Dänemark So entspannt ist ein Sommer auf Arrö

Sanft geschwungene Hügel, mit Mohn gesprenkelte Felder und zwei Dörfer: das eine bildschön, das andere interessant. Eine Radtour auf Fünens kleiner Schwester
Fahrrad in Ärösköping

Die kleine Insel lässt sich auch gemächlich mit dem Rad erkunden

Das Mountainbike mit der kommoden Bergübersetzung bewährt sich auf der nördlichen Route vom Fährhafen Søby nach Ærøskøbing. An der Südküste hätte ich sie nicht gebraucht, denn die führt flach durch Wiesen und Getreidefelder mit einer Dekoration aus Mohn und Kornblumen. Doch hier oben hat die eine oder andere Eiszeit eine lebhafte Hügellandschaft hingelegt – und darüber ein Patchwork von leuchtenden Weizenfeldern, Buchenhainen, Knicks, Kopfweidenzeilen und Wällen aus Flieder und Heckenrosen gebreitet. Vor der Nachbarinsel Fünen chillen die Eilande der dänischen Südsee, Möwengeschrei mengt sich unter Lerchengesang.

Was es in Ærøskøbing zu erleben gibt

In den Gassen sind Saumseligkeit und kleines Maß zu Hause. Holperiges Kopfsteinpflaster bremst den Schritt. Fachwerkhäuschen mit ornamentgeschmückten Eingangstüren, manches mit Traufen in Augenhöhe, jedes ein Unikat, lehnen sich aneinander. Gebogenes schwarzes Gebälk hält geputztes Gemäuer zusammen, das in sämtlichen Mischungen des Aquarellkastens angepinselt ist – Ocker, Rosa, Apricot, Violett, Zitrone. Nicht ein Haus steht in der Flucht, Ecken und Wände interpretieren die Vertikale durchweg locker. Aus Pflasterspalten quetschen sich stattliche Stockrosen, in deren Blüten Hummeln zugange sind. Hinter gardinenfreien Fenstern Nippes, vor allem Porzellanhunde, ein Relikt aus Seefahrertagen. Blickten die Hunde zur Gasse, hat die Frau des Hauses sturmfreie Bude, weil der Gatte auf großer Fahrt ist. Dass das Stadtbild vom Ende des 18. Jahrhunderts völlig erhalten und so »hyggelig« ist, so gemütlich, hat einen ökonomischen Grund. Weil jedermann sein Geld in Beteiligungen an der Segelschiffflotte gesteckt hatte – die Banker unserer Tage nennen so etwas ein Klumpenrisiko –, stürzte das rasche Aufkommen der Dampfschifffahrt die nicht sehr weit schauenden Ærøskøbinger Mitte des 19. Jahrhunderts in die Armut. Es war schlicht nicht genug Geld da, um die historische Bebauung wegzumodernisieren. Heute ist das armutsgeborene Idyll ein touristischer Trumpf. Als vor ein paar Jahren der einzige Spar-Laden zumachte, tat sich Louise Badino mit Freundinnen zusammen und eröffnete darin Den Gamle Købmandsgaard (Torvet 5, http://dgkshop.com), einen Kaufmannsladen mit meist ökologischen Inselprodukten: Käse und Fleischwaren, Craft-Biere aus der Rise Bryggeri (http://risebryggeri.dk), Eingemachtes, Apfelsinenrapsöl, organische Dauerlutscher und natürlich Riise Rum. Den hat der heimische Apotheker A. H. Riise Mitte des 19. Jahrhunderts auf der dänischen Karibikinsel St. Thomas zu destillieren begonnen, und er schmeckt noch heute vorzüglich.

Marstal auf Arrö

Nicht ganz so schön, wie Ærøskøbing, aber dennoch einen Besuch wert ist Marstal auf Arrö

Was es in Marstal zu erleben gibt

Die zweite Inselortschaft ist keine Schönheit und steht selbstbewusst zu ihrer rauen Seefahrertradition. Ulla und Carsten Nørgaard haben der Stadt gerade das sehr schöne Vandrerhjem in der Havnegade abgekauft und bauen um. »Die eine Hälfte bleibt Jugendherberge, aus der anderen machen wir ein Hotel«, sagt Carsten. Marstals Attraktionen wahrzunehmen, erfordert ansonsten einen geschulten Entdeckerblick. Und die beste Schule ist der großartige Seefahrerroman »Wir Ertrunkenen« von Carsten Jensen. Nach der Lektüre vermag man Marstal zu lesen, sieht hinter den Fassaden der Reederhäuser Geschichten von Aufstieg und Niedergang, begreift, dass die parallel zur Küste verlaufenden Straßen die der Frauen waren, die ihren Männern hinterherwinkten, wenn sie auf große Fahrt gingen. Und man versteht, dass die Straße zum Hafen hinunter die der Männer war, von denen jeder zweite nicht wieder nach Hause kam. Die ungleichen Inselstädte waren einander nie grün. Ærøskøbing wurde von den Landesherren mit Privilegien bedacht, den Marstalern blieb nichts, als ihr Heil auf See zu suchen.

Wo Ærøskøbing seine Wasserfront mit den Gärten der Kapitänshäuser schmückt, bietet Marstal die etwas ruppigen Reize eines unaufgeräumten Werftgeländes mit Kränen, Slips, Wrackteilen, Ankerwinschen. Davor liegt die 1200 Meter lange Mole. Weil es vom König 1825 kein Geld für deren Bau gab, trugen die Marstaler in vier Wintern Steine aufs Eis und bedienten sich dabei wohl auch an verlassenen Feudalbauten und Hünengräbern. Jenseits der Hafenmauer, sagen sie, liegen China, Neufundland und Kap Hoorn, und wer Erik Kromann fragt, was das heißen soll, sollte sich mindestens drei Stunden Zeit nehmen. Mit offener Hemdbrust und den mit dicker Nadel tätowierten Unterarmen sieht er nicht aus wie ein Museumsdirektor, ist aber doch einer, und zwar am Marstal Søfartsmuseum, dem Seefahrtsmuseum (http://marmus.dk/da). Im früheren Leben war Erik Lehrer auf Grönland und Steuermann auf der Route Manchester–Spanien. Museum, das ist für ihn das ganze offene Hafengelände, und zu jeder Schaluppe, die dort im Wasser oder auf dem Trockenen liegt, kann er eine Geschichte vom Stapel lassen. Viele Exponate stammen aus dem Besitz seiner Familie: Schiffsmodelle, historische Fotografien, nautisches Gerät, Seestücke des Malers Jens Erik Carl Rasmussen. Und der Schrumpfkopf dort in der Vitrine? Ist es tatsächlich der von Captain Cook? Kann sein. Kann nicht sein. Oder doch?

Die beste Küche auf Arrö

Vorzugsweise in ÆrøskØbing. Am Hafen pflegt Claus Hattesen im Aroma’s Fiskerestaurant nordische Küche, zum Beispiel Lachssoufflée (www.cafe-aroma.dk). Klassisch Dänisches, Kabeljaulendchen an Fenchelspinat etwa, Käsekuchen und Johannisbeer-Rum serviert das Mumm (Søndergade 12, Tel. 0045- 62 52 12 12). Wer es einfach mag, bestellt in der Røgeri am Hafen Räucherfisch mit Kartoffelsalat.

Schlafen auf Arrö

In Marstal im Femmasteren haben Gäste die Wahl zwischen der Jugendherberge und dem Hotel, alles geschmackvoll in dänischem Design gestaltet (www.femmasteren.dk, Bett im Vierbettzimer 27 €, DZ /F ab 100 €). Die nächtlichen Glockenschläge der Kirche von Ærøskøbing, die gleich nebenan steht, stören überhaupt nicht in einem der elf Apartments des På Torvet, in dem Lili und Gunnar Schmidt-Hansen auch ein Café nebst Wein- und Teehandel betreiben (www.paatorvet.dk, DZ/F ab 140 €). Für die Pension Vestergade 44 im hübschen Inselörtchen hat Susanna Greve ein denkmalgeschütztes Doppelhaus mit Möbeln aus ihrem Elternhaus
in England eingerichtet (www.vestergade44.com, DZ/F ab 133 €).

Anreise nach Arrö

Aus Deutschland führt der kürzeste Weg zur Fähre, die von Fynshav in Südjütland nach Søby übersetzt. Ich lasse das Auto immer dort stehen und bewege mich auf Ærø per Rad oder Gratisbus. Alternativ: ein Schlenker über Fünen zu den Fähren Faaborg–Søby oder Svendborg–Ærøskøbing. www.aeroe-ferry.dk. Infos: www.visitaeroe.de.

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