Italien Seeglück

In der Kälte deutscher Winter waren die Seen Norditaliens stets unser sonniger Sehnsuchtsort. Sie sprühen auch heute noch so vor ursprünglichem Charme, dass es sich lohnt, sie neu zu entdecken
Seeglück

Schmuckstück – die Ortschaft San Giulio am Ortasee

Der kleine, friedliche Ortasee hat spannende Überraschungen parat – uralte Wälder, raue Ufer und zackige Bergkulissen

 

Gleich zwei Monte Rosas? Ich schaue von einer Aussichtsterrasse oberhalb des Dorfes Orta San Giulio zum Ortasee hinab. Auf seiner Spiegelfläche verdoppeln sich der Berg und seine Ausläufer, auch der weiße Glockenturm der Isola di San Giulio taucht gleich zweimal in der Seemitte auf. Würde nicht das Fährboot ab und an das stille Wasser teilen, man könnte es durchaus für ein Standbild halten.

Der See wirkt auf mich wie der Lago Maggiore en miniature: Auf einer Länge von rund 13 Kilometern bringt der hübsche Winzling alle Naturkulissen unter, für die sein großer Bruder nebenan das über Zehnfache an Raum braucht. Im Westen steht sein Felskragen bis zu 4634 Meter hoch: Der schneebedeckte Monte Rosa, immerhin der zweithöchste Gipfel der Alpen, strahlt wie ein Leuchtfeuer. Das westliche Ufer ist dicht bewaldet und rau, Felsklippen durchbrechen sattes Grün.

Am Ostufer dagegen vergoldet die Sonne sanft abfallende Höhenzüge. Über weite Flächen ziehen sich saftige Wiesen und Wälder: uralte Edelkastanien und Buchen. Im Osten streckt sich auch Orta San Giulio auf einer Halbinsel ins Wasser. Beim Dorfspaziergang durch kieselgepflasterte Gassen staune ich über Rokokofassaden, geschmiedete Balkongitter – und die Stille. Nur die Piazza Motta lässt ahnen, wie trubelig das Dorf am Wochenende sein wird, wenn Gäste aus Mailand und Turin anrücken.

Auf drei Seiten säumen in Würde gealterte Palazzi den Platz, die vierte Seite öffnet sich zum Wasser. Dort spielt sich wie auf einer Bühne italienischer Alltag ab: Alte Männer debattieren gestenreich auf Bänken im Schatten der Kastanien, Kinder spielen Fangen.

Abends fahre ich nach Miasino, einem verschlafenen Ort oben in den Bergen, die den Ortasee vom Lago Maggiore rund 15 Kilometer östlich trennen. In einer Barockvilla mit Park entdecke ich die "Taverna Antico Agnello" mit ihrer traditionel­len Küche. Marialuisa, die Frau des Chefs, nimmt sich Zeit zum Plaudern und erzählt, wie sehr sie die gezackten Berge mag und die stillen Dörfer am Wasser. "Ich liebe den Ortasee viel mehr als den Lago Maggiore", sagt sie. "Er hat auf seine bescheidene Art Persönlichkeit. Vielleicht sogar eine Seele."

Ralf Frädtke

Ganz allein unter Einheimischen fühlen sich Urlauber am beschaulichen Iseosee – bis am Sonntag die Familien aus den großen Städten anrücken

Da habe ich wohl etwas Falsches gesagt. "Nicht so bekannt?" Der alte Mann runzelt die Brauen. "Für uns ist der Iseosee bekannt genug", sagt er bestimmt, dann schaut er wieder seelenruhig auf die Wellen. Wir stehen am Steg von Sale Marasino am östlichen, sanfteren Ufer des Sees, der wie ein angedeutetes S zwischen den Bergen liegt – im Westen fallen die Felswände stellenweise fast senkrecht ins Wasser. Selbst jetzt, im August, wartet nur eine Handvoll Leute auf das Boot zur Insel Monte Isola, deren grüner Kegel aus dem Wasser ragt.

Seeglück

Blaue Stunde

– das Inseldorf Peschiera Maraglio am Iseosee

Die Überfahrt dauert keine zehn Minuten, trotzdem habe ich das Gefühl, aus der Welt gefallen zu sein. Ein Auto dürfen hier nur Amtspersonen fahren, und im Hafenort Carzano ist Möwenkreischen das lauteste Geräusch. Ich miete ein Rad, um die Insel zu umrunden. Es geht ziemlich steil den Berg hinauf, unter mir leuchtet tiefblau das Wasser, die Grillen zirpen. Oben geben Holztore in den engen Gassen von Siviano den Blick auf grüne Innenhöfe frei. Eine Frau lädt mich ein, an ihrem Brunnen zu trinken.

Andere Besucher sind so selten, dass ich mich frage, woher der alte Mann in Sale Marasino seine Überzeugung nimmt. Doch dann kommt der Sonntag, und ich weiß es. Um den See scheint ein einziger großer, fröhlicher Familienausflug im Gange zu sein. Auf schmalsten Uferstreifen werden Handtücher und Picknickdecken ausgebreitet, Kinder springen von den Stegen ins Wasser. Im Städtchen Iseo am Südzipfel ist in den Cafés unter den Arkaden jeder Tisch besetzt. Ich höre fast nur italienische Stimmen. Bei den Deutschen mag der Iseosee im Vergleich zum großen Bruder Garda weitgehend unentdeckt sein. Aber die Italiener lieben ihn.

Am Nachmittag spaziere ich die alte, für Autos gesperrte Straße bei Vello entlang, die Sonne brennt, ich frage ein paar Radfahrer nach der nächsten Badestelle. Ein Stückchen weiter finde ich die Treppe, nie hätte ich sie ohne Hinweis genommen. Noch auf dem Pfad durchs Brombeergestrüpp glaube ich an ein Missverständnis. Doch dann liege ich schon im Schatten einer Weide am Wasser, in der Nase den schweren Duft von Feigen, und sehe den vorbeiziehenden Segelbooten nach.

Barbara Baumgartner

Nicht nur George Clooney schätzt das Pathos der Villen und Paläste, die den Comer See mit herrschaftlicher Grandezza anreichern

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Glanzlicht – das Fischerstädtchen Varenna am Ostufer des Comer Sees

Das Linienboot legt in Como ab und fährt den See hinauf nach Varenna. An Bord ein junges Paar aus Amerika, er im langärmligen rosa Hemd, sie in gebügelter Bluse, beide makellos und elegant. Fast tun sie mir leid in der Schwüle – doch beide harmonieren prächtig mit der gusseisernen Verspieltheit des Bootsanlegers in Cernobbio, wo wir als Erstes Halt machen. Oder mit dem imposanten Kasten des Grandhotels "Tremezzo", der wenig später am Ufer auftaucht, sechs Stockwerke bestens erhaltene Belle Époque.

Über uns kreist ein Wasserflugzeug. Von da oben könnten wir die ungewöhnliche Form des Comer Sees auf einen Blick erkennen – ein kopfstehendes Y, seine drei Arme umschlossen von bewaldeten Bergen. Wie hingestreut vor deren Faltenwurf leuchten aus dem Ufergrün herrschaftliche Villen auf, von Zypressen flankierte Schmuckstücke in Apricot, Creme oder Weiß, manche mit Freitreppen, die fast bis ans Wasser reichen.

Wie eine geologische Schicht hat sich über die Jahrhunderte der Reichtum Mailands und Comos am Seeufer abgesetzt. Das Stilempfinden jener Epochen ging mit der dramatischen Szenerie eine glückliche Melange ein. Im milden Klima blühte oft botanischer Ehrgeiz auf, so entstanden fantastische Gärten wie der an der "Villa Carlotta" bei Tremezzo, wo Azaleen in riesigen Kissen leuchten und Rhododendren blühen wie im Himalaya. Urlauber können am Comer See alle Arten von Wassersport treiben und auf den Höhen ringsum wunderbar wandern, doch eigentlich ist Schauen genug. Am besten vom Wasser aus, dann zeigen die Orte ihr schönstes Gesicht.

Frühmorgens in Ossuccio. Ich sitze im Straßencafé von Silvano Bordoli, der mir erzählt, wie viel Geld die Sängerin Madonna spendet, wenn sie zur Wallfahrtskirche Beata Vergine del Soccorso pilgert, und wie viel ein "russisches Fräulein" für eine nahe Villa ausgab. Das Café ist auch Geschäft, neben dem Tresen steht die Milchtheke.

Silvano zeigt auf ein Foto an der Wand: er als Kellner auf der Isola Comacina, der einzigen Insel im See, er hat Cary Grant das Essen serviert. Jetzt kocht er für Gäste. Den Fisch kauft er bei der letzten Fischerfamilie im Ort, "frag nach Giulio, der ist hier bekannter als George Clooney".

Barbara Baumgartner

Oberitalienische Seen
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