Die kleinste Stadt Deutschlands Fisch essen, Segeln, Ruhe finden

300 Einwohner leben in Arnis an der Schlei in sieben Straßen auf nicht ganz einem halben Quadratkilometer. Trotzdem ist der Ort ganz offiziell eine Stadt. Zu Besuch in der kleinsten Stadt Deutschlands.
Arnis, die kleinste Stadt Deutschlands

Eine Stadt mit Geschichte und Tradition: Trotzdem ziehen auch junge Familien nach Arnis an der Schlei

Es ist ein rauer Herbsttag im Norden Deutschlands. Kerzen flackern im Fenster eines hellen Hauses mit dunkelgrünen Fensterläden und terrakottafarbenem Dach. An der Eingangstür hängt ein hölzernes Schild und grüßt seine Besucher mit den nordischen Worten „Moin, Moin“. Wildrosen und Efeu ragen entlang der Hausfassade empor und versuchen die letzten Strahlen der Herbstsonne aufzusaugen. So säumen die Altbauten die gesamte Stadt Arnis – Haus an Haus, Garten an Garten.

Wenn der Wind durch die Straßen fegt und die bunten Lindenblätter raschelnd zu Fall bringt, verschwinden die Bewohner Arnis in ihren Häusern und überlassen die Wanderwege den Tagesbesuchern. Restaurants schließen und die Fähre fährt nur noch unregelmäßig von Sandsacker nach Arnis, doch die Idylle trotzt dem Wetter. Wer das Ortschild passiert, fühlt sich von den farbenfrohen Häusern mit schönsten Fenstervorbauten, gepflegten Gärten und verzierten Sitzbänken eingeladen.

Seit 1934 ist Arnis offiziell eine Stadt. Das Stadtsiegel verdankt der Ort einer damaligen Gebietsreform und einem besonders hartnäckigen Bürgermeister. Ursprünglich wurde die kleine Ansiedlung auf der Halbinsel an der Schlei nur als „Flecken“ bezeichnet. In ganz Schleswig-Holstein gab es noch 24 weitere dieser Ortskleckse, von denen fünf bereits zur Stadt ernannt worden waren. Der Bürgermeister Peter Holstein forderte, dass mit der Reform auch Arnis einen Stadttitel bekommen sollte, schließlich sei der Ort aufgrund seiner dichten Besiedlung und seiner wirtschaftlichen Bedeutung für Fischer und Werften weit mehr als nur ein gewöhnliches Dorf. Der Antrag wurde ohne Weiteres genehmigt. Seither trägt Arnis nicht nur den Stadttitel, sondern auch den Superlativ als kleinste Stadt Deutschlands. Heutzutage gelten deutsche Siedlungen erst dann als „Landstadt“, wenn ihre Gemeine die Zahl von 2.000 Einwohnern übersteigt – in Arnis leben derzeit rund 300 Menschen.

Arnis an der Schlei

Ein Großteil der Altbauten in Arnis haben alte Fenstervorbauten an der Frontfassade.

Längs der „Langen Straße“, säumen sich die meisten Häuser der Kleinstadt. Eines von ihnen, Nummer 27, verbirgt ein kleines Atelier hinter einer gelben Hausfassade. An den Wänden und auf Staffeleien zeigen Gemälde die nordische Landschaft Deutschlands. Stürmische Wellen, weiße Segelboote und Sträucher, die sich im Wind über die Dünen wiegen. Vor 15 Jahren eröffnete Brigitte Wollert die kleine Galerie, als sie samt ihrer Kinder und ihrem Ehemann von der Großmetropole Shanghai nach Arnis zog. Ihre Inspirationen sammelt die 64-Jährige im direkten Umfeld: „Um Schönheit zu finden, muss ich nicht weit gehen. Ich sitze oft stundenlang im Garten und zeichne Segelboote.“ Den besonderen Charme von Arnis, so sagt sie, kann Brigitte als Zugezogene viel besser wertschätzen. Hier habe sie keinen Stress, keine Sorgen – einfach Ruhe.

Obwohl sich hier Jeder beim Namen kennt, findet Brigitte Wollert: „Das Gefüge hier ist trotzdem eher städtisch und es ziehen vermehrt junge Familien her“. Das lege nicht zuletzt daran, dass der Ort immer gut besucht wird. Während der Sommermonate, bietet die Halbinsel seinen Urlaubern einen Badestrand mit Volleyballfeld, ein kleines Café am Hafen und mehrere Restaurants, die frischen Fisch servieren. Wenn die Segelvereine dann jede zweite Woche ihre Regatten veranstalten füllt sich das Schleiufer mit Schaulustigen und es wird gemeinsam gegrillt, gelacht, gefeiert.

Aber nicht nur für Besucher und Zugezogene ist Arnis ein Eldorado im Norden Deutschlands. Lieselotte Wiese lebt bereits seit 67 Jahren in der kleinsten Stadt Deutschlands und findet ihre Heimat zu jeder Jahreszeit schön: „Das besondere ist, dass wir am Wasser leben und die Schlei ist ständig in Bewegung. Dadurch sieht es hier jeden Tag etwas anders aus.“ Mit 17 Jahren kam sie nach Arnis und half als Hausmädchen in der ehemaligen Backstube Grohmann aus – dasselbe Haus, in dem Brigitte Wollert heute ihre Bilder malt. Schnell verliebte sich die junge „Lotti“ in einen Fischersmann und in ihr neues Zuhause. 

Segelboote auf der Schlei

In den Sommermonaten finden jeden zweiten Mittwoch Segelregatten auf der Schlei statt

Heute ist sie 84, kleidet sich schick mit weißer Bluse und gehäkelter Weste und spaziert noch immer gerne durch die Straßen. Während ihr Ehemann und ihre Söhne über die Schlei segelten und mit Fischen Geld zu verdienen, engagierte sich Lotti im Stadtrat. Sie organisierte Feste und Gottesdienste, sammelte Geschichten, Briefe und Gedichte von den Einwohnern der Kleinstadt und veröffentlichte sie in Büchern. „Ich möchte die Geschichten unserer schönen Stadt über die Zeit festhalten“, erklärt sie. Jeden Sommer backt sie Blechkuchen für das Café „Freies Arnis“ direkt am Fährensteg – im Winter, wenn das idyllische Noor eine Eisschicht bedeckt, hilft sie dabei ein kleines Schneefest zu organisieren. „Lotti ist das Herz von Arnis“, bestätigt auch Brigitte Wollert.

So beweist das kleine Örtchen, dank ihrer engagierten Einwohner das ganze Jahr über norddeutschen Charme. Die Schlei windet sich auch an diesem rauen Herbsttag anmutig um die Segelboote, die mit Laub bedeckten Wanderwege wirken trotz der frischen Brise friedvoll und idyllisch und die Bäckerin sowie der Fährfahrer verabschieden die Reisenden zu jeder Tageszeit mit einem liebevollen „Moin“.

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