Kanarische Inseln Die perfekte Route vorbei an Teneriffas Highlights

Vom trockenen Süden an die grüne Nordküste. Von kleinen Dörfern durch duftende Kiefernwälder bis zum Vulkankessel am Fuß des Teide. Von den Küsten des Atlantiks ins Hochgebirge. Eine Autotour über Landstraßen zeigt: Die größte Kanareninsel bietet tatsächlich so viel Abwechslung wie ein ganzer Kontinent

Hellgrün, Graugrün, Moosgrün. Dahinter das Blau des Atlantiks. Das sind die Farben Teneriffas. Oder etwa nicht? Ich sitze in einem blühenden Tal an der Nordküste der größten Kanareninsel und versuche, mich an das Teneriffa von vor fünf Tagen zu erinnern. An die Südostküste. Ein schlammiges Wüstenbeige mit steingrauen Einsprengseln war dort der vorherrschende Farbton; unterbrochen vom Türkis der Pools in den Hotel- und Apartmentanlagen. Viele Menschen kennen von Teneriffa nur diese Farbtöne – als gäbe es nicht auch die kühlen Pinienwälder bei Vilaflor, wo Mohnblumen die Straßen säumen – in Dottergelb! Die schwarz glänzenden Lavafelder am Fuß des Teide, Spaniens höchsten Gipfels. Teneriffa, das ist viel mehr als nur eine Farbe – und der schönste Weg durch diese Klima- und Vegetationspalette führt von der kargen Ostküste einmal nach Süden, anschließend durch den Teide-Nationalpark bis hinauf in den grünen Norden. Wer diesen Weg nimmt, macht vielleicht gar nicht sehr viele Kilometer, doch man erlebt die große Kanareninsel von ihrer besten und farbigsten Seite, jeden Tag anders und neu.

Teneriffa, Vilaflor

Vor der Kirche San Pedro Apóstol in Vilaflor blüht eine prächtige rote Tajinaste

Tag 1

An der Ostküste, im fein aufgeräumten Städtchen Güímar, tut Teneriffa so, als sei sie schlichtes Mittelgebirge. Die Hänge und Grate hinter dem gepflegten alten Rathaus wirken eher unspektakulär. Erst am Ortsrand, neben der Eisenwarenhandlung, kommt eine leicht unheimliche Note ins Spiel. Aus spärlichem Gras erheben sich Güímars berühmte sechs Stufenpyramiden aus dunklem Stein. Thor Heyerdahl, der norwegische Abenteurer, Forscher und Schriftsteller, war überzeugt, dass sie von früheren Zivilisationen errichtet wurden. Er sah darin einen Beleg für seine Lieblingsthese: dass es schon lange vor Kolumbus Verbindungen zwischen Ägypten, den Kanaren und Südamerika gegeben habe. Die andere, etwas langweiligere Theorie gefällt mir fast besser: Die Bauern sollen einfach nur die Steine zu »Pyramiden« aufgestapelt haben, die ihnen beim Ackerbau in die Quere kamen. Davon gibt es an der trockenen Ostküste mehr als genug. Auf der einsamen, alten Landstraße TF-28 fahre ich über karge, mit Trockenmäuerchen terrassierte Hänge südwärts. Kaktusfeigen krallen sich ins Geröll, ab und zu hängt eine Drachenbaum-Agave ihren obszönen roten Rüssel auf die Straße. Sonst wächst und bewegt sich wenig.

Alle Tipps zu Unterkünften und Stopps entlang der Route gibt es in GEO Special

Still liegen die Dörfer mit ihren pastellfarbenen Kubenhäuschen da. Nur in Lomo de Mena haben sich ein paar hagere Bauern vor ihrer Agrargenossenschaft versammelt, die sicher nicht zufällig »El Calvario« heißt, der Kalvarienberg. Auch in Arico el Nuevo liegen die schmalen Gassen wie ausgestorben da, obwohl die historischen, weiß getünchten Wohnhäuser eine Touristenattraktion sind. Behauptet jedenfalls mein Reiseführer. Aber die Einheimischen scheinen selbst nicht recht daran zu glauben. Die Wegweiser entlang der Landstraße jedenfalls weisen alle immer nur beharrlich talwärts, zur »Autopista del Sur«, die sich tief unter mir grau und vierspurig an der Küste entlangzieht. Als wäre sie die einzige Attraktion hier. Hinter Granadilla geht es in schwungvollen Kurven den Berg hinauf, näher an den Vulkan heran, von dem noch nichts zu sehen ist. Und Teneriffa schaltet auf Grün. Wurzeln von Eukalyptusbäumen sprengen den Asphalt, daneben leuchten Bänder aus rosa Wicken und gelbem Mohn. Kiefern tauchen auf, immer mehr, bis ein schier endloser, lichter Wald die Berghänge überzieht. Die Kanarische Kiefer hat besonders lange Nadeln, was ihrer Krone eine fedrige, zitternde Unschärfe verleiht. Es fühlt sich an, als führe ich durch ein frühes Gerhard-Richter-Bild zum Thema Harz. Ich übernachte im sehr stillen Städtchen Vilaflor, bei weit aufgerissenem Fenster, weil ich von der würzigen Kiefernluft gar nicht genug bekommen kann.

Teneriffa, Roques de Garcia, Teide

Die Felsformation Roques de García steht im Süden des Nationalparks Teide

Tag 2

Auf der Fahrt zum Vulkankessel schiebt sich zwischen grünen Kiefern und rotem Gestein endlich auch der Teide ins Bild und reckt seinen Kegel empor, den ganz oben ein paar Schnee- flecken umkränzen wie eine Perlenkette. Vor etwa 100 Jahren ist er zum letzten Mal ausgebrochen. Der Kessel in rund 2000 Meter Höhe, aus dem er herauswächst, Caldera de las Cañadas, soll vor rund 170 000 Jahren aus einem älteren, zusammengebrochenen Vulkan entstanden sein. Selten habe ich eine grandiosere Landschaft gesehen.

Klares Morgenlicht leuchtet die Hochebene aus, nur an den Zacken der Bergkette, die sie einfassen, hängen noch ein paar rosa Wolkenfetzen. Ein gewaltiger Himmel spannt sich über üppige vulkanische Gesteinsvielfalt: braune Geröllfelder, die wie frisch umgestochener Ackerboden glänzen. Mattschwarze Schlackeströme. Hellgelb leuchtende Sandwüsten. Dazwischen immer wieder rötliche Steinblöcke, wie von Riesenhand hingeschleudert. Es ist, als blickte man auf einen sehr fremden Planeten. Nur die schwarz glänzende Asphaltstraße, die den Kessel auf einer Länge von 43 Kilometern durchquert, wirkt irdisch vertraut. Und natürlich die Schwärme knallbunter Rennradler, die darauf entlangstieben. »Höhentraining für den Giro d’Italia«, verrät mir einer von ihnen, als ich im Parador einchecke. Mein Zimmer habe ich schon vor Wochen reserviert. Es ist das einzige Hotel hier oben. Ich will mit der Seilbahn auf den Teide schweben. Vom Gipfel des 3718 Meter hohen Vulkans soll man bei klarer Sicht nicht nur auf sämtliche sieben Kanaren-Hauptinseln hinabsehen können, man steht zugleich auch noch auf der höchsten Erhebung Spaniens. Ein echtes Muss also. Doch aus dem schönen Plan wird nichts. »Heute fahren wir definitiv nicht«, sagt das Mädchen im dicken Hoodie bedauernd, das den Eingang zur Seilbahn bewacht. »Viel zu viel Wind da oben.« Die Cañadas sind Nationalpark, UNESCO-Weltnaturerbe und perfekt ausgeschildertes Wandergebiet. Auch ohne Gipfelerlebnis kann man hier glücklich werden. Ich kurve mit dem Auto durch die Mondlandschaften, springe wie ein Kind durch gelben Sand und starte schließlich an den Roques de García zu einer kleinen Tagesabschlusswanderung. Die Felstürme sind so markant und bizarr geformt, dass sie früher, vor dem Euro, auf spanischen Peseten-Scheinen abgebildet waren. Sie liegen nah an der Straße, weshalb hier Ausflugsbusse stoppen, die von den Stränden in den Nationalpark heraufgefahren sind und denen nun Seniorinnen mit windzerzausten Krausen entsteigen. Die Tour führt einmal um die Roques herum; anderthalb Stunden lang stiefle ich durch Wüstenlandschaft und herrlichen Frieden. Die Sonne sinkt hinter die Randberge. Teneriffa wird auf einmal ganz rot.

Nuestra Senora de la Concepcion, La Orotava, Teneriffa

Kolonialstil unter Palmen: die elegante Kleinstadt La Orotava

Tag 3

Der Abschied vom fremden Planeten fällt nicht leicht. Auch, weil 1000 Meter unter mir ein enormes Wolkenband von Norden her aufgezogen ist und die Nordwestküste komplett zudeckt. Weit dahinter glitzert das Meer. La panza de burro, »Eselsbauch«, nennen die tinerfeños diese Wolkenkonstellation. Doch die Talfahrt lohnt sich. Zuerst navigiere ich durch dichten Nebel zwischen Kiefern talwärts, und als ich weiter unten wieder ins Freie komme, könnte ich auch auf Barbados sein: Grün und saftig blüht und rankt es durcheinander, wächst und wuchert es wie in einem Paradiesgarten. Hibiskus und Bananen, die riesigen Blüten der Engelstrompeten, langblättrige Mangobäume. Ein alter Mann in typischer Kanaren-Kluft – Strohhut und Herrenstrickjacke – schiebt eine verbeulte Karre mit dicken Papayas, drei roten Callas und einem Armvoll Petersilie die Straße entlang.

Wo ewiger Sommer, reichlich Regen und fruchtbare Vulkanerde zusammentreffen, scheint vom bayerischen Küchenkraut bis zur Exotenfrucht einfach alles zu gedeihen. Sanft und freundlich neigt sich das breite Orotava-Tal dem blauen Atlantik entgegen. Nie habe er in seinem Leben Schöneres gesehen, hat der Naturforscher Alexander von Humboldt geschrieben, der sich vor rund 200 Jahren länger auf Teneriffa aufgehalten hat. Das war, bevor das Tal bei Einheimischen und ausländischen Winterflüchtlingen so richtig populär wurde. Heute ist es recht zersiedelt. Bunte Würfelhäuschen, rosafarbene Zweitresidenzen mit Kitschbalkonen, Verkehrskreisel. Wegweiser führen zur Deutschen Schule und zur charcutería Wurstquelle. Doch im schönen Städtchen La Orotava ist fast alles beim Alten geblieben. Der Geruch von geröstetem Getreide liegt in der Luft, als ich am Rand der Altstadt vor einem winzigen rosafarbenen Haus parke. Es ist eine der letzten Mühlen in La Orotava, in denen etwa geröstete Gerste und Mais zu Gofio gemahlen werden, dem kanarischen Hauptnahrungsmittel. Drinnen sieht es aus wie bei Meister Müller in »Max und Moritz«: Ein kräftiger Mann mit Mehlstaub im Gesicht kippt einen großen Sack Körner in den alten Holztrichter. Die Kundin vor mir schleppt eine Zehn-Kilo-Tüte Gofio nach draußen; mir drückt der Müller ein Probierbeutelchen in die Hand. »Machen Sie’s wie ich, und rühren Sie es morgens in Ihren Milchkaffee«, empfiehlt er. »Gofio hat mich groß und stark gemacht.«

La Orotava war früher ein reiches Handelszentrum. In vornehmem Abstand zum Meer – die Stadt liegt auf rund 400 Meter Höhe – schmiegt es sich an den Hang. In der Altstadt reihen sich prächtige kanarische Patrizierhäuser. Einige wurden zu Museen umgewandelt, aber ich sehe mir gern jedes Kanaren-Museum an, solange ich einen Blick in die wunderschönen, palmenbepflanztenInnenhöfe werfen darf, auf die altmodischen Sprossenfenster, die kunstvoll geschnitzten Holzgalerien. Die Architektur in La Orotava ist maurisch inspiriert; sie schafft Räume, in die man sich vor neugierigen Blicken zurückziehen kann, vor der Sonne und dem blendenden Atlantiklicht. Wieder schlafe ich mit weit geöffnetem Fenster, diesmal wegen des Blicks über die alten roten Ziegeldächer aufs Meer. Und wegen der zwitschernden Schwalben.

Nordküste bei San Juan de la Rambla, Teneriffa

Wunderbarer Abschluss der vorgeschlagenen Route ist eine Wanderung entlang der Steilküste bei San Juan de la Rambla

Tag 4

Reiseausklang mit Aussicht – im Restaurant Mesón del Norte. Es liegt im Teno-Gebirge, das mit seinen mit grüner Vegetation überzogenen Bergrücken aussieht wie der Geländeteppich bei einer Modelleisenbahn. Der rührend besorgte Kellner fragt, ob ich wirklich »Escaldón de gofio« bestellen möchte, einen warmen Getreidebrei. Ausländern schmecke der oft nicht so richtig. »Vielleicht lieber den gebratenen Ziegenkäse?« Ich nehme beides, denn es war ein sportlicher Tag. Mit einer Wanderung an der Steilküste bei San Juan de la Rambla, wo ich zwischen romantisch verfallenden Bauernkaten, lila explodierenden Bougainvilleen und Madonnen-Heiligtümern ganz allein unterwegs war. Nur bildschöne Eidechsen mit blau schillernder Halspartie kreuzten meinen Weg. Auf die Wanderung ließ ich ein Bad im hübschen Städtchen Garachico folgen, dessen blühende Karriere als Hafenstadt vor 300 Jahren durch einen Vulkanausbruch beendet wurde. Die heiße Lava zerstörte den Hafen, doch in der erstarrten Masse bildeten sich Becken, die sich bei Flut mit Meerwasser füllen – eine natürliche Poollandschaft, die jedes sogenannte Erlebnisbad alt aussehen lässt. Der warme Gofio schmeckt dann wunderbar. Ich esse ihn mit mojo rojo und mojo verde, den kanarischen Soßen in Rot und Grün. Dazu gibt’s den Blick auf den blauen Atlantik. So gehört es sich hier. Teneriffa ist bunt.

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