Stellplatzführer "Landvergnügen" Wie Sie mit Bulli und Wohnmobil kostenlos campen können

Unsere Autorin erzählt immer noch von Ferkeln mit bunten Flecken. Der Stellplatzführer "Landvergnügen" hat über 200 Höfe verzeichnet, auf denen Wohnmobilisten und Bullifahrer kostenlos campen können
In diesem Artikel
Von Ferkeln und Gänsen
Von Kräutern und Ziegen

Von Ferkeln und Gänsen

"Ist das süüüß!" Das erste, was ich sehe, ist dieses kleine Ferkel mit seinen schwarzen Flecken. Es springt aus seinem Stall und streckt seine rosa Schnauze hoch in die Luft. Was anmutet wie eine Filmszene aus "Ein Schweinchen namens Babe", ist auf dem Hof von Harry und Heidrun Bense in Rebenstorf bei Lübbow im Kreis Lüchow-Dannenberg Alltag. Zurzeit gehören zu ihrem niedersächsischen Hof 25 "Bunte Bentheimer Schweine". Davon sind 12 erst ein paar Tage alt. "Wollen Sie die ganz jungen Ferkel auch mal sehen?", fragt Heidrun Bense. Klar, will ich! Im Stall verliebe ich mich sofort in alle kleinen Schweinchen. Was für ein Paradies.

Wie Sie mit Bulli und Wohnmobil kostenlos campen können

Dieses Schweinchen erobert sofort alle Herzen im Handumdrehen

Und der Platz mitten im Grünen kostet mich keinen Cent. "Landvergnügen" dem besonderen Stellplatzführer für Deutschland sei dank. Der Name "Landvergnügen" ist eben Programm und das Prinzip schnell erklärt: Für 29,90 Euro kauft sich der Wohnmobilist oder Campingbusfahrer das "Landvergnügen"-Buch und findet darin nicht nur seine Jahresvignette, sondern auch 369 Adressen von ländlichen Produzenten. Neben kleinen Zuchtbetrieben und Bauernhöfen sind auch Brauereien, Fischereibetriebe, Hofkäsereien, Straußenfarmen, Weingüter und Ziegenhöfe verzeichnet. Doch auch wenn der Stellplatz kostenlos ist, hat der Produzent einen Vorteil, er bekommt direkten Kontakt zum Kunden und der Kunde frische Produkte vom Hof. Die Idee kommt aus Frankreich, dort heißt es "Passion France" und ist schon seit über 20 Jahren bekannt. Inzwischen sind auch andere europäische Länder wie Portugal, Italien oder die Schweiz nachgezogen.

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Buch kaufen, Vignette an die Windschutzscheibe des Wohnmobils oder Bullis kleben und los geht´s

Ich habe mir mit meinem Freund Kai nur drei Höfe für mein Bulli-Wochenend-Tour ausgesucht: und schon die erste Station ist ein Volltreffer, denn neben den glücklichen Schweinen mit den schönen bunten Flecken gehören zum Hof auch noch Gänse, Hühner, Schafe, Pferde und die Hütehunde Rico und Sally. Die Familie aus dem Wendland setzt sich schon seit über 15 Jahren für den Erhalt der vom Aussterben bedrohten "Bunten Bentheimer Schweine" ein.

Die Landwirte sind auch Mitbegründer des Vereins zur Erhaltung dieser besonderen Haustierrasse. Dazu führen die Benses auch noch eine kleine Mosterei sowie einen Laden für Imkereibedarf. Während wir so bei den Ferkeln stehen, erfahren wir auch gleich, was das Schweine-Liebespaar der Woche so treibt: "Ich wollte neulich nachhelfen und dachte, der Eber könnte ja auch nicht nur morgens und abends, sondern auch mal Mittags zur Tat schreiten. Doch er ist faul und schläft lieber," erklärt uns die erfahrene Landwirtin. Nach unserem Rundgang parken wir den Bulli direkt unter der großen alten Eiche, gleich neben der Hofeinfahrt des alten Fachwerkhauses.

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Gänsemarsch! Auf dem Hof von Familie Bense im Wendland schaut das Federvieh auch mal beim Bulli vorbei

"Anno 1835" steht auf einem Balken. Eine kleine Mauer trennt uns von der Dorfstraße. "Schöner steht man selten", hat der Stallplatzführer versprochen – stimmt! Sogar das Bad der Familie dürfen wir benutzen. Während uns Heidrun Bense noch den Weg zum WC und zur Dusche zeigt, sitzt ihr Ehemann Harry schon wieder auf den Trecker, um mehr Maisblätter vom Feld zu holen, die mögen die Schweine besonders gern.

Fotogalerie Landvergnügen

Fürs Abendbrot gehen wir nochmal in den Hofladen. Auf einem Tisch stehen verschiedene Obstsäfte und in einer Vitrine liegen hausgemachte Wurstwaren. Wir sichern uns die "Feurige Lola", einen Fruchtwein, der 11 Prozent Alkohol hat. Dazu wähle ich noch eine Flasche Johannisbeersaft. Äpfel, Beeren und Früchte können die Leute aus der Umgebung vorbeibringen und erhalten dagegen die Säfte. Doch immer weniger Leute bringen ihr Obst zu den Benses. "Die Arbeit hier will sich doch heute keiner mehr machen", sagt Heidrun Bense und zeigt uns das Wurstsortiment.

"Wir gehören auch zur einer aussterbenden Art." Kai entscheidet sich für eine Mett- und Lammwurst. Für den nächsten Morgen bestellen wir noch ein Frühstück vor, denn auch das macht uns Frau Bense für ein paar Euro gern. Unser Abendprogramm steht auch schon fest: Dorfrundgang und Landluft schnuppern – und natürlich noch ein Besuch bei meinen Lieblingsferkel.

Später beim Abendbrot unterm alten Eichenbaum mit "Lola" ist die Wurst zwar viel gröber und fettiger als aus dem Supermarkt – aber auch viel leckerer. Das ist auch einer der Gründe, warum das "Bunte Bentheimer Schwein" bedroht ist; sein Fleisch gilt für das 21. Jahrhundert schlichtweg als zu fett. Ich bin schon nach einer halben Stulle satt. In der Eiche, unter der wir schlafen, wohnt auch eine Eule – allerdings schläft die nachts nicht.

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Tomaten, Eier und ein frisch gebackenes Schwarzbier-Dinkel-Brot von Kerstin Weiße machen das Abendbrot vorm Campingbus perfekt

Am Morgen kommen Rico und Sally angerannt und legen sich mal kurz unter unseren Bulli. Heidrun Bense geht schon mit ihrem Enkelkind im Kinderwagen zu den Schweineställen und füttert. Dann macht sie uns Frühstück und arbeitet weiter.

Kai bohrt sich mit dem Messer durch eine dicke Fettschicht zur Frühstücksmettwurst. Die Wurst im Glas sieht aus wie früher bei Oma und schmeckt auch so. Ich ziehe die selbstgemachte Pflaumen-Marmelade vor. Als wenig später auch noch die Gänse am Frühstückstisch vorbei watscheln, will ich eigentlich nicht mehr weg.

Doch der Stellplatz ist immer nur für eine Nacht. Wir packen schließlich doch unseren Bulli, kaufen noch zwei Flaschen "Feurige Lola" und natürlich Frühstücks-Mettwurst. Vom Wendland geht es zum nächsten Ziel in den Gesundheitsgarten von Kerstin Weiße. Wir fahren vorbei an großen Weizenfeldern und hinein in eine sanfte Hügellandschaft. Nach etwas mehr als zweihundert Kilometern sind wir in Sernow, unweit von Jüterbog im Niederen Fläming angekommen. Im südwestlichen Brandenburg heißen die tierischen Attraktionen: Schmetterlinge, Bienen, Hummeln, Frösche und Graureiher.

Von Kräutern und Ziegen

Sie gehören zu einem 6000 Quadratmeter großen, ökologischen und naturnahen Garten. Einem Paradies, in dem sich die Kunden ihr Gemüse, ihre Kräuter und Tee- und Wildpflanzen selber aussuchen können. Es duftet nach frisch gemähtem Gras und Sonnenblumen. Frau Weiße stellt den Rasenmäher kurz aus und erklärt uns, was wir wissen müssen: Ein kleines Gartenhaus, eine Toilette und ein Open-Air-Waschbecken stehen oben links am Zaun zur Dorfstraße. "Das Gartenhaus hat Strom und eine Kaffeemaschine. Und wollen Sie vielleicht Brot? Ich kann ihnen ein Schwarzbier-Dinkel-Brot backen, das dauert eine gute Stunde", sagt die gelernte Gärtnerin. Wir wollen und parken auf einer Wiese direkt neben einem bunten Blumenbeet, gegenüber von Haus und eigentlichem Garten, aber mit direkter Sicht ins Blütenparadies.

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Bei der Arbeit! Kerstin Weiße in ihrem Gesundheitsgarten. Sie gräbt um und ein, während Campingbus-Besitzer zwischen Blumen, Kräutern und Wildpflanzen wandeln

Während Kerstin Weiße wie eine fleißige Biene herumschwirrt: ein- und umgräbt, Kräuter sammelt und wässert, versuche ich aus dem Campingstuhl heraus die Schmetterlinge in den blauen Blumen zu zählen. Danach höre ich zu wie die Hummeln in den Sonnenblumen summen. Kai entdeckt am Gartenteich nicht nur Frösche, sondern auch noch sieben Graureiher. Das frisch gebackene Brot findet Kai im Gartenhaus. Es ist noch warm als wir es anschneiden. Tomaten und Eier hat er auch noch von der Gärtnerin bekommen. Wenig später brennt der Gaskocher und in der Pfanne brutzeln die Spiegeleier.

"Nachher sollen wir noch die Nachtkerze anschauen," sagt Kai. Das ist der Guten-Abend-Gartentipp der Expertin: die gelben Blumen öffnen ihre Blüten erst am Abend – und sollen einen tollen Duft haben.“ Der leicht fruchtige Duft haut mich um. Als die Hühner von der Nachbarwiese über ihre kleine Leiter verschwinden, denke ich nur "gute Idee" und lege mich in den Bulli.

Als wir am nächsten Morgen wieder packen ist unsere Gastgeberin schon lange in Potsdam auf dem Markt. Wir fahren ins südöstlichste Brandenburg. Das nächste Ziel liegt direkt an der polnischen Grenze und ist scheinbar das Ende der Welt.

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Am Ende der Welt - das kleine Schild mit dem Huhn oben auf dem Wohnmobil-Dach verrät, dass Landvergnügen-Gäste hier willkommen sind

Die menschenleeren Dörfer mit ihren grauen Häusern und viel zu vielen NPD-Wahlplakaten lassen wir hinter uns. Von der Autobahn 15 ist die letzte Ausfahrt vor Polen unsere. Betonstraßen führen durch einsame Kiefernwälder mit sandigem Boden, nur Wald und Straße. Dann irgendwann eine Abbiegung Richtung "Pusack", da müssen wir hin. Über ein Gefälle geht es hinunter an die Neiße, dann ein kleines Stück über einen Radweg. Das kleine Schild mit dem Huhn oben auf dem Wohnmobil-Dach verrät uns, dass wir hier richtig sind: beim "Ziegenhof zur Wolfsschlucht" im Neiße-Malxetal. Wir stellen unseren Bulli unter eine Kiefer, gleich neben einem Ziegengatter.

"Herzlich Willkommen auf unserem Ziegenhof", sagt Klaus-Bernd Günther. Er trägt lange, weiße Haare, einen weißen Bart und ein Fischerhemd und erzählt uns, dass wir die ersten "Landvergnügen"-Gäste dieses Jahr sind, die den Weg zu ihm gefunden haben. Wundert mich nicht, denke ich.

Aber das ist auch das Tolle am "Landvergnügen" – wir kommen an Orte, die wir sonst noch nicht einmal auf der Karte angeschaut hätten. Der urige Ziegenhof liegt in einem Mischwald mitten in der Auenlandschaft der Neiße. Ein verwunschener Ort. Seit 2005 ist Klaus-Bernd Günther hier schon Ziegenvater. Der gebürtige Ostfriese kam als Sozialpädagoge in den südöstlichsten Teil von Brandenburg – und ist dank seiner Ehefrau Andrea Roß nun der Herr über 24 Weiße Deutsche Edelziegen. Seine Ehefrau hatte die Idee und er zog mit.

Alles, was er über die Ziegen weiß, hat er aus Fortbildungen und Seminaren und sich aus Büchern angelesen. "Vorher hatte ich keine Ahnung", sagt er. Doch wenn er in seinem Vorgarten vor der Hofkäserei unpasteurisierten Ziegenkäse serviert, könnte man meinen, er habe nie etwas anderes getan.

Er kennt aber nicht nur die Gewohnheiten und Eigenarten seiner 24 Ziegen, sondern auch die seiner Gäste. Viele seiner Stammgäste kommen mit dem Rad, denn der Oder-Neiße-Radweg läuft direkt an seinem Haus vorbei. Räder stehen eigentlich immer am Tor.

Wir setzen uns zu den anderen Gästen in den Vorgarten auf eine Bank gleich neben den Brennnesseln. "Gute Wahl, dass ist unsere Entschleunigungs-Bank", erklärt Herr Günther. Die schwarze Katze "Häschen" springt Kai auf den Schoß – und macht es sich bequem. Wir trinken Wein, einen "Harmonie" Rotwein von 2009 aus Südfrankreich und einen "Marbachs Wolfshügel", einen Rosé von einem Weinberg aus dem benachbarten Jerischke - beide Winzer sind gute Freunde von Herrn Günther

"Darf ich mal in den Ziegenstall gucken?" frage ich. "Aber sicher!" 15 Ziegen strecken ihre Hinterteile ans Gatter. Ein Ziegenhintern neben dem nächsten, die Melkmaschine macht ein ordentliches Getöse. Jeden Tag wird aus der Milch der Ziegen der Käse hergestellt. Morgens und abends wird gemolken. Von Januar bis Oktober, dann ist Winterpause. Klaus-Bernd Günther bittet mich zu Tisch.

Der Probierteller mit der feinen Auswahl an Quark, über Frischkäse mit Kräutern, Weich- und Hartkäse bis zur Rotkultur – alles von der Ziege. "Danach will ich noch ein Glas Ziegenmilch probieren und bin überrascht. Und wie war die Milch? fragt mich Herr Günther. Ich antworte: "Ganz anders als ich dachte. Gar nicht so streng, sondern eher mild und gar nicht fettig wie frische Kuhmilch. Seine Antwort: "Alle unsere Vorurteile werfen wir hier am besten gleich in die Hecke." Ich grinse und entdecke kurze Zeit später im Gartenpavillon ein Schild, auf dem in großen Lettern steht: "Rumzicken Verboten".

Um 18 Uhr schließt der Ziegenhof eigentlich, wir dürfen aber noch länger sitzen bleiben. "Lasst das Geschirr einfach stehen". Herr Günther geht schon mal in seinen wohlverdienten Feierabend: "Wir sehen uns morgen früh, wenn die Ziegen auf die Weide müssen – dann könnt ihr mithelfen, wenn ihr wollt" – und wir wollen natürlich!

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