräne gibt. Aber auch einen Laden wie Freiheit 26? Hier wird stets um 0.30 Uhr Hans Albers’ Dauerbrenner "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" gespielt. Pauli-Fan Prahl will’s später testen.

An der Lambertikirche - der im 14. Jahrhundert von Kaufleuten finanzierten Pfarrkirche - blickt er nach oben zu den drei Käfigen am Turm: "Da drin möcht’ ich mal aufwachen nach durchzechter Nacht", sagt er. Und schiebt grinsend nach: "Natürlich nur im Tatort." Sein Lächeln wird deutlich schwächer, als er vom Zweck der Käfige erfährt: Fürstbischof Franz ließ darin die Leichen von drei radikalen Predigern verwesen. Sie hatten während des zwei Jahre währenden Wiedertäufer-Regimes Vielweiberei und Straßen-Taufen aus Wassereimern propagiert. Ein Mittelalter-"Tatort", Jahrgang 1536.

Vorm Dom bummelt der Schauspieler gern zwischen erdig-westfälischen Gemüsebauern und Hennahaarigen Bio-Wolle-Verkäuferinnen über den Wochenmarkt . Ein paar Alt-Aussteiger gehören zu Münster wie Thiels taxifahrender und kiffender "Vadder" zum Tatort. Klar, bei fast 50 000 Studenten. Doch passende Etiketten für die 300 000-Einwohner-Stadt fallen uns nur aus der bürgerlichen Mitte ein. "Besenrein" etwa: Tauben und Hunde gibt’s, aber partout keinen Schmutz. Oder "Geordnete Verhältnisse": Sogar das Flüsschen Aa plätschert im betonierten Bett. Hier, am Ufer, lag im Tatort mal eine Nackte tot im Gebüsch und brachte gehörig Aufruhr ins - auch real existierende - Milieu hornbebrillter Honoratioren mit Einstecktuch in der Tweedjacke.

Axel Prahl kann sich noch sehr genau an den Leichen-Fundort erinnern, schließlich saß er beim Dreh einen halben Tag lang in Wolkenbrüchen fest und lernte Münsters Wetterregel kennen: "Entweder es regnet, oder die Glocken läuten. Fällt beides zusammen, ist Sonntag."

Münster ist "Thiels Revier"

Der Prinzipalmarkt und die St. Lambertikirche bilden das Zentrum Münsters

Pinkulus und Servatiiplatz

Ein paar Meter weiter, vis-à-vis der Überwasserkirche, erklärt Dagmar Brand vor dem Antiquariat Solder gerade den Gästen ihrer "Krimistadt Münster"-Führung, wie mit Wilsberg, dem Privatdetektiv aus dem ZDF, alles begann. Und dass Prof. Bernd Brinkmann, der langjährige, charismatische Leiter der Rechtsmedizin, Pate stand für den "Tatort"-Pathologen Boerne.

Prahl hat jetzt Durst. Und ein Ziel: das Pinkulus. Nein, nicht Pinkus Müller, die Altbier-Legende unter den Studenten-Lokalen, sondern die winzige Eckkneipe gegenüber: An der Wand ein St.-Pauli-Wimpel nebst Fan-Schal - weil Vladi, der Wirt, aus Hamburg stammt. Prahl fläzt sich hin zum munteren Pointen-Pingpong mit ihm und lacht nach diversen Zigaretten so rasselnd wie die „Tatort“-Staatsanwältin Wilhelmine Klemm. Zurück auf der Straße, passieren wir überdimensionierte Kirschen auf einer Säule und schwarze, scheinbar miteinander verklebte Steine. Etwa 60 solcher Kunstwerke stehen in der Stadt. Alle zehn Jahre kommen neue hinzu, wenn Münster sein Skulpturen-Festival feiert. Axel Prahl führt mich zu seiner Lieblingsskulptur, einem 3,50 Meter großen, grauen Mann, der am Servatiplatz in einer Litfaßsäule steckt: Paul Wulf, ein von den Nazis verfolgter Münsteraner.

"Nach der Errichtung 2007 sollte das Mahnmal eingemottet werden – aus Geldmangel", erzählt der Schauspieler. "Da hab ich gespendet und auch Kollegen dazu animiert. So konnten wir helfen, es zu retten." Hier, an der die City umschließenden Grün-Promenade, zeigt sich Münster von seiner ungezähmten Seite: Klingelnd fordern schwarmartig auftauchende Radfahrer ihr Recht auf Vorfahrt in dieser fahrradfreundlichen Stadt. 500 000 Zweiräder soll es geben, immerhin 3300 Abstellplätze hat Deutschlands größtes Fahrradparkhaus im Zentrum.

Auch Kommissar Thiel saust, wenn ihn nicht gerade die Assistentin, das Taxi des Vaters oder Boerne im Sportwagen mitnimmt, stets auf einem Rad durchs Bild. Einen Beinahe-Crash hat Axel Prahl noch gut in Erinnerung. "Mit Kuchen im Mund sollte man eben keine Verfolgungsjagd proben", sagt er feixend.

"Thiels" Lieblingsadressen

Einkaufen

Tucano: Hier stöbert Axel Prahl schon mal zwischen poppig designten Kissen, Duftkerzen und unzähligen Hängematten.

Salzstr. 14–15, www.tucano-gmbh.de

Titus: Shorts und Shirts, Pullis und Schuhe von Trend-Marken gibt’s bei Titus Dittmann. Ende der Siebziger brachte er erste Rollbretter aus Kalifornien nach Münster und gilt bis heute als Deutschlands Skateboard-Papst. Königsstr. 32–33, www.titus.de

Quitmann: In der Luxus-Manufaktur für Fahrräder würde der stilbewusste Pathologe Boerne wohl kaufen: Jeder Kunde wird vermessen, das Rad kommt maßgeschweißt, auf Wunsch mit Rosenholz-Schutzblechen und honigfarbenen Ledergriffen am Lenker.

Neubrückenstr. 25, www.quitmann-ms.de

Luftschloss: Schräge Münster-Mitbringsel, Krimi-Accessoires wie das Spiel "Knast, Land, Fluss" und Holzstühle à la Prinzipalmarkt mit Sitzflächen in Kopfstein-Optik und Lehnen im Arkaden-Design.

Rothenburg 37

Essen & Trinken

Milchmädel: Mini-Stehcafé für den Espresso zwischendurch. Unbedingt probieren: den Teigvulkan "Etna", ein Muffin mit Schoko-Lava-Füllung. Oder "Kernkraft": grobschrotige Müsli-Würfel, die Inhaberin Alexia mit "Atomkraft - nein danke"-Plakette verkauft.

Domgassenpassage, neben Café Kleimann, www.milchmaedel.de

Pinkulus: Lieblingskneipe von St.-Pauli-Fan Axel Prahl. Rosenplatz 6, www.pinkulus.de

Freiheit 26: Restaurant & Bar am Binnenhafen, das ihm ebenfalls gefallen dürfte, allein schon wegen des Hans- Albers-Lieds, das nachts um halb eins gespielt wird. Hafenweg 26, www.freiheit-26.de

Kleiner Kiepenkerl: Hier ermittelte Kommissar Thiel und probierte "Töttchen", Münsters rustikale Kalbsragout-Spezialität.

Spiekerhof 47, www.kleiner-kiepenkerl.de

Meyer's: Ziegenkäse mit Apfel, Wildkräutersalat mit Trüffelkartoffel und pfiffige Pasta.

Kampstr. 26, www.dasmeyers.de

Übernachten

Hotel Feldmann: Einen Design-Preis hat das mit Tiffanylampen bestückte Haus nicht gerade verdient, aber die Lage im Stadtzentrum ist unschlagbar.

An der Clemenskirche 14, Tel. 0251-41 44 90, www.hotel-feldmann.de

Factory Hotel: Rotklinker-Fabrik-Ambiente der alten Germania-Brauerei und bewusst schroffe Industrie-Optik mit grauem Rauputz, sichtbaren Rohrleitungen und Kabelschächten sowie cooler Bar.

An der Germania Brauerei 5, Tel. 0251-4 18 80, www.factoryhotel-muenster.de

Mauritzhof: Während des Skulpturen-Festivals wohnen auch die teilnehmenden Künstler hier, und manche der in warmen Farben gehaltenen Zimmer sind einem von ihnen gewidmet. Aber man muss kein Bildhauer sein, um sich hier wohl zu fühlen.

Eisenbahnstr. 17, Tel. 0251-4 17 20, www.mauritzhof.de

Rundgänge

Münster Marketing: Auf der Homepage der Tourismus- Zentrale finden sich alle Infos zur Stadt. Vor Ort gibt es auch eine Broschüre mit empfehlenswerten Stadtspaziergängen. Heinrich-Brüning-Str. 9, www.muenster.de/stadt/tourismus

Krimistadt: Der eineinhalbstündige Rundgang startet von Mai bis Oktober samstags um 16 Uhr an der Stadtbibliothek.

www.stattreisen-muenster.de

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