Griechenland Das wundervolle Karpenisi birgt ein Wanderparadies

Fern der Küsten, rund um den Ort Karpenisi, geht es in Griechenland steil bergauf. Gipfel, Schluchten, Dörfer und Wälder sind herrliche Reviere für Naturliebhaber
Proussos, Griechenland

Die Klosteranlage Proussos in Griechenland verteilt sich auf mehrer Felsen und Täler

Das Navigationsgerät hat es noch nicht verstanden: »Bitte wenden!« Ich will aber nicht umkehren. Der Mietwagen windet sich Serpentine um Serpentine den Berg hinauf, immer tiefer ins Massiv, bis in das kleine Dorf Voutyro. Irgendwo spielt leise Musik, Vögel zwitschern aufgeregt, der Wind pustet in den Ohren. Mein Blick schweift über die Hänge mit ihrem tiefgrünen Tannenteppich. Zwei Stunden hat die Fahrt von Athen in den Norden gedauert – nun bin ich gefangen: vom Ausblick, vom Soundtrack der Ruhe und vom Ge­birge, das diesen Ort umschließt. Die Straße führt nicht mehr weiter. Gut so.

Karpenisi ist eine von zwei Gemeinden im Regionalbezirk Evritanien in Mittel­griechenland. 13.000 Einwohner leben in der Kleinstadt und den dazugehö­rigen Bergdörfern Megalo Chorio, Krikello und Voutyro, die einander gleichen wie die Schafe auf den Wiesen drum herum: eine Kirche aus Kalk­sandstein in der Ortsmitte, Häuser, die sich unter rostroten Dächern vor der Sonne wegducken, die Fensterläden fest verschlossen. In den Gärten haben sich die Sträucher für den Frühling herausgeputzt: frisches Grün, zartes Blaubeersorbet, kräftiges Sonnengelb. Ist das wirklich Griechen­land?

Schlafen in Karpenisi

  • EMOTIONS COUNTRY RESORT

Vom gemütlichen Hotel hat man einen meditativen Blick auf grüne Berghänge. Schwere Holzmöbel, feine griechische Küche.

Voutyro, www.emotions.com.gr, DZ ab 100€

  • ONIROPETRA

Boutiquehotel mit großzügigen Zimmern. Designermöbel, teils mit Kamin und mit einer Outdoor-Sauna am Fluss.

Karpenisi, www.oniropetra.gr/en, DZ ab 110 €

Eine frische Brise weht vom Marktplatz hinauf durch die schmalen Gassen. Im Winter kommen überwie­ gend Hauptstädter und Israelis zum Skilaufen auf dem Tymfristos, auch Velouchi genannt. Der höchste Berg und Stolz der Region misst 2.315 Meter. Im Frühling, Sommer und Herbst dage­gen fahren nur wenige in dieses Tal, in dem die Berge aus der Ferne aussehen, als hätte man sie aus dem Schwarz­wald importiert. Aus der Nähe jedoch offenbaren sie, was sie sind: ein Teil des Agrafa-Gebirges, unwegsam, zerklüftet und am besten bei einer Wanderung zu erkunden.

Hinter den Büschen plätschert der Karpenisiotis durch sein Kiesbett. Anestis Tsionis, 26, zeigt mit seinem Wanderstock auf einen braun-grünen Fleck: eine Kröte, bestens getarnt zwischen Gras und Laub. Der Wanderführer arbeitet während der Saison auf den Kykladen. Sobald er frei hat, fährt er in seine Heimat und zieht mit Freunden oder Touristen durch die Wälder auf die Hänge rund um Karpenisi. »Ich muss jeden Tag einmal in der Natur sein, sonst ist es kein guter Tag«, sagt er. Drei Jahre sei er alt gewesen, als sein Vater ihn das erste Mal mitnahm zum Bergteesammeln. Plötzlich hält er inne, wieder wird der Wander- zum Zeigestock: Zwischen Birken tauchen mausgraue Ruinen auf, Reste einer Hütte aus dem vergangenen Jahrhundert.

Velouchi, Griechenland

Tymfristos, der höchste Berg der Region, empfängt in den Wintermonaten Skifahrer aus Athen und Israel

Die Wälder auf den Hängen von Karpenisi sind jung. Vor 60 Jahren stand hier noch keiner der Bäume. Die Familien aus der Gegend hatten Terrassenfelder angelegt, begrenzt von Trockensteinmauern, bepflanzt mit Gemüse. Dazwischen lagen Plantagen mit Walnüssen, Äpfeln und Kirschen. Doch als die Supermärkte kamen, lohnte sich die Schufterei auf den Feldern nicht mehr. Die Menschen wanderten in die Städte oder gar ganz aus – viele in die USA, nach Deutschland und Australien. Und als sie wichen, kehrte der Wald zurück mit Tannen und Eichen.

»Deshalb können wir hier heute so wunderbar wandern«, sagt Anestis, der begonnen hat, mit ein paar Freunden die alten Pfade der Bauern als Routen zu markieren. »Die Natur um Karpenisi ist fürs Wandern wie geschaffen.« Wir queren den Fluss Karpenisiotis. Ein Mountainbiker überholt uns, wir sehen ein paar Pferde, die ihre Reiter durch das kniehohe Wasser tragen. Karpenisi scheint für viele Naturabenteuer gemacht – und für Ausflüge mit dem Auto.

Essen & Trinken in Karpenisi

  • TO PARAMITHI

Café im Dorfkern mit hervorragendem Galaktoboureko, einem Grießpudding mit Filo-Teig umhüllt.

  • ANTAMOMA

Taverne am Marktplatz mit griechischer Hausmannskost wie geschmortem Lamm und selbst gemachtem Baklava.

  • SPITI TOU MELIOU

Familienbetrieb mit Imkerei. Unbedingt den Tannennadelhonig probieren.

Gibt man nämlich ins Navi die Adresse des Klosters Proussos ein, geht es im Tal doch noch weiter. Felsvorsprünge hängen wie Dächer über der Straße, der Wagen hoppelt über Gesteinsbrocken. Hinter einer Kurve, dort, wo es nun wirklich nicht mehr weiterzugehen scheint, kuschelt sich die Abtei an die steile Felswand. Tausende beten hier jährlich zur Jungfrau Maria, küssen die Statue, bitten um Fruchtbarkeit oder Wunderheilung, trinken heiliges Quellwasser.

Im Innenhof steht ein in ein schwarzes Gewand gehüllter Mönch: Varsanouios ist 50 Jahre alt und hat erst vor zehn Jahren sein Gelübde abgelegt. »Ich war Geschäftsmann auf den Inseln, dann habe ich mir meinen Kindheitstraum erfüllt, Mönch zu werden und in Ruhe zu leben.« Unter dem grauen Bart, in dem ein paar rote Strähnen leuchten, formt sich ein Grinsen, dann schlägt Varsanouios mit einem Hammer auf das lange Holzbrett, das im Hof hängt. So ruft er die Brüder zum Gebet. Es wird still in Proussos, in der herrlichen Sackgasse von Karpenisi.

Was Sie in Karpenisi erleben sollten

  • Wandern

Geführte Touren für Gruppen, auch mit Kindern. Trekking Hellas Ev­ritania, www.trekking.gr/company/trekking-hellas-evritania-central-greece

  • Rafting

Gemächliche Tour auf dem Tavropos, perfekt für Anfänger. Karpenisi, www.active.com.gr

  • Reiten 

Ausritt zum Fluss auf gepflegten Pferden, auch für Anfänger geeignet. Karpenisi, www.saloonpark.gr

  • Kloster Proussos

Mehr als 1000 Jahre alte Pilgerstätte mit Marien-Ikone und heiliger Quelle. Proussos, Tel. 0030­ 22370­807 26

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