Belgien Schlemmertour durch Namur

Im Schneckentempo durch die Hauptstadt und Gourmet-Hochburg der belgischen Wallonie. Dort, wo sich zwei Flüsse verbünden, kochen junge, begnadete Küchenchefs um die Wette
Namur

An der Maas steht die Hauptstadt der Wallonie, bewacht von der Zitadelle, einer der größten Festungsanlagen Europas

Einstimmen

Seit Jahrhunderten wacht die Zitadelle, eine der größten Festungsanlagen Europas, über der kleinen, barocken Altstadt. Maas und Sambre fließen in Namur zusammen, und die blassgrüne Kuppel der Kathedrale Saint-Aubin ragt aus der Stadt hervor. Gründerzeitvillen schmücken die Flussufer, und im Hinterland wirft die Natur Wellen: die hier sanften Hügel der Ardennen mit Wäldern, fetten Weiden, kleinen Weilern. 2000 Jahre Geschichte hat die Stadt vorzuweisen, aufs Anschaulichste präsentiert in einer Multimedia-Schau in der Terra-Nova-Kaserne in der Zitadelle. Spannend ist auch ein Rundgang durch die unterirdischen Räume und Galerien, die den Felsen durchlöchern (Route Merveilleuse 64, www.citadelle.namur.be). Ein echter Hingucker sind die frivolen Werke von Félicien Rops, einem Künstler aus Namur. Sie drehen sich um Frauen, Liebe und den Tod: Die Sammlung des Félicien Rops Museums, unweit seines Geburtshauses, zeigt die fürs 19. Jahrhundert äußerst provokanten Grafiken und Bilder (Rue Fumal 12, www.museerops.be). Genuss ist ein großes Thema in der Hauptstadt der Wallonie.

Dort und in den Nachbartälern lassen sich immer mehr Sterneköche nieder und solche, die es werden wollen. Was macht die Stadt für Genießer und Küchenchefs so anziehend? Vielleicht die berühmte Hotelfachschule, die kreativen Nachwuchs ausbildet? Und die Produkte aus der Region: Bier, Käse, Wurst, Honig, Forellen aus Annevoie, Erdbeeren aus Wépion, Senf von Bister?

Gaumenkitzel

Wer Namur erkunden will, braucht eine gute Kondition, denn flach geradeaus geht es hier nur am Fluss entlang. Am Fuß der Zitadelle beginne ich meine Geschmacks-Safari. Im ersten Designhotel der Stadt hat sich 2013 ein vielversprechender Absolvent der Hotelfachschule etabliert. Carl Gillain, 27, ist ein Star, seitdem er bei einer französischen TV-Kochshow antrat. Dreieinhalb Jahre ging er beim Zen-Meister der belgischen Gastronomie, Sang-Hoon Degeimbre, in die Lehre, bevor er das Kommando im L’Agathopède übernahm. In der verglasten Labor-Küche legt Gillain in schwarzer Kochjacke letzte Hand an Nelke und Aal oder weißen Spargel mit Erdnuss und geräuchertem Ei – alles bei Niedrigtemperaturen gegart. Auch der Speiseraum ist reduziert, in Schwarz und Beige gehalten (Ave. de la Plante 23, www.theroyalsnail.com, Lunch ab 37 €). "Wir hier in Namur sind nun mal von Natur aus Genießer", sagt Gillain. Anfang des Jahres hat er ein zweites Restaurant eröffnet. Im Wine & More serviert er "Bistronomie-Küche" – Klassiker wie Rindertatar und gebratenes Huhn, interpretiert für ein jüngeres, legeres Publikum (Chaussée de Marche 496, www.wineandmore.be, Menü ab 36 €). Über die Handvoll junger Küchenchefs in der Region sagt Gillain: "Wir sind eine neue Generation und in einem positiven Wettstreit miteinander." Tatsächlich belebt Konkurrenz das Geschäft: Im Cuisinémoi komponiert Triathlet und Perfektionist Benoît van den Branden Rindfleisch mit Austern und Spargel mit Foie Gras (Rue Notre Dame 44, www.cuisinemoi.be, Lunch ab 45 €). Im Attablez-Vous überrascht Charles-Eduard Jeandrain in seinem anthrazit gestrichenen Elternhaus mit Chorizo-Frikassee und konfiertem Thunfisch (Rue Tienne Maquet 16, www.attablezvous.be, Lunch ab 25 €).

Schlemmertour durch Namur

Auf Wellen aus reispapier kommen Nordseekrabben auf den Teller - eine kreation des Jungstars Carl Gillain im "L’Agathopède"

Schneckentempo

Als ich durch die Kopfsteingassen bummle, wird mir klar: Wo Weichtiere das Wahrzeichen sind, weil den Namurois nachgesagt wird, dass sie langsam sind, müssen Slow Foodies leben. Tatsächlich duftet die ganze Straße nach Knoblauchbutter, an Ständen gibt es die lokale Schneckensorte "Petitgris". Schnecken werden aber auch in Schokolade gegossen. Oder in Bronze, wie vor dem alten Rathaus auf der Place d'Armes: ein Denkmal zu Ehren des Karikaturisten Jean Legrand, der sie zeichnete. Und beim Volksfest Fêtes de Wallonie tragen die Teilnehmer packende Schneckenrennen aus (www.namurtourisme.be, 10–19. September 2016). Die Bistros und Cafés rund um die Place du Marché eignen sich wunderbar, um es langsam angehen zu lassen. Das neue L'Empreinte belge setzt auf „Belgitude“. Alles ist 100 Prozent belgisch und lokal: Gäste essen Stoemp und Carbonade (Kartoffelpüree mit Gemüse und Schmorfleisch), kaufen Schmuck und T-Shirts von einheimischen Designern, verkosten Wein aus der Wallonie oder den Wacholderschnaps Peket oder werkeln mit bei Kreativ- und Kochkursen (Rue Godefroid 22, www.lempreintebelge.wix.com). Zum Nachtisch ziehe ich weiter in die Konditorei La Maison des Desserts, eine süße Institution, die köstliche Törtchen und Macarons unter Kristalllüstern serviert (Rue Haute Marcelle 17, www.maison-des-desserts.be).

Pause

An der Spitze der Grognon-Halbinsel, wo sich die beiden Flüsse treffen, sonne ich mich bei Latin Jazz. Dort stehen von Mitte Mai bis Ende September Liegestühle fürs Cap Estival (www.capestival.be). Auf einem blauen Mietrad rolle ich danach ein Stück weit über ehemalige Treidelwege und Bahntrassen. Bis zu 300 Kilometer könnte ich so dem Radweg Ravel 1 durch die Täler von Maas und Sambre folgen. Besonders schön: die Strecke von Namur bis Dinant, 30 km immer am Wasser entlang (www.namurtourisme.be).

Raus in die Provinz

Auch flussaufund abwärts locken kreative Feinschmeckerküche und schöne Terrassen. Am Wasser gebaut ist das La Plage d'Amée, stylish-modern und direkt über der Maas in Jambes (Rue des Peupliers 2, www.laplagedamee.be, Menü ab 37 €). Den besten Weitblick über den Flusslauf bietet das La Fête au Palais. Wem die Aussicht auf Maasschleife und Insel von der Anhöhe in Lustin gefällt, bleibt gleich über Nacht (Rue du Belvédère 1, www.lafeteaupalais.be, DZ/F ab 99 €). Uppkök heißt so viel wie „kulinarische Entdeckung“ auf Schwedisch. In skandinavischem Ambiente tischt Chef Martin Hubaut nur lokale Produkte und Bio- Gemüse auf (Sart-Bernard, Chaussée des Ardennes 19, www.uppkok.be, Lunch ab 22 €). Im L'atelier de Bossimé in Loyers komponiert Nachwuchstalent Ludovic Vanackere auf dem umgebauten Hof seiner Eltern die Gerichte und macht vom Essig bis zum Brot alles selbst (Rue Bossimé 2B, www.atelierdebossime.be, Lunch ab 28 €). Und das L'Air du Temps von Starkoch Sang-Hoon Degeimbre in Liernu liegt auch nur ca. 20 Kilometer entfernt. Nach dem aufregenden Zwei-Sterne-Dinner können Gäste in einem der fünf Zimmer der puristischen Zen-Herberge nebenan schlafen (Rue de La Croix Monet 2, www.airdutemps.be, Lunch ab 65 €; DZ ab 120 €). Mit einem Pool punktet das Le Castel in Fossesla-Ville. Der gepflegte Landgasthof hat moderne, komfortable Zimmer und – wie könnte es anders sein – ein ausgezeichnetes Restaurant, in dem Vater und Sohn gemeinsam am Herd zaubern (Rue du Chapitre 10, www.lecastel.be, DZ/F ab 122 €).

Dinant

Flussaufwärts liegt das Festungsstädtchen Dinant - genau wie Namur am Ufer der Maas

Schlafen in Namur

Schon von weitem ist das The Royal Snail an seinem Vertikal-Garten an der Fassade zu erkennen. Die Zimmer schmücken Bildtapeten oder großformatige Fotografien. Die Bettwäsche ist blütenweiß (Ave. de la Plante 23, www.theroyalsnail.com, DZ ab 118 €).

Wer das Exklusive sucht, steigt im NE5T Hotel mit fünf Zimmern, Spa und Pool ab, einem bis ins kleinste Detail liebevoll restaurierten Bauernhof innerhalb der Festungsmauern. Hier leuchten sogar die frei stehenden Badewannen (Allée de Menton 26, www.ne5t.com, DZ ab 245 €).

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