Norwegen Warum das Pilgern auf dem Olavsweg ein Erlebnis ist

Während der Jakobsweg mit mittlerweile annähernd 300.000 Pilgern pro Jahr an seinem Erfolg beinahe zu kollabieren droht, geht es auf dem Olavsweg beschaulich zu. Wer sich auf den 647 Kilometer langen Pilgerweg zwischen Oslo und Trondheim begibt, kommt beim Wandern in traumhafter Natur zur Ruhe
Olavsweg

Karg, rau und wild: Etwas Glück vorausgesetzt, kann man auf der Königsetappe über das Dovrefjell Rentieren, Moschusochsen oder sogar Elchen begegnen. Mit Sicherheit trifft man in der arktisch geprägten Hochebene jedoch auf Schafe. Die Tageswanderung durch das spektakuläre Dovrefjell gehört zu den eindrücklichsten Etappen auf dem 647 Kilometer langen Olavsweg

Auf der 21 Kilometer langen Etappe über das Dovrefjell begegnen wir gerade einmal drei Wanderern. Dafür begleiten uns während der sechsstündigen Tour Hunderte von Schafen. Sie fressen sich gerade an wenigen Grasbüscheln satt, die in der kargen, ehemals vergletscherten Hochebene noch neben Blaubeersträuchern gedeihen. In ihrem dicken Wollgewand scheint ihnen der leichte Nieselregen und böige Wind nichts auszumachen. Wir hingegen, in Multifunktionsklamotten gewandet, frieren. Womöglich könnte man heute Rentiere sehen, mit etwas Glück sogar auf Elche und Moschusochsen stoßen, gab uns Herbergsvater Erik Fenstad Langdalen beim Frühstück mit auf den Weg.

Seit sechs Jahren betreibt der 50-Jährige den als nationales Kulturerbe ausgewiesenen Weiler Budsford. Das Haupthaus aus dem späten 17. Jahrhundert, in dem Gäste die Mahlzeiten einnehmen, ist samt 18 einfachen Holzhütten mit Dächern aus Birkenrinde und Gras, in denen zwischen Mai und Oktober fast ausschließlich Olavsweg-Wanderer nächtigen, denkmalgeschützt. „Etwa 400 Pilger beherbergen wir im Sommer“, sagt der Norweger. Das sei toll, aber längst nicht kostendeckend. Deshalb arbeitet Erik zwischen Oktober und April nach wie vor in seinem Hauptjob als Architekt in Oslo. Aussteigen im Sommer, schön und gut. Aber warum gerade eine Pilgerherberge am Olavsweg betreiben? „Ich liebe die norwegische Kultur und fühle mich dem uralten Pilgerweg verbunden.“ Was Erik Fenstad Langdalen an seinem Sommerjob schätzt? „Bis Pilger zu uns kommen haben sie schon über 20 Etappen hinter sich, viel erlebt und sind daher besonders offen.“ Nächtigt man hier, sitzt man abends in der musealen Stube an einem langen Tisch mit anderen Pilgern zusammen. Ist es kalt, schürt Erik vor dem Essen den offenen Kamin ein. In derart heimeliger Atmosphäre kommt man unweigerlich mit anderen Pilgern ins Gespräch. Der Weg verbindet und Tischgespräche mit wildfremden Leuten gestalten sich auf Anhieb intensiv.

 

Olavsweg

Im Gegensatz zum Jakobsweg geht es auf dem norwegischen Pilgerpfad beschaulich zu. In 32 Etappen wandert man ab Oslo über das 320 Kilometer lange Gubrandstal nach Trondheim. Was einen erwartet? Eine traumhafte Strecke durch Wälder, entlang herrlicher Fluss-, Seen- und Berglandschaften und eine ganze Reihe von mittelalterlichen, hölzernen Stabkirchen, die am Wegesrand besichtigt werden können

Die Gründe für eine Wanderung auf dem Olavsweg sind unterschiedlich

Die Motive, wieso man sich gerade für eine Wanderung auf dem Olavsweg entscheidet, sind so unterschiedlich, wie die einfachen, aber überaus zauberhaften Unterkünfte, in denen man auf der Fernwanderung durch das Landesinnere Norwegens nächtigt. Wobei: Ein paar Hartgesottene, die ganz puristisch mit Zelt und Schlafsack unterwegs sind, gibt es natürlich auch. Per Gunnar Hagelien, Leiter des Pilgerzentrums Dale-Gudbrand, klärt uns über die Motive auf. Manche Menschen wandern tatsächlich vor einem religiösen – oder besser – spirituellen Hintergrund. Den Jakobsweg nach Santiago de Compostella, die Via Francigena nach Rom, auch Klassiker wie Pilgerwanderungen nach Jerusalem und Assisi haben sie längst hinter sich. In dieser Sammlung darf der Olavsweg als einer der ältesten Pilgerwege weltweit natürlich nicht fehlen. Ein Großteil der Besucher aber nutzt den gut ausgeschilderten Wanderweg, so wie wir, vorerst einfach nur, um Norwegen und vor allem die spektakuläre Natur per pedes zu erkunden. Als Wanderer greift man dabei dankbar auf die Pilger-Infrastruktur zurück.

In der seit 17 Generationen familienbetriebenen Herberge Sygard Grytting, die seit 700 Jahren als Pilgern Unterkunft bietet, begegnen wir auf der 16. Etappe Monika und Thomas. Nicht Gott, sondern ganz profan das liebe Geld brachte die beiden auf gerade diesen Weg. „Einen mehrwöchigen Urlaub in Norwegen könnten wir uns sonst gar nicht leisten. Die Pilgerunterkünfte jedoch sind vergleichsweise günstig.“ Das Budget bestimmt den Standard. Für etwa 30 Euro teilt man sich ein Mehrbettzimmer und Dusche mit anderen Pilgern. „Noch günstiger schläft man in einer umgebauten Pferdebox auf einem Bauernhof“, so Monika, „oder in einer Selbstversorgerhütte.“ Von Zeit zu Zeit gönnen sich die beiden Studenten aus Nürnberg ein einfaches Doppelzimmer mit Dusche in einer Pilgerherberge. Bezahlbarer Luxus für etwa 70 Euro pro Person samt Frühstück.

Olavsweg

Gemeisterte Höhenmeter entschädigen mit einem fantastischen Tiefblick: Hoch über dem Fluss Lågen herrscht auf der 15. Etappe wieder einmal himmlische Stille! Egal welches Motiv einen ursprünglich auf den Olavsweg bringt, in der Natur Norwegens kommt jeder Wanderer über kurz oder lang zur Ruhe. Unsere Autorin, als ganz „normale“ Wandersfrau gestartet, findet Pilgern mittlerweile toll. Behütet wie nie hat sie sich auf dem Olavsweg gefühlt

32 Etappen bis zur Glücksseligkeit

Den im Conrad Stein Verlag erschienen Outdoor-Führer Der Weg ist das Ziel, Olavsweg hat nicht nur das Paar aus Bayern, sondern gefühlt jeder Deutsche auf dem Weg dabei. Und so wandert man die darin penibel beschriebenen 32 Etappen ab. Vier Wochen Urlaub haben sich Monika und Thomas genommen. Läuft alles nach Plan, wird die Zeit für die finale Ankunft am Nidarosdom in Trondheim reichen. „Da Monika ein anderes Tempo als ich geht, trennen wir uns tagsüber schon mal für ein paar Stunden“, erklärt Thomas und fährt fort, „der Weg ist gut beschildert, man kann sich nicht verlaufen.“ Und tatsächlich findet man an Bäumen, Wegpfeilern und Zäunen angebracht bzw. auf Steine gemalt in regelmäßigen Abständen (ausgenommen der ersten Etappe in Oslo!) entlang des Weges immer wieder das Logo, dem man folgt: ein rotes Olavskreuz auf weißem Grund.

Pro Saison begeben sich etwa 1.500 Personen auf den Pilgerweg durch Norwegen. Wenig im Vergleich zu den jährlich etwa 300.000 Absolventen des Jakobsweges, der langsam aber sicher zum Massenziel wird. Seit dem Mittelalter zieht es Menschen aus allen Himmelsrichtungen nach Nidaros, dem heutigen Trondheim. Ein Netz aus sieben Olavswegen spannt sich durch Norwegen zum Nidarosdom. Der längste und zugleich bekannteste Weg führt als Klassiker von Oslo über Lillehammer nach Trondheim und geht wie alle anderen auf König Olav Haraldson zurück. Er vereinte einst die vielen kleinen Königtümer, vertrieb die dänischen Besatzer und brachte den Norwegern, die seinerzeit noch an heidnische Götter glaubten, das Christentum. In kriegerischen Auseinandersetzungen ließ König Olav im Jahr 1030 während der Schlacht von Stiklestad sein Leben. Nach der Exhumierung des Leichnams, man stellte dabei Wundersames fest, wurde Olav heiliggesprochen. Sein Grab nahe Trondheim war bis zur Reformation die Pilgerstätte im hohen Norden. Nach 1537 bis Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich waren im protestantischen Norwegen Wallfahrten verboten, weshalb der Pilgerweg über die Jahre beinahe in Vergessenheit geriet. 2010 allerdings wurde der norwegische „Pilegrimsleden“ zur Europäischen Kulturstraße erklärt und die Infrastruktur entsprechend aufgepeppt. So gibt es heute neben sieben große Pilgerzentren entlang des Fernweges auch eine durchgängige Markierung und zahlreiche traditionelle Unterkunftsbetriebe, die sich auf Pilger eingestellt haben.

 

 Lian

Nach der Ankunft am Nidarosdom erhält man im Pilgerzentrum Trondheim seinen letzten Stempel im Pilgerausweis, eine Urkunde, dazu frisch gebackene Waffeln (mit Olavskreuz-Logo!) samt Kaffee und genießt von dort aus den beruhigenden Ausblick auf die alten Speicherhäuser am Fluss Nidelva. Trondheim – am gleichnamigen Fjord gelegen – ist die drittgrößte Stadt Norwegens

Welchen Einfluss der Olavsweg auf die Menschen hat

Vigdis Sandberg, die mit ihrem Ehemann Per Eilif in der dritten Generation das Traditionsgut Hoel Gård am 365 Quadratkilometer großen Mjøsa See betreibt, bestätigt, was zahlreiche andere Gastgeber rund um Lillehammer ebenfalls erzählen und vorerst wenig mit dem historischen Weg zu tun hat: „Die Olympischen Spiele stellten eine Art Initialzündung für uns dar.“ Während man auf dem Bauernhof aus dem frühen 17. Jahrhundert über viele Jahre ausschließlich Hühner züchtete, Weizen und Kartoffeln anbaute, läuteten die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer eine Art Wende ein. Betten waren plötzlich mehr als alles andere gefragt. Zimmervermietung ist seither für Vigdis Sandberg nicht nur ein lukrativer Zusatzverdienst, sondern vor allem auch eine willkommene Abwechslung. Heute nächtigen in den 35 Zimmern auf Hoel Gård nicht wie früher Skistars oder Olympia-Sponsoren, sondern Pilger aus allen Herrenländern.

Guro Berge Vistad, eine von mehreren Regionalleitern des Olavsweges bringt auf den Punkt, was mit den Wanderern während der 32 Etappen so passiert: „Die meisten starten aus sportlichen oder kulturellen Gründen, kommen aber in einem völlig anderen Gemütszustand in Trondheim an. Pilgern verändert.“

Und tatsächlich macht es einen großen Unterschied, ob man – wie ich sonst in den Alpen – von Gipfel zu Gipfel, von Hütte zu Hütte oder wie auf dem Olavsweg von Kirche zu Kirche, von einer Pilgerherberge zur nächsten wandert. Während es auf Berghütten in der Regel turbulent und laut zugeht, wird man in einer Kirche sitzend richtiggehend still. Man besucht sie auf dem Olavsweg anfangs nur, um sich den begehrten Stempel für seinen Pilgerausweis zu holen. Nach ein paar Tagen allerdings mausert sich der Besuch der Gotteshäuser zu einem lieb gewonnenen Ritual, um zu entspannen, den Tag Revue passieren zu lassen und in aller Ruhe nachzudenken. Regelrecht behütet habe mich am Ende beim Fernwandern auf dem Olavsweg gefühlt. Zudem kommt man auf dem traditionellen Pilgerweg der Historie und Kultur Norwegens deutlich näher als auf der vergleichsweise populären und touristisch bestens erschlossenen Fjordküste im Westen des Landes.

Weitere tolle Orte in Norwegen verraten wir im Video:

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