Schottland Warum ihr Glasgow besuchen solltet

Mit eleganter Architektur und humorvollem Design erheitert die Kunsthochschule den spröden Charme von Schottlands größter Stadt
Glasgow, Merchant City

Die Sandsteinfassaden von Merchant City beherbergen momentan die hipsten Bars und Restaurants in Glasgow

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Nein, eine schöne Stadt ist Glasgow immer noch nicht. Eher wird hier einem rauen Industriecharme gehuldigt und die schöne Hässlichkeit gepflegt – eine überaus britische Spezialität. Doch im Vergleich zu früher hat sich die schwer vom Niedergang ihrer wichtigsten Industrie gezeichnete ehemalige Schiffbau-Metropole am River Clyde durchaus wieder berappelt. Befreit von einer dicken Schicht Ruß, sind die Preziosen der viktorianischen Sandstein-Architektur wieder zum Vorschein gekommen, Zeugen einer einst florierenden Metropole. Inwischen überrascht Schottlands größte Stadt ihre Besucher außerdem mit einer erstaunlichen, hoch dosierten Mischung aus Design, Kunst und neuer Architektur.

Glasgow bei gutem Wetter

Als Wahrzeichen des neuen Glasgow trohnt das futuristische, gezackt-geschwungene Riverside Museum der kürzlich verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid am Clyde. Es fungiert als "Schottisches Transport-Museum"
und stellt von der Doppeldecker-Straßenbahn bis zum Oldtimer Prachtvehikel aus vergangenen Zeiten aus (www.glasgowlife.org.uk). Zusammen mit den UFOartigen Gebäuden des Glasgow Science Centre (www.glasgowsciencecentre.org), der Konzertarena The Hydro (www.thessehydro.com) und dem Konferenzzentrum Clyde Auditorium soll sich die Industriebrache am Flussufer eines Tages zu einer belebten Hafencity wandeln. Noch ist alles Stückwerk – und das Transportmuseum ironischerweise besonders schlecht angebunden an die City. Spannender ist einstweilen der hausgemachte Architektur- und Design-Boom in den Innenstadtvierteln: Die renommierte Glasgow School of Art (GSA) bringt seit Jahrzehnten Absolventen hervor, die sich mit Läden, Galerien und Gebäuden ins Stadtbild einschreiben. Vor allem jedoch ist die Hochschule selbst eine der größten Sehenswürdigkeiten. Das liegt am berühmtesten Absolventen, Charles Rennie Mackintosh, der dort nicht nur studierte und lehrte, sondern zwischen 1897 und 1909 mit dem Hauptgebäude auch gleich noch eine Ikone des „Glasgow Style“ schuf, einer schlichteleganten Spielart des Jugendstils. Zwar brannte sie 2014 teilweise aus, doch allein die Ansicht lohnt sich: Auch, weil das alte Gebäude von einer modernen Erweiterung quasi umklammert wird. Das Besucherzentrum der Kunsthochschule ist auch Ausgangspunkt für Walking Tours zu den Architektur-, Kunst- und Design-Highlights (Renfrew Street 164, www.gsa.ac.uk). Niemand kennt die Wege zu und die Geschichten hinter den oft etwas versteckt liegenden Mackintosh- Gebäuden, den Galerien und Kunst-Installationen so gut wie die jungen Guides der GSA. Zum Beispiel zu The Lighthouse, einem Ausstellungs- und Galeriezentrum und Sitz des schottischen Zentrums für Architektur und Design. Der verspielte Bau aus rotem Sandstein mit einem Turm in Blumenform ist einer der Mack-Paradebauten und quetscht sich in eine unscheinbare Seitenstraße. Im zweiten Stock findet sich das Mackintosh Centre, dessen Ausstellung den besten Überblick über das Werk des lange verkannten Genies bietet (www.thelighthouse.co.uk).

Glasgow bei schlechtem Wetter

Wie immens die Bedeutung von C. R. Mackintosh für Glasgow ist, lässt sich an den Sehenswürdigkeiten ablesen. Ganz oben auf der Liste vieler „Toshie“-Pilger stehen die Willow Tea Rooms, die der Meister 1903 entwarf.
Besucher können auf den berühmten hochlehnigen Stühlen den Afternoon Tea zu sich nehmen. Allerdings will der Betrieb als Touristenattraktion mit Souvenirshop nciht so recht zu den erlesenen Interieurs passen (Buchanan Street 97, www.willowtearooms.co.uk). Einen authentischeren Eindruck von Macks Ideal eines Hauses als Gesamtkunstwerk bekommt man in seinen Wohnräumen, auch wenn es das Haus selbst nicht mehr gibt: Im Mackintosh House im Hunterian Museum der Universität sind die Räumlichkeiten en détail rekonstruiert (www.gla.ac.uk). Kleiner Insidertipp: Wer an der Eingangstür der Queens's Cross Chruch klingelt, dem wird in der Regel ein Mitglied der Mackintosh Society öffnen und auf einer kleinen Führung die hochsymbolische Ornamentik von Glasgows einziger „Mackintosh-Kirche“ erläutern (Garscube Road 870, www.mackintoshchurch.com). Im Oktober findet mit dem Mackintosh Festival der jährliche Höhepunkt des Toshie-Kults statt, mit Führungen, Events und Workshops (www.glasgowmackintosh.com).

Glasgow, Riverside Museum

Blick auf das Riverside Museum in Glasgow

Shoppen & Gucken in Glasgow

Ein Glasgow-Design-Souvenir? Wem kitschige Kaffeebecher ein Gräuel sind, wird vielleicht bei den „schüchternen Viechern“ von Timorous Beasties fündig: Wundersame Käfer, Hummeln und Disteln wuseln und wuchern
über die edlen Tapeten und Stoffe der GSA-Absoventen Alistair Macauley und Paul Simmons. Schottischer wird’s nicht! (Great Western Road 384, www.timorousbeasties.com). Ambitionierte Fotokunst findet man in der großartigen Galerie Street Level Photoworks im hippen Stadtteil Merchant City (Trongate 103, www.streetlevelphotoworks.org). Gleich nebenan liegt die legendäre, von GSAAbsolventen gegründete, Transmission Gallery (King Street 28, www.transmissiongallery.org). Am besten schon vor der Reise zulegen: den „Wallpaper City Guide Glasgow“ – der beste Wegweiser für den Design-orientierten Reisenden.

Essen & Trinken in Glasgow

Zum Ausgehviertel voller Bars und Restaurants hat sich Merchant City, mit seinen piccobello renovierten, blonden und roten Sandsteinfassaden gemausert. Der Pionier war Seumas MacInnes mit dem Café Gandolfi. Mit
seinem Faible für hochwertige lokale und regionale Zutaten gilt er als Erneuerer und Verfeinerer der schottischen Küche. Das urig-edle Holzmobiliar stammt vom GSA-Absolventen Tim Stead, der seinem Ideal von Möbeln als bequemen Skulpturen hier sehr nahe kam (Albion Street 64, www.cafegandolfi.com). Das Gegenteil zum kleinen, gemütlichen Gandolfi ist die prachtvolle, vor mehr als 200 Jahren als Hospital erbaute Hutcheson's Bar & Brasserie die Steaks und Seafood serviert (Ingram Street 158, www.hutchesonsglasgow.com). Für den designbewussten Absacker geht’s in die Cup Tea Lounge/Gin71. Tagsüber Teesalon, verwandelt sich die opulent mit glasierten Kacheln ausgekleidete ehemalige Halle einer Bank abends in eine Ginbar. Die perfekte Kombination aus 71 Sorten, diversen hausgemachten Tonics und dem richtigen „Garnish“ aus Limette, Gurke oder libanesischer Minze zu finden, ist eine vergnügliche Wissenschaft (Renfield Street 71, www.gin71.com).

Unterkünfte in Glasgow

Ach, wenn sich die eigenen Stimmungen doch nur so stufenlos regulieren ließen wie der Gast mit dem iPad, Licht, Musik und Flatscreen auf denZimmern des Citizen M steuert! Die Ambiente-Regelung sind nur ein Element des unkonventionellen Design-Konzepts. Ebenso wichtig: Die wunderbar relaxte und kommunikative Lounge-Etage, in der bunte Pop- und Concept-Art locker zwischen das lässig-elegante Vitra-Mobiliar gestreut ist (Renfrew Street 60, www.citizenm.com, DZ ab 84 €).

Wem das alles zu farbig klingt, fühlt sich im elegantdezenten, wenn auch ein bisschen düsteren Edel-Vintage-Look des Dakota Deluxe vielleicht besser aufgehoben (West Regent Street 179, http://glasgow.dakotahotels.co.uk, DZ ab 143 €).

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