Indonesien Die Neuentdeckung der Molukken

Auf Nelken und Muskat gründete einst der Weltruhm der Molukken. Heute probt das indonesische Inselreich ein Comeback: Die Bühne gehört jetzt Palmenstränden, bunten Städtchen, Vulkanlandschaften und herrlichen Tauchrevieren
Molukken

Ob Taucher oder Schnorchler auf den Molukken werden besonders Wasserfreunde fündig wie hier rund um die Insel Fadol

Ein Maulwurfshügel, umgeben von Blau. Hinter der Kaimauer, die sich als graue Linie abzeichnet, leuchten ein paar Dutzend rostrote Blechdächer zwischen Palmen und tropischem Gestrüpp. Auf unserem Segeltörn steuern wir auf Run zu, das einzige Dorf der gleichnamigen, kaum vier Quadratkilometer kleinen Insel. Sie liegt fast genau im Zentrum der Molukken. Die indonesische Inselgruppe sprenkelt den Pazifik auf rund 74 000 Quadratkilometern zwischen Neuguinea, Timor, Sulawesi und den Philippinen. In Größe und Form ist das Seegebiet in etwa mit Bayern vergleichbar, allerdings leben auf den Molukken kaum zwei
Millionen Menschen, überwiegend Muslime. Seit eine christliche Minderheit 1950 versuchte, die „Süd-Molukken“ zur unabhängigen Republik zu erklären, schwelen und eskalieren Konflikte. Die Lage ist jedoch seit 2005 so stabil, dass immer mehr Besucher die Inseln erkunden, viele, wie ich, als Passagier einer Charter-Segelyacht.

Zwölf Tage dauert unsere Rundfahrt. Vor vier Tagen startete die „Ombak Putih“ mit 16 Gästen von der Hauptstadt der Molukken, Ambon, knapp 150 Kilometer nördlich. Die Route unseres Zweimastschoners, gebaut nach dem Vorbild traditioneller „Phinisi“, bestimmen weitgehend Wind und Strömun-gen. Mit dem Banda-Archipel, zu dem Run gehört, haben wir den Wendepunkt fast erreicht: Nach Run werden wir noch die Hauptinsel Banda Neira ansteuern, bevor es zurückgeht. Das motorisierte Schlauchboot, das die „Ombak Putih“ für Landgänge im Schlepp hat, legt ein paar Hundert Meter westlich des Dorfs Run an, am Lokong Beach, einer schmalen, steinigen Bucht. Ein Fischerboot ist in der sanften Brandung vertäut. Zwei Jungen mit kurz geschorenen Haaren und nackten Oberkörpern haben es als Schaukel zweckentfremdet. Sie lächeln und winken unserer Gruppe zu.

Wir schweigen andächtig, denn wir betreten eine Bühne der Weltgeschichte. Einer der Hauptdarsteller klammert sich ein paar Schritte entfernt an den Hang: ein Exemplar von Syzygium aromaticum, eines haushohen, buschigen Gewürznelkenbaumes. Die Blätter erinnern an Lorbeer, die grün-weißen Blüten an winzige Seeanemonen.

Molukken

Verschnaufpause unter dem Blätterdach auf der Hauptinsel Ambon

„Wenn die Nelkenbäume auf den Molukken blühen, werden sie wie schwangere Frauen behandelt. Man darf ihnen gegenüber nicht laut werden, niemand darf sich ihnen nähern, ohne die Kopfbedeckung abzunehmen …“, schrieb der schottische Ethnologe James Frazer 1890. Teurer als Gold wurde der botanische Schatz einst in der westlichen Welt gehandelt. Ein zweiter, Muskat, galt als Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden, auch gegen die Pest. Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert haben Portugiesen, Holländer, Briten und schließlich wieder die Holländer die Molukken in Besitz genommen. Von 1602 bis 1798 kontrollierte die Niederländische Ostindien-Kompanie VOC (Vereenigde Oostindische Compagnie) den weltweiten Gewürzhandel. Run ging 1667 mit einem Tauschhandel in den Besitz der Niederländer über; sie überließen den Briten dafür eine Insel in der Neuen Welt, „Neu-Amsterdam“, das heutige Manhattan. Am Strand entlang spazieren wir ins Dorf. Run besteht aus einer gepflasterten Straße und kleinen grauen Häusern, vor denen Handkarren parken. Es ist Freitag.

Die Frauen bleiben in den Häusern, während die Männer in der Moschee sind. Ihre Gebete dringen aus dem rundlichen weißen Steinbau. Schließlich öffnet sich das Holztor und entlässt zwei Dutzend Männer mit Wickelhose und weißem Stehkragenhemd. Unter den Gläubigen ist Burhan, klein, gedrungen, Ende zwanzig, mit hellwachen Augen. Er betreibt eines der zwei Gasthäuser und die Muskat-Plantage, die wir mit ihm besichtigen werden. Er führt uns am Markt vorbei, einer Handvoll Ständen mit Obst und Fisch. Eine Frau kauert vor einem Gaskocher und rührt Eintopf, der in einem großen Blechtopf köchelt. Ein paar Schritte weiter qualmt ein Holzkohlegrill mit kleinen Fischen. Der Weg steigt leicht an zu einem lichten Wald. Gelbe pflaumengroße Früchte leuchten in den Bäumen, Riesen, die darauf achten, einander nicht zu nahezukommen; bis zu 18 Meter hoch wachsen die höchsten. Gefährlich sei die Ernte, erzählt Burhan, immer wieder gäben Äste nach, und Pflücker stürzten in den Tod. Über das kniehohe Gestrüpp zwischen den Bäumen tänzeln Sonnenflecken. Burhan klaubt eine Frucht auf. Der braune, runde rötliche Kern hat sie gesprengt und ordentlich halbiert. Er hält sie unter meine Nase. „Was riechen Sie?“ fragt er. Frische Noten, erst getrocknet entwickeln Nuss und Samenmantel, der auch Macis oder Muskatblüte genannt wird, das typische Aroma.

Molukken

Wer so viele Inseln wie möglich sehen möchte, der unternimmt eine Segelreise wie unser Autor

Am Abend, nach einer knapp einstündigen Überfahrt, besichtigen wir in Banda Neira Reste des Imperiums, das auf Muskat und Nelken gegründet war. Ein Machtzentrum war die Festung Fort Belgica am Fuß des seit 1988 ruhenden Vulkans Gunung Api. 1611 haben die Niederländer den fünfeckigen Bau mit massigen Rundtürmen errichtet. Er ist in weiten Teilen erhalten, doch der Glanz der einstigen Handelsmetropole hat Patina angesetzt. Die Bronzekanonen am Marktplatz sind verstaubt, die Marmorstatuen entlang der Hauptstraße, mit denen sich reiche Kaufleute verewigt haben, bröckeln, ebenso die Fassaden des Gouverneurspalasts. Mit schweren Holz- und zierlichen Polstermöbeln, romantischen Landschaftsgemälden, barocken Porzellanfigurinen ist er ein Museum des Heimwehs. In einem der schön restaurierten Räume ist eine englischsprachige Notiz in eine Fensterscheibe graviert. Übersetzt lautet sie: „Wann wird die Glocke die Stunde schlagen und den Moment ankündigen, in dem ich an die Ufer meines Vaterlandes zurückkehre, zu meiner geliebten Familie?“ Der Legende nach hat ein Bewohner die Worte mit seinem Diamantring in das Glas geritzt, bevor er sich am Kronleuchter erhängte. Ein paar Straßen entfernt genieße ich die Abgeschiedenheit, die dem Unglücklichen einst zum Verhängnis wurde. Auf der Terrasse des „Mutiara Guesthouse“ sauge ich mit einem Strohhalm Kokoswasser aus einer Frucht. Vor mir schimmern der Sandstrand und die Lagune, Teil des 1977 eingerichteten Meeresnationalparks, in Bronzetönen. Während der Sonnenball zum Horizont schwebt, wehen der Duft von gegrilltem Fisch, Gemüse, Erdnusssoße und Südseemusik aus näselnden Lautspechern herüber. „Und, gefällt es Ihnen am Ende der Welt?“, fragt der Besitzer Rizal Bahalwan, genannt Abba. Er strahlt, weil er die Antwort kennt.

 

Informationen zu Reisen auf die Molukken und Tipps von unserem Autoren, was es dort zu erleben gibt, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von GEO SAISON.

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