REISEWISSEN Wie Hamburg wirklich ist

Gar nicht so einfach, diese große Stadt auf einen Nenner zu bringen. Also haben wir drei Prominente gebeten, uns wahre Geschichten zu erzählen. Roger Willemsen schreibt über Peepshows, Cornelia Poletto übers "containern" und Harry Rowohlt über die "Schlickschlammschleusen"

ROGER WILLEMSEN

Publizist und Moderator

Mit 17 verbrachte ich eines meiner düsteren Schuljahre in einem Internat in Büsum. Am Wochenende des Totensonn­tags lud mich ein Mitschüler erstmals ein nach Hamburg, wo er aber mit Freunden und Familie so viel zu tun hatte, dass ich weitgehend mir selbst überlassen blieb. An einer Zimmertür im Internat hatte ich einen Aufkleber gefunden, auf dem ich las: "Komm mein Schatz, es dunkelt schon / gehen wir doch ins Abaton." Ich hatte keine Ahnung, was "das Abaton" war, stellte es mir aber als einen Ort der Sünde vor.

War es nicht – es war und ist ein Programmkino gleich neben der Universität. Des­ halb ging ich weiter bis zur Reeperbahn, die das erste wahrhaft großstädtische Stück Straße in mei­nem bisherigen Leben war. Pflichtschuldigst be­suchte ich dort die erste Peepshow meines Lebens. Eine Frau drehte sich da auf einer Scheibe wie ein Kebab am Spieß. Dazu lief, weil Totensonntag war, Schuberts "Der Tod und das Mädchen". Seither ist Hamburg für mich die Stadt, in der selbst die Sünde gern pietätvoll und distinguiert auftritt.

 

Wie Hamburg wirklich ist

Roger Willemsen, der Publizist und Moderator wurde in Bonn geboren, lebt aber schon seit Jahren in Hamburg

CORNELIA POLETTO

Restaurantbesitzerin und Fernsehköchin

Ich liebe es, gemeinsam mit meiner Tochter oder mit Freun­ den auf den Alsterkanälen zu paddeln. Die entspannte Atmo­sphäre auf dem Wasser, die vielen zwanglosen Begegnungen – herrlich. Einmal, wir kehrten ge­ rade gemächlich zu unserem Eppendorfer Boots­ haus zurück, kamen wir ins Gespräch mit einigen Studenten, die am Ufer grillten.

Die Jungs erzählten, dass sie Grillvorräte, Gemüse und Salat erst kurz zuvor aus den Abfallboxen eines Supermark­tes gefischt hätten. Für mich war es das erste Mal, dass ich Menschen begegnet bin, die "containern", also genießbare Lebensmittel aus dem Müll holen, um gegen deren Verschwendung zu protestieren. Als ich ihnen später Käse aus meinem Proviantkorb anbot, wollten sie ihn nur im Tausch gegen eine Tafel Schokolade annehmen. Es wurde noch ein sehr netter Abend. Probiert habe ich die Schokolade allerdings nicht. Nicht weil mich das Verfallsdatum gestört hätte, sondern weil ich Süßigkeiten nicht so mag.

 

Wie Hamburg wirklich ist

Restaurantbesitzerin und Fernsehköchin Cornelia Poletto liebt nicht nur das Paddeln auf den Alsterkanälen

HARRY ROWOHLT

Schriftsteller, Vortragskünstler, Übersetzer

Wenn Quiddjes zu Besuch kommen, werden sie auf eine Hafenrundfahrt mitgenommen, ob sie wollen oder nicht. Einmal näherte sich unsere Barkasse einer Schlickschlammschleuse (der Hamburger Hafen ist bekanntlich ein offener Tidehafen, und damit der nicht verschlickt und verschlammt, gibt es, richtig: die "Schlickschlamm- schleusen“). Der He-luücht (für Quiddjes: "Er lügt", Berufsbezeichnung für jene Herren, die die Barkassen lenken und dabei Erklärungen abgeben, die nicht immer der Wahrheit verpflichtet sind, und wenn man ihnen eine besonders haushohe Lüge nachweisen kann, brüllt alles: "He luücht!") (Klammer wieder auf: Was ein Quiddje ist, dürfte sich inzwischen selbst den Quiddjes erschlossen haben: ein Nicht-Hamburger, das unbekannte Wesen, ursprünglich nur auf Sachsen gemünzt, aber dann wegen wachsender Unübersichtlichkeit global eingesetzt) sagte: "Wir nähern uns einer Schlickschlammschleuse. Ich werde sehen, ob ich den Schleusenwärter wecken kann."

Und er hupte dreimal ohrenbetäubend. Vor uns ging die Schleuse auf, hinter uns schloss sie sich. Plötzlich wirkte der He-lücht sehr besorgt, wie verwandelt, und sagte, deutlich leiser: "Hinter uns hat sich die Schleuse geschlossen, vor uns hat sich die Schleuse nicht geöffnet. Nicht ohne Grund heißt dieser Teil des Hamburger Hafens im Volksmund ‚Bermuda-Dreieck‘. Immer wieder verschwinden besonders kleinere Fahrzeuge in Barkassengröße auf unerklärliche Weise und auf Nimmerwiedersehen."

Dann öffnete sich die Schleuse, wir fuhren hinaus, und der He-lücht sagte, diesmal mit fast tonloser Stimme: "Nun verlassen wir so still wie mööchlich diesen Ort des Grauens." Man kann natürlich auch Pech haben und an einen völlig uninspirierten He-lücht geraten, der einem Binsen auftischt wie "Auf dem Fischmarkt gibt es keinen Fisch, auf dem Gänsemarkt gibt es keine Gänse und auf dem Jungfernstieg gibt es keinerlei Parkmöglichkeit."

(Entschuldigen Sie bitte das viele Klammer-auf, Klammer-zu. Die Klammern sind in meinen Texten die Schlickschlammschleusen.)

 

Wie Hamburg wirklich ist

Schriftsteller, Übersetzer und Vortragskünstler Harry Rowohlt erklärt, warum eine Hafenrundfahrt Pflicht ist

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