Interview "Currywurst essen doch nur Touristen"

Die Wahlberlinerin und Food-Bloggerin Cathrin Brandes macht ihre Leidenschaft zum Beruf. "Gutes Essen macht Spaß", lautet ihre Devise. Ein Gespräch über angesagte Adressen, Märkte und ihr neues Lieblings-Fast-Food
"Currywurst essen doch nur Touristen"

Immer wieder Donnerstags in der Markthalle IX in Kreuzberg -

hier ist der Street Food Thursday die Adresse für gutes Essen

GEO.de: Frau Brandes, Sie schreiben einen Blog, Sie haben eine Agentur, die Gastronomen und Produzenten berät, Sie haben den foodXchange Berlin, eine Tauschbörse für Lebensmittel, den Speisenklub Neukölln gegründet und noch vieles mehr. Können Sie in einem Satz sagen, worum es Ihnen in allen Ihren Projekten eigentlich geht?

Cathrin Brandes: Im Grunde mache ich alles dafür, dass die Menschen wieder besser essen und wieder mehr Spaß am Essenmachen und am Essen selbst haben. Es ist egal, ob ich nun als Beraterin Produzenten und Gastronomen zum Erfolg führe oder ob es meine eigenen Projekte sind, wie der Dinner Club Speisenklub Neukölln, oder mein Fermentations-Projekt, die KrautBraut. Da zeige ich in Workshops interessierten Food-Profis und Amateuren die fast vergessene Kunst der Gemüse-Fermentation. All diese Projekte sind zwar sehr vielfältig und unterschiedlich, aber schlussendlich geht es immer um eins, dass die Menschen wieder besser essen und wieder mehr Spaß am Essen haben.

Welches Ihrer Projekte würden Sie allen Nicht-Berlinern ans Herz legen, wenn sie einen Besuch in der Hauptstadt planen?

Cathrin Brandes: Man sollte definitiv versuchen, einen Termin im Speisenklub Neukölln zu ergattern. Das ist allerdings nicht ganz so einfach, denn er findet meist nur einmal im Monat statt. Der Speisenklub Neukölln verbindet Kunst und Kulinarik. Zusammen mit dem Künstler Thomas Greb biete ich einmalige Abende in ausgefallenen Locations. Er dekoriert Tische und Raum, ich koche ein Dinner.

Zum Beispiel habe ich einmal ein veganes Dinner auf komplett mit Moos ausgelegten Tischen serviert. Wenn man gerne Lebensmittel selber produziert, wie Likör, oder Senf oder Sirup kann man zur foodXchange in die Markthalle Neun kommen, um dort andere selbst gemachte Lebensmittel zu tauschen. Diese Tauschbörse für Selbstgemachtes ist mein derzeitiges Lieblingsprojekt, weil sie ohne Geld funktioniert und etwas Anarchistisches hat.

Was für eine kulinarische Entdeckung haben Sie erst kürzlich gemacht?

Cathrin Brandes: Ich war in einem coolen Pop-Up-Restaurant namens Barkin' Kitchen, bei dem ich auch unterstützend tätig war. Dort geht es besonders um das Thema Drink & Food Pairing, das heißt das Menu wird von besonders abgestimmten Weinen und Cocktails begleitet.

Welcher Stadtteil ist Ihrer Meinung nach in Sachen Food zurzeit am spannendsten?

Cathrin Brandes: Natürlich ist Neukölln noch sehr angesagt, aber leider ist es auch so, dass genau dadurch auch ganz viele schreckliche Restaurants entstehen. Echte Touristenfallen, wo ganz fürchterliche Burger gereicht werden - da muss man im Moment sehr aufpassen. Das Interessanteste passiert eigentlich gerade in Kreuzberg, um die Markthalle IX herum. Auch in Moabit, rund um die Arminiusmarkthalle, entstehen aktuell ein paar Highlights und immer mehr Stände, die nachhaltigere Lebensmittel anbieten. Es ist schon lange nicht mehr nur Neukölln, denn hier steigen die Mieten für viele Startups viel zu schnell.

Und auf welchem Markt kaufen Sie gerne ein?

Cathrin Brandes: Auf Berliner Plätzen gibt es wirklich schöne Märkte. Der Winterfeldmarkt ist sehr traditionsreich, oder der Markt am Kollwitzplatz. Neu ist aber vor allem die Wiederbelebung der Markthallen. Diese wurden lange Zeit vernachlässigt und vergessen. Die Markthalle IX wurde vor drei Jahren mit einem neuen Konzept quasi neu gegründet. Die drei Inhaber haben dort tolle Ideen umgesetzt, wie einen Bauernmarkt mit Produkten aus der Region, den Street Food Thursday oder gerade erst diesen riesengroße Käsemarkt: Cheese Berlin. Am besten war dort dieses Jahr das wunderbare Stadt Land Food Festival, bei dem auch die KrautBraut fermentiert hat. Auch in der Arminiushalle in Moabit tut sich einiges.

Welche drei Dinge sollten beim Picknicken in Berlin nicht fehlen?

Cathrin Brandes: Ein gutes Brot sollte dabei sein. Am besten eines von der italienischen Bäckerei Sironi aus der Markthalle Neun oder von Soluna, einer Bäckerei mit einem echten Lehmofen. Wichtig wäre auch, dass ein Stück Käse aus der Region dabei ist, wie zum Beispiel vom Milchschafhof Pimpinelle oder Ziegenkäse vom Capriolenhof. Dann sollte noch ein oder zwei Pies mit in den Korb, am besten einen von den Pie-Produzenten vom Street Food Thursday. Und eine gute Wurst von der Blutwurst-Manufaktur, die haben erstklassige Blut- und Leberwürste. Natürlich dürfen Äpfel und Birnen aus Brandenburg auch nicht fehlen. Wenn ich wenig Zeit hätte, würde ich schnell bei einem meiner Berliner Lieblingsläden "Vom Einfachen das Gute" vorbeifahren und mir die beste Auswahl von Wurst, Käse, Brot und Wein einpacken lassen.

Und an Getränken?

Cathrin Brandes: Ich persönlich trinke super gern die Schorlen von Proviant und oder ein Craft Beer vom Heidenpeter. Aber in meinen eigenen Picknickkorb würde auch auf jeden Fall eine von mir fermentierte Limonade kommen. Ich mache selbst aus Wasserkefir Limonade, die mit Himbeergeschmack ist die absolut beste.

Wo essen Sie am liebsten Ihre Currywurst?

Cathrin Brandes: Tatsächlich ist das Thema Currywurst eigentlich kulinarisch durch. Nur noch Touristen essen in Berlin Currywurst, würde ich sagen. Wenn man aber gerne etwas Schnelles auf die Hand isst, sollte man auf einen der neuen Street Food Markets gehen. Ob das jetzt der Bite Club Berlin, der Street Food Thursday oder die Neue Heimat ist, da bekommt man so viele internationale Spezialitäten wie indische Sandwiches oder japanische Puffer. Mein Liebling ist momentan das französische Cidre-Steak von Comptoir du Cidre oder die Sandwiches von Kinski, das esse ich momentan viel lieber als Currywurst.

"Currywurst essen doch nur Touristen"

Cathrin Brandes bloggt über Food, hat den Speisenklub Neukölln und FoodXchange in Berlin ins Leben gerufen und ein Kochbuch geschrieben. Die Mission all ihrer Projekte bringt sie in einem Satz auf den Punkt: "Im Grunde mache ich alles dafür, dass die Menschen wieder besser essen und wieder mehr Spaß am Essenmachen und am Essen selbst haben."

Welche Food Trends sehen Sie in Berlin?

Cathrin Brandes: Ich denke, dass das Kreative vor allem von der Straße kommt. Man sagt nicht umsonst: Food ist die neue Kreativwirtschaft. Die Leute stürzen sich drauf, eröffnen Cafés und trauen sich auf einmal, Burger zu machen - aus Wild oder auch Veggie-Burger. Da passiert ganz viel und das wird sicher noch ein paar Jahre so weitergehen. Es sind zwei eindeutige Trends zu sehen. Zum einen das bewusste Essen aus den umliegenden Regionen und aus Deutschland, das wird sich weiter durchsetzen. Zum anderen wird sich aber auch eben das Internationale, was durch viele Zuwanderer mitgebracht worden ist, weiter etablieren. Wenn man durch die Neuköllner Straßen geht, hört man eigentlich nur noch englisch, französisch, israelisch und spanisch - und diese Küchen kommen ja mit den Menschen mit und so wird Berlin zu einem ganz tollen, neuen Melting-Pot.

Die aktuelle Berliner Food Szene habe ich übrigens auch in meinem neuen Buch "Die Stadt kocht" aus dem Le Schicken Verlag vom Food-Fotografen Florian Bolk porträtiert. Dort findet man Rezepte von Sterne Köchen und Street Food Produzenten, Empfehlungen von Berliner Weinhändlern und coole Cocktail Bars.

Und was steht bei Ihnen heute Abend auf dem Herd?

Cathrin Brandes: Heute steht gar nichts auf dem Herd, weil ich südamerikanisch essen gehe in die Cevicheria in Kreuzberg. In Peru macht man eine eigene Art von Sushi aus rohem Fisch, der mit Limettensaft mariniert und mit weiteren südamerikanischen Zutaten gereicht wird. Die südamerikanische Küche ist eine der neusten Trends in Berlin.

 

Zur Person

Cathrin Brandes wurde 1969 in Konstanz am Bodensee geboren und zog 1970 mit ihren Eltern nach Spanien. Sie wuchs in Madrid auf und hat Jura studiert und als Anwältin gearbeitet. 2002 brachte sie ihre erste Feinkostlinie in Berlin auf den Markt. 2010 startete sie ihren Food Blog "Berlin Tidbits - Häppchen aus Berlin und anderswo" – und machte schließlich aus ihrer Leidenschaft zum guten Essen einen neuen Beruf. Wie der genau heißt, weiß sie auch nicht so genau. Auf jeden Fall ist sie kein Foodie. Diesen englischen Kunstbegriff mag sie nicht, der ist zu verniedlichend. Sie ist auch mehr als ein Gourmet oder ein Genießer, sagt Sie über sich selbst: "Ich bin ein Lebensmittelaktivist. Ich habe mir selber eine Art kulinarische Welt geschaffen, zu der ich die Leute einlade und das hat doch etwas Aktivistisches. Es geht mir immer darum, gute Lebensmittel an den Mann und die Frau zu bringen."

Mehr im Netz

Der Food Blog von Cathrin Brandes mit Rezepten, Restaurant-Tipps und den Goldenen Regeln zur erfolgreichen eigenen Limonandenproduktion

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