Apulien Barocke Lebensfreude in Lecce

Ganz unten auf dem Stiefelabsatz liegt eine Stadt, auf die nur ein Begriff passt: Kleinod. Ein intaktes Ensemble von prächtiger Vielfalt – perfekt zum Flanieren bei Tag oder in den langen Sommernächten des Südens
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Eine Innenstadt, die einem Freilichtmuseum gleicht. Auch der Dom von Lecce beeindruckt im Barockstil

Sie ist mit Abstand die lieblichste aller Städte Apuliens. Dass sich ihre Schönheit in einer chemischen Formel ausdrücken lässt, ist weniger bekannt. CaCO3 lautet das Geheimnis von Lecce, der barocken Hauptstadt der Halbinsel Salento, ganz unten am italienischen Stiefelabsatz. In Worten: Kalziumkarbonat. Das ist der Hauptbestandteil der pietra leccese, eines kompakten und feinkörnigen Kalksteins, der seit ewigen Zeiten im Salento verbaut wird. Weich wie Mürbteig und sahnig gelb – ein Leckerbissen für die Steinmetze, die Lecce in Barock und Rokoko herausputzten. Aus dem Material holten sie eine prächtige Vielfalt an Formen, Figuren und Fantasie-Dekorationen heraus, die bis heute an den Fassaden vieler Kirchen und Palazzi, auch der weniger berühmten, zu bestaunen sind.

Erleben

Das Schönste zuerst? Dann nichts wie hin zur barocken Basilica di Santa Croce (Via Umberto I 3). Das Innere ist eher nüchtern, doch die Balustrade auf der prächtigen Fassade wird von steinernen Fabelwesen, Ungeheuern und Muskelprotzen getragen, an denen von der Fischschuppe bis zur Gürtelschnalle kein Detail fehlt. Der fast ebenso üppig dekorierte Anbau zur Linken gehört nicht zur Kirche, sondern ist Sitz der Provinzverwaltung. Als Kontrastprogramm bietet sich das Castello Carlo V an, ein wuchtiger Klotz aus dem 16. Jahrhundert. Bei Restaurierungsarbeiten wurden vor kurzem die riesigen Kellergewölbe freigelegt, die als Steinbrüche für den weiteren Ausbau der Burg dienten und heute besichtigt werden können. Hier unten – erzählt der junge Tourguide – hielt die adlige Familie Orsini del Balzo vermutlich auch ihre Wappentiere, drei Bären (Viale XXV Luglio, www.ilecce.it). Lecces Stadtgeschichte gibt es als originelle 3-D-Präsentation im Must, einem ehemaligen Klosterkomplex, in dem auch Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst und Fotografie organisiert werden. Netter Abschluss: Aperitif im Café im Innenhof (Via degli Ammirati 11, www.mustlecce.it). Hinaus aus der Stadt? Lecce liegt zwischen zwei Meeren und inmitten ausgedehnter Olivenhaine mit teils jahrhundertealten Bäumen. Viele mussten nach dem Befall mit dem Xylella-Bakterium in den letzten Jahren gefällt werden, dennoch lohnt sich eine Radtour durch die Region. Tagestouren inklusive Leihrad organisiert Salento Bici Tour (www.salentobicitour.org).

Essen & Trinken

Die besten Adressen liegen außerhalb der Stadtmauern. In der Trattoria le Zie muss man klingeln, bevor man in einer der zwei kleinen Stuben mit bunt gemustertem altem Cementine-Boden Platz nimmt. Die namengebenden Tanten wirken in der Küche; eine strenge junge Bedienung schleppt dicke weiße Porzellanteller mit fave con cicorielle (Saubohnenpüree mit bitteren Wildkräutern) oder in scharfer Tomatensoße geschmortem Pferdefleisch heraus (Via Costadura Colonnello Archimede 19, Tel. 0039-0832-24 51 78).

Ein paar Ecken weiter führt der junge Davide De Matteis, ein Fass von einem Mann, mit der BAR 300MILA laut Gastroführer "Gambero Rosso" die beste Bar Italiens. Ein schickes, modernes Lokal mit hunderten Flaschen Single Malt Whiskey, Rum und Gin in den Vitrinen. Flott gekleidete Einheimische frühstücken hier Lecces beste Blätterteig-Hörnchen, gehen später zu Sandwich und Sushi über und lassen sich mittags und abends elegant bekochen. Etwa mit gegrillten Polypententakeln auf Bohnenschaum (Via Centoquarantesimo Reggimento Fanteria 11, Tel. 0039-0832-27 99 90, www.300mila.com).

Auf irisches Pub macht das Joyce in der Altstadt, doch in den Gewölben kommen außer Fassbier auch ordentliche lokale Rotweine und feine Apulien-Klassiker wie gegrillter Scamorza-Käse und, für Pasta-Liebhaber, orecchiette mit Brokkoli auf den Holztisch (Via Matteo da Lecce 5, Tel. 0039-0832-27 94 43).

In den Weinbars der Parallelstraße (Via Umberto I), wo vor dem Barrique (www.labarrique.lecce.it) oder dem Shui das Over-30-Publikum stilvoll zusammensitzt, könnte man weiterfeiern.

Die zahlreichen Studenten Lecces amüsieren sich dagegen lautstark im Kneipenviertel südlich der sogenannten Piazzetta Santa Chiara, weshalb man ein Hotel in diesem Bereich besser meiden sollte.

Nachwuchssorgen plagen das stille, alte Benediktinerinnenkloster San Giovanni. "Wir sind 17 Nonnen, aber nur noch 12 können arbeiten", sagt die winzige, geschätzt 90-jährige Schwester an der Pforte. "Unsere traditionelle Mandelpaste stellen wir aber immer noch her." Ein Glück, denn die zarte, fast transparente Süßigkeit ist ein Hochgenuss. Erhältlich an der Klosterpforte (Via delle Benedettine 4, www.benedettinelecce.it).

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Besonders in den kleinen Seitenstraßen geht es in den Abendstunden gemütlich zu. Nach dem Essen kommt der Wein und dann der Tanz

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Italienisches Straßenbild wie es im Buche steht, mit einem alten Fiat im Fokus

Schlafen

Schön ruhig und ein ästhetischer Hochgenuss sind die sechs Zimmer im Edel-B & B Mantatelurè, wo man in Cremetönen, feinen Stoffen und altem Holz schwelgt und im grünen Innengarten unter Granatapfelbäumen träumt. Zum Frühstück gibt es in dem restaurierten Palazzo aus dem 16. Jahrhundert frisches Obst und hausgemachte Kuchen, Törtchen und Kekse (Via Vittorio dei Prioli 42, Tel. 0039-0832-24 28 88, www.mantatelure.it).

In einen Park mit alten Oliven- und Zitronenbäumen duckt sich Lecces neueste Adresse, LA FIERMONTINA. Klare Linien, puristischer Luxus und viel moderne Kunst, darunter eine Original-Skulptur von Fernand Léger, schaffen einen wohltuenden Kontrast zum barocken Überfluss der Stadt (Piazzetta Scipione De Summa 4, Tel. 0039-0832-30 24 81, www.lafiermontina.it, DZ/F ab 220 €).

Eine Menge Selbstdisziplin brauchen Gäste des weinumrankten Palazzo Rollo in der Altstadt von Lecce. Denn die riesige Dachterrasse bietet einmalige Aussichten auf Dom und Stadt, und aus den schönen Sitzecken mag man sich gar nicht mehr losreißen. Die Zimmer und Apartments sind großzügig, mit Antiquitäten und sehr familiär eingerichtet. Außerdem gibt es im Hotel einen Fahrradverleih (Via Vittorio Emanuele II 14, Tel. 0039-0832-30 71 52, www.palazzorollo.it).

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Apulien
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