London Ziferblat - wo Zeit kostbar ist

Ein junger Mann aus Moskau revolutioniert mit einem neuen Café-Konzept die Ausgeh-Szene in London. Wir haben uns im "Ziferblat" umgesehen und mit den Machern gesprochen
Ziferblat - wo Zeit kostbar ist

Die zwei festen Mitarbeiter des Londoner Zeitcafés "Ziferblat" Jona und Tom kümmern sich um den reibungslosen Ablauf, während Besitzer Ivan Meetin in New York nach einer passenden Location für das 11. "Ziferblat" sucht

Busse rauschen vorbei, Taxen bahnen sich hupend ihren Weg und gestresste Geschäftsleute hetzen telefonierend zum nächsten Termin. An der belebten Straßenecke, wo die Londoner Stadtteile Shoreditch und Hoxton aufeinander treffen, hat niemand so wirklich Zeit. Außer Ivan Meetin. Er verkauft die kostbare Ware im ersten Stock des Eckhauses an der besagten Straßenkreuzung – hier hat er mit dem "Ziferblat" Londons erstes Zeitcafé eröffnet. Lediglich ein Wecker im unauffälligen Schaufenster zwischen Pub und Bahnunterführung weist den Weg in Ivans Welt. Der 29-jährige Russe mit dem gezwirbelten Schnauzer hat sein Konzept bereits erfolgreich in Russland und der Ukraine etabliert. Mit dem "Ziferblat" in London wagt er nun den Schritt in eine westeuropäische Großstadt. "Ich wollte einen Ort schaffen mit einer offenen und herzlichen Atmosphäre. Einen Ort, an dem sich niemand verpflichtet fühlt, etwas zu konsumieren, um seinen Aufenthalt zu rechtfertigten", erklärt Ivan seine Idee. Die lichtdurchfluteten Räume im Londoner Osten haben Wohnzimmer-Charakter. Ein bunter Mix aus Flohmarkt-Stühlen und Tischen lädt zum Verweilen ein, der Wasserkocher pfeift aus der Küche und der Plattenspieler sorgt dezent für knisternde Musik aus den 60ern.

Ziferblat - wo Zeit kostbar ist

Jona empfängt die Gäste an der kleinen Theke und erklärt Neuankömmlingen das Prinzip

Wer es sich hier gemütlich machen will, checkt an einer kleinen Theke im Eingangsbereich ein. Auf der anderen Seite des Tresens sitzt Jona, einer der Festangestellten. Er begrüßt jeden Wiederkehrer per Handschlag und erklärt jedem Neuankömmlingen das Prinzip: "Die Gäste werden zu Mietern auf Zeit. Pro Minute zahlen sie fünf Pence, rund acht Cent. Dafür dürfen sie sich hier wie zu Hause fühlen. Alles, was die Gemeinschaftsküche hergibt, darf kostenfrei verzehrt werden, Brettspiele, WLAN und Klavier sind für jeden Besucher frei verfügbar." In einer antiken Vitrine am Eingang stehen Wecker und Tischuhren aus vergangenen Tagen. Sie tragen Namen wie Margot, Edith oder Alfred und sind allesamt stehen geblieben, denn niemand soll sich von tickenden Uhren unter Druck gesetzt oder gehetzt fühlen. Jeder Gast entscheidet sich für ein Modell, dessen Namen er mit seinem eigenen auf einem kleinen Zettel samt der Ankunftszeit vermerkt. Symbolisch ist der Gast mit seiner Uhr für die Zeit im "Ziferblat" verbunden, erst beim Verlassen stellt er sie zurück in die Vitrine.

Ein kleines Team aus Festangestellten und Freiwilligen kassiert, sorgt dafür, dass sich neue Gäste zurecht finden und verfolgt eigene Projekte. So auch Jona, seit Kurzem gehört er zum festen Team in London. "Ich war erst Gast, dann gefiel es mir hier so gut, dass ich blieb und mich für Schichten eintragen ließ." Wenn er sich nicht um die Gäste kümmert, arbeitet Jona an seinen Drehbüchern und reiht sich damit in die Gruppe der Kreativen ein, die "Ziferblat" als Arbeitsstätte für sich entdeckt haben.

"Unter der Woche kommen meist Freiberufler, die von hier aus arbeiten, manchmal haben wir aber auch größere Business Meetings, alles ist möglich", erklärt Jona. Oft ist es an den Wochentagen eher ruhig, es herrscht Arbeitsatmosphäre, fast alle Gäste sind mit Laptop und Unterlagen beschäftigt, wie zum Beispiel Micheil Smith. Da der 21-jährige Informatiker in seinem Großraumbüro um die Ecke kaum Platz zum Arbeiten hat, konnte er bei seinen Chefs das "Ziferblat" als Alternative etablieren. Nun kommt er nahezu täglich – das ist nicht nur günstiger als eine Bürogemeinschaft, sondern auch entspannter, findet Micheil: "Ich schätze die Ruhe hier. Kein Gewusel und dennoch liegt alles gleich vor der Tür".

Ziferblat - wo Zeit kostbar ist

Unter der Woche haben die Besucher freie Platzwahl, am Wochenende hingegen müssen sie auch mal vorlieb mit einem Stehplatz in der Küche nehmen

Am Wochenende hingegen ist jeder Platz besetzt: Touristen, müde Shopper und neugierige Londoner füllen den Raum. Italienische, spanische, englische, russische Sprachfetzen hängen in der Luft, die Klingel läutet alle paar Minuten, und in der Küche herrscht reger Betrieb. Mikrowelle, Wasserkocher, Kaffeemaschine - die volle Ausstattung steht für die Gemeinschaft der Zeitjünger zur Verfügung. Ihre Getränke und Mahlzeiten dürfen die Gäste selbst mitbringen. Oder sie bedienen sich an dem, was da ist. In den Küchenschränken sind immer Tee und Kaffee in sämtlichen Ausführungen zu finden sowie ein buntes Sammelsurium an Geschirr. Mal hat jemand Kekse oder einen Kuchen gebacken, mal gibt es Obst. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an WG-Zeiten. Die Stimmung wechselt mit den Zeitmietern, denn die sind verantwortlich für das, was im "Ziferblat" passiert. Jeder ist gleichberechtigt und frei, das zu tun, wonach ihm oder ihr gerade der Sinn steht: Klavier spielen, Bücher lesen oder Marmeladen-Brote schmieren. Das ist ganz im Sinne des Erfinders, denn der wehrt sich gegen den Titel Zeitcafé: "Ich mag den Ausdruck nicht so gern, er suggeriert, dass es hier Service und immer Kuchen gibt", sagt Ivan. Er präferiere den Titel open space für sein Projekt. "Manche Gäste kommen mit falschen Erwartungen, sie haben gehört, das Ziferblat sei wie ein Café, in dem man nur die Zeit zahlt. Sie erwarten Kuchen, Service und sind dann enttäuscht, wenn sie sogar ihren Abwasch selbst machen müssen", fügt Jona zu.

Ziferblat - wo Zeit kostbar ist

Micheil Smith hat seinen Platz im Großraumbüro gegen das "Ziferblat" eingetauscht

Daneben benommen hat sich dennoch bisher niemand. Die meisten Besucher merken schnell, ob sie sich in der Welt von Ivan Meetin wohlfühlen oder nicht. Keiner nutzt den günstigen Minutenpreis für einen schnellen Espresso aus. "Das würde einfach unangenehm auffallen und das merkt man schnell, wenn man reinkommt", erzählt Ivan. Das "Ziferblat" profitiert von dem gesellschaftlichen Verlangen nach mehr Zeit und Work-Life-Balance, anders kann auch Ivan sich den Erfolg seines Konzeptes nicht erklären. Ob Moskau oder London – seine Zeiträume werden bestens angenommen. Er ist zufrieden mit der Eröffnung in London. Die horrende Miete im Szeneviertel Shoreditch kann er mit seinen Einnahmen decken. Sollte etwas kaputt gehen, wie erst kürzlich die Kaffeemaschine, findet sich immer jemand unter den Gästen, der bereit ist zu helfen. Viel mehr benötigt Ivan auch nicht, um das "Ziferblat" in London mit Leben zu füllen. Denn das kommt, in Form von gestressten Großstädtern oder neugierigen Hipstern, von ganz allein, zahlt fünf Pence die Minute, und macht es sich im ersten Stock des Hauses mit der Nummer 388 auf der Old Street gemütlich. Als nächstes möchte Ivan den Menschen in New York zu mehr Zeit verhelfen, hier sucht er momentan noch nach einer passenden Immobilie für sein insgesamt 11. Open-Space-Projekt.

Ziferblat - wo Zeit kostbar ist

"Ziferblat" ist die russische Form des deutschen Wortes Zifferblatt und wurde zum Namengeber für die Zeitcafés von Ivan Meetin

Infos zu "Ziferblat"

Alle Ziferblat-Filialen, die Hintergrundgeschichte, Informationen zu dem neuesten Projekt in London und zu der baldigen Eröffnung in New York gibt es auf der Webseite von Ziferblat.

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