Azoren

Teeplantagen, ein Thermalteich im Park, eine kunstsinnige Hauptstadt und Slow-Food, das in Vulkankratern gart – Erkundungen auf der Hauptinsel der Azoren
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Den Kratersee Lagoa do Fogo auf São Miguel, der Hauptinsel der Azoren, ziert ein grüner Felskragen

Eintauchen

Das Wasser schimmert rostbraun, was ein wenig abschreckend wirken könnte, wären da nicht die Badenden, die mit glücklichen Mienen in den trüben, eisenhaltigen Fluten dümpeln. Angenehme 32 Grad herrschen in dem großen Thermalteich, den ein sagenhafter Naturpark umgibt: Meterhohe Baumfarne breiten ihre Fächer aus, die Äste der japanischen Sicheltannen wippen im Wind, und im Frühjahr verwandeln 600 Kamelienarten den Parque Terra Nostra in ein Blütenmeer. Reisende finden "Europas bestgehütetes Geheimnis", wie die Azoreaner es kokett nennen, in Furnas. Der Ort mit seinen verwinkelten Gassen liegt in einem erloschenen Vulkankrater auf São Miguel, der Hauptinsel der Azoren, rund 1500 Kilometer vom Mutterland Portugal und mancherorts Jahrzehnte von der Gegenwart entfernt (www.visitazoren.com). Als der Unternehmer Vasco Bensaúde den Park (www.parqueterranostra.com), den der aus Boston stammende spätere Orangenbaron Thomas Hickling 1775 samt Sommerresidenz angelegt hatte, in den Dreißigern erwarb, schwebte ihm ein El Dorado für die Reichen und Schönen vor – mit Hotel und Casino im Art-déco-Stil. Doch Schädlinge, der Zweite Weltkrieg und die Salazar-Diktatur durchkreuzten diese Pläne. Das Casino, inzwischen stilvoll restauriert, lockt heute hungrige Wanderer an.

Probieren

Star des "Terra Nostra"- Casinos ist der cozido, ein Slow-Food-Gericht, das diesen Titel wirklich verdient: Rund sieben Stunden gart dieser Eintopf in einem vulkanischen Erdloch, bis er auf den Tisch kommt. Beim cozido neigen die sonst recht bescheidenen Azoren-Bewohner zum Hochstapeln: In mächtige Kessel schichten sie zuerst Kohl und Yamswurzeln, darauf Hühner- und Rindfleisch, darüber Karotten, Kartoffeln und Süßkartoffeln, zu guter Letzt noch Speck, Blutwurst und Chorizo. Kohlblätter und Deckel drauf, frühmorgens ab in Teufels Küche, aus der es ringsum brodelt und schwefelt, und fertig ist mittags die infernale Spezialität von Furnas. Ein Genuss, von dem sich der Gast eine ganze Weile – es ist ja schließlich Slow-Food – erholen muss.

Umdenken

Badesachen sollte man einpacken, aber noch wichtiger sind Regenjacken und Wanderschuhe. Denn das Azorenhoch entsteht zwar mitten im Atlantik, beglückt aber die Azoren nicht: "Hier kann jede Stunde das Wetter wechseln, mal Sonne, mal Regen, mal tief fliegende Wolken", sagt der Österreicher Robert Hoge, den es der Liebe wegen nach São Miguel verschlug. Nur kalt wird es nicht: Zwölf Grad sind im Winter das Mindeste. Zwar gibt es Strände wie die schwarzsandige Praia do Populo östlich der Hauptstadt Ponta Delgada, doch prägender sind Klippen, die steil und schroff ins Meer abfallen, sanfte Hügel, auf denen Kühe weiden, umzäunt von Hortensienhecken, Vulkankrater mit blau und grün schimmernden Seen, Mischwälder und eine Landschaftsvielfalt, zu der auch Tee- und Ananasplantagen gehören.

Ansehen und Staunen

Von der bewegten Geschichte der Insel erfahren Besucher rund um die Praça de Outubro. Dort wachen die wuchtigen Festungsanlagen des Forte de São Braças seit dem 16. Jahrhundert über den Hafen von Ponta Delgada. Und im Convento de Nossa Senhora da Esperança zieht die berühmte Christusfigur jeden fünften Sonntag nach Ostern Pilger aus aller Welt an, die zum einwöchigen Fest der Wunder anreisen. Der Gegenwart widmet sich das Arquipélago, das neue Zentrum für zeitgenössische Kunst im Küstenort Ribeira Grande. Ein faszinierendes architektonisches Ensemble mit Künstleratelier und Ausstellungsräumen in einer ehemaligen Alkoholfabrik (Rua Adolfo Coutinho de Medeiros, www.arquipelagocentrodeartes.azores.gov.pt). Mit etwas Glück können Reisende vor der Küste der Insel Wale und Delfine sichten. Whalewatching-Touren starten im Hafen von Ponta Delgada (www.futurismo.pt).

Lederne Transmissionsriemen treiben Maschinen aus dem 19. Jahrhundert an: Wie ein Museum der Industrialisierung wirkt die Teemanufaktur Chá Gorreana, die sich im Ort Maia bei laufender Produktion besuchen lässt. Seit 1883 im Besitz der Familie Hintze-Mota, werden dort nach orthodoxer Verfahrensweise mit rüttelnden und schnaufenden Maschinen Teeblätter getrocknet und fermentiert, die gleich nebenan auf den Hügeln an der Nordküste wachsen (www.gorreana.pt). Chá Gorreana und die benachbarte Chá Porto Formosa sind Europas älteste Teeplantagen. Und weil Tee-Schädlinge die klimatischen Bedingungen auf der Insel nicht mögen und deshalb auf Chemie verzichtet werden kann, schlürft man bei der Degustation quasi Bio-Tee, köstlich und mit wenig Gerbsäure der Orange Pekoe, belebend der sanft würzige Grüntee.

Einkaufen

Was sonst noch alles auf der Insel gedeiht, präsentiert sich kompakt in Ponta Delgada in der etwas dunklen Halle des Mercado Municipal (Rua do Mercado): kleine, besonders aromatische Ananas, die unter Treibhausdächern reifen, etwa auf der für Besucher offenen Arruda-Plantage am Rande der Hauptstadt (Rua Dr. Augusta Arruda, Fajã de Baixo), kräftiger Käse von den Inseln bei O Rei dos Queijos, dazu vinho abafado, ein gespritzter Traubenmost, der an Sherry erinnert, und Meeresgetier in allen Variationen, wie Tunfisch, Gabeldorsch, Langusten oder auch lapas und cracas, Napfschnecken und Seepocken. Im nostalgischen Charme eines alten Lebensmittelladens gibt’s im Louvre Michaelense Fischkonserven, Souvenirs und Gebäck – einkaufen wie in alten Zeiten (Rua Antonio José d’Almeida 8, www.facebook.com/louvremichaelense).

Geniessen

Die saftigsten Steaks, einfach und deftig, tischen die Genossenschaftsbauern der Associação Agrícola in ihrem Restaurant auf (www.restauranteaasm.com). Am neuen Pier des Hafens von Ponta Delgada stehen bei O Mariñeiro Fisch und Meeresfrüchte im Vordergrund. Das auf der Haut gebratene Filet des Atlantischen Barrakudas war traumhaft zart (Portas do Mar, Loja 3, www.omarineiro.com). Risotto-Gerichte empfehlen sich im A Colmeia, das zum Hotel do Colégio gehört (Travessa do Colegio 39).

Schlafen

Frisch und modern eingerichtet ist die Azorean urban Lodge, ein altes Stadthaus mit schöner Terrasse und Lounge (Rua José Bensaúde 72, www.azoreanurbanlodge.com).

In der Fußgängerzone Ponta Delgadas bietet das Hotel Talisman gediegenen Komfort in einem verwinkelten Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, eine Dachterrasse mit Pool und großartiger Aussicht über die Stadt (Rua Marquês da Praia e Monforte 40, www.hoteltalisman.com).

In jeder Hinsicht abtauchen lässt sich im Furnas Boutique Hotel, einer Design-Herberge hinter der historischen Fassade einer ehemaligen Badeanstalt. Mit großem Thermalbad, Außenpool und Restaurant, in dem an langen Tischen in legerer Atmosphäre leichte Varianten der azoreanischen Küche serviert werden (Furnas, Avenida Dr. Manuel de Arriaga, www.furnasboutiquehotel.com).

Anreise

Direkt nach Ponta Delgada fliegen SATA ab Frankfurt und Air Berlin ab Düsseldorf, TAP mit Stop in Lissabon. Individuelle Rund- und Aktivreisen auf São Miguel und den anderen Azoren-Inseln bietet der Portugal- Spezialist Olimar an (www.olimar.de).

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