Isle of Skye Ein feuchter Traum vor der Küste Schottlands

Nach zwei Tagen auf der Isle of Skye schreibt unser Autor eine Hommage an das Element Wasser und eine Liebeserklärung an die raue Insel vor der schottischen Küste
Loch Harport, Isle of Skye

Am Schluss des Trips stehe ich am Loch Harport, wenige Meter von der tosenden Brandung des Atlantiks entfernt. Ein Besuch der örtlichen Destille, der einzigen auf der Isle of Skye, steht an. Auf einem Schild im Besucherzentrum steht: „Um auf Skye zu leben, musst Du …“ – und dann folgt eine lange Liste. Eine sehr lange.

... die Fähigkeit besitzen, Krisen zu bewältigen.
... erfinderisch sein.
... Humor haben.
... zäh sein.
... selbständig sein.
... wasserdicht sein.
... Geduld haben.

Ja, vielen Dank auch. Hätte man mir das nicht zu Beginn der Reise mitteilen können? Ich wäre vielleicht eher nach Mallorca geflogen, die Füße hochlegen, als an diesen Teil der Welt. Nein, wäre ich natürlich nicht. Ich weiß, Mallorca verfügt auch über schöne Ecken – die Isle of Skye aber ist eine einzige. Die man unbedingt zu Fuß erkunden muss. Vor allem dann, wenn man das Wasser so liebt wie ich.

Luft ist zum Überleben wichtiger, sicher. Ohne sie hält man nur wenige Minuten durch, ohne Wasser immerhin ein paar Tage. Aber Wasser ist reicher. Normalerweise beginnt mein Tag mit einem heißen Glas Wasser. Mein Lieblingsgericht ist eine Suppe, die vietnamesische Nudelsuppe Phở. Mein Lieblingssport: Schwimmen. Mein Lieblingsort: die kanarische Insel La Gomera. Ich lebe zudem in Hamburg, der Hafenstadt, und gehe damit automatisch jeden zweiten Tag im schwer fallenden Regen spazieren. Selbst die Musik, zu der ich neulich tanzte, eine alte Reggae-Nummer von Tony Brutus, hieß „Water Pistol“. Ach ja, und Notizen mache ich mir mit Tinte auf Wasserbasis. Irgendwie absehbar daher, dass die Isle of Skye und ich eine heftige Affäre miteinander haben würden. Sie beginnt hinter Stahlbeton. Ich komme aus dem schottischen Hochland, bis 1995 konnte man Skye – auch die „Nebelinsel“ genannt – nur mit der Fähre erreichen. Seither verbindet eine 250 Meter lange Brücke das schottische Hauptland mit der größten Insel der Inneren Hebriden. Und die Landschaft verändert sich sofort: Die Highlands waren weicher, wärmer, lieblicher; Skye ist rockiger, frischer, härter.

"Wenn Dir das Wetter nciht passt, warte eine Minute."

In der Hauptstadt Portree werde ich direkt vom Hotel abgeholt. Schon aus dem Fenster schaute ich auf satt grüne Hügel, weiße Häuser mit schwarzen Dächern und ein Stück des Nord-Atlantiks. Mitchell Partridge, dessen Firma „Skye Ghillie“ heißt, zu deutsch: Skye Diener, verspricht noch einiges mehr: „Wilde Tiere, wilde Berge, wilde Wellen.“ Ich frage den Vollbartträger mit dem Rucksack und der Matte, wie das Wetter in den nächsten Tagen werden wird. „Es ist August, deshalb können wir nicht auf Schnee hoffen. Ansonsten gilt die gute alte schottische Regel: Wenn Dir das Wetter nicht passt, warte ’ne Minute.“

Mitch hat gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert, was man ihm aber weniger anmerkt als die frühere Zeit beim Militär oder die zusätzlichen medizinischen Ausbildungen. Er schaut kurz an mir herunter, ein Blick zwischen Nachsichtigkeit und Mitleid. „Du hast Badehose, Handtuch, Fleece, Regenjacke und -hose dabei?“ Habe ich, obwohl ich Regenjacken hasse. Noch nie habe ich eine entdeckt, die so atmungsaktiv war wie versprochen. Wandert man im Regen, ist man nach wenigen Kilometern von innen so nass wie von außen. Aber was soll’s, die Sonne scheint ja.

Mitch breitet eine Karte aus. Sie besitzt keine Piktogramme, keine Sonnenschirme, keine Kirchen, keine prähistorischen Fundstätten. Wäre die Karte in Blautönen gehalten, man könnte die Inselform gut für eines von diesen Tintenklecksbildern halten, die früher von Psychiatern genutzt wurden: wild, unregelmäßig und schwer zu entschlüsseln. Passt ganz gut.

Fairy Pools, Isle of Skye

Ein Bad mit Feen

Der Zeigefinger von Mitch tippt auf ein paar Punkte. „Da. Da. Da auch. Da fahren wir hin.“ Machen wir. Die mehrstündige Rundfahrt berührt einige der landschaftlich spektakulärsten Orte der Insel. Die Fairy Pools etwa, ein kleines, karstiges Stein- und Seengebiet mit vielen niedlichen Wasserfällen, in dem angeblich auch Feen baden. Nach 30 Minuten Fußmarsch kommt das Bad gerade recht – und dauert vielleicht fünf Sekunden. Das Wasser ist so kalt, als würde man einen Kopfsprung in eine Tiefkühltruhe machen, alle Organe scheinen sofort festzufrieren. Mitch lacht: „Vor sechs Wochen war Kate Winslet hier, die hat länger durchgehalten.“ Thanks, mate.

Auf der nördlichen Halbinsel Trotternish parken wir auf den höchsten Punkt einer kleinen Straße zwischen Staffin und Uig und wandern zum Quiraing, dem Ergebnis einst abgesunkener Berge. Es dürfte damals mächtig gekracht haben, ein Tal bildete sich, als die festeren Felsen stehen blieben sind – und eine lange, zackige Abrisskante. Die raue Schönheit zeigt sich auch im Wetter, Wind und Wasser treffen direkt und ungebremst auf das  Festland. Ich ziehe die Regenjacke an, auf meinen Brillengläsern bildet sich eine zarte Salzschicht, die den Ausblick etwas psychedelischer erscheinen lässt als er wirklich ist. Mitch lässt sich einfach nassregnen, er kennt das schon, hat schnelltrocknende Kleidung an und Wechselwäsche mit.

Komischerweise entspannt mich die wie von Gerhard Richter gespachtelte Natur aber umso mehr, je mehr sie fordert. Man konzentriert sich auf jeden einzelnen Schritt. Man staunt über die Weite der Landschaft, ihr sanftes Ab- und Anschwellen, das satte Grün, den jodhaltig frischen Geruch, den Regen von vorn, das Glänzen der Feuchtigkeit, das Branden aus der Entfernung. Man latscht mit offenem Mund, fühlt sich angesichts der Größe und Macht der Umgebung völlig klein und egal – was mich aber eben beruhigt, nicht irritiert. „Nichts wird mehr passieren – das ist alles“, solche Gedanken gehen mir durch den Kopf.

Talisker Bay, Isle of Skye

Camping im Skye-Style

Am späten Nachmittag geht es schließlich über Zäune, durch kleine Wälder, Heidelandschaften und ängstliche Schafsherden von Talisker Bay nach Fiscavaig, wo wir die Nacht verbringen werden. Einmal rutsche ich auf einem glitschigen Stein aus, falle auf den Rücken, auf dem es dann einen kleinen Hang abwärts geht. Einmal trete ich auf dem Gras plötzlich statt auf den Boden ins Nichts, der nächste Tritt geht ebenso ins Nirwana, dann liege ich auf dem Bauch. Eigentlich müsste Mitch mich auslachen, mir einen Vortrag über die essbaren Pflanzen der Insel halten oder eine Weisheit über die Macht des Nichts ablassen, aber er hilft mir nur pragmatisch hoch. Nichts wird mehr passieren – das ist alles.

Nachdem das Zelt aufgebaut ist, drückt er mir einen kleinen Klappspaten in die Hand und fordert mich auf, hinter einem Busch ein Loch zu graben. Als er meinen offenbar ratlosen Blick sieht, sagt er: „Benutz’ Deine Phantasie.“ – „Die Schafe scheißen hier auch überall ungehindert hin.“ – „Du bist ein Schaf?“ Also trolle ich mich.

Am Lagerfeuer essen wir Sandwiches und trinken dann zu einem grandiosen, die Bucht feierlich illuminierendem Sonnenuntergang ein, zwei Drams, Whiskyschlucke aus einem Flachmann. Er schmeckt erst rauchig und torfig, dann salzig, dann scharf. „Wie die Insel“, sagt Mitch. Ich frage ihn, ob es ihm auf der dünn besiedelten Skye auf Dauer nicht zu öde wird. "Ach“, antwortet er, „nach sechs Monaten redest Du notfalls mit dir selbst. Nach einem Jahr mit den Schafen. Und nach zwei Jahren reden die Schafe auch mit dir.“ Die Nacht ist nicht wirklich dunkel, aber ruhig, die Schafe schweigen. Ab und zu prasselt ein Schauer auf das Nylon-Dach, aber es ist ein monoton einlullendes, kein beunruhigendes Geräusch.

Skye und der letzte Punkt

Der nächste Morgen präsentiert ein so dermaßen argloses Wetter, als würde es in Schottland niemals regnen. Nass werde ich natürlich trotzdem: Erst geht es barfuß über den Sandstrand der Bucht zu einem Dingi, dann auf einen Segeltörn. Seeadler begleiten uns aus sicherer Ferne, plötzlich – „Die waren doch eben noch nicht da“ – ziehen Nebelschwaden auf. Also Segel raffen, Kurs kontrollieren, Maschine anlassen. Ich stehe am Ruder und komme mir vor wie Christopher Lambert als unsterblicher Connor MacLeod in „Highlander – Es kann nur einen geben“. Das ist natürlich Quatsch. Aber schöner Quatsch. Dann geht es am Pier von Loch Harport von Bord. Auf dem eingangs erwähnten Schild in der Destillerie stand übrigens noch ein letzter Punkt. „Um auf Skye zu leben, musst Du glücklich sein.“

Bin ich. Und wie. Das ist alles.

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