Raja Ampat Im Kajak durchs Aquarium

Unser paddelnder Reporter traf immer neue Bewohner des indonesischen Archipels vor West-Papua – nur Menschen waren selten darunter. Dafür Mantas, Wale, Zwergseepferdchen

Weltrekord in Artenvielfalt

Komisch, die Fische beißen nicht. Dabei sieht es im Wasser aus wie in einem überfüllten Aquarium. Wenigstens einer von ihnen sollte doch Appetit auf die Köder haben, die wir an Leinen hinter uns herziehen. Seit einer Stunde schlängeln wir uns durch ein enges, träge strömendes Mangrovenlabyrinth. Die Ufer sind von Dschungel überwuchert, in dem die Zikaden so laut zirpen, als hätten sie Mikrofone. Im seichten Wasser schillern die Korallen. Ich paddle dicht an den Luftwurzeln der Mangroven entlang und halte nach Meeresschnecken Ausschau, die sich gut als Köder eignen. Da blitzt hinter dem Kajak meines Fotografenfreundes James Morgan etwas Silbernes auf: Ein großer Barrakuda hat nach seinem Haken geschnappt. Unsere Aussicht auf ein schönes Abendessen hat sich mit einem Biss deutlich verbessert. Die meisten Besucher reisen zum Tauchen in den indonesischen Archipel aus 610 Inseln, die vor West-Papua im Pazifik liegen. Mehr Arten als in den Korallengärten dieser Inselgruppe gibt es nirgendwo auf der Welt. Inzwischen stehen in ganz Raja Ampat, auf einer Fläche von 46.000 Quadratkilometern, Haie und Mantarochen unter Schutz und bis heute wurden fast 12.000 Quadratkilometer zum Meeresschutzpark erklärt.

Im Kajak durchs Aquarium

Eine unbewohnte Kalkstein-Insel im Raja Ampat Archipel

Mehr als 1000 Fischarten zählten Meeresbiologen damals auf Anhieb, viele davon unbekannt oder endemisch; inzwischen listeten sie mehr als 1600 auf. Und sie sind leicht zu finden. Am Vortag war ich am Cape Kri getaucht, einem Saumriff unmittelbar vor den Tauchresorts "Sorido Bay" und "Kri Eco", die Max betreibt. Allein die Größe der Fischschwärme, von Barrakudas über Napoleonfische bis zu Hundezahn-Tunfischen, war so überwältigend, dass ich fast die Zeit vergaß – ein Fehler, den man beim Tauchen nur einmal macht. Später saßen James und ich im "Kri Eco" auf der Veranda unserer Hütte, die im Meer stand, hinter uns die zwitschernde Dschungelkulisse auf einer Landzunge, vor uns Weißspitzen-Riffhaie, die entlang der Korallen patrouillierten. Wer in dieser Region fotografieren oder forschen will, kommt an Max Ammer nicht vorbei. Er kennt hier fast jeden und arbeitet eng mit den NGOs zusammen, die Raja Ampats Netz von Meeresschutzgebieten betreuen. Sogar ein Mini-Wasserflugzeug stellte ihm Conservation International zur Verfügung, eine Organisation, die sich für Biodiversitäts- Hotspots engagiert. Damit hält er Ausschau nach Haiflossenjägern und anderen illegalen Fischern. Mit den Kajaktouren unterstützt er die Inselgemeinden. "Ich gebe den Leuten ein Darlehen, helfe ihnen, Gastunterkünfte zu bauen, bilde sie aus und hole die Touristen her", erklärt er. "Fünfzehn dieser Homestays haben wir inzwischen gestartet." Auch die Ausrüstung für die Paddeltouren stellt Max: Kajaks, Trockentaschen, Angel- und Erste-Hilfe-Ausrüstung sowie das GPS.

Nur 35 Inseln sind bewohnt, die Einheimischen leben von Fischfang und Perlenzucht. Raja Ampat bedeutet "vier Könige"; der Name bezieht sich auf die Hauptinseln Misool, Salawati, Batanta und Waigeo, ehemalige Fürstentümer und Handelsstützpunkte für Vanille und Muskat, Perlen und Paradiesvögel. Zwei Tage sind Besucher mindestens dorthin unterwegs, aber sie werden für die strapaziöse Anreise belohnt, denn das amphibische Reich hält den Weltrekord in Artenvielfalt. Vier Kontinentalplatten treffen sich hier, und jede birgt ihre eigenen Lebensformen. Allein auf einzelnen Riffen leben manchmal mehr Spezies als in der gesamten Karibik. Wale kreuzen vor den Inseln, Zwergseepferdchen hausen in Gorgonien, Seekühe grasen und Epaulettenhaie laufen auf ihren Vorderflossen über den Meeresboden. Dazu wachsen an den noch intakten Riffen drei Viertel aller bekannten Korallenarten, schließlich liegen sie im Herzen des so genannten Korallendreiecks zwischen Sumatra, den Philippinen und Neuguinea. Über Wasser wirken die palmenverzierten Inseln mit ihren Hütten auf Stelzen ebenso anziehend wie darunter, und eine Exkursion mit dem Meereskajak ist eine ideale Möglichkeit, ohne Pressluftflasche auf dem Rücken in die Landschaft einzutauchen. Nur sieben Resorts beherbergen zurzeit die wenigen Besucher, dazu cruisen Tauchschiffe auf Aqua-Safaris von einem Unterwasserspot zum nächsten. Als wir die Mangroven hinter uns lassen, beäugt uns ein Paar Großer Tümmler. Eine Weile schwimmen sie neben uns her, vielleicht angelockt vom Orange unserer Kajaks. Wir befinden uns in der Kaboei Bay, einem langen Meeresarm, gespickt mit Kalksteinfelsen, die unten von den Wellen so ausgewaschen sind, dass sie aus der Ferne über dem Wasser zu schweben scheinen. Der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace, ein Pionier der Evolutionstheorie wie Charles Darwin, segelte vor 150 Jahren durch eben diese Bucht und schwärmte von einer der wundervollsten Landschaften, die er je gesehen habe.

Im Kajak durchs Aquarium

Zwei Kajakfahrer in der Kaboei Bay, einer Lagune im Archipel

Irgendwo in diesem Insellabyrinth steht eine private Unterkunft auf Stelzen, in der wir die Nacht verbringen wollen und hoffentlich zu sehen bekommen, was Wallace "den außergewöhnlichsten und schönsten gefiederten Erdbewohner" nannte: den Roten Paradiesvogel. Immer vorausgesetzt, unser GPS-Empfänger gibt den richtigen Kurs an. Die Koordinaten hat ein Forscher, Naturschützer und Resortbetreiber eingegeben, der an diesem Ort seit 20 Jahren Pionierarbeit leistet. Eigentlich hatte den Holländer Max Ammer die Suche nach militärischer Ausrüstung aus dem Zweiten Weltkrieg ins Inselreich vor Papua gelockt, Zeugnissen der Kämpfe zwischen Alliierten und Japanern um den Archipel. Seine Suche nach Wracks förderte aber vor allem ganz andere Unterwasserschätze zutage: die wimmelnden Riffe von Raja Ampat. "Niemand hatte es mehr auf dem Radar", erzählt der frühere Elitesoldat, während er uns ein Survival-Kit für das Kajak-Abenteuer zusammenstellt. "Ich habe ständig Tauchern und Biologen davon erzählt, aber erst 2001 fand eine umfassende Erkundung statt."

Treffen mit dem Paradiesvogel

15 Kilometer lang schlängelt sich der Kajak-Parcours durch Lagunen, Meerengen und Buchten, von Unterkunft zu Unterkunft. Für Hartgesottene gibt es auch Passagen über offenes Meer. Zu denen gehören wir allerdings nicht, wir halten uns in den drei Tagen im Kajak dicht an der Küste, belohnt durch das Dschungelkonzert, blendend weiße Strände und das Schweben über türkisblauen Korallenlagunen. Kurz vor Einbruch der Dämmerung kommt unser Nachtquartier in Sicht: ein Landesteg aus Holz, dazu zwei Palmwedelhütten mit Moskitonetzen und Matten. Lukas Amparele erwartet uns mit seinen drei Söhnen. Sie nehmen den Barrakuda aus und grillen ihn für uns über einem offenen Feuer. Früher war Lukas Fischer, wie fast alle Einwohner der rund 90 Dörfer des Archipels. Heute lebt er vom Tourismus und verhilft seinen Gästen zum seltenen Anblick des Roten Paradiesvogels, der nur hier zu finden ist. Um fünf Uhr morgens stupst uns Lukas aus dem Schlaf.

Es ist noch dunkel, als wir in den Wald wandern. Mit Taschenlampen leuchten wir ins feuchte Grün. Dann setzt aus dem Dickicht der Chor der Würgerkrähen ein und das gelegentliche Kreischen von Papageien und Nashornvögeln. Wir verkriechen uns in einem behelfsmäßigen Versteck, Minuten später deutet Lukas auf eine schemenhafte Kontur vor uns. "Ein Männchen", flüstert er aufgeregt. Langsam wird es heller, ein zweiter Vogel mit rostrot schillernden Schmuckfedern gesellt sich dazu, dann immer mehr. Ein Weibchen landet auf einem Zweig. Die Flügel gespreizt, stolzieren die prächtigen Männchen umher wie Flamencotänzer – ihr berühmtes Balzritual, für das Wallace um die halbe Welt gereist war. Noch ganz verzaubert schlendere ich zurück zum Strand. Die Sonne klettert über die Palmwipfel. Lukas’ Kinder angeln auf dem Steg und schlagen Saltos ins Wasser. Wir beladen die Kajaks. Vor uns liegen die nächsten Kilometer mit Korallenriffen und Regenwald – und Begegnungen mit Tieren, von denen wir bislang noch nicht einmal wussten, dass es sie gibt.

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